Nach den Deals von YiGG und Mister Wong:
oneview zeigt Zuversicht und integriert das Social Web

Während sich die Macher von YiGG und Mister Wong aufgrund mangelnder Wachstumsaussichten von ihren Diensten verabschieden, gibt der Wettbewerber oneview Gas und veröffentlicht eine rundum erneuerte Version. Besonderes Augenmerk legen die Kölner auf Linkempfehlungen von Facebook, Twitter und demnächst auch Google+.

Der Sommer 2012 ist ein wenig wie eine Reise in die Vergangenheit. Erst wird Deutschlands einstmals ambitioniertestes Social-News-Portal YiGG verkauft, und wenige Wochen später das größte hiesige Social-Bookmarking-Portal Mister Wong – zwei Dienste, deren Namen schon länger nicht mehr im Gespräch waren, sind zumindest für einen kurzen Augenblick wieder in aller Munde. Mit einem umfangreichen Relaunch setzt nun ein weiteres deutscher Urgestein rund um das öffentliche Speichern und Verbreiten von Links diesen begonnen Trend fort: In dieser Woche erblickte die Version 3.0 von oneview nach einer mehrmonatigen Beta-Phase offiziell das Licht der digitalen Welt.

Während Mister Wong nach seinem Debüt im Jahr 2006 bezüglich Seitenaufrufen schnell zum Marktführer in Deutschland wurde, ist der Kölner Konkurrent oneview zumindest in Bezug auf sein Alter der eigentliche Social-Bookmarking-Pionier: Eine erste Fassung ging bereits vor 14 Jahren online – im Internet eine Ewigkeit. Zur Hoch-Zeit des Dotcom-Booms betrieb der Dienst zwölf Länder-Sites in sieben Sprachen. Nach dem Platzen der Internetblase und dem Tod von oneview-Mitbegründer Felix Hildebrand wurde es bei den Rheinländern jedoch zwangsläufig ruhiger. 2005 übernahmen Axel Schmiegelow, Rene Kaute und Marcus Rudert das Steuer und hievten oneview 2.0 ins Netz. Bis heute wurden laut Unternehmensangaben von rund 900.000 registrierten Nutzern 25 Millionen Links bei oneview abgelegt.

Anders als bei den eingangs erwähnten Wettbewerbern hat man bei oneview noch nicht genug vom bisher von der breiten Masse ignorierten Social-Bookmarking-Konzept: Bereits 2010 wurde mit den Planungen für die nächste Generation des Dienstes begonnen. Jetzt ist dieser fertig und kann von der Allgemeinheit begutachtet werden.

Von der grundsätzlichen Idee des Social Bookmarkings weichen die Kölner mit ihrem Relaunch nicht ab. Auch weiterhin geht es bei oneview darum, die Links zu favorisierte Websites online zu speichern, zu kategorisieren und auf Wunsch anderen Anwendern zugänglich zu machen. Die entscheidende Neuerung ist abgesehen von einer modernisierten Benutzeroberfläche die zeitgemäße Verknüpfung mit den gängigen sozialen Netzwerken. Nach einer Registrierung bei oneview, die auf Wunsch über das eigene Facebook- oder Twitter-Konto erfolgen kann, importiert der Service fortan sämtliche URLs, die man per Facebook oder Twitter verbreitet, und führt diese in chronologisch absteigender Reihenfolge in der oneview-Inbox zur fakultativen Verschlagwortung auf.

So lässt sich jede URL, die Nutzer tweeten oder per Status Update bei Facebook empfehlen, nachträglich bei oneview für die Zukunft speichern, mit Tags versehen und privat oder öffentlich sichtbar machen. Speziell Twitter ist auch sechs Jahre nach seiner Gründung nicht in der Lage, Tweets anzuzeigen, die älter sind als gut eine Woche, und eignet sich damit überhaupt nicht als persönliches Linkarchiv. Neben den eigenen Links listet oneview außerdem alle von Kontakten bei Facebook und gefolgten Nutzern bei Twitter veröffentlichten Links in einer eigenen Sektion, mit denen auf die selbe Weise verfahren werden kann wie mit den von eigener Hand publizierten Links. Leider geschieht dieser Prozess nicht als Echtzeit-Stream sondern in Intervallen mit längeren Pausen. Hier lässt sich oneview “Wow-Potenzial” entgehen.

