Berliner Startup expandiert nach Los Angeles:
Moviepilot greift Hollywood
unter die Arme

Im August eröffnete Moviepilot seine Niederlassung in Los Angeles. Der Berliner Filmempfehlungsdienst ist davon überzeugt, Hollywood beim Marketing künftiger Kassenschlager unter die Arme greifen zu können.

Je mehr international erfolgreiche und herausragende Startups die deutsche Webwirtschaft hervorbringt, desto besser. Derartige Leuchttürme nehmen eine wichtige Funktion als Botschafter für den hiesigen Internetstandort ein und schaffen Aufmerksamkeit, nicht zuletzt bei ausländischen Business Angels und Venture-Capital-Firmen. Doch bisher mangelte es an diesen Leuchttürmen – auch gerade in Berlin, wo zwar seit Jahren am Fließband neue, global ausgerichtete Jungunternehmen gegründet werden, wo es aber trotzdem die schon mehrere Jahre alten “Urgesteine” wie SoundCloud, Wooga oder Zalando sind, die aus dem Ausland stammende Branchenbeobachter noch am ehesten als Berliner Gründungen aufzählen können.

Mit Moviepilot könnte diese Liste demnächst um einen weiteren Anbieter verlängert werden. Und auch wenn die deutsche Fassung des Berliner Filmempfehlungsportals schon 2007 gegründet wurde, so beziehen sich die jüngsten Meldungen des Startups auf den neuen, im vergangenen Oktober lancierten Service unter moviepilot.com. Wir hatten das Angebot zum damaligen Debüt vorgestellt. Die bisher in dieser Form einzigartige Idee des Dienstes: Nutzer mit personalisierten Empfehlungen und Informationen zu Filmen zu versorgen, die sich in Planung oder Produktion befinden. Auf diese Weise soll schon vor dem dem Kinostart eine Bindung von Filmfreunden an in der Entstehung befindliche Streifen geschaffen werden. Die Resonanz und das Feedback kann den Studios frühzeitig einen Eindruck davon ermitteln, ob sich hier vielleicht der nächste Kassenschlager anbahnt, und dabei helfen, die richtigen Hebel für ein erfolgreiches erstes Kinowochenende in Bewegung zu setzen.

Wer im Filmgeschäft tätig ist und eine internationale Nutzerschaft ansprechen will, der sollte auch in Hollywood präsent sein. Schon vor einem Jahr kündigte Moviepilot-Mitgründer Tobias Bauckhage eine Expansion nach Los Angeles an. Angefeuert von einer Finanzspritze in Höhe von sieben Millionen Dollar aus dem Frühjahr wurde dieser Schritt nun endlich vollbrach. Im August öffneten die Berliner ihre Dependance in der Millionenstadt an der US-Westküste. “Hollywood liebt unsere nüchtern-deutsche Datensicht auf die Zukunft des Filmmarketings”, so das bisherige Fazit von Bauckhage, der vor Ort den reibungslosen Aufbau der Niederlassung verantwortet. Knapp ein Jahr nach dem Launch von moviepilot.com steht die Plattform kurz vor dem Erreichen der Marke von zehn Millionen Nutzern, die sich über ihr Facebook-Konto mindestens einmal eingeloggt haben – auf Wunsch kann die Anmeldung auch über Google und Twitter erfolgen.

Um in Hollywood Fuß zu fassen und hochkarätige Produktionen als frühzeitige Partner von Moviepilot zu akquierieren, benötigt das Unternehmen aus Deutschland neben einem lokalen Büro vor allem eines: Kontakte und Zugang zu den richtigen Netzwerken. Zwar betrieben Bauckhage und sein Co-Founer Jon Handschin vor Moviepilot selbst eine Filmproduktions- und Vertriebsgesellschaft, aber fokussierten sich dabei auf den deutschsprachigen Markt. Zwei neue namhafte Rekrutierungen, über die PandoDaily gestern berichtete, sollen nun in der US-Film- und Werbebranche richtige und wichtige Türen öffnen – über die schon bestehenden Deals mit Twentieth Century Fox, Universal, Paramount und Disney hinaus: Amy Elkins von MEC, der fünftgrößten Medienagentur der Welt, sowie Amy Smith, die von Amazon kommt und dort Marketingkooperation verantwortete.

