Sammelbecken für Twitter-Kritiker App.net:
Die derzeit spannendste
Bewegung im Netz

800.000 Dollar hat der neue, Nutzer- und Entwicklerinteressen in den Vordergrund stellende Twitter-Konkurrent App.net per Crowdfunding eingesammelt – und zeigt sich kreativ dabei, wie dieses Geld zum Aufbau von Reichweite und Bekanntheit eingesetzt werden soll.

Eine der spannendsten Fragen der kommenden Monate wird sein, ob es der neu geschaffenen Twitter-Alternative App.net gelingen wird, sich fest im Bewusstsein einer hinreichend großen Nutzerschaft zu verankern. “Hinreichend groß” bedeutet in diesem Fall, die Grundlage für späteres Wachstum über eine sehr bewusste, technisch versierte Zielgruppe hinaus zu schaffen – und damit nicht das Schicksal von identi.ca zu erleiden, an dessen großen Durchbruch nach vielen Jahren der Existenz in einer sehr engen Nische einfach nicht mehr zu glauben ist.

Zur Erinnerung: Der vom Seriengründer Dalton Caldwell lancierte Microbloggingdienst sammelt im August im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne 803.000 Dollar von 12.315 Unterstützern ein. Anders als Twitter will App.net für immer auf eine Monetarisierung durch Anzeigen verzichten, wodurch eine derzeit bei Twitter zu beobachtende Anpassung des Angebots an die Bedürfnisse von Werbekunden vermieden werden soll. Zum jetzigen Zeitpunkt ist App.net daher vor allem eines: Ein Sammelbecken für all diejenigen, die frühzeitig zu loyalen Twitter-Nutzern wurden, die ihre Sympathien für den heute stark auf den Mainstream abzielenden Zwitscherdienst aber verloren haben.

Jeder der über 12.000 frühen Unterstützer von App.net erhielt Zugang zu dem in seiner jetzigen Alpha-Phase grundsätzlich kostenpflichtigen Dienst. Jüngst wurde der Jahrespreis von 50 auf 36 Dollar gesenkt, bei monatlicher Zahlung werden fünf Dollar fällig. Dafür erhalten User ein Profil bei App.net, das in seiner Funktionsweise an eine sehr frühe, spärliche Fassung von Twitter erinnert. Rund 20.000 Menschen sind mittlerweile registriert.

Offene Infrastruktur statt Walled Garden

Herzstück von App.net ist die Entwicklerschnittstelle, auf deren Basis Programmierer ermuntert werden, Clients und andere Online- und Mobile-Tools zu bauen. Twitter verfolgte in seinen frühen Jahren eine ähnliche Strategie, bis es erkannte, dass der eingeschlagene Pfad eines durch Werbung monetarisierten Angebots eine Kontrolle über die User Experience erfordert, die – nach Ansicht der Twitter-Macher – mit der Philosophie einer offenen Plattform kollidiert. Seitdem schränkt das Unternehmen aus San Francisco die Nutzungsbedingungen seiner API immer weiter ein und toleriert keine externen Apps mehr, welche als konkurrierende Twitter-Clients auftreten.

App.net-Chef Caldwell verfolgt die Vision, für alle Zeit eine Abhängigkeit von Werbekunden zu vermeiden und so den Service allein an den Bedürfnissen von Nutzern und Programmierern ausrichten zu können. Entscheidend beim Vergleich von Twitter und App.net ist das in diesem Beitrag von Sebastian Küpers gut beschriebene Selbstverständnis von App.net als Infrastrukturanbieter für die Technologie, die hinter Twitter steckt. Alles, was Anwender derzeit beim Besuch von alpha.app.net sehen, ist damit lediglich eine (eher trockene) Demonstration der Grundfunktionalität.

