Personalisiertes Magazin The Taploid:
Klatsch und Tratsch über
die eigenen Facebook-Freunde

Das US-Startup The Taploid hat ein personalisiertes Magazin entwickelt, das humoristische Beiträge mit Klatsch und Tratsch über die eigenen Facebook-Freunde publiziert. Dafür analysiert es Profilinformationen und Verhaltensmuster.

Facebooks eine Milliarde Nutzer hinterlassen enorme Mengen an Daten bei dem sozialen Netzwerk. Nicht nur solche, die sie explizit als Informationen über sich in ihrem Profil veröffentlichen, sondern auch Angaben, die sich aus ihren Aktivitäten auf der Plattform ergeben und Aussagen über Präferenzen, Interessen, Nutzungsmuster und die Stärke ihrer Bindung zu einzelnen Kontakten machen. Charakteristisch für viele der heutigen, datenintensiven Onlineservices ist, dass nur ein Bruchteil der vorhandenen Informationen über Anwendern tatsächlich ausgewertet und nutzbar gemacht wird. In der Regel geschieht dies hinter den Kulissen zum Zwecke einer optimierten Werbevermarktung. Doch auch für User lassen sich interessante Einsichten präsentieren, die erst ans Tageslicht kommen, wenn einzelne Datenarten analysiert, aggregiert und miteinander in Verbindung gesetzt werden. Beispiele sind statistische Auswertungen des persönlichen Facebook-Profils oder der internationalen Kontaktnetzwerke von Menschen in spezifischen Ländern.

Ein junges Startup aus San Francisco versucht sich nun an einer ganz eigenen Art, persönliche Daten und sich aus diesen ergebene Zusammenhänge für Anwender aufzubreiten: The Taploid nennt sich der Dienst, eine Art persönliches Boulevardmagazin mit Klatsch und Tratsch über die eigenen Facebook-Kontakte. Nachdem ich eine Woche auf eine Einladung zu dem Angebot gewartet habe, konnte ich es am Wochenende endlich ausprobieren.

Gossip und Mini-Umfragen

The Taploid analysiert nach dem Anmelden mit den Facebook-Benutzerdaten und der Freigabe des Profils wesentliche Profilangaben sowie Aktivitäten der Kontakte und generiert daraus eine Reihe von kurzen Artikeln und harmlosen “Skandalstories”, die in Form eines wöchentlichen Browser-Magazins serviert werden. Schritt für Schritt klickt man sich durch die einzelnen Geschichten, die in meiner ersten Ausgaben etwa Personen aus meinem Netzwerk vorstellten, die ein Faible für Schimpfwörter und Flüche haben, die Frage aufwarfen, ob ein sehr populäres Bild eines Kontakts tatsächlich so spektakulär sei, und zu einer vielreisenden Bekannten vorschlug, sie solle doch ein eigenes Reisebüro eröffnen. Die meisten Stories enden mit einer kleinen Umfrage, deren Ergebnisse erst sichtbar werden, sofern mehrere Personen diese beanwortet haben.

Auch wenn die meisten Beiträge primär der Unterhaltung dienen und in puncto Originalität variieren, liefern sie zwischen den Zeilen gelegentlich wissenswerte Einblicke in das eigene Netzwerk und die Persönlichkeiten, die sich darin befinden. Entscheidend dafür, ob man als Nutzer Spaß beim “Blättern” in The Taploid empfindet, dürfte die Qualität der Facebook-Kontakte sein: Wer nur enge Freunde und nahe Bekannte als Facebook-Kontakte akzeptiert hat, wird eine größere emotionale Nähe zu den Stories aufweisen als Kontaktesammler, die noch nie eine Freundesanfrage abgelehnt haben.

Besonders interessant ist bei The Taploid die Umsetzung als wöchentliches Magazin, das nur eine begrenzte Zahl an Stories publiziert. Noch bevor erste Ermüdungserscheinungen eintreten, hat man das Ende der Ausgabe erreicht – und freut sich schon auf die nächste Edition, auf die man per E-Mail hingewiesen wird. Nur ein Weg führt an der Limitierung auf ein knappes Dutzend an Gossip-Beiträgen vorbei: Wer erfolgreich Facebook-Freunde zu The Taploid einlädt, erhält Zugang zur Premium-Ausgabe mit noch mehr Inhalten.

Viralität ist im Konzept eingebaut

Doch auch ohne künstliches Nachhelfen muss sich The Taploid keine Sorge über seine Viralität machen: Mehrmals verspürte ich beim Überfliegen meiner Ausgabe vom 12. Oktober das Bedürfnis, Beiträge den darin jeweils thematisierten Personen zu zeigen. Jede Story kann bei Facebook, Twitter oder Google+ empfohlen werden, oder man erstellt einfach einen Screenshot. Das Verlangen, besonders kurzweilige oder einfallsreiche Geschichten mit anderen Personen zu teilen, wird die Bekanntheit von The Taploid schnell steigern. Viralität ist quasi direkt in das Konzept eingebaut.

Werden sich Anwender daran stören, wie The Taploid ihr Verhalten unter die Lupe nimmt und Muster sowie offensichtliche Charaktereigenschaften hervorhebt? Auszuschließen ist dies nicht. Es ist Teil der Magie von Daten, dass bei einem gleichzeitigen Blick auf zahlreiche Datenpunkte Sachverhalte und Fakten deutlich werden, die bei einer gesonderten Betrachtung nicht auffallen. Alle Informationen, die sich über The Taploid beziehen lassen, sind für einen theoretisch über die Profile der Kontakte sichtbar – wenn man sich sehr genau mit diesen befassen würde. Das macht natürlich außer Stalkern niemand, was jedoch nicht bedeutet, dass eine maschinelle Aggregation und kontextuelle Interpretation der Datenpunkte deshalb unangebracht wäre.

The Taploid erinnert uns daran, dass jeder “Like”, jeder Kommentar und jede andere, für einen bestimmten Personenkreis sichtbare oder komplett öffentliche Aktion zu einem Gesamtbild beiträgt, das zwar für Betrachter aus Fleisch und Blut ohne Hilfsmittel nicht unbedingt erkenntlich wird, aber durch eine algorithmische Analyse und leicht bekömmliche Aufbereitung problemlos zu Tage gefördert werden kann.

Wer The Taploid ausprobieren möchte, kann sich auf der Website für einen Einladung zur Beta-Version anmelden.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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