Reputationsmessung:
Klout und der Spagat zwischen
Netz- und “Offline”-Einfluss

Klout, der bekannteste Dienst zur Reputationsmessung, verändert den Algorithmus und möchte mit seinem Scoring nun stärker abbilden, wie viel Einfluss Menschen außerhalb der Netzwelt besitzen. Ein Spagat, der Kompromisse notwendig macht.

Eine der größten Schwächen von Klout, dem bekanntesten Werkzeug zur Reputationsmessung im Netz, war es bisher, nicht unbedingt den wahren Einfluss einer Person im realen Leben darstellen zu können. Die Klout Score – ein Wert zwischen 1 und 100 – ergibt sich aus einer Reihe von Signalen und Daten aus den sozialen Netzen und lieferte bisher vor allem eine Aussage darüber, wie viel Reichweite und Anhänger ein Mensch im Internet hatte, aber nicht, auf welcher Hierarchiestufe er außerhalb des Webs stand. Der kanadische Sänger und Schauspieler Justin Bieber rangierte mit einer sonst unerreichten Klout Score von 100 vor sämtlichen Regierungschefs, Konzernlenkern und sonstigen Entscheidern, ganz einfach weil er bei Twitter und auf anderen Kanälen eine immense Gefolgschaft um sich geschart hat. Ein Tweet von ihm reicht beispielsweise aus, um ein Startup an die Spitze der App-Charts zu katapultieren.

Doch weil Klouts Algorithmus leicht künstlich zu erhöhende Metriken wie Followers, Retweets oder Likes für die Errechnung der Score priorisiert, war er relativ leicht zu überlisten. Selbst Spammer mit erkauften Followern konnten in kurzer Zeit auf eine ansehnliche Klout Score kommen, was nicht unbedingt die Glaubwürdigkeit des Scorings erhöhte. Hinzu kam, dass einige der mächtigsten Menschen dieses Planeten aufgrund geringer Aktivitäten im Social Web nur eine mässige Klout Score vorweisen konnten und damit zumindest nach Beurteilung des Startups aus San Francisco weniger Einfluss hatten als einschlägige Netzprominente.

LinkedIn-Profilen und Wikipedia-Seiten erhalten hohen Stellenwert

Mit der bisher umfangreichsten Nachbesserung am Algorithmus ändert sich dies. In einem Blogbeitrag erläutern die Kalifornier die seit Dienstag greifenden Veränderungen, welche sich signifikant auf die Klout Score der meisten Anwender auswirken dürften und nebenbei auch eine neu gestaltete Website mitbringen. Ab sofort möchte Klout stärker als bisher die Reputation im “realen Leben” wiedergeben. Erreicht werden soll dies über eine Neubewertung und Neugewichtung der der Klout Score zugrunde liegenden Daten und Quellen. Neu ist unter anderem eine stärkere Berücksichtigung von LinkedIn-Profilen sowie eine Einbeziehung von Wikipedia-Seiten. Nicht jede im Web bekannte Persönlichkeit besitzt einen Eintrag bei dem Onlinelexikon, und wenn doch, dann erhalten diese deutlich weniger eingehende Links als die Wikipedia-Artikel von außerhalb der digitalen Welt einflussreichen Menschen. Von Facebook, Twitter und Google+ fließen zudem einige bisher nicht beachtete Metriken in die Klout Score ein.

Auf dieser Seite erläutert das Unternehmen, wie sich der Wert zusammensetzt. Dort findet sich auch eine Auflistung der Grundprinzipien, nach denen Klout die Reputation analysiert. Klout erklärt dort etwa den Unterschied zwischen Aktivität und Einfluss und unterstreicht, dass es Letztgenanntes ist, was die Klout Score wiederspiegeln soll.

Barack Obama vor Justin Bieber

Das Resultat des neu justierten Klout-Algorithmus führt zu interessanten Veränderungen: Barack Obama nähert sich mit einer Klout Score von 99 der absoluten Topmarke, was als Präsident der Vereinigte Staaten auch gerechtfertigt sein dürfte. Bisher lag er mit einem Wert von 94 sechs Punkte hinter Justin Bieber. Dieser wiederum verliert seine Spitzenposition von 100 und muss sich nun mit 92 zufrieden geben. Googles ehemaliger Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt veröffentlicht kaum mehr als maximal einen Tweet pro Monat, erreicht nun aber eine Klout Score von 81. Die Ex-Googlerin und jetzige Yahoo-Vorstandsvorsitzende Marissa Mayer liegt mit 84 drei Punkte vor Schmidt.

