Digitalkamera vs. Smartphone:
Kamerahersteller verpassen Chancen

Automatische Lächeln-Erkennung anstatt vernünftiger Share-Funktionalitäten: Hersteller von Digitalkameras haben aus dem Auge verloren, was Anwender heute wollen.

Irgendwo im Schrank, da liegt meine Canon Powershot G11 – ein gutes, kompaktes Gerät welches ich für eine grössere Ferienreise gekauft hatte. Doch in letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass ich diese Kamera immer seltener genutzt habe – dafür umso mehr mit dem Smartphone auf Fotopirsch war.

Smartphones als neue Lieblingskamera

Die Statistiken belegen, dass ich damit nicht alleine bin: Bei Flickr liegt das iPhone gleich mit zwei Modellen unbestritten an erster Stelle der meistgenutzten Kameras. In Deutschland sinkt der Verkauf von Digitalkameras von 2011 auf 2012 schätzungsweise um 2,2 Prozent, während in Großbritannien seit 2006 sogar ein Rückgang von 29 Prozent zu verzeichnen gewesen ist.

Die Gründe für dieses Umdenken sind in zwei Bereichen zu finden. Zuerst haben Handys in den letzten Jahren im Bereich Bildqualität extrem aufgeholt. Die Anzahl Megapixel ist für den durchschnittlichen Anwender mittlerweile hinreichend groß, die Bildqualität simmt für den Point-And-Shoot-Fotografen ebenfalls. Die aufgekommene Masse an Foto-Apps hat das Smartphone dann sogar auf die Überholspur geschickt: HDR-Funktionalitäten, eingebaute Filter und der einfache Zugang zum Internet mit den damit verbundenen sozialen Netzwerken lassen das Telefon zur Kamera Nummer eins werden.

Digitalkamera-Hersteller verschlafen offensichtlich ihre Chance, sich auf dem Massenmarkt weiter zu behaupten. Es besteht sogar Gefahr, schrittweise professionelle Anwender zu verlieren. Ein Beispiel dafür sind die Bilder des Guardian-Journalisten Dan Chung, welcher mit einem iPhone 4S von den Olympischen Spielen in London berichtet.

Wünsche an die Digitalkamera-Industrie

Eine echte Kamera ist immer noch in vielen Aspekten besser geeignet als das Smartphone: Optisches Zoom, auswechselbare Speicherkarten, größere Bildsensoren, besserer Blitz und stärkere Akkus, um nur ein paar zu nennen. Die Branche würde gut dastehen, wenn sie sich nur ein paar wenige Vorteile der Smartphone-Fotografie aneignen würde:

Integrierte HDR-Funktionalität
Wer schon mal an einem sonnigen Tag versucht hat, eine Straßenschlucht in einer Stadt oder ein ähnliches Sujet zu fotografieren, der kennt das Problem: Entweder sind alle schattigen Details schwarz oder der schön blaue Himmel erscheint in gleissendem Weiß. Mit Smartphobnes lässt sich dieses Problem heute bereits problemlos als HDR-Bild umgehen. Da hinken Digitalkameras noch weit hinterher. In vielen Fällen können zwar die erforderlichen zwei bis drei Bilder relativ automatisch und zeitnah geschossen werden, für die Nachbearbeitung ist aber meist der Umweg über den heimischen Computer notwendig – deutlich zu aufwändig für den Massenanwender! Eine One-Click-Integration von HDR-Funktionalitäten, ergänzt mit ein paar Schiebereglern zur Nachbearbeitung der Intensität würde manchen Hobbyfotografen bereits glücklich machen. Und zwar in einer Umsetzung, die nicht ein Stativ nötig macht.

Der Urlaubstest: Weißer Himmel mit der Digitalkamera, ein ausgewogenes Bild mit dem iPhone 4.

