“Terms of Service; Didn’t Read”:
Für transparente, besser verständliche Geschäftsbedingungen

Terms of Service; Didn’t Read – kurz ToS;DR – heißt ein neues, nicht kommerzielles Webangebot, das die Geschäftsbedingungen einschlägiger Onlineangebote analysieren und bewerten will. Mit der richtigen Unterstützung im Rücken könnte es die Netzriesen zu verständlicheren, benutzerfreundlicheren AGB zwingen.

Geschäftsbedingungen, auf Deutsch AGB oder im Englischen TOS (“Terms of Service”), sind die wahrscheinlich langweiligste Information, die auf der Website eines jeden Web- oder Mobile-Startups gefunden werden kann beziehungsweise sollte. Nur ein Bruchteil der Nutzer liest sich die entsprechenden Absätze überhaupt durch. Das ist angesichts der trockenen AGB-Texte verständlich, kann aber zur Folge haben, dass potenziell kritische Details unter den Tisch fallen und mitunter erst Monate später von irgendeinem Blogger oder Journalist “entlarvt” werden.

Verständliche, nicht in dröger Juristensprache verfasste Richtlinien würden sicher dabei helfen, einige zusätzliche Internetnutzer zu einem Blick in die AGB zu bewegen. Doch dass sich ein derartiges Verhalten zum Standard vor der Verwendung eines Onlineangebots etabliert, erscheint trotzdem illusorisch. Unhosted, eine Initiative, die dezentrale Webanwendungen propagiert, hat sich daher eine andere Lösung einfallen lassen, um die Allgemeinheit besser über die AGB bekannter und populärer Internetservices in Kenntnis zu setzen: Terms of Service; Didn’t Read – kurz “ToS;DR”.

Die im Aufbau befindliche Website listet momentan 32 bekannte Dienste, von Facebook über Google und foursquare bis zu Twitter und Dropbox, und versucht sich an einer kompakten Zusammenfassung der wichtigsten Bedingungen sowie an einer Kategorisierung der einzelnen Anforderungen ausgehend von den vier Attributen “gut”, “mittelmäßig”, “alarmierend” und “informativ”. Das Ziel der Macher ist es, für jeden aufgeführten Service ein Gesamtprädikat zu vergeben, das einen Eindruck über die Aggressivität und Benutzerfreundlichkeit der jeweiligen Geschäftsbedingungen vermittelt.

googletosDerzeit ist eine Partizipation von Anwendern an der ToS,DR-Übersicht nur indirekt über eine Google-Gruppe möglich, ab Mitte August soll die Site aber als Crowdsourcing-Projekt geführt werden und auch eine eigene API erhalten. User direkt Ergänzungen machen zu lassen, erscheint sinnvoll, da es dem Projekt derzeit noch an Vollständigkeit mangelt, muss jedoch von einem durchdachten Qualitätssicherungsprozess begleitet werden. Immerhin fehlt es vielen Laien an dem notwendigen juristischen Wissen, um die manchmal stark verklausulierten Formulierungen aus AGB korrekt zu interpretieren.

Zahlreichen der bisher eingetragenen Dienste fehlt zum aktuellen Zeitpunkt ein endgültiges Prädikant, weil die jeweiligen AGB noch nicht komplett interpretiert und analysiert wurden. Von den fertig evaluierten Diensten schneiden beispielsweise die Berliner Audioplattform SoundCloud (“Class B”) und die alternative Suchmaschine DuckDuckGo (“Class A”) gut ab, während die Geschäftsbedingungen des Fotodienstes Twitpic ein eher trauriges Bild abliefern. Der Service erhält mit “Class E” die schlechteste Note. Diese ist mit der Empfehlung verbunden, sich nicht bei dem entsprechenden Dienst zu registrieren.

Facebook, Twitter und Google – Firmen, deren Geschäftsbedingungen besonders viele Menschen betreffen, fehlt ebenfalls eine finale Benotung. Ein schneller Blick auf die bisher untersuchten Aspekte zeigt jedoch, dass sich bei Facebook und Twitter anwenderfreundliche mit eher fragwürdigen Nutzungsrichtlinien abwechseln, und dass Google hier besser abschneidet als die zwei Social-Web-Riesen.

