Seitensprungportal kommt in den deutschsprachigen Raum:
Wie VictoriaMilan seine Mitglieder ausnimmt

Das norwegische Seitensprungportal VictoriaMilan expandiert in den deutschsprachigen Raum. Menschen in Beziehungen sollen dort prickelnde Affären finden können. Doch wer den Dienst diskret wieder verlassen will, wird nochmals zum Bezahlen gezwungen.

Seitensprünge – nicht gerade ein Thema, über das Menschen gerne offen sprechen, aber trotzdem ein verbreitetes Vorkommnis in zahlreichen Beziehungen und Ehen. Der Norweger Sigurd Vedal erkannte vor zwei Jahren die Marktlücke für eine Onlineplattform, die sich explizit an Personen richtet, die vom Beziehungsalltag genug haben und ein kleines Abenteuer nebenbei suchen – das Seitensprungportal VictoriaMilan war geboren. Nach der Lancierung in den skandinavischen Ländern, die von einer aggressiven, nicht bei allen Bürgern populären Werbekampagne flankiert wurde, hat das Unternehmen in der vergangenen Woche offiziell seine Zelte in der Schweiz aufgeschlagen – von wo aus sukzessive der deutschsprachige Markt erobert werden soll.

In einer Pressemitteilung erklärte das eigenwillige Flirtportal aus Norwegen gestern, innerhalb weniger Tage 21.200 Mitglieder in der Schweiz gewonnen zu haben. 250.000 Eidgenossen sollen sich innerhalb der kommenden zwei Jahre bei der Site registrieren, so die Prognose. Insgesamt besitzen 1,4 Millionen Menschen ein Konto bei dem Dienst, der Großteil davon in den nordischen Ländern. Seinen speziellen Fokus legt VictoriaMilan auf Frauen, die sich nach etwas Abwechslung vom eingefahrenen Beziehungsalltag sehnen – Männer kommen dann quasi automatisch.

Auch wenn wir das Thema Onlinedating nur sekundär behandeln und dann meist, wenn es um besonders neuartige, innovative Geschäftsmodelle oder Lösungen im Location-Segment geht, sah ich es natürlich als meine Pflicht als Redakteur an, mich einmal auf der Site umzuschauen – auf das Risiko hin, dass sich Dutzende mit einem Seitensprung liebäugelnde, gelangweilte (Ehe)-Frauen auf mich stürzen würden. Doch welch ein Glück: Dazu kam es dann doch nicht, und relativ schnell erkannte ich, dass es sich bei VictoriaMilan im Prinzip doch nur um eine typische Datingsite handelt – die mit einigen speziellen Privatsphäre-Funktionen wie etwa einer selektiven “Verpixelungen” von Fotos aufwartet, um sicherzustellen, dass sich Mitglieder auf der Plattform bewegen können, ohne von Bekannten enttarnt zu werden. Und auch beim Preismodell liegt der Service auf einer Linie mit anderen klassischen, meist sehr teuren Kennenlernplattformen. Zwar darf man sich kostenlos registrieren, doch nicht einmal das Lesen von Nachrichten funktioniert mit dem Gratisaccount. Auch wenn auf der Homepage etwas anderes suggeriert wird: Ohne Premium-Mitgliedschaft geht gar nichts. Diese kostet happige 69,99 Franken pro Monat – rund 58 Euro, oder 39,99 Franken bei zwölfmonatiger Bindung.

Laut Firmenangaben schrieb VictoriaMilan bereits drei Monate nach der Lancierung in Skandinavien schwarze Zahlen. Kein Wunder, bei dem Preis. Doch der eigentliche Hammer kommt erst noch. Denn nachdem ich mir einen ersten Eindruck von der Site verschafft hatte, wollte ich mein Konto wieder deaktivieren – und stieß dabei auf eine Praxis, die schon fast an Erpressung grenzt: Denn die reguläre Deaktivierung beinhaltet lediglich das Löschen des Profils aus allen Suchergebnissen. Die Komplett-Löschung allerdings, welche unter anderem die Entfernung des Profils, aller gesendeter Mitteilungen und aller persönlich identifizierbarer Informationen beinhaltet, ist hingegen kostenpflichtig: 49 Franken oder 39 Euro fallen dafür an!

Zum Vergrößern klicken

Zum Vergrößern klicken

Nutzer, die dem Versprechen voller Diskretion von VictoriaMilan gefolgt sind, sich auf der Plattform ausgebreitet und eventuell über sie Techtelmechtel begonnen haben, werden also beim Wunsch, dieses Kapitel ihres Lebens wieder zu schließen, zu einer letzten Zahlung gezwungen, möchten sie nicht mit dem unguten Gefühl zu Bett gehen, dass nach der regulären Deaktivierung doch noch Spuren ihrer virtuellen Existenz und Kommunikation bei dem Seitensprungportal zu finden sind. Im Angesicht dieser dreisten Vorgehensweise erscheint Facebooks umstrittener, weil umständlicher Profillöschungsprozess schon fast wie ein Hort der Benutzerfreundlichkeit.

Dass Datingportale und Partnerbörsen den tiefen menschlichen Trieb nach Bekanntschaften, Sex und Liebe häufig durch eine besonders anwenderunfreundliche Preispolitik ausnutzen, mag man akzeptieren müssen. Doch Mitglieder, die einen besondere Diskretion in den Mittelpunkt stellenden Dienst verlassen wollen, durch das Erzeugen von Druck (“Seien Sie diskret. Löschen Sie alle Beweise dafür, dass Sie die Webseite benutzt haben”) nochmals ausquetschen zu wollen, grenzt an reiner Abzocke. Was durchaus verwundert, immerhin versucht sich VictoriaMilan als seriöser Anbieter zu positionieren

Egal wie angeödet und ausgehungert Partner in einer Beziehung oder Ehe auch sein mögen – von VictoriaMilan sollten sie zumindest so lange die Finger lassen, bis eine komplette Profillöschung kostenfrei möglich ist.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Sumtu: Wenn man Tinder, Bang with Friends und aka-aki kombiniert...