Einfluss ist relativ

Ob beide im Reputationsranking tatsächlich hinter dem Jungstar Bieber Platz nehmen sollte, hängt von der Perspektive ab. Biebers über 26 Millionen Twitter-Follower lassen Schmidt und seine gut 500.000 Follower sowie Mayer und ihre 200.000 Follower alt aussehen. Dennoch könnte man argumentieren, dass Aussagen und Entscheidungen von Schmidt und Mayer sehr viel signifikantere Auswirkungen auf andere Menschen haben als die eines Popmusikers im Teenager-Alter. Andererseits weiß der 18-jährige Bieber Millionen Mädchenherzen in Wallungen zu bringen – eine Kunst, die Schmidt in diesem Leben garantiert nicht mehr lernen wird. Einfluss ist relativ. Mit dem Update versucht Klout, dieser Tatsache Rechnung zu tragen, kommt jedoch um einen Spagat zwischen Netz- und “Real Life”-Reputation nicht herum. Solange es noch deutliche Diskrepanzen bei der Reputation von Menschen online und offline gibt, werden die Kalifornier mit ihrem Scoring immer wieder Widersprüche erschaffen.

Grundsätzlich sind die Justierungen jedoch zu begrüßen, da sie die Klout Score von Berühmtheiten zumindest ansatzweise mit dem angesichts ihrer Bekanntheit subjektiv wahrgenommenen Sollwert in Einklang bringen. Gleichzeitig werden Spammer und Betrüger es künftig schwerer haben, ihre Klout Score durch unredliche Maßnahmen aufzuhübschen.

Zur Erinnerung: Jeder im Social Web aktive Nutzer erhält automatisch eine Klout Score. Wer dies nicht möchte, muss einen manuellen Opt-Out durchführen – was ironischerweise erst einen Login bei dem Dienst erfordert. Der einfachste Weg, um ohne eine Registrierung eure Klout Score abzufragen, ist über eine Google-Suche site:klout.com “gesuchter Name”

Der britische Klout-Konkurrent PeerIndex wird nun nachziehen müssen. Allerdings zeigt ein Blick auf die Profile von Barack Obama und Justin Bieber, dass der US-Präsident dort bereits vor dem kanadischen Jungstar rangiert – allerdings nur mit einem hauchdünnen Vorsprung.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Wie du richtig sagst, Einfluss ist relativ. Bin mir nicht sicher, ob es sinnvoll ist, alle möglichen Arten von Einfluss zu mischen. Ein besserer Spamschutz wäre es, den Wert von Likes, Mentions etc. vom Klout Score des Absenders abhängig zu machen.

  2. Die Google-Suche nach klout-Score plus Namen führt mich übrigens auf eine Seite, bei der ich die Facebook-App von klout zulassen soll um überhaupt die Seite zu sehen – auch, wenn man gar nicht bei FB eingeloggt ist. Ohne die App zuzulassen scheint man also keineswegs seinen klout-Score auch nur sehen zu können… Oder?

  3. Echter Onlineeinfluss ist doch ohne Offlineeinfluss, also nicht von diesem abgeleitet, gar nicht möglich. Denn schließlich passiert auch die Wahrnehmung dessen, was online passiert: offline.

5 Pingbacks

  1. [...] sonst? Klout ist ein wenig neu, Nutzungsbedingungen können auch schön sein. Die FAZ macht sich zum Deppen (der [...]

  2. [...] sogar verbessern, indem ihr euch Follower und Freunde auf Seiten wie BuyKlout gekauft habt. Klouts neuer Algorithmus, im August vorgestellt, soll solchen Methoden angeblich den Riegel vorschieben. Sich dem Irrsinn [...]

  3. [...] seinem Scoring nun stärker abbilden, wie viel Einfluss Menschen außerhalb der Netzwelt besitzen (netzwertig.com). [...]

vgwort