Nach myTaxi und taxi.de:
Auch BetterTaxi will
den Taxi-Markt aufmischen

Kaum ein Markt in Deutschland ist derzeit so in Bewegung wie die Taxi-Branche. Verantwortlich sind Startups, welche sich die Optimierung eingerosteter Prozesse auf die Fahne geschrieben haben. BetterTaxi heißt der neuste Akteur im Segment.

Deutsche Startups haben eine neue Lieblingsdomäne: Taxibestell-Apps. Nach dem Erfolg von Pionier myTaxi, das gerade den US-Markt betritt, versucht sich seit einigen Monaten das wie myTaxi aus Hamburg stammende Jungunternehmen taxi.de in diesem Segment, und nun folgt mit BetterTaxi aus Berlin bereits der nächste Anbieter. Für Nutzer präsentieren sich alle Anwendungen ähnlich: Sie können bequem über mobile Applikationen ein Taxi bestellen, per GPS wird ihre Position ermittelt, ein Fahrpreisrechner gibt im Vorfeld Auskunft über die zu erwartenden Kosten und nach der Bestellung lässt sich die Anfahrt des Taxis auf einer Karte verfolgen. Die wesentlichen Unterschiede liegen im Prozess, der im Hintergrund abläuft: Während myTaxi auf die Hilfe der Taxizentralen verzichtet und Buchungen direkt an Taxis in der Nähe vermittelt, leitet taxi.de Bestellungen an selbstständige Fahrer, Taxiunternehmen sowie Zentralen weiter, welche daraufhin einen ihrer Fahrer mit der Abholung des Fahrgasts beauftragen. Ich hatte mich jüngst kritisch zu diesem Ansatz geäußert, weil er die Illusion aufrecht hält, dass die klassischen Zentralen als Mittler für alle Zeit unentbehrlich wären. Was zumindest nicht bewiesen ist.

Auch BetterTaxi setzt auf die Vermittlung durch die Zentralen und ähnelt aus der Userperspektive den Wettbewerbern, weshalb wir eigentlich gar keinen ausführlichen Beitrag über die Hauptstädter veröffentlichen wollten. Doch Co-Founder Timo Euteneuer gelang es schließlich doch, uns umzustimmen. Denn während BetterTaxi auf den ersten Blick wenig Neues zu bieten hat, versucht die von Euteneuer sowie seinen vier Mitstreitern Niels Beisinghoff, Marius Schatke, Fredrik Forstbach und Daniel Schäfer gegründete Firma, sich in einigen entscheidenden Punkten vom Wettbewerb abzuheben.

BetterTaxi startet in Berlin

Vorab sei erwähnt: BetterTaxi kann derzeit lediglich in Berlin zur direkten Taxi-Bestellung über kostenfreie Apps für iPhone und Android genutzt werden. In allen anderen deutschen Städten und Regionen zeigt die App dagegen die Telefonnummern der lokalen Zentralen an. In der Hauptstadt kann das Startup dagegen direkt zum Debüt auf rund 1000 Taxis zugreifen. Möglich wird dies nach Aussage von Marketing- und PR-Chef Euteneuer, da BetterTaxi als einzige branchenunabhängige Taxi-App Zugriff auf sämtliche Schnittstellen der großen Zentralenausrüster habe. Das erlaube eine relativ einfache Anbindung aller Zentralen in Deutschland und teilweise auch im europäischen Ausland. “Wir haben so potentiell Zugriff auf die Taxis, welche an die brancheninternen Konkurrenten taxi.eu und Taxi Deutschland angebunden sind”, so Euteneuer. Er betonte, dass der Zugriff auf die APIs aufgrund der so größtmöglichen Automatisierung der Übermittlung von Buchungen ein großes Plus und gerade zum Start überlebenswichtig sei.

Vermittlungsgebühr vs Monetarisierung durch Zusatzdienste

Eine Rückfrage bei Konkurrent taxi.de ergab, dass man auch dort Zugriff auf zahlreiche Schnittstellen habe, aber sich nicht allein auf die reine automatische Übergabe der Buchungsdetails beschränken sondern mit eigenen Produkten wie etwa einem Flottenmanagementsystem die gesamte Wertschöpfungskette abdecken wolle. ”Dass in einer digitalen Welt die Vermittlungsgebühr über kurz oder lang wegfällt, dürfte klar sein”, so taxi.de-Geschäftsführer Alex von Brandenstein. Während taxi.de für die Vermittlung von Fahrten keine Gebühren berechnet und stattdessen mit Zusatzdienstleistungen Umsätze erwirtschaften möchte, erhält BetterTaxi von den Zentralen pro erfolgreich durchgeführter Fahrt eine Provision.

