YouTube verliert Integration in iOS 6:
Für Google kein Grund zur Sorge

Die nächste Version von Apples mobilem Betriebssystem iOS muss ohne ab Werk integrierte YouTube-App auskommen. YouTube-Mutter Google wird davon profitieren.

Einerseits kam es überraschend, irgendwie aber auch nicht: Wie zu Wochenbeginn bekannt wurde, entfernt Apple mit der kommenden Version 6 von iOS die bisher als Standard integrierte YouTube-Anwendung aus seinem mobilen Betriebssystem. Die Entscheidung folgt auf eine frühere Ankündigung, Google Maps zugunsten einer eigenen Apple-Kartenlösung auszutauschen. Die nächste Generation von iOS wird damit um zwei der drei wesentlichen Google-Dienste bereinigt – nur die Google-Suche ist noch ab Werk in den Safari-Browser für iOS integriert. Noch.

Die Nachrichten passen so gut zum Gesamtbild der zu Erzrivalen gewordenen einstigen Partner Apple und Google, dass die Versuchung groß ist, beide Ereignisse – das Ausscheiden von Google Maps sowie das der YouTube-Anwendung – in einen Eimer zu werfen und als Beleg dafür zu werten, dass Apple den Such- und Werberiesen aus Mountain View so weit wie möglich aus seinem Universum verbannen möchte. Während dieses Bild teilweise der Wahrheit entspricht, deutet einiges darauf hin, dass die Sachlage im Fall der YouTub-App weniger eindeutig ist als bei Google Maps.

Als Grund für die Entfernung der YouTube-Anwendung aus iOS 6 geben die zwei Firmen das Auslaufen eines Lizensierungsdeals an. Dieser wurde zum Markstart des iPhone im Jahr 2007 geschlossen – damals kamen Apple und Google noch gut miteinander aus – und hatte zur Folge, dass Apple in Eigenregie eine YouTube-Applikation für iOS basteln durfte. Während YouTube in den seitdem vergangenen fünf Jahren von einem Newcomer zu einem erfolgreich vermarkteten Webvideogiganten mit zunehmendem Fokus auf Premiumcontent avanciert ist, hat sich die iOS-YouTube-Anwendung im Prinzip gar nicht verändert. “Die App ist auf dem Stand des vergangen Jahrzehnts und beinhaltet keinerlei Werbung”, so das nüchterne Fazit von Jim Louderback, Chef des Web-TV-Anbieters Revision 3.

Nicht nur, dass YouTube für iOS dringend eine grundlegende Überarbeitung bedurfte – es trug bisher auch in keiner Weise zu den sich sonst prächtig entwickelnden Umsätzen des Videoportals bei. Mehr als 315 Millionen iOS-Geräte wurde bisher verkauft – und Google hat mit seiner auf jedem iPhone und iPad prominent vertretenen YouTube-Applikation keinen Cent verdient.

Spätestens hier wird deutlich: Auch für Google war die bisherige Form der Integration von YouTube in iOS nicht mehr besonders attraktiv. Zumal angesichts der schwindelerregenden Dominanz des Dienstes eine vorinstallierte Präsenz in iOS allein aus Image- und Reichweitengründen heute im Gegensatz zu 2007 nicht mehr notwendig ist.

Google wird für eine Verlängerung der YouTube-Lizensierung für iOS mindestens das Recht auf eine Werbevermarktung eingefordert haben, und wahrscheinlich auch mehr Mitbestimmung über Aussehen und Funktionalität der Anwendung. Eliot Van Buskirk von Evolver.fm will erfahren haben, dass YouTube von Apple für die Fortsetzung des bisher für beide Seiten kostenfreien Lizenzdeals viel Geld verlangte – aus Sicht von Google als Alternative zu einer Monetarisierung durch Werbung natürlich nachvollziehbar. Doch wie Apples Antwort darauf ausfiel, kann man sich ausmalen. Die Folge: Der bisherige Lizenzvertrag endet, und statt einer ab Werk in iOS eingebetteten YouTube-Anwendung wird Google eine App im App Store anbieten. Laut eigener Aussage befindet sich diese bereits in der Entwicklung. Solange er sich an die Richtlinien des App Stores hält, behält der Internetgigant so die volle Freiheit über Erscheinungsbild und Funktionalität der Anwendung und kann mittels einer in der Webversion schon weit fortgeschrittenen Werbevermarktung endlich auch die mobilen Zugriffe von iPhone- und iPad-Nutzern monetarisieren.

Klar – dazu müssen sie erst aktiv die angekündigte YouTube-Applikation herunterladen. Aber hier besitzt Google den Luxus, ein für die Mehrzahl der videoverwöhnten User alternativloses Angebot zu betreiben. Hinzukommt, dass die Änderung nur für iOS 6 gelten soll. Für ältere Fassungen des Betriebssystems bleibt also alles beim Alten und die Standard-YouTube-App erhalten.

Was auf den ersten Blick wie ein weiterer Tritt von Apple in Googles Allerwertesten aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als für die YouTube-Betreiberin bessere Lösung, als weiterhin viele Millionen nicht vermarktete mobile Videoviews zu verschenken. Wenn einer der zwei Kontrahenten Schaden nimmt, dann eher Apple. Denn der Tatsache einer nativen YouTube-App im App Store sowie einer voll funktionsfähigen mobilen HTML5-Browserversion zum Trotz verschwindet ein Angebot vom Homescreen der iPhone- und iPad-Besitzer, das sie über Jahre regelmäßig frequentierten. Menschen reagieren immer empfindlich, wenn ihnen einmal als sicher geglaubte Dinge weggenommen werden – selbst wenn mit ein wenig Mühe ein gleichwertiger oder gar besserer Ersatz geboten wird.

Doch dass es sich hierbei um ein nachhaltiges Problem handelt, ist dennoch unwahrscheinlich. Dazu sind iOS-Nutzer zu gut mit dem Prinzip des App Stores vertraut, zumal Apple sehr deutlich darauf hinweisen wird, wie man künftig Zugriff auf bei YouTube verfügbare Katzenvideos bekommt.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Aufgrund der fehlenden Werbung in der iOS-YouTube-App wurden bisher auch alle Partner-Videos ausgeblendet. Dazu gehören zum Beispiel die meisten von Labels hochgeladenen offiziellen Musikvideos. Dieser Filter wird mit den neuen Lösungen dann wohl auch entfernt. Somit werden auch iOS-Endanwender von der Änderung schlussendlich ziemlich gut profitieren. Bisher musste man sich für das Ansehen offizieller Musikvideo-Uploads an alternative Dienste wie Dailymotion oder Vimeo wenden, da entsprechende Suchresultate auf YouTube, auch wenn vorhanden, gar nicht erst aufgelistet wurden.

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