Digitale Nomaden:
Als Startup-Gründer mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien

Kann man mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien fahren und nebenbei mit Smartphone und Notebook als Startup-Gründer und Projekt-Mitorganisator arbeiten? Thomas Jakel probiert es aus. Hier berichtet er über seine bisherigen Erfahrungen als “digitaler Nomade”.

Thomas Jakel ist Geschäftsführer zweier Startups und Mitorganisator der Startup Olympics. Mehr über den Autor am Ende des Artikels.

Im November vergangenen Jahres entschloss ich mich, eine Fahrradtour von Deutschland nach Indien zu machen. Für einen guten Zweck. Ich war enthusiastisch. Nur eine große Frage stellte sich mir: Würde ich von unterwegs arbeiten können? Und wenn ja, wie? Inzwischen sind meine drei Mitstreiter und ich unterwegs. Acht Länder haben wir bereits durchquert. Zur Zeit fahren wir durch den Iran. Zehntausend Kilometer von Berlin nach Indien.

Was das mit Onlinebusiness und der Netzwelt zu tun hat? Ich arbeite unterwegs im Internet. Als Geschäftsführer von zwei Berliner Startups muss ich trotz der Fahrradtour prinzipiell erreichbar bleiben. Für meine Tour nehme ich keinen Urlaub. Stattdessen versuche ich mein digitales Leben so zu organisieren, dass die wichtigsten Dinge immer noch erledigt werden. Ich bin auf der Suche nach Internetzugängen in Bulgarien, Rumänien, der Türkei und aktuell im Iran. In diesem Artikel beschreibe ich, wie es sich unterwegs arbeitet, wie ich mich organisiere und wie ich gleichzeitig mit dem Fahrrad durch Europa und Asien fahre.

Planung ist gut, aber es kommt trotzdem anders

Die Tour nach Indien habe ich von Berlin aus geplant. Neuntausend bis zehntausend Kilometer. Bei einer täglichen Durchschnittstrecke von siebzig Kilometern bräuchten wir vier Monate. Bei fünfzig Kilometern sechs Monate. Bei hundert Kilometern pro Tag, drei Monate. Im Januar dieses Jahres plante ich noch mit siebzig Kilometern pro Tag. Würde ich die im Alleingang fahren, bräuchte ich täglich vier Stunden. Vielleicht von morgens um acht bis in den frühen Nachmittag. Mit Pausen. Danach hätte ich täglich Zeit, an meinem Onlinebusiness zu arbeiten. Irgendwo wo es Internet gibt. So mein Plan.

Wer zum ersten Mal eine längere Radtour macht, der kann zwar viel planen. Letztendlich kommt aber alles etwas anders, als man denkt. Wir fahren zu viert. Erik, Johann, Maushami, die einzige Frau im Team, und ich. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit inklusive Ruhetage ist niedriger, als ich gedacht hätte, und liegt um die fünfzig Kilometer pro Tag. Wenn wir fahren, schaffen wir pro Tag zwischen fünfzig und hundert Kilometer. Dafür brauchen wir meistens von morgens bis abends. Es bleibt wenig Zeit zum Arbeiten.

Mobiler Arbeitsplatz

Als wir in Deutschland starteten, hatte ich noch meine Mobil- und Internetflatrate. Vom Fahrrad aus skypen, unseren Salesmanager über die Entwicklung der Zahlen ausquetschen und mit der Freundin telefonieren – kein Problem. Ab Österreich nutzte ich kein mobiles Internet mehr. Mir für Österreich, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien jeweils eine SIM-Karte zuzulegen, war mir zu anstrengend. Oft blieben wir nicht viel länger als eine Woche in jedem der Länder. In Deutschland hatte ich mir zwar für Mittel- und Osteuropa eine Telekom-SIM-Karte organisiert, mit der ich für sieben Euro pro Tag Internettagespässe kaufen kann. Aber seit ich in Österreich erkannte, dass ich die Internetfunktion erst online freischalten musste, und wir in der Regel ohnehin unterwegs Hotspots fanden, lag die SIM ungenutzt in einer meiner Fahrradtasche.