Schon weil nicht deutlich wird, welche juristischen Qualifikationen die Initiatoren von ToS;DR besitzen, sollte man die präsentierten Informationen auf der Site nicht per se für der Weisheit letzter Schluss halten. Doch als ungefähre Orientierung für besorgte Nutzer, die sich von ausschweifenden AGB-Texten überfordert fühlen, eignet sich das Projekt durchaus. Zudem wird es im Falle einer konsequenten Weiterentwicklung mit der zu erwartenden medialen Aufmerksamkeit im Rücken in der Lage sein, Druck auf die Webunternehmen auszuüben, ihre AGB in einer für den Otto-Normal-Nutzer verständlicheren Form aufzubereiten.

Die Macher des Zeiterfassungstools mite, die uns auf ToS;DR aufmerksam gemacht haben, sahen sich beispielsweise durch das Projekt animiert, die Verständlichkeit ihrer Bedingungen zu verbessern. Laut mite-Chefin Julia Soergel erhielten die Berliner daraufhin viel positives Feedback von ihren Anwendern. “Nutzer scheinen solch eine verbesserte Zugänglichkeit sehr zu schätzen. Es fördert das Vertrauen, wenn man denn nichts zu verstecken hat”, so Soergel.

Ende August soll ToS;DR auf der Digital-Konferenz Campus Party in Berlin einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Link: Terms of Service; Didn’t Read

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Wirbel um die Instagram-AGB: Versagen auf ganzer Linie - bei allen

19.12.2012, 43 KommentareWirbel um die Instagram-AGB:
Versagen auf ganzer Linie - bei allen

Auch eine Dekade, nachdem das Internet zum Massenmedium aufgestiegen ist, sprechen Onlinedienste, Nutzer und Journalisten nicht die gleiche Sprache. Beim Wirbel um die neuen Instagram-AGB versagten alle Parteien.

Linkwertig: WhatsApp, Acceleratoren, Profile, Innovation

24.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
WhatsApp, Acceleratoren, Profile, Innovation

Trotz Facebook kann sich WhatsApp über 500 Millionen monatlich aktive Benutzer freuen und mehr.

Startup Flying gibt auf: Scheitern mit Stil

23.4.2014, 3 KommentareStartup Flying gibt auf:
Scheitern mit Stil

Das Startup hinter der Vielflieger-App Flying gibt auf. Der dafür gewählte Weg begeistert. So begräbt man ein Projekt mit Stil.

Linkwertig: EU, QS, FAZ, MOOC

22.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
EU, QS, FAZ, MOOC

tech.eu hat die europäischen Tech-Exits im ersten Quartel analysiert und mehr.

6 Kommentare

  1. “transparentere” tolles Wort! ;)

  2. Das Thema ist mir auch schon lange durch den Kopf gegangen. Daher jetzt mal in den Raum geworfen:

    Werden mir AGB vorgesetzt, überfliege ich einiges und bei den meiner Meinung nach kritischen Stellen lese ich genauer. Dass ich vieles nicht verstehe und ganz ausgefeilte Sachen so eingeflochten sind, dass ich sie nicht sehe, ist möglich und mitunter vielleicht auch Absicht der Anbieter.

    Dass hier Aufklärung betrieben werden soll begrüße ich sehr. Dass diese Aufklärung durch fachlich versierte erfolgen sollte halte ich ebenfalls für sinnvoll. Dabei wäre folgendes denkbar: Mindestens ein Rechtsverständiger und ein Verständiger des jeweiligen Sachgebietes sollten hier tätig werden. Mehrere Sichtweisen sehe ich als sehr wichtig an: “Wer hat wann welches Recht und welche Pflichten” aber auch deren Bedeutung wie z.B. “Wenn ich Zugriff auf all meine iPhone Kontakte erlaube – welche Risiken ergeben sich daraus?”.