Sehr praktisch und nett anzusehen ist das von oneview verwendete Spaltensystem zur einfachen Orientierung und Verwaltung der aus dem Social Web eintreffenden Links: In der linken Spalte sind alle von Nutzern erstellen Themenordner platziert, die zentrale Mittelspalte fungiert als Inbox für alle eingehenden, nicht kategorisierten Verweise (u.a. die selbst bei Twitter und Facebook veröffentlichten), und in der schmaleren rechten Spalte landen die “empfohlenen Links”, also die URLs, die von Facebook- und Twitter-Freunden empfohlen werden. Sämtliche Links können per Drag’n'Drop in Themenordner geschoben werden. Schlagworte (Tags) dienen als zusätzliche, granulare Filter.

Es ist nicht so, dass oneview das Prinzip des automatisierten Imports von Links aus dem Social Web erfunden hätte. Zahlreiche spezialisierte Dienste machen dies, und auch Mister Wong bietet seit 2009 eine ähnlich Funktion für Twitter. Wofür man oneview aber loben muss, ist das funktionelle, intuitive und sehr ansehnliche Interface. Wenn schon nicht jeder Durchschnittsnutzer davon überzeugt werden kann, einen explizit zur Verwaltung von Links geschaffenen Service zu verwenden, ist es essentiell, der existierenden Zielgruppe eine so elegante Benutzeroberfläche wie möglich zu bieten.

Für hartgesottene Google+-Fans dürfte die leider zum Relaunch noch nicht implementierte, aber bereits angekündigte Integration mit dem Google-Netzwerk oneview interessant machen. Analog zur Verknüpfung mit Facebook und Twitter werden dann sämtliche von einem selbst und von eingekreisten Google+-Mitgliedern publizierten Links automatisch in das persönliche oneview-Konto importiert. Unseres Wissens nach wäre oneview mit einer derartigen Funktionalität relativ allein auf weiter Front.

Ebenfalls auf der Roadmap steht der Relaunch des über oneview.com erreichbaren internationalen Ablegers sowie der Launch einer mobilen App. Angekündigt ist zudem eine Zusammenarbeit mit dem Blog- und Social-Media-Aggregator Virato – wie oneview ein Investment der Kölner Venturekapitalfirma dw capital. In puncto Monetarisierung hält sich oneview bedeckt und verweist darauf, dass derzeit die Produktentwicklung und der Reichweitenaufbau oberste Priorität haben.

Das neue oneview ist keine Revolution des sozialen Bookmarkings, wobei ohnehin die Frage im Raum steht, wie diese überhaupt aussehen würde. Doch die dritte Generation des Dienstes kann sich in jedem Fall sehen lassen und bietet mit den Anbindungen an Facebook, Twitter und bald auch Google+ sowie der äußerst fokussierten Struktur und Benutzeroberfläche durchaus Argumente, auch von bisher nicht an traditionellem Social Bookmarking interessierten Nutzern unter die Lupe genommen zu werden.

Jeder, der per Tweet, Status Update oder Google+ eine URL empfiehlt, läuft Gefahr, diese zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr wiederzufinden. oneview bietet hierfür eine Lösung, bei der sich auch Gelegenheitsnutzer relativ schnell zurechtfinden dürften. Vielleicht gelingt es den Rheinländern ja, das durch die jüngsten Akquisitionen entstandene Momentum sowie den zunehmenden Bedarf einer Archivierung der eigenen Social-Web-Aktivitäten für sich zu nutzen. Das Timing dafür ist gar nicht schlecht.

Link: oneview

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Würde mich freuen, wenn Oneview hier noch mal die Kurve bekommen würde. Erste Ansätze sind gemacht und der Relaunch geht grafisch und von den Interaction Patterns absolut in Ordnung. Ich benutze den Dienst nun auch schon einige Jahre.

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  2. [...] Reihenfolge in eurer oneview-Inbox auf. Dies kann sehr praktisch sein, denn laut dem Portal netzwertig.com ist Twitter nicht in der Lage, Tweets anzuzeigen, die älter als eine Woche sind. Ein [...]

  3. [...] sich im persönlichen oneview Profil archivieren, organisieren sowie durchsuchen – seit dem Relaunch in 2012 auch mit Anbindung an soziale Netzwerke. Der Dienst öffnet zusätzlich einen Weg, um thematisch [...]

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