Existierende Startups auf der Suche nach frischem Kapital:
Die Crowd soll es richten

 Vermehrt versuchen nicht mehr blutjunge deutsche Startups, sich per Crowdfunding frisches Kapital zu beschaffen. So erfreulich das Vorhandensein eines alternativen Finanzierungsweges auch ist: Nicht jedes Webunternehmen verdient es, am Leben gehalten zu werden.

Noch vor einer Woche galt Crowdfunding beziehungsweise Crowdinvesting in Bezug auf Startups primär als Mittel, um sich zum Zeitpunkt der Gründung initiales Kapital zu beschaffen und frühe Nutzer als Multiplikatoren und Botschafter einzuspannen. Doch dann entschloss sich der Leipziger E-Book-Dienst PaperC dazu, vier Jahre nach seinem Launch Privatpersonen eine Beteiligungsmöglichkeit einzuräumen und so das notwendige Kapital für die schnelle Weiterentwicklung der neuesten PaperC-Version einzusammeln. Was vor sieben Tagen noch als Einzelfall zu werten war, scheint sich mittlerweile zu einem Trend zu entwickeln: Bereits existierende Startups, die auch schon ein fertiges Produkt vorweisen können oder konnten, wenden sich an die “Crowd”, um sich die erforderlichen Mittel für den nächsten Expansionsschritt zu sichern. Gestern benachrichtigten uns gleich zwei junge Webfirmen aus Deutschland, über die wir in der Vergangenheit bei netzwertig.com berichtetet haben, über entsprechende Kampagnen: swabr und Farfromhomepage.

swabr hat Zusage von Co-Investor

Das Berliner Startup swabr hat einen Microbloggingdienst für Unternehmen entwickelt, nicht unähnlich Yammer oder Salesforce Chatter. Seit dem Jahreswechsel steht der in der Basisversion kostenfreie Dienst Unternehmen und Organisationen offen. Mehr als 2000 davon haben sich laut Firmenangaben bisher registriert. Am 29. August beginnen die Hauptstädter ihre Crowdinvestment-Aktion bei Innovestment, mit deren Hilfe sie 100.000 Euro von Privatleuten einnehmen möchten. Außerdem gibt das Startup auf seinem Profil bekannt, die mündliche Zusage eines Co-Investors zu haben, der im Falle einer geglückten Crowdfinanzierung weitere 100.000 Euro beisteuert. Die zusammen 200.000 Euro sollen die laufenden Kosten decken sowie die konzeptionelle Weiterentwicklung bis Anfang 2013 möglich machen. Zu diesem Zeitpunkt ist dann eine Venture-Capital-Runde in Höhe von rund einer Million Euro anvisiert.

Farfromhompage bittet um Spenden

Auch das ebenfalls aus Berlin stammende Jungunternehmen Farfromhomepage wendet sich an bisherige und künftige Nutzer, um sich frisches Kapital zu besorgen. Der Ende 2011 in geschlossener Beta-Phase lancierte Service erlaubt das Erstellen von interaktiven Präsentationen, die Contentschnipsel und ganze Websites enthalten können. Bisher haben die Gründer Manuel Scheidegger und Janosch Asen die Entwicklung ihrer Technologie aus eigener Tasche finanziert. Die Suche nach einem Investor trug laut Aussage der Macher keine Früchte, weshalb sie nun versuchen, die Zukunft des Angebots mit Hilfe der Community zu sichern. Anders als PaperC und swabr setzt das Startup von der Spree nicht auf Crowdinvesting sondern auf klassisches Crowdfunding. Während Investoren beim Crowdinvesting einen Anteil am Unternehmen erhalten und damit an dessen künftigem Erfolg beteiligt werden, bitten die Farfromhomepage-Macher um Spenden. Je nach Höhe der bereitgestellten Summe winken Spendern unterschiedliche Belohnungen. Für den Niedrigstbetrag von fünf Dollar erhält man eine mit dem Farfromhomepage-Tool erstellte “Dankeschön-Präsentation”, für 50 Dollar winkt unter anderem ein früher Beta-Zugang zur nächsten Farfromhomepage-Fassung, und wer ganze 1000 Dollar bereitstellt, bekommt zusätzlich eine Insider-Stadtführung von Berlin. Insgesamt sollen 85.000 Dollar eingenommen werden.

