hackPR:
Online-Treffpunkt für
Journalisten und Startups

hackPR heißt ein kurz vor dem Launch stehender US-Dienst, der Reporter und ihre Fragen mit Startups und ihrem Wissen zusammenbringen möchte. Im Idealfall kann sich dadurch die Qualität der Berichterstattung über Onlinethemen erhöhen.

Nach über fünf Jahren im Tech-Blogging-Geschäft weiß ich, dass das Verhältnis zwischen Startups und Presse viel Raum für Optimierungen enthält. Oft beobachte ich, wie die Macher von neuen Web- oder Mobile-Diensten  augenscheinlich ihre Mediensichtbarkeit dem Zufall überlassen, anstatt sie am Ziel eines maximalen Effekts bei natürlich minimalem Aufwand auszurichten. Ein Zeitinvestment von wenigen Stunden kann ausreichen, um aus einer oberflächlichen Erwähnung bei einem einzigen Fachmagazin am späten Freitagnachmittag ein beachtliches Presseecho zu aufmerksamkeitsstarken Zeitpunkten am Dienstag oder Mittwoch zu machen.

Die Dynamik und Veränderlichkeit des Marktes hat außerdem zur Folge, dass selbst die erfahrensten Kenner der Branche nie den vollständigen Überblick über Akteure in einem bestimmten Segment haben. Nicht selten fehlen daher Artikeln über frische Onlinedienste oder Apps Hinweise zu vergleichbaren Angeboten. Dabei würde dies, eventuell sogar kombiniert mit Stellungnahmen der Konkurrenten, ein journalistisch sehr viel ausgeglicheneres Bild abgeben. Doch Zeitdruck, fehlende Kenntnis und die mangelnde Transparenz des Marktes machen dies häufig schwer – der allwissende Redakteur, der jedes Startup und jede App der letzten 15 Jahre aus allen wichtigen Ländern kennt und zu allen Kontakte pflegt, existiert bisher nicht.

Die aus den USA stammende Frühphasen-Beteiligungsgesellschaft First Round Capital (FRC) plant nun ein sehr spannendes Projekt, um diese Missstände aus der Welt zu räumen: hackPR soll ab Dezember als Onlinemarktplatz debütieren, der Reporter und Startups zwecks Informationstransfer miteinander in Kontakt bringt. Das Portal wird allen Jungfirmen offen stehen, nicht nur den von FRC geförderten.

Ab sofort können sich Journalisten und Blogger, die regelmäßig über neue Internetfirmen schreiben, sowie Startups in die Warteliste eintragen. Berichterstatter sollen bei hackPR beliebige Fragen stellen können, mit denen sich frisch gegründete Web- und Mobile-Unternehmen in ihrem Entstehungs- und Reifungsprozess auseinandersetzen – und direkt Antworten von den betroffen Startups erhalten. Beispiele für Fragen wären etwa, wie man die besten Entwickler rekrutiert, welche Herausforderungen bei der Skalierung von Cloudanwendungen zu beachten sind oder welche Aspekte der Internationalisierung Startups besonders Kopfschmerzen bereiten – oder einfach, welche Anbieter sich der Lösung von Problem XY befassen. Reporter erhalten gleichzeitig Kontrollmöglichkeiten, um sich vor Spam zu schützen und nur relevante Antworten in ihrem Postfach vorzufinden. Angeschlossenen Startups verspricht hackPR, eine tägliche E-Mail mit allen Reporter-Anfragen zuzusenden, auf die sie dann auf Wunsch reagieren können.