    Da sich AGB oftmals ähneln und ich schon von AGB-Generatoren gehört haben, liesse sich die Idee noch weiter denken.
    Eigentlich wäre es sinnvoll einen Standard zu entwicklen, den jeder kennen kann und der um Besonderheiten ergänzt wird. Im Standard liegen die üblichen Formalien wie die Definition der Vertragspartner, übliche Haftungsklauseln… .
    Auch kann dieser Standard Abweichend formuliert werden, dann würde dies aber entsprechend deutlich gemacht.
    Was über das übliche Hinausgeht wäre dann noch das Geschäftsspezifische, das als solches sichtbar hinzugefügt würde.

    Der Standard wäre auf Grund seiner häufigen Verwendung gut erklärt oder als unbedenklicher Bestandteil bewertbar.
    Abweichungen und sonstige Geschäftsspezifika müssten gesondert erklärt werden.
    Jeder Teil könnte für sich Bewertet werden. Darüber hinaus wäre aber eine GEsamtwertung von nöten, die alle Teile in einen Zusammenhang fügt, wie z.B. ein unerwarteter Vertragspartner, der mit den anderen Leistungen eigentlich garnichts zu tun hat (um ein bedenkliches Beispiel für den Inhalt des Standards zu nennen).

    Die Idee ist also, zunächst mal durch vereinheitlichen von Wortlauten zu vereinfachen und zu reduzieren.
    Das Verkürzen ist dabei auch sehr wichtig, da einerseits AGB sowieso “vor lauter Text nicht mehr lesbar sind” und zum anderen durch das mehr an Information, nähmlich neben der AGB selbst auch noch über die AGB, der Leser kaum einen Gewinn hätte: Es bliebe sonst ein zu großer Informationshaufen.
    Darauf aufbauen lässt sich dann alles, was mit der Bewertung der AGB zu tun hat.

  3. Einfachere, übersichtlichere und besser geschriebene AGB’s – man kann auch gleich eine neue Sintflut vorhersagen. Man stelle sich das mal vor, dann würde ja tatsächlich jemand die AGB’s von Alpha bis Omega lesen. ;) Ob das so manches Unternehmen überlebt :D

    Spass bei Seite. Ich finde das ist wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Ob es jedoch jemals zu einem Standard, wie @Chris vorgeschlagen hat, kommen wird, wage ich zu bezweifeln. Zu sehr will sich jedes Unternehmen absichern und sein eigenes Süppchen kochen.

  4. Aber das ist Fakt: Fast jeder wird schon einmal den obligatorischen Haken bei den AGB’s gesetzt haben, ohne auch nur einen Blick auf die Bedingungen geworfen zu haben.

  5. In der Schweiz ist die Erwartung, dass AGB vor Unterzeichnung eines Vertrages ohnehin nicht durchgelesen werden, sozusagen ins Gesetz geschrieben. So können “nicht übliche” Klauseln (den genauen Wortlaut kenne ich nicht) nachträglich für nichtig erklärt werden, falls nicht deutlich auf diese Besonderheiten hingewiesen wird. Eine für den Vertragspartner besonders nachteilige Bedingung also im Textschwall einer AGB zu verstecken, hält rechtlich nicht stand. Wie sind solche Situationen in anderen Ländern geregelt? Ich würde davon ausgehen, dass zumindest die EU eine ähnliche Regelung zum Schutz der Konsumenten kennt.

4 Pingbacks

  1. [...] netzwertig.com/2012/08/06/terms-of-service-didnt-read-fuer-transparentere-besser-verstaendliche-gesc…   [...]

  2. [...] Weigert berichtet: Die im Aufbau befindliche Website listet momentan 32 bekannte Dienste, von Facebook über Google [...]

  3. [...] auf Twitter oder Facebook sharen.   Vor einigen Wochen haben wir das Problem mit den von niemandem gelesenen Geschäftsbedingungen kurz thematisiert. Mit Wikimarx gibt es nun eine Art Wiki, das sich genau diesem Thema widmet. Vertragstexte können [...]

 
vgwort