Hollywood ist bisher vor allem als Verhinderer von Innovation bekannt (Stichwort SOPA). Dies sichert den Filmstudios im besten Fall kurzfristig einige Umsätze, verschlechtert aber die dauerhafte Position der Branche, auf die sich rasant verändernden Marktbedingungen und die zunehmende Ablenkung der Zielgruppe durch konkurrierende Unterhaltungsangebote angemessen und auch im Sinne der Zuschauerschaft zu reagieren. Die bekannte Silicon-Valley-Startup-Schmiede Y Combinator sorgte vor einigen Monaten gar mit dem Aufruf an Startups für Aufsehen, Hollywood ins Grab zu schicken.

Kurzum: Die von jahrzehntelangem Erfolg verwöhnten Akteure der Filmwelt sind aufgrund ihrer eigenen Behäbigkeit und Bequemlichkeit auf die Hilfe von rebellischen, in neuen Bahnen denkenen Startups angewiesen, haben sie doch selbst zu lange untätig dabei zugesehen, wie sich um sie herum alle Rahmenbedingungen verändern. Soziale Medien, Bewertungsportale, Filmflatrates à la Netflix und Filesharing sind nur einige der Entwicklungen, mit denen sich die Branche konfrontiert sieht – und deren Potenziale für eigene Zwecke sie bisher kaum genutzt hat.

Moviepilot sollte Hollywood da gerade recht kommen. Gelingt es den Studios, den Dienst dafür einzusetzen, um in den ersten Tagen nach einem Kinostart mehr Menschen in einen Film zu locken, kann der daraus resultierende stärkere Word-of-Mouth-Effekt signifikante Auswirkungen auf die über die gesamte Laufzeit insgesamt eingespielte Summe haben. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sich genügend Menschen finden, die schon Monate vor einem Filmdebüt an Informationen über das Werk und die mitwirkenden Darsteller interessiert sind. Die knapp zehn Millionen über Facebook registrierten Moviepilot-Nutzer können hier zumindest als Indiz für eine grundsätzlich vorhandene Bereitschaft dazu gewertet werden.

Link: Moviepilot 

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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10 Kommentare

  1. Ihr habt echt lustige Vorstellungen vom Filmgeschäft. Aber nee ist klar – die haben da nur auf ein “innovatives Startup aus Berlin” gewartet, das ihnen mal zeigt, wie man das richtig macht mit Web 2.0 und so. Ist ja alles sooo verstaubt und verkrustet da. Ja ja ja.

    Ist das nicht etwas viel Pathos? Schliesslich entpuppt sich moviepilot.com auch nur als weitere Abschussrampe der riesigen PR-Artillerie Hollywoods. Es ist wirklich nichts Neues, Filmfans frühzeitig an neue Produktionen heran zu führen und sie beständig mit News-Häppchen zu versorgen – das machen die Studios schon lange.

    Aber es ist ja sooo innovativ, den Fantalk über Facebook abzuwickeln. Sensationell.

  2. das machen die Studios schon lange.

    Wie denn?

    • Die Frage ist nicht ernst gemeint, oder?

      Es gibt seit vielen Jahren zu (fast) allen Produktion eigene Websites, Podcast, Facebook-Pages, Exklusiv-Berichte, Interviews auf Fansites, Stars zwitschern (angeblich) vom Set, Premieren-Ticket-Verlosungen, Kostüm-Versteigerungen, Requisiten-Gewinnspiele, Soundtrack-Promos, etc. pp im Netz. Und dann das:

      Kurzum: “Die von jahrzehntelangem Erfolg verwöhnten Akteure der Filmwelt sind aufgrund ihrer eigenen Behäbigkeit und Bequemlichkeit auf die Hilfe von rebellischen, in neuen Bahnen denkenen Startups angewiesen, haben sie doch selbst zu lange untätig dabei zugesehen, wie sich um sie herum alle Rahmenbedingungen verändern. Soziale Medien, Bewertungsportale, Filmflatrates à la Netflix und Filesharing sind nur einige der Entwicklungen, mit denen sich die Branche konfrontiert sieht – und deren Potenziale für eigene Zwecke sie bisher kaum genutzt hat.”

