Wenn 140 Zeichen nicht ausreichen:
Mit Branch und Medium zeitgemäß diskutieren und publizieren

Gleich zwei neue Projekte wurden in den letzten Tagen von den Twitter-Gründern Evan Williams und Biz Stone der Öffentlichkeit vorgestellt: Branch, eine Diskussionsplattform, welche Konversationen aus dem echten Leben mit den Vorzügen des Internets verbinden soll, und Medium, eine Plattform mit dem Ziel, die Art des Publizierens im Netz zu revolutionieren.

Als vor sechs Jahren Twitter das Licht der Welt erblickte, haben vermutlich nicht mal die Gründer selbst gedacht, dass eine so einfache Idee einmal so viel Popularität gewinnen könnte. Mit ihren zwei neuen Projekten Branch und Medium ist Evan Williams und Biz Stone unter dem Dach ihres neuen Unternehmens, der Obvious Corporation, aufgrund ihrer heutigen Erfahrung und Prominenz eine deutlich bessere Startposition gegeben.

Beim ersten Projekt namens Branch handelt es sich um eine Online-Diskussionsplattform, die direkt auf Twitter aufsetzt. Die Idee ist, die spannenden Konversationen aus der realen Welt mit der Kraft des Internets zu kombinieren. Dank erweiterter Zeichenbegrenzung sollen also inhaltsstarke Diskussionen – so genannte Branches – zu bestimmten Themen geführt werden, deren Ergebnisse für jedermann sichtbar sind. Im Gegensatz zum Twitter-Prinzip, bei dem man bestimmten Leuten folgt, folgt man bei Branch thematischen Strängen.

Maximal 750 Zeichen pro Branch

Das Ganze erinnert an die guten alten Foren, soll aber simpler und schöner funktionieren und sich besser in das digitalisierte Leben einfügen. So kann schnell aus einer auf Twitter begonnenen Diskussion ein eigener Branch erstellt werden, zu dem sich die relevanten Personen hinzufügen lassen. Praktischerweise werden die Tweets der Diskussion auch gleich in den Branch mit eingebunden, sodass jeder Leser auch später noch die komplette Diskussion nachvollziehen kann, ohne dass er sich mühsam durch die Konversationsansichten der Tweets einzelner Diskutanten klicken muss. Selbstverständlich können auch Medien wie Bilder und Videos direkt in einen Branch eingebunden werden, genauso wie Referenzen auf Artikel und Blogposts. Seitenlangem Epos wird durch eine Begrenzung auf 750 Zeichen dann aber doch ein Riegel vorgeschoben.

Voraussetzung für die Teilnahme an Branch ist ein Twitter-Account, doch auch mit dem klappts derzeit nur mit Invite, und wie üblich sind diese rar gesät (es kann sich jedoch lohnen, in einem existierenden Branch den Ersteller um Einlass zu bitten). In Kombination mit dem Vorsatz, die interessanten Konversationen aus der realen Welt mit der Stärke des Internets zu verbinden, lässt sich erkennen, das hier versucht wird, zunächst einmal nur engagierte Teilnehmer herein zu lassen und hochqualitative erste Diskussionen zu beginnen, um der breiten Masse später ein guten und lebendigen ersten Eindruck von Branch zu vermitteln. Ohne den wirkt Branch nur wie ein tausendster Versuch, Diskussionen online zu ermöglichen, wozu sich jeder mit eigenem Server auch schnell ein Bulletin Board oder alternativ gar eine Facebook-Gruppe einrichten könnte. Selbst als eigene Plattform ist die Idee nicht neu, ähnliche Angebote sind zum Beispiel Menshn oder Quora. An diesen Beispielen sieht man: Diskussionsplattformen sind immer nur so gut wie ihre Teilnehmer.