Ein genauer Blick lohnt sich immer

Im Gegensatz zum Silicon Valley sind in Europa und Deutschland nach wie vor die Investorengelder knapp. Das Beispiel des Wrapp-Klons Dropgifts zeigt, dass noch immer Nachahmern ambitionierter ausländischer Projekte am ehesten das Venturekapital hinterhergeworfen wird. Dass jungen Diensten dank des boomenden Crowdfundingsegments nun eine neue Option offen steht, um sich eine Finanzspritze zu holen, ist daher grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung. Allerdings kann insbesondere bei Kampagnen bereits existierender Firmen auch leicht der Eindruck entstehen, nach der Ablehnung durch Investoren wolle man nun sehen, ob sich mit für den Laien schwer nachprüfbaren Prognosen über die weitere Geschäftsentwicklung und einer farbenfrohen Präsentation doch noch das notwendige Kapital beschaffen lässt – in der Hoffnung, dass Privatpersonen das Produkt und Geschäftsmodell weniger skeptisch hinterfragen als die Profis.

Nun gibt es natürlich Mechanismen, die das Funding von allzu sinnlosen oder zum Scheitern verurteilten Projekten verhindern sollen: Denn sofern sich nicht eine hinreichend große Zahl an Investoren findet und im Kollektiv die erforderliche Mindestsumme aufbringt, kommt die Finanzierung nicht zustande. Auch bedeutet das Desinteresse von Business Angels und institutionellen Geldgebern nicht, dass eine Startup-Idee kein Potenzial hat – jedenfalls nicht im von Risikofurcht geprägten Deutschland. Doch angesichts der zu erwartenden explosiven Zunahmen an Crowdinvesting- und Crowdfunding-Kampagnen von existierenden Webfirmen, die anderweitig keine Finanzierung erhalten, sollten Nutzer genau hinschauen, wen sie unterstützen, und sich nicht zu sehr von den vollmundigen Versprechungen der Gründer beeinflussen lassen.

Ohne dies auf die in diesem Artikel genannten Startups zu beziehen: Früher ging bei Startups in Geldnot einfach das Licht aus, oder sie wurden bei eBay veräußert. Heute kann jedes Webunternehmen noch schnell eine Crowdfunding-Initiative einleiten. In einigen Fällen lassen sich so geniale, von Investoren zu Unrecht verschmähte Konzepte retten. In anderen jedoch wird unnötigerweise weiteres Kapital verbrannt. Hier als Privatinvestor kluge Entscheidungen zu treffen, ist eine Herausforderung.

(Foto: Flickr/Photos by Mavis, CC BY 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Ich finde Crowdfunding ist eine tolle Möglichkeit, für Start-Ups an Kapital zu gelangen, allerdings sind die genannten Risiken ein großes Problem bei der Sache.

    Dass jungen Diensten dank des boomenden Crowdfundingsegments nun eine neue Option offen steht, um sich eine Finanzspritze zu holen, ist daher grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung.

    Hier hätte noch die Plattform SeedMatch erwähnt werden können – eine Online-Plattform für Crowdfunding, die sicher für manches Start-Up eine Gelegenheit darstellt, an Kapital zu gelangen.
    Ich finde jedoch man kann hier auch auf weitere “neue Wege” verweisen, durch die Start-Ups an Investoren bzw. Kapital gelangen können. . Beispielsweise fällt mir da fianc.me ein. Vergleichbar mit einer Partnerbörse werden bei diesem Venture-Capital-Netzwerk Unternehmen (bevorzugt Start-Ups) mit Investoren in Kontakt gebracht, ohne dass die Unternehmen vorab ihre Idee preisgeben müssen.

    Gruß,
    Ingo

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