Für Windows und Gmail:
KeyRocket will Nutzer in
Shortcut-Experten verwandeln

KeyRocket will Anwendern auf pädagogische Weise dabei helfen, Tastaturkürzel zu erlernen und dadurch ihre Produktivität zu erhöhen. Der Dienst des Berliner Startups Veodin wird momentan für Windows und als Chrome-Erweiterung für Gmail angeboten.

Einer der simpelsten Wege, bei der täglichen Arbeit mit dem Computer und Internet Zeit zu sparen, sind Shortcuts für häufig genutzte Tastenkombinationen. Doch während manche Anwender wahre Weltmeister im Einsatz dieser die Produktivität erhöhenden Abkürzungen sind, fehlt den meisten Durchschnittsanwendern schlicht die Kenntnis darüber, welche Shortcuts existieren. Und selbst wenn sie von einzelnen Tastengriffen wissen, ist nicht garantiert, dass sie diese auch wirklich einsetzen. Denn dafür muss eine Routine entwickelt werden, die üblicherweise mit einigen initialen Anstrengungen verbunden ist. Das Berliner Startup Veodin will Anwendern dabei helfen, sich praktische Shortcuts beizubringen und damit im digitalen Alltag mehr Dinge in kürzerer Zeit zu schaffen.

Für Windows und als Chrome-Erweiterung für Gmail

KeyRocket heißt der Dienst von Veodin, der momentan als Windows-Software für Microsoft Office und den Explorer sowie für Gmail in Form einer Chrome-Erweiterung angeboten wird. Allein für Office befinden sich über 1700 Shortcuts im KeyRocket-Repertoire. Das Programm läuft nach der Installation und einer kurzen Einführung im Hintergrund und meldet sich mit Tipps für Tastenkombinationen, die kurz zuvor vom Nutzer mit der Maus erledigt wurden. Wer mehrere Male einen bestimmten Shortcut eingesetzt hat, wird nach einiger Zeit von KeyRocket zum Meister desselben erklärt. User sollen so dazu animiert werden, ihnen von KeyRocket vermittelte Tastengriffe tatsächlich wiederholte Male auszuprobieren, damit diese sukzessive in Gewohnheit übergehen. Ein gerade in geschlossenem Beta-Stadium gestartetes Feature namens “Shortcut Challenge” soll die Motivation zum Erlernen von Tastaturkürzeln durch einen Wettbewerb der KeyRocket-Nutzer untereinander noch erhöhen.

Jeder Shortcut-Vorschlag lässt sich mit einem Klick auf das Herz- oder Mülltonnen-Icon bewerten, woraus die Software lernt, auf welche Tastengriffe sie künftig selbst bei Vernachlässigung nicht mehr aufmerksam machen muss. Ein Blick in die Shortcut-Bibliothek der KeyRocket-Software zeigt eine durchsuchbare Übersicht über alle existierenden Kürzel für den Explorer sowie die einzelnen Anwendungen der Microsoft Office Suite. Die Software listet außerdem alle Shortcuts, auf die es zuletzt mittels einer Benachrichtigung hingewiesen hat. So können Menschen mit einem schwachen Gedächtnis im Nachhinein nochmals schauen, mit welchen Tasten sich eine umständliche Prozedur schneller durchführen lässt.

Die Popularität der Cloud fordert Anpassung

So verbreitet Microsoft Office auf Windows-PCs bei vielen Durchschnittskonsumenten und in Unternehmen noch sein mag, so wahrscheinlich ist der quantitative Rückgang dieser Kombination in Zukunft. Das Wall Street Journal erklärt gerade erst die PC-Ära für beendet, und neben der prognostizierten Ablösung des Heimcomputers durch Tablets verzichten immer mehr PC-Anwender auf kostenpflichtige Office-Software für den Desktop und verwenden stattdessen Clouddienste wie Google Docs (alias Google Drive), Zoho oder Microsoft Office Web Apps. Für die zwei KeyRocket-Gründer Matthias Mayrock und Jan Mechtel stellte sich damit die Frage, wie sie ihr im Mai für die Öffentlichkeit lanciertes Angebot für diesen Paradigmenwechsel fit machen. Die Chrome-Erweiterung für Gmail ist ein erster Schritt, zumal Googles populärer E-Mail-Dienst aufgrund seines breiten Spektrums an Shortcuts quasi nach einer Hilfestellung à la KeyRocket schreit.