Online-Anbindung via Mobilfunknetz
Zwar gibt es einige Digitalkameras mit WLAN-Anbindung, doch nützt dies vor allem dem Studiofotograf. Wenn der Durchschnittsuser unterwegs seine Schnappschüsse wieder via Digitalkamera erstellen und in die Welt verschicken soll, dann muss der Draht ins Internet über das Mobilfunknetz führen. Dank Tethering lässt sich dies zwar in Kombination mit dem Handy auch unterwegs erreichen – aber dann beißt sich der Hund bereits wieder in den Schwanz. Weshalb ist noch kein Kamerahersteller auf die Idee gekommen, seine Geräte mit einer SIM-Card zu bestücken und dies in Zusammenarbeit mit einem Telekommunikationsanbieter zu vermarkten?

Benutzerfreundliche Software und Apps
Von der Benutzerfreundlichkeit der Softwarebedienung erhalten Digitalkameras dieselbe Note wie die meisten Festnetztelefongeräte: ungenügend! Es ist erstaunlich, wie einige Branchen resistent sind gegen den Fortschritt in UI-Design und Bedienungsmöglichkeiten von kleinen Bildschirmen. Würde eine Kamera auf den Markt kommen, die eine selbsterklärende Bedienungsoberfläche und einfache Apps für Facebook, Twitter, Instagram sowie Zusatzfunktionalitäten für Zeitraffer im Angebot hätte, wäre dies bestimmt für einige wieder ein Argument, Fotos nicht mit dem Telefon zu schießen. Gut möglich, dass Nikon dabei auf gutem Weg ist – gemäß Gerüchteküche soll eine Kamera mit Android als Betriebssystem in Planung sein, auf welcher auch alle Apps aus dem Google Play Store laufen würden.

Der Kampf um die Oberhand in der Tasche

Nebst den fehlenden Funktionalitäten ist natürlich auch die Kompaktheit ein Grund für den Durchbruch der Smartphone-Fotografie. Wenn man nur ein Gerät verwenden möchte, dass alle Bedürfnisse weitestgehend abdeckt, ist dies ein starkes Argument.

Allerdings scheint auch hier ein Wandel voranzugehen, welcher klassischen Kameraherstellern entgegenkommt: Es lässt sich beobachten, dass immer mehr Fotos mit dem iPad geschossen werden. Daraus kann man schließen, dass die Größe der Geräts nebensächlich ist, wenn es in der Summe der Funktionen am geeignetsten scheint. In der Not könnte man zumindest versuchen, neue Bereiche in diesem Markt zu erschließen und geeignete Kooperationen anzustreben. Warum nicht ein Nikon-Objektiv fürs iPad? Oder professionelle Linsen von Olympus fürs Smartphone?

Die Kamerahersteller würden gut daran tun, sich einmal zu überlegen, was die Anwender heute mit ihren Kameras wirklich tun. Die Industrie hat sich verloren in kaum benutzten Funktionen wie Gesichtserkennung und Lächeln-Modus und einem irrsinnigen Kampf um Megapixel. Dabei ist der Durchschnittsfotograf aus dem Blick verloren gegangen. Wenn man sich nicht rasant dagegen zu wehren beginnt, werden bald nur noch Profis mit echten Kameras ihre Bilder hervorzaubern und die gesamte untere Hälfte des Digitalkameramarkts wird für tot erklärt werden dürfen.

Fast könnte man meinen, die Fotoindustrie habe nicht daraus gelernt, als sie beim Wechsel von analogen zu digitalen Bildern zum ersten Mal vom Gewohnheitswechsel der Benutzer überrumpelt worden ist. Die Alternativen dazu scheinen bis heute eher krampfhaft. Kodak versucht es zum Beispiel mit Patentklagen gegen Apple und Blackberry-Hersteller Motion. Zuversicht sieht anders aus.

