Fillmtrailer anschauen und dafür entlohnt werden:
Flimmer weckt Erinnerungen an die Dotcom-Ära

Bei dem Berliner Startup Flimmer erhalten Nutzer eine Gutschrift im Wert von bis zu zehn Cent für jeden angeschauten Filmtrailer. Die Idee weckt Erinnerungen an ein Geschäftsmodell aus der Dotcom-Ära.

Bei Onlinediensten, die Nutzern versprechen, sie für ihre Aufmerksamkeit zu bezahlen, ist stets eine gesunde Skepsis angebracht. Zu Dotcom-Zeiten schossen Angebote, bei denen User mit dem Betrachten von Werbebannern Geld verdienen konnten, wie Pilze aus dem Internetboden – und verschwanden nach dem Platzen der Blase wieder in der Versenkung. Zu wackelig waren die dahinterstehenden Geschäftsmodelle, und zu leicht ließen sich die Systeme manipulieren.

Von seinem Imageschaden erholt hat sich das Prinzip “Get paid to surf” seitdem nicht mehr. Doch ein Berliner Startup möchte es nun in leicht veränderter Form wiederbeleben: Gestern feierte Flimmer sein Debüt, ein Angebot, bei dem sich Filmfreunde Trailer aktueller Streifen anschauen, eine dazu passende Frage beantworten und dafür Guthaben erhalten können.

Trailer ohne vorgeschaltete Werbung

Die Idee zu Flimmer entstand aus der Problematik heraus, dass den meisten bei YouTube abzurufenden Trailern ein sogenannter Preroll-Werbespot vorgeschaltet ist. Um einen ein- oder zweiminütigen Clip zu einem Kinofilm zu sehen, müssen Betrachter daher meist erst einen 30-sekündigen Werbespot über sich ergehen lassen. Bedenkt man, dass jeder Filmtrailer eigentlich auch nur Werbung darstellt, keine optimale Situation.

Die Flimmer-Gründer Marco Kreuzpaintner und Christopher Zwickler wollen ihr Angebot als zentrale Anlaufstelle für Trailer zu den neusten Blockbustern, zu aktuellen DVD-Veröffentlichungen sowie zu Video-on-Demand-Streifen beim Kooperationspartner Videoload etablieren. Zum einen ersparen sich Filmfreunde so die lästigen Werbespots vor den Trailern, und zum anderen können sie mit jedem aufmerksam verfolgten Trailer fünf oder zehn Cent verdienen. Voraussetzung ist lediglich, dass sie die nach dem Trailer für 20 Sekunden präsentierte Multiple-Choice-Frage korrekt beantworten.

Für 40 angeschaute Trailer gibt’s ein Kartenspiel

Der Verdienst landet auf dem persönlichen Flimmer-Konto und kann später im Flimmer-Shop eingelöst oder gespendet werden. Nach 40 erfolgreich beantworteten Fragen à zehn Cent haben Nutzer genug Guthaben, um ein Schafkopf Kartenspiel zum Film “Vatertag” im Wert von 4.00 Euro zu erwerben. Für einen CineStar-Kinogutschein (2D) sind 70 korrekt beantwortete Fragen notwendig – also mindestens 70 von vorne bis hinten betrachtete Trailer. Das entspricht in etwa einem Zeitaufwand von anderthalb Stunden. Fast doppelt so viel Guthaben benötigt, wer eine von derzeit vier im Shop angebotenen DVDs erwerben möchte.

Ich bin eigentlich der falsche Kandidat, um die Sinnhaftigkeit von Flimmer zu beurteilen: Denn ich schaue zwar leidenschaftlich gerne Filme, aber so gut wie nie Trailer, da diese für mein Empfinden selten ein verlässliches Bild über die Qualität eines Streifens abgeben. Fast 28 Millionen YouTube-Views des Trailers zum aktuellen Kinohit “The Dark Knight Rises” zeigen aber, dass durchaus ein Interesse an visuellen Appetithäppchen besteht. Eine kurze, nicht repräsentative Umfrage bei Twitter ergab ein gemischtes Bild, was die Haltung zu Trailern betrifft.

Grundsätzlich besteht aber augenscheinlich eine Nachfrage nach Trailern, und folglich auch an einem Portal, das sich auf diese spezialisiert. Allerdings existieren diese mit einschlägigen Filmplattformen wie Moviepilot oder IMDb bereits. Flimmers Alleinsstellungsmerkmal liegt somit im Versprechen, Anwender für das Anschauen der Trailer zu entlohnen. Doch werden sich wirklich genug User finden, die Stunden lang Vorschauclips über sich ergehen lassen, um anschließend Schafkopf spielen oder ein kostenfreies Kinoticket abgreifen zu können? Und wenn ja, würde diese Rechnung für Flimmer auch wirtschaftlich aufgehen?

