identi.ca vs App.net:
Manchmal lohnt es sich,
das Rad neu zu erfinden

Der gerade im Rampenlicht stehende Twitter-Konkurrent App.net erfindet das Microblogging-Rad neu und verlangt dafür von Nutzern sogar Geld. Das mag befremdlich anmuten, hat aber seine Berechtigung.

App.net ist das Gesprächsthema des Tages in Tech- und Social-Media-Kreisen. Doch eine Frage in Bezug auf das Konzept der werbefreien Twitter-Alternative war absehbar: Wieso sollen Nutzer für einen vom Funktionsumfang wenig beeindruckenden Microbloggingdienst Geld auf den Tisch legen, wenn sie existierende, offenen Twitter-Kontrahenten wie StatusNet beziehungsweise identi.ca kostenfrei nutzen können?!

In der Tat hat App.net in Bezug auf Features in seiner bisherigen Alpha-Version nichts wirklich Revolutionäres zu bieten, und im Gegensatz zu dem Neuling handelt es sich bei StatusNet um eine Open-Source-Software für Microbloggingdienste, die jeder auf einem Server betreiben kann. identi.ca ist die bekannteste Implementierung von StatusNet.

Also: Warum versorgen tausende Twitter-Kritiker App.net per Crowdfunding mit dem notwendigen Startkapital, wenn sie auch einfach und ohne Bezahlung ein Konto bei identi.ca oder einer anderen StatusNet-Implementierungen eröffnen könnten? Wieso das Rad neu erfinden, wenn es doch schon existiert?

Die Antwort: Weil Projekte, die wie StatusNet oder identi.ca schon einige Jahre existieren und in dieser Zeit nicht die notwendige kritische Masse für durchschlagenden Erfolg außerhalb ihrer kleinen Nische erreichen konnten, dies mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft nicht vollbringen werden. Von Ausnahmen wie Pinterest abgesehen steht jedem Onlinedienst, der auf der Vernetzung der Anwender basiert, ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung, um den so genannten Tipping Point zu erreichen, ab dem die Nutzerzahlen exponentiell wachsen. In dieser Phase ist das Medieninteresse und die Neugier der Early Adopter am größten. Mit jedem Monat, der vergeht, ohne dass frühzeitige Mitglieder das Gefühl erhalten, dass stetig weitere Anwender eine neue Plattform bevölkern, wächst ihre Enttäuschung, während parallel die öffentliche Aufmerksamkeit – der “Buzz” – abnimmt oder eine negative Färbung erhält.

Das mangelnde Vertrauen in identi.ca als Grundlage für den nächsten weltumspannenden Microbloggindienst ist vergleichbar mit dem wiederholten Unvermögen eines Kollegen, ein bestimmtes Projektziel nicht zu erreichen. Wer zweimal ein Projekt verspätet und nicht entsprechend der Vorgaben abgeliefert hat, dem werden Vorgesetzte beim dritten Mal kaum noch zutrauen, es nun besser zu machen.

Social-Web-Angebote – egal ob kommerziell oder Non-Profit, egal ob mit zentraler oder dezentraler Struktur – denen es in der wichtigen Startphase nicht geglückt ist, ihr anfängliches Momentum in eine für das Einsetzen von Netzwerkeffekten notwendige Nutzerzahl umzumünzen, sind für alle Zeit gebrandmarkt. Ein kassisches Beispiel hierfür ist auch diaspora, das trotz anfänglicher Dauerpräsenz in Tech- und Mainstreammedien nicht zu der angestrebten Facebook-Alternative wurde. Mit der Unterstützung von Y Combinator, einem für viele Startup-Erfolge verantwortlichen US-Inkubator, und einem leicht veränderten Ansatz versucht sich diaspora nun an einem neuen Anlauf. Das kann durchaus klappen, wird aber angesichts nicht vorteilhafter Assoziationen mit dem Projekt diaspora extrem schwierig.

Manchmal kann es sich lohnen, mit einem unbeschriebenen Blatt Papier neu zu beginnen, anstatt sich an den bereits mit Ideen vollgekritzelten Zettel zu klammern, in der Hoffnung, doch noch die ultimative Lösung für ein Problem zu finden. App.net ist ein solch weißes Blatt. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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6 Kommentare

  1. ich bleib lieber bei Identi.ca :-)

  2. danke papa, jetzt verstehe ich.