Wie sein Desktop-Pendant meldet sich die Chrome-Erweiterung während der Benutzung von Gmail und erklärt, wie sich ein Handgriff jeweils per Tastenkombination erledigen lässt. Voraussetzung ist die Wahl der englischen Sprachversion für Gmail sowie eine Freischaltung von Tastaturkürzeln in den Gmail-Einstellungen.

Guter Gesamteindruck, Erlösquelle sind Unternehmen

Abgesehen von Limitierung bei den Plattformen kann man wenig Negatives über KeyRocket schreiben. Idee und Umsetzung überzeugen, die Software funktioniert wie angepriesen, sieht gut aus und wirkt sich nicht merklich auf die Performance von Windows aus (wobei das natürlich je nach System und Hardware variieren kann). Auch die Gmail-Erweiterung verrichtet zuverlässig ihren Dienst, wobei ich nicht überprüft habe, ob sie tatsächlich sämtliche Tastenkombinationen beherrscht. Ein solide wirkendes Geschäftsmodell existiert auch:

Für den privaten Einsatz der Windows-Variante fallen keine Kosten an, und auch die Chrome-Erweiterung ist gratis. Als Erlösquelle dienen den Berlinern Lizenzen für den Einsatz im gewerblichen Zusammenhang oder in Unternehmen. Dieses Geschäftsmodell ist insofern nicht dumm, da noch einige Jahre ins Land gehen werden, bevor alle Großkonzerne PCs und Microsofts Office-Suite vollständig ausgemustert haben werden. Eine Firma, die KeyRocket auf die Rechner von 1.000 Angestellten bringt, müsste einmalig einen Listenpreis von 60.000 Dollar – run 45.000 Euro – zahlen (ein Rabatt wäre wahrscheinlich). Es liegt nun an dem Startup, die verantwortlichen Entscheider davon zu überzeugen, dass der Zugewinn an Produktivität nach beispielsweise einem Jahr eine derartige Investition rechtfertigt.

Tastaturen werden verschwinden – irgendwann zumindest 

Mittelfristig sollten die Hauptstädter versuchen, weitere Browserservices und Browser über ihre Extension zu unterstützen und dann auch dort zwischen einer privaten und einer gewerblichen, kostenpflichtigen Nutzung zu unterscheiden. Eine Mac-Version ist bereits in Arbeit. Bedrohlich wird die Lage für KeyRocket erst an dem Tag, an dem die physische Tastatur gänzlich ein Relikt der Vergangenheit darstellt. Als jemand, der sich gerade selbst eine zusätzliche Tastatur für sein iPad zugelegt hat, glaube ich, dass erst eine zuverlässige, fehlerfreie (!), intelligente und in allen Sprachen verfügbare Voice-Bedienung das Keyboard auf breiter Front verdrängen kann. Vor 2020 dürften wir nicht an diesem Punkt angelangt sein. Genug Zeit für KeyRocket, das eigene Konzept weiterzuentwickeln oder einen Käufer zu finden.

KeyRocket-Macher Veodin beschäftigt derzeit zwölf Mitarbeiter und hat bisher 100.000 Euro an Fördermitteln und Seed-Kapital eingesammelt.

Bleibt die Frage, ob man KeyRocket tatsächlich als Berliner Startup bezeichnen darf, trat doch Mitgründer Jan Mechtel in der vergangenen Woche bei der TechCrunch-Disrupt-Konferenz für die Vorstellung des beim Hackathon entwickelten Tools BookRocket allen Ernstes in einer bayerischen Tracht auf. Laut eigener Aussage erwies sich dies auf der Veranstaltung in San Francisco als hervorragender Icebreaker. Aber rechtfertigt der Zweck wirklich ALLE Mittel….?!

Link: KeyRocket

 

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Das Pricing liest sich im Finanzplan sicher super, aber keine Firma der Welt wird dafür 45.000€ ausgeben.
    Dafür kann man das Teil ja schon fast selber entwickeln.

    • Naja, angenommen, es gäbe einen Rabatt und die Kosten landen bei 30.000 (bei 1000 MA) dann wären das die Lohnkosten für eine Stelle für sechs Monate. Das ist nicht wirklich viel.

      Aber das war ohnehin nur ein Bsp. Die Kosten liegen bei 60 Dollar/User. Gut möglich dass das zu hoch ist. KeyRocket wird ja schnell merken, ob Firmen interessiert sind.

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