Demokratisierung von Wissen:
Jugendliche begeistern
sich für Wikipedia

Vier von fünf 10- bis 15-Jährigen in Deutschland nutzen Online-Nachschlagwerke. Einen besseren Beleg für die von der Digitalisierung ermöglichte Demokratisierung von Wissen gibt es kaum.

Vielleicht kennt ihr diese Argumentation – vorrangig ist sie von Vertretern der älteren Generation oder notorischen Skeptikern des digitalen Zeitalters zu hören: Junge Leute würden immer dümmer, spielten den ganzen Tag nur noch am Rechner und haben keine Manieren. Kurzum: In den Augen der Pessimisten geht alles bergab, und Informationstechnologie beschleunigt diesen Prozess. In einem derartigen Schlagabtausch kann man noch so oft darauf verweisen, dass mit Computern, Smartphones und dem Netz auch völlig neue Formen des Engagements, der persönlichen Weiterbildung und des Zugangs zu Informationen entstehen – sprich, dass gerade diejenigen, die in der analogen Vergangenheit am weitesten vom für ein erfolgreiches Leben notwendigen Wissen entfernt waren, aus der Digitalisierung besonders große Vorteile ziehen. Analogromantiker überzeugt dies nicht. Sie sind fest davon überzeugt, dass speziell Jugendliche ihre Zeit am Rechner ausschließlich mit “bösen” Dingen wie Killerspielen, albernen YouTube-Clips und Pornos verbringen, aber nicht mit solchen Angeboten, die sie im Leben voran bringen.

Das Statistische Bundesamt liefert nun einen schönen Beleg dafür, dass diese düstere Perspektive nicht der Realität entspricht (via Golem): Rund 72 Prozent aller Internetnutzer in Deutschland ab zehn Jahren haben im ersten Quartal 2011 Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia genutzt. In der Altersgruppe zwischen 10 und 15 Jahren lag dieser Wert sogar bei 82 Prozent. Laut dem Marktforschungsinstitut TNS Infratest sind in der Bevölkerungsgruppe der 14-bis 30-Jährigen in Deutschland 97 Prozent Onlinenutzer. Dies bedeutet, dass praktisch alle jungen Menschen hierzulande zumindest gelegentlich ins Netz gehen, was wiederum heißt, dass vier von fünf Jugendlichen in Deutschland Onlinenachschlagewerke verwenden.

Und jetzt die Preisfrage: Wie viele Kinder und Teenager haben wohl vor 30 Jahren, also im Jahr 1982, gelegentlich einen Blick in ein Lexikon geworfen? Eine Statistik konnte ich dazu leider nicht auftreiben, wage aber die Behauptung, dass es deutlich weniger waren als 82 Prozent. Gerade in den Haushalten, die man heutzutage gerne als “bildungsfremd” bezeichnet, dürften nur selten die rund zwei Dutzend Bände der Brockhaus Enzyklopädie anzutreffen gewesen sein.

Wer möchte, kann natürlich auch auch hier wieder Einwände finden: Immerhin noch 18 Prozent der Jugendlichen scheinen sich nicht für Wikipedia & Co (wobei das “& Co” hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt wird) zu interessieren. Hinzukommen eventuelle Zweifel an der Qualität eines auf User-Generated-Content basierenden Nachschlagewerks – wobei diese mittlerweile eigentlich widerlegt wurde wurden. Und bei den 82 Prozent, die bei Wikipedia recherchieren, ist natürlich unklar, was genau sie nachschlagen. Vielleicht, wer Johann Wolfgang von Goethe war, vielleicht aber auch, wie es zur Entstehung von Chuck Norris Facts kam oder wann mit der nächsten Version von Duke Nukem zu rechnen ist.

Letztlich ist es aber egal, wie trivial oder scheinbar belanglos die bei Wikipedia recherchierten Themen auch sind – ein Wissenszuwachs ist mit jeder Minute verbunden, die sich Kinder und Jugendliche der Online-Enzyklopädie widmen. Und im Gegensatz zu herkömmlichen Lexika haben die zahlreichen Verlinkungen zur Folge, von einem gesuchten Begriff schnell auf ganz andere Artikeln und Informationen zu stoßen.

