Facebooks angeblicher Nachrichten-Bug zeigt:
Nutzer sind vergesslich

Facebook dementiert, dass frühere persönliche Nachrichten öffentlich in der Chronik auftauchen. Doch Anwender wollen dies nicht glauben. Der Fall zeigt, wie schnell wir unser Nutzungsverhalten im Netz an veränderte Rahmenbedingungen anpassen – und völlig vergessen, wie es davor einmal war.

Temporäre, zumeist eine kleine Gruppe der Nutzer betreffende Fehlfunktionen und Bugs sind bei Facebook keine Seltenheit. In der Regel überlassen wir die Berichterstattung dazu anderen. Derzeit jedoch beschäftigt Anwender und Beobachter des sozialen Netzwerks ein mysteriöser Vorfall – der nebenbei exemplarisch zeigt, wie schnell sich das Netz weiterentwickelt.

Stein des Anstoßes ist das angebliche Erscheinen von persönlichen Nachrichten im öffentlichen Facebook-Profil. Betroffen davon sollen Anwender sein, die bereits in den Jahren 2007 bis 2009 bei dem Social Network registriert waren. Wählen diese in ihrer Chronik etwa das Jahr 2008 aus, dann erscheint auf dem entsprechenden Teil ihres Profils eine Box mit der Überschrift “XX Freunde haben etwas in deiner Chronik gepostet”. Dort sammelt Facebook alle Pinnwandeinträge von Freunden aus dem jeweiligen Jahr – so jedenfalls die Behauptung des Social Networks. Zahlreichen Usern jedoch ist beim Blick auf diesen Bereich ihrer Chronik aufgefallen, dass es sich bei den gelisteten Einträgen teilweise um sehr persönliche Mitteilungen handelt – und schlussfolgern daraus, dass ein technischer Fehler uralte Privatnachrichten an sie in öffentliche Pinnwand-Einträge verwandelt hat – die seit der Einführung der Chronik mit ihrem vereinfachten Zugang zu Profilinhalten vergangener Zeiten nun von jedem Kontakt mit Zugriff zum Profil eingesehen werden können.

Facebook und Experten dementieren

Nachdem TechCrunch auf den Sachverhalt und die Klagen einiger Nutzer aufmerksam machte, folgte Facebooks Dementi auf dem Fuße: Es handele sich schlicht um Pinnwandeinträge, die aus heutiger Sicht den Eindruck erwecken, persönliche Nachrichten gewesen zu sein. Das Unternehmen erklärte auch, dass Nachrichten und Pinnwandposts technisch unterschiedlich behandelt werden, weshalb ein derartiger Bug generell nicht möglich sei. Einschlägige Facebook-Watchblogs wie allfacebook.de oder thomashutter.com scheint diese Erklärung zu überzeugen. Sie stellen fest: Alle Aufregung ist umsonst, die vermeintlichen persönlichen Mitteilungen sind tatsächlich ganz normale Pinnwandeinträge – an die sich Nutzer einfach nicht mehr erinnern können.

Nutzer zweifeln an der offiziellen Darstellung

Doch blickt man in die Kommentarspalten der im letzten Absatz verlinkten Beiträge, wird schnell deutlich, dass viele Nutzer sich mit dieser Darstellung nicht abfinden wollen. Es handele sich zweifellos um persönliche Messages, die also über das interne Nachrichtensystem verschickt wurden und nur für den Empfänger sichtbar sein sollten, nicht für alle Besucher des Profils. Auch ein Freund sprach mich auf die Problematik an und beteuerte, dass sich einige sehr persönliche Beiträge in seiner Chronik des Jahres 2009 befänden. Eine Kollegin berichtete, dass sie sich fast sicher ist, noch am Tag ihrer Konto-Eröffnung Pinnwand-Einträge deaktiviert zu haben, und trotzdem an der beschriebenen Stelle in ihrer Chronik Nachrichten von Kontakten vorfand – was ein eindeutiger Beleg für die Existenz des brisanten Bugs wäre.

Wo bleiben die eindeutigen Leaks und das dazu passende Tumblr-Blog?