Auf die Frage, wieso diese dann mit BetterTaxi kooperieren sollten, wenn bei der Konkurrenz die Vermittlung kostenfrei erfolge, unterstrich BetterTaxi-Sprecher Euteneuer, dass eine Zentrale durchaus mit mehreren Apps parallel zusammenarbeiten können. Zudem richte sich das Angebot von taxi.de eben auch direkt an die Kunden der Zentralen, nämlich die Taxiunternehmer und selbstständigen Fahrer, wodurch langfristig die Geschäftsgrundlage der Zentralen angegriffen würde.

Damit müsste ich meine damalige Kritik an taxi.de nun noch stärker an BetterTaxi richten, das die Zentralen als Herzstück des Buchungsprozesses beibehält. Den Zentralen wird dies natürlich gefallen. Doch dieser Ansatz hat eben das Manko, dass es die durch eine Direktvermittlung im Peer-to-Peer-Verfahren möglichen Kostensenkungen nicht ausnutzt. Wenn mehr Akteure an einer Taxi-Bestellung beteiligt sind und die Hand aufhalten, muss im Endeffekt irgendjemand dafür zahlen – Taxifahrer mit niedrigeren Verdiensten oder Fahrgäste durch unnötig hohe Fahrtkosten. Dabei ist die digitale Disruption eigentlich dadurch gekennzeichnet, dass Industrien verschlankt und nicht aufgebläht werden.

Aber um fair zu bleiben: Selbstverständlich hat der Rückgriff auf Zentralen auch Vorzüge. Denn besonders wenn myTaxi, das die Peer-to-Peer-Vermittlung praktiziert, in einer neuen Stadt lanciert wird, ist die Zahl der angeschlossenen Fahrer zu Beginn schlicht zu gering, um jederzeit an jedem Ort eine schnelle Abholung zu garantieren. Startups, die hier auf die Hilfe der etablierten Akteure und damit auf deren weitreichendes Netzwerk an Fahrern setzen, befinden sich in diesem Punkt im Vorteil. Genau genommen ist myTaxi eigentlich auch eine Zentrale – wenn auch eine, die vollständig auf Algorithmen basiert.

Taxi-Sharing-Funktion kommt

Abgesehen von der engen Zusammenarbeit mit den Zentralen hebt BetterTaxi primär marketingträchtige Details wie den Einsatz von OpenStreetMap-Karten sowie eine CO2-Kompensation für durchgeführte Fahrten als Differenzierungsmerkmale hervor. In Planung befindet sich außerdem eine Taxi-Sharing-Funktion. Wenn mehrere Personen zur gleichen Zeit in eine ähnliche Richtung fahren wollen, will BetterTaxi diese zu einer Fahrgemeinschaft verbinden, wodurch sich für alle Beteiligten die Kosten senken lassen. Ein Ansatz, den colexio bereits in München praktiziert.

Finanziert wurde die Entwicklung von BetterTaxi bisher aus eigenen Mitteln der Gründer sowie zwei Stipendien.

Der deutsche Taxi-Markt ist in Bewegung wie nie. Spricht man mit den jeweiligen Akteuren, wird schnell klar, dass bisher kein Konsens darüber herrscht, wie in Zukunft der optimale Buchungsprozess aussieht, bei dem die Fahrgäste maximale Qualität zu angemessenen Preisen erhalten, die Fahrer fair entlohnt werden und die an der Vermittlung beteiligten Unternehmen funktionierende Geschäftsmodelle vorweisen können. Vertrauen wir darauf, dass der Markt eine kluge Entscheidung trifft.

Link: BetterTaxi

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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  1. [...] BetterTaxi will den Taximarkt aufmischen: Das Berliner Startup will ganz ähnlich wie myTaxi via Smartphone-App Taxifahrten vermitteln – setzt dabei aber auf die Kooperation mit Taxizentralen und greift auf deren Schnittstellen zu. Weitere Besonderheiten sind der Einsatz von OpenStreetMap-Karten, eine CO2-Kompensation für durchgeführte Fahrten sowie eine noch in Planung befndliche Taxi-Sharing-Funktion ähnlich der von Colexio in München. netzwertig.com [...]

  2. [...] BetterTaxi will den Taximarkt aufmischen: Das Berliner Startup will ganz ähnlich wie myTaxi via Smartphone-App Taxifahrten vermitteln – setzt dabei aber auf die Kooperation mit Taxizentralen und greift auf deren Schnittstellen zu. Weitere Besonderheiten sind der Einsatz von OpenStreetMap-Karten, eine CO2-Kompensation für durchgeführte Fahrten sowie eine noch in Planung befndliche Taxi-Sharing-Funktion ähnlich der von Colexio in München. netzwertig.com [...]

 
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