Digitale Revolution:
Wieso wir eine Wikipedia für das Miteinander benötigen

Über die letzten Jahre wurden viele Wünsche zum digitalen Miteinander erfüllt. Einer hat sich in der Wahrnehmung beharrlich gehalten: Ein freies Werkzeug, das unser Leben mit allen möglichen Anforderungen bedient.

Sönke Bode-Kirchhoff ist Dipl.-Ing. für Architektur in Hamburg und ein interessierter Beobachter der Evolution des Netzes. Dieser Text wurde in ähnlicher Form in seinem Blog medao.de publiziert, wo er zur weiteren Diskussion einlädt.

Eine Facebook-Wolke reicht nicht, um geschäftliche Korrespondenz zu bearbeiten, und ein Wunderkit hilft mir nicht weiter bei der Pflege meiner persönlichen Zeitleiste. Kein Tool gleicht meine Wertewelt mit meinen Interessen ab. Kommunikation, Aufgabenverwaltung, Dokumentation und soziale Welten sind noch nicht vereint. Der Traum von mehr Gerechtigkeit durch Transparenz schien mit der digitalen Revolution so nah und ist doch noch fern. Wir haben eine große Beteiligung im Netz erreicht – doch es bleibt so lange ein Spielzeug, bis wir beginnen, unsere Werte mit den übrigen Teilnehmern abzugleichen. Sonst bleibt es lediglich eine Ansammlung.

Ich beteilige mich beispielsweise wenig an den online geführten Diskussionen, da es einerseits nicht meinem Charakter entspricht, und da andererseits nicht ausreichend Zeit da ist. Ich möchte aber trotzdem meine Stimme am Kulturbildungsprozess beteiligt sehen.

Ich denke, es ist Zeit für ein weiteres gemeinschaftliches Projekt wie die Wikipedia, eine Art “Wikipedia für das Miteinander”.

Unabhängigkeit

Meine Ausdauer, mich bei immer neuen Diensten anzumelden, sinkt stetig. Ohne Gewissheit, was in einigen Jahren davon bleibt, und was die Betreiber antreibt, mag ich mich nicht komplett niederlassen. Eine einzige Schaltzentrale sollte genug sein für die täglichen Aufgaben des Lebens. Eine Grundlage dafür kann nur ein unabhängiges System sein, das nicht den Nutzen in den Nutzern sieht, sondern deren Nutzer es selbst füreinander schaffen. Das notwendige Vertrauen für diese Konzentration durch die richtige Organisation vorausgesetzt, halte ich dies für ein großes Bedürfnis.

Funktionalität

Dies kann in einer neuen Softwaregattung geschehen – eine weitere Insellösung im Browser wird es immer schwer haben, das Vertrauen aller zu gewinnen und somit keine Basis gemeinsamer Projekte werden können.

I Organisation

Ich wünsche mir einen Ort, an dem man die Projekte, die Themen, die Dinge undsoweiter miteinander verknüpfen kann. Er deckt alle Bereiche ab – zum Beispiel zusammengefasst in den Rubriken Zeit, Kontakte, Ort, Dinge, Information, Dao (Erläuterungen folgen). Ein Cockpit, dass mir je nach Situation mit anderen Ebenen zur Verfügung steht. Bei der Arbeit bin ich in einem anderen Layer aktiv als unterwegs oder privat. Die Bereiche lassen sich miteinander kombinieren, sind also keine starren Kategorien. Dao ist hier als Platzhalter für die kulturelle Dimension gesetzt.

  • Zeit

Schon ein gemeinsamer Standard für einfache Kalenderfunktionen wäre grandios (Arzttermine, Terminplanung bei Projekten, Gantt-Diagramme,…) Darüber hinaus ist eine geschäftliche, sowie meine private Zeitleiste, eine wichtige Komponente der Dokumentation und Wertevermittlung. Die eigene Vergangenheit mit anderen Vergleichen, sie in Relation setzten, Wege beschreiben – Kurz: Geschichten erzählen.

  • Kontakte

Kontakte sind die Basiszutat unseres Wirkens. Es muss endlich möglich werden, bei größeren Projekten viele Beteiligte miteinander zu verbinden, ohne diese zu einer Anmeldung bei einem Dritten zu zwingen.

  • Ort

Den Ort der behandelten Themen und Dinge stets im Blick. Aber auch bei der Verortung von Aufgaben für Teammitstreiter (2.OG rechts) einsetzbar.

  • Dinge

Die Dinge mit ihren Eigenschaften einzubeziehen, könnte es ermöglichen, sie so zu beschreiben, dass sie auch mit einer gewissen Unschärfe verglichen werden können.

  • Information

Ein Knotenpunkt, an dem die Informationsströme zusammenlaufen, von dem aus ich in die einzelnen Themenbereiche und Aufgaben abtauchen kann. Schaufenster in die jeweilige Themenwelt mit einer variablen Informationstiefe – ein “zooming Interface” für beispielsweise Mindmaps. Eine Möglichkeit also, auf mein erarbeitetes Wissen zurückzugreifen und dieses bei Bedarf zu erweitern.

  • Dao

Was man unter Kultur versteht, ist schwer zu definieren – mein Traum wäre es, einen Weg zu finden, mit dem wir Wertemuster abbilden können, um damit im weitesten Sinne “zu arbeiten”. Sich einzuordnen, einen gemeinsamen Nenner im großen Maßstab zu finden, würde sicher unsere persönliche sowie gesellschaftliche Entwicklung beschleunigen. Wir könnten so den gemeinsamen Weg (Dao) leichter und mit dem eigenen, sichtbaren, Anteil formen.