Was allerdings dagegen spricht: Eindeutige Beispiele für besonders anrüchige, intime oder offene Aussagen, bei denen man zweifellos sicher sein kann, dass sie nur in einer privaten Konversation zur Sprache kommen würden, konnte bisher noch niemand liefern. Einzelne Beiträge lassen sich im Nachhinein nicht mehr entfernen, lediglich ein vollständiges Verstecken der Box mit den aggregierten Wallposts ist möglich. Wer folglich bei einem Facebook-Freund die vergangenen Einträge ansteuert und dort besagte Zusammenstellung von Wallposts findet, der kann sich sicher sein, dass nicht pikante Posts noch hastig vom Profilbesitzer entfernt wurden.

Trotz einiger Indizien mangelt es also bisher an dem eindeutigen Beweis für die Existenz der Lücke, bei dem man sich nicht auf das exakte Erinnerungsvermögen oder das subjektive Gefühl einzelner Personen verlassen muss. Auch die von Thomas Hutter ausgelobten 1000 Euro für einen hieb- und stichfesten Beleg konnten daran bisher nichts ändern. Wer ein bisschen Menschenkenntnis hat und sich bewusst ist, wie Gespräche zwischen engen Freunden verlaufen können, der muss sich darüber wundern, dass zwar dieser Tage zehntausende Facebook-Nutzer ihre und andere Chroniken nach Anzeichen für einen Bug von potenziell monumentalem Ausmaß durchforsten, aber bisher nicht ein Tumblr-Blog existiert, das die auf diese Weise zu Tage geförderten peinlichen “Leaks” dokumentiert.

Wir vergessen schnell

Wie auch immer diese Geschichte ausgehen mag, so illustriert sie auf beeindruckende Weise, wie sich innerhalb von gerade einmal vier Jahren die Nutzungsmuster im Netz mit den sich weiterentwickelnden technischen Möglichkeiten von Facebook rasant verändert haben. Im Jahr 2008 waren Pinnwände deutlich funktionsärmer und vor allem befreit von jeglichen Inhalten externer Applikationen, weshalb sie sich deutlich besser als heute zur direkten Kommunikation eigneten. Die Pinnwand bestand allein aus Einträgen zu Aktivitäten des Nutzers – sowie aus öffentlichen Posts von Freunden. Ein Blick auf diesen Screenshot aus dem Jahr 2008 zeigt außerdem: Statt Einträge von Freunden direkt unterhalb kommentieren zu können, existierte eine so genannten “Wall to Wall”-Funktion. So entstanden längere Konversationsfäden, die jeweils als neuer Pinnwandpost auf den Profilen der zwei Gesprächspartner erschienen.

Facebook hat sich über die Jahre permanent neu erfunden und sich mit der Einführung der Chronik in diesem Jahr fast vollständig von der bisherigen Struktur seiner Mitgliederprofile verabschiedet. Anwender reagierten stets mit die Anpassung ihres Nutzerverhaltens – manchmal auch widerwillig, aber großtenteils unbewusst und schrittweise. Die derzeitige Aufregung über Einträge, die man im Jahr 2012 definitiv über private Facebook Messages oder den Chat abwickeln würde, lässt sich damit erklären: Wir verändern unsere Handlungen in der digitalen Sphäre deutlich schneller als wir glauben und wundern uns dann, wenn die Uhren vor gerade einmal vier Jahren im Netz noch anders liefen. Gebetsmühlenartiges Propagieren von Datenschutz- und Privacy-Empfehlungen werden ihren Teil zur heutigen Verwunderung über die damalige “Freizügigkeit” beigetragen haben.

Eigentlich sind vier Jahre keine Zeit. Wer erinnert sich nicht noch an den Auftritt von Barack Obama in Berlin im Sommer 2008? Kurz darauf wurde er zum US-Präsidenten gewählt – und befindet sich heute noch in seiner ersten Amtszeit. Doch in der digitalen Welt geschah in vier Jahren so viel, dass wir uns nicht mehr entsinnen können, wie wir damals das Netz genutzt haben. 2016 wird es uns wohl nicht anders ergehen.