Je mehr Developer und Webangebote eigene Applikationen auf Basis von App.net entwickeln oder die Technologie in ihre existierenden Dienste integrieren, desto attraktiver wird App.net für seine Nutzer. Speziell bei Einsatzszenarien, die von Twitter heutzutage untersagt werden – wie etwa, Inhalte aus Statusmeldungen an andere Services zu übermitteln. Genau diese Funktion musste der bei Early Adoptern populäre Automatisierungsanbieter ifttt auf Drängen von Twitter entfernen.

App.net belohnt beliebte Apps mit Prämie

Doch wie bekommt man Programmierer dazu, Anwendungen für eine API zu basteln, bei der die Aussicht auf einen Benutzeransturm eher gering ist? Indem man ihnen einen finanziellen Anreiz gibt. Mindestens 20.000 Dollar schüttet Caldwell ab sofort jeden Monat an Entwickler populärer App.net-Apps aus. Gemessen wird das Feedback über eine Nutzerumfrage. Während die mittel- und langfristige Wirkung dieses ungewöhnlichen Schritts sich erst noch zeigen muss, kann man dem gebürtigen Texaner auf jeden Fall nicht Mangel an Kreativität vorwerfen. Zumindest auf dem Papier klingt eine Incentivierung von Entwicklern zur Schaffung von bei der Community beliebten Anwendungen sehr klug. Je mehr sich Developer ins Zeug legen, desto größer ist ihre Chance, von der Ausschüttung zu profitieren. Mit Netbot von Tapbot, den Machern von Tweetbot, einem der wenigen verbliebenen, von Intensivanwendern äußerst geschätzten Twitter-Clients, existiert auch bereits ein erster, viel gelobter Anwärter auf einen Teil der Prämie. iOS-Nutzer, die sich nach dem Erwerb eines App.net-Kontos vorerst mit einer Gratis-App begnügen wollen, können beispielsweise Rhino ausprobieren. Unter Android-Anwendern hat etwa die kostenfreie App Hooha gute Bewertungen erhalten. Eine Übersicht sämtlicher App.net-Anwendungen gibt es hier.

Es geht also voran bei App.net. Doch an der Grundproblematik ändert dies nichts: Der Nutzen eines sozialen Netzwerks definiert sich durch die Zahl seiner Teilnehmer. Und da lässt sich Twitter vorläufig nicht die Wurst vom Brot nehmen. Immerhin: Multiplikatoren wie Autor und Blogger Sascha Lobo sowie Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau sind bereits dabei.

Nutzer-werben-Nutzer-System in Planung

Das Arsenal an Maßnahmen, um den Nutzerkreis von App.net zu erweitern, ist jedenfalls noch lange nicht ausgeschöpft. Auf eine Anfrage per Twitter (ironisch, ja) bestätigte uns App.net, über die Einführung eines Empfehlungssystems nach dem Vorbild von Dropbopx nachzudenken. Der bekannte Speicherdienst stellt für jedes geworbene Mitglieder 250 Megabyte kostenfreien Cloudstorage bereit – ein Ansatz, der als einer der entscheidenden Faktoren für den Erfolg von Dropbox gilt. Übertragen auf App.net wären etwa Gratismonate für geworbene Neumitglieder vorstellbar.

App.net ist ein in dieser Form einzigartiges Experiment mit völlig offenem Ausgang. Genau deshalb ist es so interessant, der Entwicklung zu folgen. Auch wenn niemand ausschließen kann, dass sie so enden wird wie diaspora.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Jaja, Apple ist das neue Microsoft.

    Jetzt mal ehrlich: warum sollte app.net besser sein als twitter? Nur weil es Fremdzugriffe nicht verbietet?

    Für mich wäre vorwärtsgewandt: Offenes Protokoll, Distributed.

    Alleine, dass die Leute, die sich jetzt bei app.net anmelden in den nächsten zwei Jahren die Skalierungsschmerzen von twitter erleiden, weil alle auf einem Dienst rumturnen. Ne, danke.

  2. Twitter’s Geschäftsmodell gilt ja nicht wirklich als sehr lukrativ. Ich frage mich wie man auf die Idee kommt einen Wettbewerber zu twitter zu bauen….

 
vgwort