  3. Ich würde mal identi.ca noch nicht abschreiben.
    Ich hatte bis vor kurzem noch nicht mal davon gehört – und finde das Konzept aber sehr interessant. Die Mainstream-User entwickeln ja gerade erst einmal das Gefühl, vielleicht nicht ewig an einen einzigen kommerziellen Anbieter (Twitter, Facebook) gebunden sein zu wollen.
    Und das wirklich große Wachstum kommt erst, wenn die Mainstream-User switchen.

  4. Dass Identica bisher keine “kritische Masse” erreichen konnte liegt doch wohl nicht an seiner Featureausstattung sondern allein an der Dominanz von Twitter. Es gab ja tatsächlich aus reiner anwendungsorientierter Nutzerperspektive kein Grund ein en weiteren Dienst zu nutzen. Allein der OS-Gedanke war ein Grund weshalb viele Menschen Identica verwenden, weshalb auch hier der klare Themenschwerpunkt des Dienstes liegt. Das hatte ja auch dieser andere, eigentlich ambitionenierte Dienst, dessen Name mir grad nicht mehr einfallen will, zu spüren bekommen.
    Nun ist es aber so, dass gerade in letzter und vermutlich auch in nächster Zeit, Twitter immer öfter durch ungeliebte Änderungen der Features und was die API angeht in Erscheinung tritt. Von daher sehe ich keinen Grund weshalb sich nicht in Zukunft vielleicht doch viele, bisherigen Twitter-Nutzer stattdessen Identica zuwenden sollten. Dass ein neuer Dienst aufgrund seiner Neuheit bessere Ausgangsbedingungen hat, sehe ich dabei nicht wirklich. Vor allem weil es zwar einen schleichenden, aber doch wachsenden Trend, hin zu OS gibt.

  5. Entschuldigt die Fehler. Am Smartphone kommentiert es sich dann doch nicht ganz so gut. Vor allem ist j a auch Twitter, in Deutschland zumindest, noch immer Randerscheinung und weit davon entfernt Massendienst zu sein. Daher ist das Feld in diesem Bereich längst nicht so abgesteckt wie es bei Sozialen Netzwerken und Suchmaschinen der Fall ist. Wobei mir natürlich schon klar ist, dass neue Nutzer derzeit erstmal zu Twitter und nicht zu einem anderen Microblogging-Dienst gehen. Und dass Identica oder auch App.net oder sonst irgendein anderer Dienst demnächst hier der neueste, heiße Scheiß sein wird, wo alle hinrennen, ist wirklich nicht zu erwarten.

    • Die Frage ist doch, wie identi.ca Momentum aufbauen will? StatusNet, zu dem identi.ca ja mittlerweile gehört, fehlen finanzstarke Fürsprecher. Zumindest sehe ich diese nicht außerhalb der Open-Web-Community in Erscheinung treten.

4 Pingbacks

  1. [...] in dieser Woche im Zuge des baldigen Starts von App.net, dass es sich manchmal eben doch lohne, das Rad neu zu erfinden. Das haben Stone und Williams mit Medium nicht getan. Aber sie haben bestehende Konzepte noch [...]

  2. [...] wenn Weigert Status.net (bzw. idenit.ca ) in seinem Artikel » identi.ca vs App.net: Manchmal lohnt es sich, das Rad neu zu erfinden « meilenweit von einem mystischen Tipping-Point entfernt sieht[2] ist es doch neben diaspora [...]

  3. [...] deutscher Wirtschaft» Auswärtiges Amt wirbt mit Startup-Szene App.net App.net – die Neuerfindung der Microblogging-Rads – gibt einen Zwischenbericht. Immerhin 17500 Benutzer haben immerhin 250.000 Updates [...]

  4. [...] erleiden, an dessen großen Durchbruch nach vielen Jahren der Existenz in einer sehr engen Nische einfach nicht mehr zu glauben ist.Zur Erinnerung: Der vom Seriengründer Dalton Caldwell lancierte Microbloggingdienst sammelt im [...]

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