      Warum haben manche Startup-Blogger nur so eine eingeschränkte Sicht auf die Dinge? Gründerfirmen verbreiten gern die Illusion, Heilsbringer vermeintlich überkommener Industrien zu sein. In Wahrheit sind die meisten von ihnen nur neue Schläuche, durch die alter Wein fliesst.

      Meiner Meinung nach ist moviepilot.com nichts weiter, als ein zusätzlicher Abspiel-Kanal für die immer gleiche Soße der PR-Agenturen. Was soll daran “innovativ” sein? Oder “rebellisch”? Im Gegenteil: Statt wirklich mal etwas sensationell Neues zu probieren, bedient man eine etablierte Industrie mit erprobten Bekömmlichkeiten, die das althergebrachte System weiter stützen.

      Bitte nicht missverstehen – ich finde das völlig in Ordnung. Nur sollte man so etwas nicht als Triumph der Startup-Branche über die Filmwirtschaft verkaufen.

    • Doch, die Frage ist ernstgemeint. Weil ich hören wollte, ob du andere spezifische Internetdienste kennst die dies machen.

      Es ist doch völlig klar, dass es bereits Wege gab, Filmfans über künftige Release zu informieren.
      Es geht hier aber darum, dass dies auf neuen Wegen geschieht, die sich von den bisherigen (von dir genannten, häufig mit hohen Marketingkosten verbundenen) unterscheiden.

      Ob sie dann effektiv sind, steht auf einem anderen Blatt. Das wird sich zeigen.

      Warum haben Kommentatoren nur manchmal so eine eingeschränkte Sicht auf die Dinge? :P

      “In Wahrheit sind die meisten von ihnen nur neue Schläuche, durch die alter Wein fliesst.”

      Klar. Solange wir nicht beamen können und Jetpacks haben, sind die meisten Innovationen alter Wein in neuen Schläuchen. Und häufig trotzdem nützlich, weil die alten Schläuche auf Dauer nicht mehr zeitgemäß waren.

      Imo steht in meinem Artikel nirgends etwas davon, es sei der Triumph. Ich bringe lediglich zum Ausdruck, dass Hollywood an der Innovations-Front im Web-Bereich bisher nichts geliefert hat (Websites, Podcasts, Verlosungen sind keine Innovation) und deshalb Startups in diesem Gebiet neugierig im Blick behalten und bei passender Gelegenheit auch mit ihnen zusammenarbeiten wird)

    • Sehr schwaches Contra. Fassen wir zusammen: Hollywood hat webmässig nichts Neues zu bieten. Moviepilot.com ebenfalls nicht. Wozu dann die Lobhudelei? Doch nur, weil es ein Berliner Startup war. Ist es wirklich schon so weit, dass man sich an solch bescheidenen Erfolgen aufzurichten versucht? ;-)

    • Sind wir wirklich schon soweit, dass man sich jedes Mal, wenn man über ein Berliner Startup berichtet, absurde Vorwürfe anhören muss, man würde Lobhudelei betreiben, weil es ein Berliner Startup sei?

      Mir brauchst du soetwas nicht vorwerfen, bedenkt man, dass ich in letzter Zeit mehrfach den Berlin-Hype augrund mangelnder Substanz kritisiert habe.
      http://netzwertig.com/201…mloesung-ist-besser/
      http://netzwertig.com/201…m-und-seine-loesung/

      Die Zahl ist von Moviepilot und hat nichts mit den Fans zu tun, sondern mit der Zahl der Personen, die sich bei Moviepilot mit ihrem Facebook-Konto eingeloggt, ergo registriert haben.

      Im übrigen hat Moviepilot.com 4,4 Millionen Fans
      https://www.facebook.com/moviepilotdotcom

    • Eine Frage noch: Wo kommen eigentlich die “10 Millionen Nutzer” her? Die Seite weist gerade mal knapp 39.000 Fans auf. Nur mal so…

    • Oh ja, sorry – hatte mich verguckt.

  3. In welcher Verbindung stehen eigentlich moviepilot.de und moviepilot.com zueinander? Sofern ich das beurteilen kann, werkeln da im Hintergrund die selben Akteure. Warum dann zwei Plattformen?

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