Statt mobiles Internet zu verwenden, machte ich es in Osteuropa zur Routine, in der Mittagspause Hotspots zu suchen. Und zu arbeiten. In vielen Restaurants gibt es WLAN. Da wir meistens nur kurz Netz haben, muss ich mich auf die wichtigsten Aufgaben konzentrieren. Erledigt wird nur, wofür ich wirklich Internet benötige. Alles andere muss warten oder wird offline erledigt – 80/20. Auf einem Foto, das in Rumänien geschossen wurde, ist mein Zelt in der Nacht von innen hell erleuchtet. Der Laptop strahlt wie eine Zimmerbeleuchtung. Ich tippte an einem Artikel. Nur nachts und mittags zu arbeiten, ist an sich kein Problem. Irgendwie schaffe ich mein Arbeitspensum auch offline.

Thomas Jakel (links) und seine MitstreiterMails ziehe ich mir auf mein Notebook und beantworte sie offline. Aufgaben, die ich offline vorbereite, liegen schon in der Outbox, wenn ich das nächste Mal Internet habe. Mit dieser Stop-and-Go-Internet Strategie kam ich gut durch die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Dann folgte die Türkei, und jetzt der Iran. Hinter Ankara wurden die Internetzugänge deutlich knapper.
Iran blockt Facebook und Youtube. Es wurde schwieriger, unsere Community auf dem Laufenden zu halten. Schon in Rumänien lud ich mir den Tor-Browser runter, mit dem ich die iranische Internetzensur umgehen kann. Der Rest des Teams vergaß es. Für die ersten Tage im Iran war ich der Einzige, der auf Facebook zugreifen konnte.

Mit der Zeit lernt man dazu, was das mobile Arbeiten angeht. Mit Evernote mache ich mir Notizen und schreibe Texte auf meinem Telefon. Die synchronisiere ich auf meinen Computer, sobald ich Internet habe. Voicenachrichten werden mein Lieblingstool für Interviews. Ich nehme die Antworten auf und lasse sie später transkribieren. Für den Fall, dass meinem Telefon der Saft ausgeht, habe ich ein geladenes Battery-Pack. Es reicht aus, um mein Android-Gerät zweimal voll zu laden.

Mobiles Internet mit vier Kb/s

Seit zwei Wochen nutze ich jetzt bereits mobiles Internet im Iran. Wenn ich Glück habe, reicht die Verbindung, um einen persönlichen WLAN-Hotspot einzurichten. Die Verbindung gibt vier Kb/s her. Im besten Fall. Wenn ich Pech habe, lädt gar nichts. E-Mails empfangen ist mit Outlook leichter als E-Mails senden. Zumindest wenn ich das Telefon als Hotspot nutze. Aber irgendwie reicht es, um das Wichtigste zu erledigen. Aufgaben, die mehr Zeit erfordern, mache ich an Ruhetagen, die wir bei Freunden, Couchsurfern oder in Hotels verbringen. In Notfällen bin ich auf Handy zu erreichen. Über Facebook schreibe ich auch mit anderen Radfahrern. Zum Beispiel mit Gijs Stevers, der unter dem Slogan “from cape to cape” mit dem Fahrrad von Norwegen nach Kapstadt fährt und nebenbei an Schulen über die globale Energiezukunft lehrt. Er schreibt mir, dass er mit dem Internetzugang kein Problem hat. Er fährt solange durch die Gegend, bis er ein offenes Netz findet, und öffnet dort seinen Laptop. Das klappt in Europa und der Türkei. Ich bin gespannt, ob die Strategie im Sudan und Äthiopien aufgeht.

Die Vorteile der eingeschränkten Netzpräsenz

Im Iran geht gerade der Ramadan zu Ende. Noch fasten die Iraner. Ich auch. Mein Verzicht ist digitaler Natur. Aber wie das Fasten hat auch eingeschränkter Internetzugriff seine guten Seiten. Ein Phänomen, das ich schon des Öfteren erlebt habe, beobachte ich jetzt erneut: Sobald ich deutlich weniger Zeit online verbringe und Mails nur mit Pausen von mehreren Tagen bearbeite, bekomme ich deutlich weniger Mails. Probleme tauchen auf und verschwinden nach zwei Tagen wie von alleine, ohne dass ich eine Antwortmail schreiben muss.

Ich überlege, wie ich mir diese Erkenntnis im Alltag in Deutschland zunutze machen kann. Außerdem nehme ich mir durch den Mangel an Internet deutlich mehr Zeit zu schreiben, als in Deutschland. Wenn ich arbeite, bin ich in der Regel komplett fokussiert. Ablenkungen wie Mails, Skype, Facebook oder Telefon spielen keine Rolle. Meine Produktivität steigt.