Screenshot “Wall-to-Wall”: Insidefacebook.com

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Schöne Zusammenfassung, Martin. In diesem Fall glaube ich auch kaum, dass hier ein Fehler bei Facebook vorliegt. Allerdings kann ich verstehen, dass man nicht jedes Statement von Facebook sofort glaubt.

    Ich habe seit Wochen ein ähnlich schwerwiegendes Problem, das ich auch schon an Facebook gemeldet habe, aber dennoch kein Feedback kommt.

    Verbindet man sein Konto mit Twitter weißt FB darauf hin: “Denke daran: Nur Facebook-Beiträge mit der Privatsphäre-Einstellung „öffentlich“ werden auf Twitter geteilt. Erfahre mehr über deine Privatsphäre-Einstellungen.”

    Leider ist dies aber nicht der Fall. Ich hatte jetzt schon mehrmals Beiträge die trotz der Einstellung “Nur Freunde” auf Twitter gepostet wurden.

    Also wenn mit hierfür jemand 1000 € anbieten möchte, dass kann ich auf jeden Fall beweisen!

  2. Der Beleg lässt sich doch ganz einfach machen: Ich gucke mir die Pinnwandeinträge an und suche sodann im Nachrichtenthread zwischen mir und derselben Person nach dem Wortlaut. Ist bei mir in keinem Fall dabei. Nochmal in verständlich:
    In der Nachrichtenhistorie finden sich keine der Nachrichten, die auf meiner Timeline als Wallposts aufgeführt sind, wieder. Also sind es wirklich alles wallposts. Q.e.d., bloß leider das falsche Ergebnis, keine 1000 Dollar für mich, aber yay für Facebook.

    • Huch. Das war tatsächlich sehr einfach. Überraschend, wie bequem man an die uralten Nachrichten kommt.

    • Naja, wenn es denn tatsächlich ein Bug gewesen sein soll (was ich an dieser Stelle mal bezweifle), dann werden eben diese Wallposts NICHT in deinem privaten Postfach erscheinen, da sie anscheinend im Zuge dieses Bugs von privaten Nachrichten in öffentliche Wallposts umgewandelt worden sind. =)

  3. Klingt nach einem klassischen Fall von “Software Entropie” (http://en.wikipedia.org/wiki/Software_entropy).

    Letztendlich ist Facebook auch nur Software, die regelmäßig erweitert wird. Da passieren schon mal Fehler, und mit der Zeit werden wahrscheinlich immer mehr Fehler auftreten. Ganz einfach weil jeder aktuelle und zukünftige Entwickler sich einem immer komplexer werdenden Software-Konstrukt ausgesetzt sieht, und immer weniger das große Ganze verstehen wird. Die Komplexität wächst an…

    Die regelmäßige Wartung und Weiterentwicklung der “Facebook-Software” unterliegt aben den gleichen Regeln wie jede andere Software auch. Mit diversen Konsequenzen (die ich hier jetzt nicht weiter ausmalen will…).

    Als Extrem-Beispiel hier aber mal mein Lieblings-Beispiel für eine Software, die der totalen Entropie verfallen ist (oder eben gar total verrottet ist): der alte Netscape Communicator…

    Einfach mal google fragen – aber kurz beschrieben: als das Open Source Mozilla Projekt startete (aus dem später u.a. Firefox hervorging) ist man nach reiflicher Überlegung doch sehr schnell zum Schluss gekommen, dass man den alten Netscape-Source komplett in die Tonne haut und von Vorne beginnt ;-)

    Solch ein Ende ist natürlich kein Muss — wenn die Facebook-Entwickler sich Mühe geben, dann bekommen sie die Komplexität vielleicht auch in den Griff. Aber das an und für sich ist eben auch zusätzlicher Aufwand, den man einplanen muss.

Ein Pingback

  1. [...] hoch, als angebliche private Nachrichten auf den Timelines von vor 2010 auftauchten. Auf Beweise wartet man noch. Außerdem wurde was sogenannte “Fake Fans” angeht, Nägel mit Köpfen [...]

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