(Foto: Flickr/adkorteCC BY 2.0)

 

Manuel Reinhard

Manuel Reinhard ist Webentwickler sowie Gründer und CTO bei Ticketpark. Er mag es, wenn Dinge praxistauglich und effizient angepackt werden.

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11 Kommentare

  1. Das rechte Bild als “ausgewogen” zu bezeichnen ist aber arg weit hergeholt. Der Himmel ist so ziemlich das einzige was besser aussieht. Dafür mangelt es an Kontrast, Leuchtkraft, Schärfe…
    Da retuschier ich mir lieber schnell nen blauen Himmel rein, als diese stumpfe Pixelwüste anzugucken.

    • Diesen Kommentar habe ich erwartet :)
      Natürlich lässt sich dort noch einiges rausholen. Denkt man an den Point-And-Shooter, wird er das rechte Bild aber bevorzugen.

  2. “Da retuschier ich mir lieber schnell nen blauen Himmel rein” -> Kein “normaler” Mensch wird dir da zustimmen!

    Wenn die Kamera aber schon UMTS, Android hat, wo ist der Unterschied zu einem Smartphone? Am Ende wirds doch auch bei den Kameras aufs gleiche heraus laufen, wie bei den Pferdekutschen. Am Ende wirds nur was für Experten (Fotographen) und Nostalgie-Freunde sein.

  3. Ich denke, dass die Telefonkameras in wenigen Jahren den Markt der Point-and-Shoot-Knipsen vollkommen aufgerollt haben werden. Übrig bleiben werden größere Kompakte, Bridge- und Spiegelreflexkameras für die Nutzer, deren gehobene Ansprüche von einer Telefonkamera allein aus physikalischen Gründen nicht erfüllt werden können.

    Um hier gegenzusteuern würde ich die obenstehenden Wünsche auf jeden Fall so unterschreiben, wobei ich aber nicht weiß ob es sinnvoll ist, Kameras mit einem eigenen Mobilfunkmodul auszustatten. Der Vorteil des direkten Sharings wird möglicherweise durch den Umstand eine zweite Sim-Karte und damit wahrscheinlich auch Extrakosten zu haben, zunichte gemacht. Da bleiben die Nutzer lieber beim Telefon. Ein einfaches Tethering wäre da möglicherweise sogar praktikabler.

    Als zusätzlichen Wunsch hätte ich aber noch, dass GPS-Module, die in Mobiltelefonen längst eine Commodity sind, auch in Kameras Standard werden und nicht als Spezialzubehör für mehrere 100€ angeschafft werden müssen.

  4. schon im Text angesprochen:

    ein iPhone mit einem vernünftigen Objektiv würde bei sehr vielen Menschen dazu führen, reine Kameras überflüssig zu machen.

    Kameras mit SIM-Karte sind IMHO der falsche Weg.

    • Ein iPhone/iPad kann kein vernünftiges Objektiv haben, weil es rein physikalische Gründe dafür gibt, weshalb vernünftige Objektive groß und klobig sind. Ebenso verhält es sich mit der Sensorgröße. Deshalb wird sich der Kameramarkt für ambitionierte Fotofreunde abseits der Urlaubsknipser und Flickr-/Tumblr-Hardcoreuser auf lange Sicht auch nicht wesentlich ändern, es sei denn, die Masse der Menschen findet verrauschte kontrastarme Bilder mit CA’s im Weitwinkellook und Unschärfen in den Ecken dafür aber einer durchgängigen Tiefenschärfe plötzlich adequat für ihr Fotobuch.