Informationen, denen ich vorher nur relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätte, werden bedeutender. Viele Seiten lade ich, wenn ich Internet habe, und lese die Artikel dann offline. Zu Hause hätte ich die Artikel in verschiedenen Tabs geöffnet, nur um einen Großteil dann doch nicht zu lesen. Einige Sachen bleiben aber durch die Tour auch schlichtweg liegen. Ein halbes Jahr Verzögerung kann bei einigen Projekten schon ziemlich lange sein. Bei anderen wiederum kommt es auf sechs Monate nicht an.

Fazit

Ich bin überrascht, wie gut die Kommunikation trotz der Einschränkungen funktioniert. Selbst in wüstenartigen Gebieten nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, ist eine interessante Erfahrung. Die Tatsache, dass ich ein halbes Jahr auf dem Fahrrad lebe und gleichzeitig noch relativ viel in Deutschland bewegen kann, ist für mich augenöffnend. Allerdings stehen uns die größten Herausforderungen noch bevor. Sowohl die Wüste im Südosten Irans, als auch die pakistanische, afghanische Grenzregion könnten noch einige Überraschungen für uns bereithalten.

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Über den Autor:
Thomas Jakel, 26, ist Geschäftsführer von Strandschicht und dem Idea Camp. Unter dem Titel ‚Guts for Change‘ fährt er mit dem Fahrrad nach Indien, um Spenden für den Bau von Trockentoiletten zu sammeln. In Deutschland ist er Mitorganisator der Startup Olympics, einem Startup Workshop, für Gründer/innen und alle die es werden wollen.

 

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5 Kommentare

  1. Danke für diesen interessanten Beitrag! Klingt sehr spannend und beantwortet eine Frage die ich mir immer stellte: Nämlich ob der Laden weiterlaufen kann. Scheinbar ja, jedenfalls wenn man gut aufgestellt ist. Weiter so!

  2. Hallo Dominik,

    vielen Dank für die aufmunternden Worte. Ja, der Laden kann schon weiterlaufen. Aber es ist eine Herausforderung und es hilft, wenn man das Unternehmen zu zweit führt oder zumindest eine Vertretung für Notfälle hat.

    Viele Grüße aus Esfahan

    • Hallo Thomas, schöne und spannende Sache das. Ich habe schon aus der brand eins von deinem Trip und deinen Kollegen gehört. [Der Artikel steht im aktuellen Heft und müsste im September auf brandeins.de online gehen.] Das macht auf jeden Fall neugierig. Ich habe mich schon gefragt wie ich bei euch einsteigen könnte ;) Was die Probleme angeht, die sich von selbst lösen: Sind die Sachen dann wirklich zufriedenstellend gelöst oder staut sich da doch was auf? Oder sind es eher die Geschäftspartner, die sich statt deiner darum kümmern?

      Ich wünsche noch eine gute Reise.

  3. Hallo Chris,

    danke für das Kommentar. Vorschläge wie Du bei uns einsteigen könntest gerne per Mail an mich. Am besten über das Kontaktformular auf unserer Seite gutsforchange.de

    Ja, einige Sachen werden einfach gelöst, weil Personen Verantwortung übernehmen oder Probleme die eigentlich gar keine sind einen nicht sofort erreichen und sich schon wieder erledigt haben, wenn man dazu kommt sich damit zu beschäftigen.

    Aber einige Sachen bleiben eben auch liegen und können erst später angegangen werden. Oder es müssen Partner einspringen. Aber ich glaube das ist eher der kleinere Teil der Aufgaben.

    Beste Grüße

    Thomas

  4. Wunderbarer Artikel, der mich fantasieren lässt, auch mal so etwas zu machen – und der zeigt, dass man sein E-Mail-Nutzungsverhalten vielleicht überdenken muss.

2 Pingbacks

  1. [...] Zeit unterwegs auf einer Fahrradtour von Berlin nach Indien. Wie er dabei sein Unternehmen leitet, beschreibt er bei netzwertig.com.Sich auch mal Fehler gönnen und herumprobieren, Spaß haben an der Arbeit und auch immer wieder zur [...]

  2. [...] speziell ist es mir wichtig überall leben und ortsunabhängig arbeiten zu [...]