Unterschiedliche Motive:
Wieso die Suche nach einem
Instagram für Video erfolglos bleibt

Bisher gelingt es keiner mobilen Video-App, den Erfolg von Instagram zu wiederholen. Vielleicht ist dies gar nicht möglich.

Nach der Milliarden-Übernahme von Instagram durch Facebook, die bisher allerdings noch nicht abgeschlossen ist, war eine der besonders intensiv diskutierten Fragen, welches App-Startup zum “Instagram für Videos” avancieren wird. Die Zahl der Anbieter nahm in letzter Zeit stark zu, doch nur zwei Diensten gelang es, eine signifikante Zahl an Nutzern zu gewinnen: Socialcam und Viddy. Beide US-Apps konnten in diesem Jahr ihre Mitgliederzahlen dramatisch erhöhen – was teilweise aber auch auf fragwürdige Praktiken zur Schaffung von Viralität und eine aggressive Verknüpfung mit Facebook zurückzuführen ist. Instagram erreichte seine über 50 Millionen Anwender größtenteils ohne zwielichtige Maßnahmen zur Nutzerakquisition.

In der vergangenen Woche wurde der Verkauf von Socialcam bekannt gemacht - für im Vergleich zu Instagram eher bescheidene 60 Millionen Dollar. Zwar war das Startup aus San Francisco bisher lediglich durch eine Reihe namhafter Business Angels finanziert, weshalb das Gründerteam die Summe nicht mit Venture-Capital-Firmen teilen muss. Dennoch lässt der frühe Exit erahnen, dass die Macher am langfristigen Potenzial ihrer mobilen Video-Sharing-App zweifelten – oder Schwierigkeiten hatten, Geldgeber davon zu überzeugen, frisches Kapital in das bisher keine Umsätze generierende Unternehmen zu pumpen. Socialcam-Käufer Autodesk ist das weltgrößte Software-Unternehmen für digitales 2D- und 3D-Design und verdient sein Geld vorrangig mit teurer Profi-Software.

Socialcam-Gründer hält Instagram-Vergleich für Trugschluss

Im Gespräch mit PandoDaily gab Socialcam-Gründer und -CEO Michael Seibel zu verstehen, dass der den Hype antreibende Vergleich mit Instagram von Beginn an ein Trugschluss war. “Das Fotografieren ist seit Jahrzehnten Mainstream – noch bevor der Computer kam. Das Aufzeichnen von Videos ist noch immer nicht Mainstream”, versucht Seibel den Unterschied deutlich zu machen. Ein wenig klingt dies wie eine Entschuldigung dafür, dass sich das Unternehmen und sein großer Konkurrent Viddy nur mit Hilfe von Maßnahmen an die Spitze der App Charts setzen konnten, die den Mehrwert für Anwender außer Acht lassen. Jeder, der schon einmal im Facebook-Stream auf ein bei Socialcam oder Viddy gehostetes Video geklickt hat und dann zur Installation der App aufgefordert wurde, weiß, wovon ich spreche.

Instagram-Fotos sind visuelle Status Updates

Eine deutlich bessere Erklärung dafür, warum diese Video-Apps in ihrer bisherigen Form nicht die gleiche positive Entwicklung durchmachen werden wie Instagram, liefert Mark Hall, Mitgründer des Video-Aggregators Showyou, in seinem Blog. Nach seiner Beobachtung, die er unter anderem am Nutzungsverhalten seiner 13-jährigen Tochter festmacht, sind die bei Instagram publizierten Fotos lediglich ein Weg, um eine Konversation einzuleiten. Es handele sich um eine visuelle Form von Status Updates. “Wir glauben, wie würden Fotos teilen. [...] Aber wir nutzen Instagram nicht, um Kunst zu machen oder unsere Fähigkeiten als Fotografen zu verbessern. Instagram ist nicht Flickr. Wir versuchen lediglich, mit unseren Freunden in Kontakt zu bleiben und Konversationen zu starten. Instagram ist eine Kommunikationsplattform, verkleidet als Foto-App”, so seine Analyse, die meines Erachtens nach für das Gros der Instagram-Nutzer definitiv zutrifft.