  5. es gibt schon knipsen, die das alles eingebaut haben, oder vieles davon.
    hab mir ‘ne canon s100 gekauft:
    - hat hdr-funktion
    - hat gps-funktion
    hat leider keine wlan-funktion, nur mit der eyefi-karte.
    aber ich hab mir die kamera wegen der optik ausgewählt.
    es gibt einige, die wlan schon drin haben. telefonie muss nicht sein, kann aber.
    bei dslr habe ich nikon, aber von denen gibt’s noch keine, die’s mit der s100 aufnehmen kann, bei point and shoot hat canon noch die nase vorn, mein liebling nikon dafür bei den dslr.

    und auch in zukunft wird es einen großen unterschied machen, ob ich knipse oder fotografiere. und selbst beim knipsen überleg ich mit’m iphone zweimal – zieh dann lieber die s100 raus (die aber auch nicht so klobig ist wie die g11, aber den gleichen sensor hat)

  6. also ich sehe die Digitalkamera weit entfernt vom aussterben. Meine Canon EOS macht Bilder welche kein Mobiltelefon kann…garantiert. Und wenn ein Reporter von den Olympischen spielen mit dem Iphone4S berichtet soll er das tun. Mit Sicherheit hat er auch mal einen gelungenen Shot aber als Professioneller Fotograf für Mode oder Werbung bezweifle ich stark den Durchbruch der Mobiltelefonkameras.

  7. Ich warte ja eigentlich darauf, dass die Bildbearbetung in der Kamera endlich mal das Bild stufenlos drehen kann, um den Horiziont nachträglich gerade zu bekommen.

    Dass die Kameras keine Handy wurden, liegt meiner Meinung an den schnell preiswert gewordenen Speicherkarten. Ende der Neunziger wäre es schon interessant gewesen, die Bilder via Handy “im Internet” (heute “in der Cloud”) zu speichern, weil man für 64MB ja Mondpreise bezahlte. Allerdings wurden erst die SD/CF-Karten billiger und dann er das mobile Internet und so steuerten die Kameratanker erstmal in die andere Richtung.

  8. Jede Kamera hat ihre Vor- und Nachteile, deshalb glaube ich nicht, dass die Kompaktkamera vom Markt verschwinden wird. Es kommt immer darauf an wofür man eine Kamera verwendet. Leider wird in dem Artikel verschwiegen, dass der Guardian Fotograf sowohl ein Schneider Objektiv als auch ein Canon Fernglas für seine Reportage verwendet hat. Drei Geräte – da beißt sich der Hund wieder in den Schwanz. Besser wäre dieses Beispiel gewesen. Der Fotograf nahm deshalb das iPhone, weil die Soldaten auch Kamerahandys hatten und er nah genug am Geschehen war. Auch mag es sein dass immer mehr Bilder mit dem iPad geschossen werden, aber daraus zu schließen, dass die Größe der Kamera nebensächlich ist, halte ich für Unsinn.

  9. Ich denke der Verwendungszweck einer Digitalkamera und der eines Smartphones unterscheiden sich doch enorm. Wer schnell und unkompliziert ein Foto schießen möchte, ist mit einem Smartphone doch durchaus gut bedient. Wird eine Digitalkamera genutzt, kommen ganz andere Ansprüche und Bedürfnisse ans Tageslicht. Es sind also zwei unterschiedliche Zielgruppen.

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  1. [...] Weiterlesen bei netzwertig.com… Twittern Flattr .flattr { margin-top:0px !important; } [...]

  2. [...] liegt es daran. Sie ist echt. Die Fotografie. Er kann freilich auch inszenieren. Der Fotograf. Ja, er kann schminken und Licht machen und posieren lassen. Aber er kann ihn bei alledem nicht [...]

  3. [...] schon vorgeschrieben, in der Zwischenzeit fand ich bei Netzwertig.com einen passenden Beitrag: DIGITALKAMERA VS. SMARTPHONE: Kamerahersteller verpassen Chancen. Gerhard SchroederVeröffentlicht in: DIES UND DAS TeilenTwitter Veröffentlicht von Gerhard [...]

  4. [...] könnte von immer besseren Smartphone-Kameras gefressen werden, schrieb ich. Eine These, die Manuel Reinhard kürzlich untermauerte. Dass das ganz große Fressen aber noch nicht eingesetzt hat, [...]