Überblick

Die erhöhte Vernetzungsdichte schafft auf der einen Seite einen größeren und schnelleren Informationsfluss und auf der anderen Seite den Bedarf nach Bewertung, Einordnung und Filterung. Helfen würde hier die Möglichkeit, einen Schritt zurücktreten zu können, um einen Überblick zu gewinnen.

II Wertemuster

Ist es nötig, eine soziale Währung zu etablieren, oder reicht es, Wertemuster zu dokumentieren? Vielleicht kann auch parallel beides bestehen. Eine durch Reputationsdruck gelenkte Handlungsweise – eine Reputationsökonomie – wäre jedenfalls ein schönes Experiment. Ich denke, es kann uns nur nutzen. Eine globale Werteverständigung – wenn auch eine triviale – könnte Berücksichtigung in Kaufentscheidungen oder politischen Prozessen finden. Es ist bestimmt keine übergreifende Kultur einführbar und auch nicht erwünscht – jedoch eine Werteverständigung. Damit wäre viel gewonnen – sei diese Basis auch noch so klein.

Profiling

Eine Einordnung des Benutzers findet schon durch die „Arbeit“ des Fokussierens auf bestimmte Themenbereiche statt. Wir erzeugen bereits durch dieses interessenbedingte Zoomen eine persönliche Sphäre, die wir ergänzend selbst modellieren können. Könnten dann nicht persönliche Absichten, Bedürfnisse und Anforderungen an Dinge, als Wertemuster miteinander in Resonanz gebracht werden?

Wahrnehmung und Reflexion

Eine persönliche Brille, die es erlaubt, die Dinge aus meiner individuellen Interessenlage zu sehen, könnte mir erlauben, zu erkennen, wo ich bin, und eine kollektive Erfahrung durch die Brille des Individuums schaffen. In welchem Gebiet der gesellschaftlichen Relevanz befinde ich mich gerade, wenn ich einen Schritt zurück trete – also beispielsweise den gerade gelesenen Artikel einordne?
Wer hat gleiches im Sinn? Und dann: Wie verhält sich das historisch? Eine Landschaft der Gegenwartsbefindlichkeit. Hier muss es dann möglich sein, die Skala zu verändern. Ein wechseln des Maßstabes also, das den steten Übergang vom persönlichen ins kollektive, vom lokalen ins globale Geschehen möglich macht.

III Wirkung

Muss ich noch wählen gehen, wenn meine Position schon mitgeteilt ist? Durch eine automatische Beteiligung würden die Leute dazu ermutigt werden, teilzunehmen. Durch diese Transparenz wünsche ich mir eine zielgerichtetere Entwicklung. Die Hoffnung ist, den Kommunikationsbruch zwischen den offensichtlichen Anforderungen der Menschen und den politischen Entscheidungen durch direkte Kommunikation, zu kitten.

Einen Schritt zurücktreten, bitte

Ich glaube fest an die guten Seiten des Menschen, seinen Willen zur Optimierung, seinen Willen zur Erhöhung der Lebensqualität. Unsere Eingaben im Netz zwingen uns zu einer gewissen Selbstreflexion. Es ist wie ein langsames Erwachen, eine Bewusstwerdung, wie ich sie bei meinen kleinen Kindern beobachten kann. Ich denke, dass wir die Welt mit dem ständigen Feedback der Massen und mit einer klareren Beziehung zu unserer Vergangenheit gezielter lenken können und sollten. Eine Ausweitung der Macht stellt keine Gefahr für das selbst-regelnde System dar.

Anhand meiner täglichen Handlungen, kann ich prüfen, ob mein Handeln konsequent ist. Mit der Visualisierung des eigenen Handelns als Landkarte, die mir zeigt was ich bewirke, erhalte ich eine Analyse und gleichzeitig einen Katalysator für die kulturelle Entwicklung.

Reputation

Durch die erhöhte Teilnahme steigt automatisch der Grad der Verantwortung. Ein Steuerungsinstrument wäre die Gewichtung der Stimme als Druckmittel oder Währung in einer Reputationsökonomie. Vorstellbar fände ich auch den Gedanken, Reputation von Institutionen verlässlich ranken zu lassen – Ratingagenturen für Werte also.

Sönke Bode-Kirchhoff ist Dipl.-Ing. für Architektur in Hamburg und ein interessierter Beobachter der Evolution des Netzes. Dieser Text wurde in ähnlicher Form in seinem Blog medao.de publiziert, wo er zur weiteren Diskussion einlädt.

(Foto: stock.xchng/poooow)

 

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Ein Kommentar

  1. “Wikipedia für das Miteinander” … das weckt vielfältige Assoziationen. In der Tat sprechen Sie eine ganze Reihe von Bedürfnis-Facetten an, die der Status quo des heutigen Web nicht erfüllen kann, jedenfalls nicht für den Normalnutzer. Es gibt eine Reihe von Projekten und technologischen Elementen, die in die von Ihnen angedachte Richtung gehen (Semantic Web, MIcroformats, Mozillla’s persona etc.). Wir sind jetzt mal über G+ verbunden, da können wir ja dann mal anknüpfen.

Ein Pingback

  1. [...] sonst? YouTube kann Kino, die Amerikaner sind auf dem Mars, Wikipedia vielleicht bald überall. Produktiver ist besser, es shitstormte durch Facebook, oder auch nicht. [...]

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