4.9.2014, 1 KommentareSumtu:
Wenn man Tinder, Bang with Friends und aka-aki kombiniert...

Das frisch entstandene Berliner Startup Sumtu kombiniert bekannte Elemente von Tinder, Down ("Bang with Friends") und dem nicht mehr existierenden Location-Dienst aka-aki. Die App soll es Nutzern leicht machen, Personen in ihrer Umgebung näher kennenzulernen.

Tinder: Kennenlern-App mit vorgezeichnetem Erfolgspfad

12.5.2014, 8 KommentareTinder:
Kennenlern-App mit vorgezeichnetem Erfolgspfad

Noch findet man die in Deutschland beheimateten User der US-amerikanischen Kennenlern-App Tinder vor allem in Großstädten. Doch wohin die Reise für das noch sehr junge Startup gehen kann, ist nicht schwer zu erahnen.

Mobile Kontaktbörse Mbrace: Die sympathische und entschärfte Form von Bang with Friends

6.2.2014, 5 KommentareMobile Kontaktbörse Mbrace:
Die sympathische und entschärfte Form von Bang with Friends

Auf der mobilen Kontaktbörse Mbrace können Singles via Facebook-Profilen auf Partnersuche gehen. Das ist weder obszön wie bei Bang with Friends, noch demotivierend wie bei Elitepartner.

sympMe: Partnersuche per Video

28.5.2013, 1 KommentaresympMe:
Partnersuche per Video

Die Partnersuche verlagert sich zunehmend ins Internet. Vorbei an den grossen Playern, die man aus Radio, Fernsehen und Werbekampagnen kennt, versucht das Startup sympMe einen neuen Ansatz.

Verkuppeln von Facebook-Kontakten: Warum Bang With Friends wegweisend ist

24.5.2013, 5 KommentareVerkuppeln von Facebook-Kontakten:
Warum Bang With Friends wegweisend ist

Bang With Friends hat nicht nur Fans. Doch der kalifornische Dienst, der es Facebook-Nutzern leicht machen will, potenzielle Bettgenossen und -genossinen unter ihren Kontakten zu finden, ist konzeptionell wegweisend.

Der Frust mit Singlebörsen: Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit

20.2.2013, 8 KommentareDer Frust mit Singlebörsen:
Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit

Matchmaking-Portale wie ElitePartner machen aus Singles wandelnde Lebensläufe. Moderne Apps sind ehrlicher und stellen Äußerlichkeiten wieder in den Vordergrund. Erst ein neuer Ansatz aber wird Singles wirklich helfen: andere Menschen auch online über gemeinsame Freunde kennenlernen zu können.

6 Kommentare

  1. Guter Artikel, aber ich glaube nicht das die die Praxis ändern. Damit lässt sich doch gut Geld verdienen. So makaber das klingen mag, aber wo treffen die versprechen in der Wirtschaft immer ein?

    Gerade in der Branche gehört das doch zum Marketing.
    Hand geprüfte Profile Antwortgarantie und vieles mehr.

  2. Mal ganz abgesehen von den unsauberen Praktiken auf dem Portal, denke ich, dass man einen Break-Even nach drei Monaten durchaus anerkennen kann. “… bei dem Preis auch kein Wunder” lässt wirtschaftliche Grundkenntnisse vermissen. Denn: mit erhöhtem Preis sinkt normalerweise die Nachfrage, es sei denn der Preis lässt sich durch das Produkt rechtfertigen. Dies scheint bei dem Erfolg der Seite durchaus der Fall gewesen zu sein.

    Ansonsten.. schönes Artikel!

    • Ich behaupte, im Datingmarkt gelten eigene Regeln: größtenteils schlechte Produkte mit viele Hürden und schlechter UX – und trotzdem zahlen die Leute. Der Fortpflanzungstrieb macht’s möglich ;)

  3. Kann man denn nicht einfach gemäß DSG eine kostenfreie Löschung fordern? Man kann doch durch AGB nicht einfach Gesetze aushebeln. Vllt. sollte man vorab nach §34 eine kostenlose Selbstauskunft anforden…

  4. ok abgesehen davon das das geschäftsmodell gesellschaftlich so primitiv und unmoralsich ist, dachte ich beim betrachten des werbespots zunächst, daß es eine satire sein muss. übel.
    das das abmelden bzw. löschen aller daten hier berechnet wird klingt dabei mehr als unseriös und ich frage mich, ob das rechtlich überhaupt haltbar ist.

    und was wenn ein hacker mal eben sämtliche nutzerdetails ins netzt stellt?
    das ganze geschäftsmodell schreit nach leak und der schaden für betroffene ist finanziell nicht zu kompensieren, ganz davon abgesehen das nichts davon dem ganzen positive oder wertvolle ziele verfolgt.

    fremd gehen gab’s schon immer, aber diese unverschämte anstachelung dazu. aber der markt scheint ja da zu sein.

  5. Diese Praxis dürfte in Deutschland rechtswidrig sein, so dass man die kostenlose vollständige Löschung spätestens auf dem Prozessweg durchsetzen können wird.

    Der von diesem Geschäftsmodell überraschte Benutzer wird vermutlich dennoch das Schweigegeld zahlen, alleine schon, um sich weitere Scherereien zu ersparen.

    Pfui!

vgwort