Die enorme Reichweite von Onlinenachschlagewerken bei jungen Nutzern ist ein eindeutiger Beweis für die durch die Digitalisierung ausgelöste Demokratisierung von Wissen. Ungeachtet von sozialem Status, familiärem und akademischem Hintergrund sowie der finanziellen Situation kann nahezu jeder junge Mensch in Deutschland auf einen in seiner Form bisher nicht gekannten Wissensschatz zugreifen. Die Statistik des Bundesamts belegt, dass diese Möglichkeit auch in einem sehr großen Umfang wahrgenommen wird.

Selbst wenn es sich Ewiggestrige nicht vorstellen können: Vielleicht ist die mit moderner Informationstechnologie und dem Internet aufgewachsene Generation besser und intelligenter als ihr Ruf?

 

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6 Kommentare

  1. Hallo Martin!

    Schöner Artikel! Nun stellt sich aber (mir) mal wieder die Frage warum dann im deutschen Schulsystem das Thema Internet oder IT immer noch so einen geringen Stellenwert einnimmt. Aus persönliche Erfahrung heraus kann ich da beispielsweise anmerken, dass Dänemark Deutschland hier um Jahre voraus ist.

    Dass die Jüngeren immer dümmer werden und nur am Rechner spielen, wären ja jetzt in Frage gestellt bzw. abgemildert. Mit den Manieren ist das dann aber noch immer so eine Sache. ;)

    Beste Grüße,
    Jonas

  2. Hehe diese Frage nach dem “Warum” stellt sich ja in vielen Bereichen rund um das deutsche Verhältnis zum Internet. Skepsis und Ablehnung sind irgendwie zu tief in der deutschen Seele verwurzelt.

  3. Das stimmt allerdings. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

  4. Die Qualitätskontrolle funz bei der WP nicht so richtig. Ich habe das mehrfach getestet, in dem ich Fake-Artikel eingestellt und andere _Artikel geändert habe. Einige Fakes sind gar nicht entdeckt worden, andere erst nach ein paar Wochen.

  5. Das ist ja alles ganz schön klischee-behaftet. Jede Generation hat an der nachwachsenden was zu kritisieren, meines Erachtens, weil sie viele Verhaltensweisen schlicht nicht versteht. Das sollte man nicht zu wichtig nehmen. Früher haben die Schüler viel in Büchern erarbeitet, heute machen sie einiges mit Wikipedia. Sicher auch, weil die Lehrer sie dazu anhalten und Wikipedia-Artikel bei Google immer obenan stehen. Und schon kommt eine solche Statistik raus. Auf Papier gibt es Schundromane und Lexika, im Fernsehen Scripted Reality und tiefgreifende Dokus und im Internet Pornos und Wikipedia. Kein Medium ist nur gut oder böse.
    Ich habe im Übrigen die vergangenen Jahre eher die Erfahrung gemacht, dass “Ewig-Gestrige” sich eher zurückhalten mit Tiraden, weil sie ihre eigenen Schwächen letztendlich kennen. Wenn sie die nicht zugeben wollen, sollte man sie Größe haben, darüber hinwegzusehen.

  6. Für mich wäre auch interessant, wieviele sich AKTIV auf Wikipedia betätigen? Und da sieht es doch leider mau aus. Von einer “Demokratisierung von Wissen” kann man meines Erachtens dann sprechen, wenn viele Leute ihr Wissen auch aktiv teilen. Das würde auch der gebotenen Qualität dienen.
    Meine Uni verbietet übrigens Wikipedia Einsatz bei wissenschaftlichen Arbeiten – aufgrund von Qualitätsbedenken.

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  1. [...] Fundraising Hulk geht um. Jack Daniels mahnt ab und alle freuen sich darüber und Jugendliche sind nicht so schlecht wie ihr Ruf und Steve soll als Löwe wiedererschienen sein. Für doofe Urlaubsflirts nach dem [...]

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