Unterschiede zu bisherigen Diskussionstools

Zwei durchaus signifikante Unterschiede zu den bisherigen Online-Diskussionstools gibt es aber: Erstens lässt sich aus einzelnen Einträgen eines Branches einfach ein neuer Branch erstellen – so werden Offtopic-Debatten schnell zur eigenen Diskussionen, was der Übersicht aller Themen zuträglich ist. Zweitens kann nur der Branch-Ersteller Partizipanten hinzufügen, und jeder Teilnehmer kann derzeit genau eine weitere Person zu diesem Branch einladen. Auch darüber soll vermutlich die Qualität der Beiträge hochgehalten werden, indem nur Personen mit interessanten Ansichten oder tiefergehender Kenntnis teilnehmen. Doch hier liegt auch der Hase im Pfeffer, wenn es für Branch darum geht, sich als interessante neue Plattform darzustellen: Im Moment wirkt es noch wie eine höchst elitäre Plattform, auf der sich nur große Namen und Leute, die etwas zu sagen haben, aufhalten. Genauso wie die Teilnehmerzahl ist auch die Aktivität auf der Plattform noch recht mager – dabei gäbe es gerade jetzt einige weltweit interessante Themen, die diskutiert werden könnten – leidet finden sich aber vorrangig Content zu relativ allgemeingültigen Themen oder sehr Twitter-spezifischer Inhalt auf der Startseite, was sicherlich auf die Homogenität der wenigen bisher präsenten Nutzer zurückzuführen ist.

Insgesamt lässt sich bis jetzt nur sagen, dass die Idee für Branch – obwohl keineswegs neu – ganz gut umgesetzt wurde, doch dass die Betreiber auch aufpassen sollten, die Schrauben an der künstlichen Einlasssperre nicht zu stark anzuziehen, um nicht direkt nach dem Debüt schon wieder in der Versenkung zu verschwinden. Die bisherige Berichterstattung bezieht sich fast ausschließlich darauf, dass das Projekt von den Twitter-Gründern lanciert wurde und fokussiert sich jetzt schon nur schwach auf den thematischen Inhalt. Sofern sich daran nichts ändert, ist die heiße News bald kalt und die Plattform damit von der Bildfläche der Wahrnehmung verschwunden, bevor eine kritische Masse an weltweiten Nutzern erreicht ist.

Medium ist Bloggen, aber anders

Der zweite Streich der beiden Twitter-Gründer heißt Medium. Dabei handelt es sich um einen Service, der einfachen Zugang zum Bloggen ermöglicht und dabei noch auf ein sehr ansprechendes Design setzt. Dieses Projekt wird vor allem für Evan Williams eine Herzensangelegenheit sein. Dieser war 1999 Mitbegründer von Pyra Labs, die Blogger.com ins Leben riefen, bevor der Dienst 2003 von Google übernommen wurde.

Der Ansatz von Medium mag einen an viele bekannte Blogplattformen erinnern, unter anderem an das von Twitter selbst aufgekaufte Posterous. Doch es gibt tatsächlich einige zentrale Unterschiede zu bisherigen Anbietern: Zunächst einmal existieren bei Medium keine klassischen Blogs, sondern nur Beiträge. Die Beiträge einer Person sammeln sich nicht in deren Blog, sondern werden allgemeinen Kollektionen zugeordnet, zu denen alle Nutzer von Medium beitragen. Ein Beispiel ist “When I Was a Kid”, eine Sammlung von Geschichten aus der Kindheit von vielen Nutzern.

Auch klassische technische Blogfeatures wie RSS-Feeds, Kommentare oder gar Trackbacks fehlen. Statt Kommentaren sollen die Nutzer lieber gleich einen eigenen Beitrag verfassen, was mit Medium wirklich einfach ist. Die Hürde einer Registrierung entfällt für Twitter-User, da der Account nur mit Medium verbunden werden muss. Auch das Erstellen eines Profils spart man sich, denn es gibt schlicht keine Nutzerprofile. Anwendernamen verlinken auch hier direkt auf die Twitter-Seiten. Das Erstellen von Beiträgen braucht keinerlei Vorkenntnisse, nicht einmal irgendwelche Symbole müssen verstanden werden, und es präsentieren sich einem lediglich drei Buttons, wie man im von Dave Winer veröffentlichten Screenshot der Eingabemaske sehen kann.