Roland Emmerich ist prominenter Gesellschafter

In zwei Punkten unterscheidet sich das Berliner Startup allerdings von den nicht nachhaltigen “Get paid to surf”-Ansätzen der Vergangenheit: Es zahlt Anwendern keine Barbeträge aus, außerdem sind die Kinokette CineStar sowie “zahreiche Filmverleiher” Partner der jungen Firma, die obendrein mit Regisseur und Filmproduzent Roland Emmerich einen prominenten Investor vorweisen kann. Auch das Gründerduo hat eine tiefe Verankerung in die Filmwelt: Marco Kreuzpaintner wird auf der Seite als einer der “erfolgreichsten und zugleich be­kanntesten Regisseure Deutschlands” vorgestellt, und sein Companion Christopher Zwickler hat sich als Filmproduzent einen Namen gemacht. Diese direkte Verbindung in die Filmbranche wird sich positiv auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Startups auswirken, das Guthaben außerdem nicht in Form von Bargeld sondern über Produkte und Dienstleistungen auszahlen kann, die intern mit einem deutlich geringen Wert bemessen werden.

Flimmer scheint angesichts der engen Verbindung in die Branche vor allem ein Versuch der Filmindustrie zu sein, mehr Menschen in die Kinos (und Videotheken) zu locken. Daran gibt es grundsätzlich nichts auszusetzen. Auch der Gedanke, die Zielgruppe durch Fragen zu Trailern zum Engagement zu bewegen, ist nicht falsch. Doch noch wirkt Flimmer etwas lieb- und einfallslos. Was die Assoziationen zu den gescheiterten Aufmerksamkeit-gegen-Guthaben-Tauschmodellen eher verstärkt als abschwächt.

Link: Flimmer

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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6 Kommentare

  1. Sehr interessantes Konzept. Die Frage ist, warum man sowas nicht gleich weltweit ausrollt … ;-)

  2. Guten Tag,

    da ich selbst die Zeit der “verdiene Geld durch Werbebanner”-Zeit miterlebt habe, bin ich auch diesem neuen Geschäftsmodell gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Wie soll hierbei eine Manipulation ausgeschlossen werden? Das war genau das Problem aller anderen Systeme, die nach relativ kurzer Zeit Pleite gingen. Die Idee das Anschauen von Trailern zu bezahlen, halte ich aber für wirklich gut. Nur glaube ich nicht, dass sich dieses Geschäftsmodell lange halten wird.

    Grüße
    Sophie

    • Manipulation wird zumindest nicht leicht gemacht, da man nach dem Anschauen des Trailers nur 20 Seknden zur Beantwortung der Frage hat. Man muss also einerseits die Frage beantworten können, und dies andererseits auch sofort tun.

      Möglich, dass sich dafür ein Bot programmieren ließe. Ich würde mich aber nicht wundern, wenn auffälliges Verhalten zu einer (temporären) Sperrung des Accounts führt.

    • Hallo Martin,

      sicher hast Du Recht. Es ist nicht einfach, aber ein einigermaßen gut programmierter Bot würde das schon schaffen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie sich die Seite weiterentwickelt und werde sie im Auge behalten.

      Grüße
      Sophie

    • Ich habe einen Bot programmiert (mit Javascript und viel Zeit), der autonom die Fragen beantwortet und mit +50 Accounts arbeitet.
      Der Algorithmus ist supereinfach, besonders die Anmeldung am System; die haben nicht einmal Captchas.
      Meiner Meinung nach wird dieses System durch Typen wie mich bald den Bach runtergehen.
      Startup-Unternehmen haben’s aber auch nicht leicht…
      Gruß ultima_rat0

  3. Ich schau schon manchmal eine halbe Stunde am Stück Trailer, wenn ich eine Pause vom Arbeiten mache oder so. Ich kann gerad nur so gar nicht abschätzen, ob ich da alleine stehe. Eigentlich eins schönes Modell, das man gut erweitern kann z.B. im Sinne von Shareifyoulike…

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  1. [...] Flimmer weckt Erinnerungen an die Dotcom-Ära – Ganz ehrlich, das klang doch damals schon nach “verdienen Sie Ihr Geld im Schlaf, ohne dabei aufwachen zu müssen”.  [...]

 
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