Lange hat mich eine Idee (auf dem Papier) nicht mehr so begeistert wie diese. Die Vorzüge für die beteiligten Parteien sind offensichtlich: Journalisten und Blogger erhalten O-Töne und praktische Erfahrungsberichte von den von einem bestimmten Sacherhalt betroffenen Gründern und Startups, was sich bei intelligentem Vorgehen positiv auf die Qualität und Fundiertheit ihrer Beiträge auswirkt – wovon die Leser profitieren. Startups wiederum bringen sich ins Gespräch, ohne zu viel ihrer wertvollen Zeit für die Pressearbeit aufwenden zu müssen. Vorausgesetzt, dass nicht immer die gleichen vier Startups auf die Journalisten-Anfragen Antworten geben, kann hackPR beiden Seiten bei der Allokation von Informationsbedarf und -angebot behilflich sein – und parallel positiven Einfluss auf die Qualität der Berichterstattung in der Tech-Presse nehmen. Nützlich wäre hackPR sicherlich auch für Autoren der Mainstreampresse, die Tag für Tag über neue Sicherheitslöcher und Datenschutzskandäle bei den führenden Onlineanbietern berichten müssen, und dabei nicht immer den Eindruck hinterlassen, den vollen Durchblick zu haben.

Unter genauer Beobachtung wird hackPR bei PR-Experten und Kommunikationsagenturen stehen. Immerhin drängt FRC mit dem Projekt in ihr Territorium vor. Im schlimmsten Fall werden Startups sich die Honorare für externe PR-Arbeit sparen und sich ausschließlich auf die richtigen Kontakte via hackPR verlassen. Dazu müsste die Onlineplattform aber wirklich einwandfrei funktionieren und gleichzeitig keine hohen Kosten für eine Beteiligung verursachen – zur Preisstruktur ist derzeit nichts bekannt. Wahrscheinlicher ist, dass die von Startups angeheuerten PR-Profis selbst viele der über hackPR eintreffenden Anfragen beantworten – in Abstimmung mit dem jeweiligen Startup-Team. Solange dies nicht dem Inhalt der Antworten schadet, dürften Journalisten damit wenig Probleme haben.

Bisher ist unklar, wie stark hackPR seinen Fokus auf den US-Markt legen wird und ob eine Internationalisierung des Konzepts vorgesehen – und überhaupt notwendig – ist. Auch hierzulande könnte ich mir den experimentellen Einsatz einer derartigen Lösung sehr gut vorstellen. Ich warte mit Spannung auf den hackPR-Launch im Dezember.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Spannendes Projekt, vielen Dank für den Hinweis! TC hat im Artikel ja die Plattform HARO erwähnt, die das seit einigen Jahren wohl schon (themenunspezifisch) anbietet. Allerdings hatte ich damals den Eindruck, dass solche Tools nur auf dem angloamerikanischen Markt genutzt werden und in Deutschland völlig unbekannt sind. Dementsprechend hab ich damals auf die Nutzung verzichtet. Bin mal so frei und stelle hier den Link hin, denn in dem Mag gibt’s zu dem Themenkreis auch noch ein paar Updates: http://blog.journalistics…-rhyme-focus-vision/
    Dass PR-Profis damit Boden verlieren würde ich jetzt nicht vermuten, denn auch das ist ja nur ein Kanal unter vielen, der dann auch bedient werden muss. Sollte eher in den Instrumente-Kasten von Online-PRlern aufgenommen werden.
    Bin allerdings gespannt, wie der spezielle Anbieter den Zugang regulieren wird, trotz der versprochenen Neutralität. Auf jeden Fall gebookmarked :-)

  2. Ein spannendes Projekt, wie der Vorredner schon sagte, und ein an sich spannendes Thema.
    Was mir häufig bei der Kommunikation von Startups auffällt ist, dass diese oft ihren Fokus auf die Tech-Presse legen. Dies ist sicherlich am Anfang richtig aber spätestens wenn es um den Aufbau von Reichweite und Nutzern geht, sollten doch eher Mainstream-Medien angesprochen werden. Hier sehe ich eine ganz starken Nachholbedarf.

    Ein “Fehler” den Startups meiner Meinung nach oft machen ist, dass sie sich bei ihren PR-Maßnahmen zu sehr auf ihr (technisches) Produkt fokussieren und dabei vergessen, dass es viel wichtiger ist eine gute Story zu erzählen, um die Journalisten (und Menschen) zu erreichen.

 
vgwort