Und hier liegt laut Seibel das Problem mit den mobilen Videoapps: Fotos vermitteln innerhalb weniger Sekunden das eigene Befinden oder die Botschaft, die der Erschaffer den Kontakten vermitteln will. Mobile Videos erfordern nicht nur mehr Aufwand in der “Produktion”, sondern setzen auch voraus, dass Betrachter sie in voller Länge anschauen. Kurzum: Fotos eignen sich als visuelle Status Updates, Videos nicht.

Das letzte Wort ist in dem Bereich natürlich noch nicht gesprochen. Socialcam wird weiterentwickelt. Viddy sammelte im Mai 30 Millionen Dollar Venture Capital ein, und mit Vyclone betritt gerade eine spannende neue Video-App für iOS die Bildfläche, die zeitgleich aufgenommene Clips verschiedener Personen automatisch in ein Video verwandelt. Aber vielleicht ist es an der Zeit, sich von der Vorstellung zu verabschieden, mit Smartphones aufgenommene Fotos und Videos würden dem gleichen Zweck dienen. Instagram-Fotos sind Status Updates, was die Akquisition durch Facebook nachvollziehbarer macht. Videos sind – nunja – Videos.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Gibt’s das Instagram für Videos nicht schon? Nennt sich YouTube.

  2. Nachtrag: Das Einfachste wäre ja, wenn ein etablierter Dienst wie Instagram einfach eine weitere Videosparte aufmachen würde, also einen zweiten Video-Tab neben Fotos. Wären dann quasi die berühmten zwei Fliegen mit einer Klappe. Wäre auch für User praktisch, wenn sie Video-Schnappschüsse beim selben Anbieter hochladen könnten.
    Bräuchte Youtube das Gleiche nur für Fotos, um gleichzuziehen. Ich halte die Youtube-App-Technologie sowieso für eine vorzügliche App zur Darstellung und Organisation sämtlicher Internet-Inhalte.

    • Klar, das läge extrem nahe. Aber man weiß nie, ob damit nicht das, was Instagram erfolgreich gemacht hat – der absolute Fokus auf eine Aktivität – zu nicht gemacht werden würde. Eben weil die Use Cases von Video- und Fotosharing andere sind.

    • Der Fokus auf eine einzige Aktivität kann im Sinne der Einfachheit sicher ein Vorteil sein. Aber nur bei eher kleineren Diensten. Leider geht solche Fokussierung auf Kosten der Weiterentwicklung und Vernetzung. Die Verknüpfung von Foto und Video in Smartphones, Tablets und Camcordern würde jedenfalls auch eine solche Verknüpfung in Webdiensten eben dafür nahelegen. Vielleicht könnte man Fotos auch weiter als Hauptdienst herausheben und Videos als eine Art Unterangebot anbieten. Außerdem bietet die Anreicherung mit Videos Usern die Möglichkeit, sich noch viel breiter darzustellen als nur mit Fotos. Und so kompliziert finde ich ein duales Angebot für Fotos und Videos nun auch wieder nicht. Fottos, Videos, fertig – das werden die Leute schon noch auseinanderhalten können und gebacken bekommen. Eine solche Bündelung könnte das Videofilmen auch allgemein weiter befördern. Vernetzung und Synergie sind das A und O im Netz – für Video und Foto liegt eine solche Bündelung m.M. auf der Hand.

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  1. [...] welche Weise Twitter auch immer die Faszination der Nutzer für visuelle Startup-Updates – denn nichts anderes sind Instagram-Fotos – zu befriedigen versucht: Es wird ein Kraftakt. Doch will das Unternehmen aus San Francisco [...]

  2. [...] Bisher gelingt es keiner mobilen Video-App, den Erfolg von Instagram zu wiederholen. Vielleicht ist dies gar nicht möglich.  [...]

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