Leser finden als einzige auf der Seite sichtbare Reaktionsmöglichkeit einen Button, um “Kudos” zu vergeben. Dies entspricht vom Prinzip her etwa dem Like-Button von Facebook als Ein-Klick-Geste. Durch die Anzahl von Kudos werden die interessantesten Beiträge der Kollektionen bestimmt, die sich dann weiter oben auf der Startseite platzieren. Für den Leser ergibt sich daraus der Vorteil, beim Stöbern leicht die wirklich interessanten Artikel der Plattform entdecken zu können, denn die Kollektions-Seiten lassen sich nach Interessantheit oder Aktualität sortiert anzeigen. Somit will Medium nicht nur für die Publizisten durch seine Einfachheit bestechen, sondern auch die Auffindbarkeit guter Artikel für die Leser verbessern. Dies wiederum gibt den Autoren guter Inhalte die Chance auf mehr Feedback und steigert damit ihre Motivation, weitere Beiträge auch direkt bei Medium zu publizieren.

Work in Progress

Doch laut Evan Williams soll es das noch längst nicht gewesen sein, denn die ständige Weiterentwicklung und Veränderung von Funktionen ist Teil des Plans. Man möchte vor allem anhand des Nutzerverhaltens die Plattform stetig verbessern, um ein an die aktuelle Zeit angepasstes Tool bereitstellen zu können. Bereits vor 13 Jahren mit der Veröffentlichung von Blogger.com gelang es ihm, eine neue Idee sehr gut umzusetzen. Richtigerweise hat er erkannt, dass die vergleichsweise komplizierte Nutzungsweise klassischer Bloggingangebote den heutigen Bedürfnissen vieler User nicht mehr entspricht, und dass deshalb etwas deutlich Einfacheres her muss. Lediglich die sukzessive Freigabe des Tools an die breite Masse könnte dem großen Durchbruch einen kleinen Dämpfer verpassen, da die mediale Aufmerksamkeit ihren Höhepunkt bereits erreicht hat und trotzdem nicht unbedingt ein Ansturm auf Medium zu beobachten ist. Allerdings kann ein Grund hierfür auch darin liegen, dass derzeit nur ein kleiner Kreis an Testnutzern selbst Inhalte veröffentlichen darf.

Medium könnte das hochgegriffene Ziel einer “Revolutionierung des Bloggens” – oder besser gesagt: des Publizierens – tatsächlich gelingen, denn Dank der gefallenen Einstiegshürden sowie dem fehlenden Druck, ein eigenes Blog permanent befüllen zu müssen, dürften weit mehr Leute zunächst ein Mal, dann auch zwei oder drei Mal Inhalte bei Medium publizieren. Dies spricht vor allem Leute an, die eine einfache Möglichkeit suchen, ihre Texte oder Bilder unkompliziert einer breiten Masse zugänglich zu machen. Medium erfüllt damit ein bestehendes Bedürfnis für Menschen, die nicht unbedingt regelmäßig ihre Meinung in langen Texten verbloggen wollen und sich deshalb noch nicht mit bestehenden Diensten zum einfachen Aufbau eines eigenen Blogs beschäftigt haben. Gleichzeitig genügt es den hohen ästhetischen Ansprüchen, den eine wachsende Zahl an Usern heute an eine zeitgemäßige Publikationsplattform haben.

Links: Branch, Medium

 

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3 Kommentare

  1. «Medium» fordert für die Anmeldung unter anderem das Recht, das eigene Twitter-Profil ändern und Tweets im eigenen Namen veröffentlichen zu können – einen solchen Dienst sollte man, auch im eigenen Interesse, boykottieren.

  2. Was mir an netzwertig.com gefällt, ist dass man in den allermeisten Fällen vernünftig über neue Dienste und Plattformen informiert wird, ohne dass einem dazu gleich irgendeine Meinung aufgedrängt wird. Wenn, werden unterschiedliche Perspektiven angeboten, sodass sich jeder selbst ein Urteil bilden kann. Heutzutage eher eine Seltenheit – weiter so!

2 Pingbacks

  1. [...] Twitter auf und ist als Diskussionsplattform konzipiert worden. Diese Art von Plattformen ist laut netzwertig nichts Neues, jedoch kann z.B. aus einzelnen Themen schnell ein neuer Branch erstellt werden. Die [...]

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