Firmenlenker und Startup-Gründer:
Das verzerrte Bild von
Arbeitszeit und Erfolg

Dass mit Marissa Mayer eine schwangere Frau den Chefsessel eines börsennotierten Konzerns erklimmt, sorgt für viel Diskussionsstoff. Doch würde im öffentlichen Bewusstsein Erfolg nicht mit langen Arbeitszeiten gleichgesetzt werden, gäbe es diese Debatte nicht.

“Eine schwangere Frau wird Chefin eines Fortune-500-Unternehmens? Im deutschsprachigen Raum wäre dies unvorstellbar.” So oder ähnlich fielen am Dienstag vielerorts die Reaktionen auf die Berufung von Google-Managerin Marissa Mayer als CEO von Yahoo aus. In dieser Woche begann die 37-Jährige ihre Tätigkeit bei dem angeschlagenen US-Internetkonzern, im Oktober soll ihr erstes Kind auf die Welt kommen.

Gerade wir Deutschen neigen traditionell zu einem selbstkritischen Blick, weshalb das Fazit, hierzulande wäre eine derartige Personalie zumindest bei großen Konzernen mit akutem Handlungsdruck ein Ding der Unmöglichkeit, nahe liegt. Doch was dabei nicht unter den Tisch fallen sollte: Natürlich ist die Causa Mayer auch in den USA ein Novum und Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Das Wall Street Journal debattiert, inwieweit Mayers Schwangerschaft ihre Führungsfähigkeiten beeinträchtigen wird, TechCrunch-Autorin Sarah Perez sorgt sich darum, dass Mayers Plan, nach der Geburt sofort an ihren Schreibtisch zurückzukehren, andere werdende Mütter unter Druck setzt, und Forbes untersucht, welche rechtlichen Aspekte bei der Bekanntmachung der Schwangerschaft des CEO eines börsennotierten Unternehmens zu beachten sind.

Mayer ist ein Einzelfall auch in den USA

Während die Ernennung Mayers zur Vorstandsvorsitzenden also durch die deutsche Brille ein weiteres Indiz für den enormen Nachholbedarf darstellt, den unserer Land mit Blick auf Chancengleichheit und Gleichberechtigung hat, gibt es in diesem Kontext wenig Grund zur Romantisierung der US-amerikanischen Mentalität: Auch dort sorgt die Meldung für viel Diskussionsstoff und ruft zahlreiche Kritiker auf den Plan. Und auch dort ist das Ereignis bisher ein Einzelfall – ein wichtiger natürlich, denn jede derartige Debatte führt letztendlich zu einer zumindest minimalen Verschiebung geltender Konventionen. Wenn das nächste Mal in den Vereinigten Staaten eine schwangere Frau auf dem Chefsessel eines Konzerns Platz nimmt, wird das Echo von Presse und Öffentlichkeit schon deutlich moderater ausfallen.

Lange Arbeitstage bei Entscheidern und Gründern

Das Grundproblem der Debatte ist jedoch ein anderes, und eines, das auch speziell die Internet- und Startupwirtschaft betrifft: eine ungesunde Einstellung zu Arbeitszeiten. Es ist kein Geheimnis, dass die Gründung und Mitarbeit bei aufstrebenden Firmen mit einem Verlust von Freizeit einhergeht. Nine-to-Five-Jobs gibt es bei Startups nicht. Durchgearbeitete Nächte, Wochenendschichten und der Zwang zu veränderten Prioritäten, was das eigene Privatleben betrifft, sind eher Regel als Ausnahme.

Nun ist Yahoo bald zwanzig Jahre nach seiner Entstehung kein Startup mehr, und Angestellte werden sicherlich in der Lage sein, auch einmal 17:00 Uhr Feierabend machen zu können. Doch bei hochbezahlten Managern und CEOs gilt allgemein die Grundannahme, dass sie von früh bis spät mit ihrer Arbeit beschäftigt sind und ganz einfach nur sehr wenig Zeit dafür haben, sich um Familie, Freunde und Interessen zu kümmern. Angesichts dieses omnipräsenten Gedankenkonstrukts ist es gar kein Wunder, dass einer schwangeren Firmenlenkerin Skepsis entgegenweht. Erst recht, weil in vielen Köpfen noch immer das Bild verankert ist, als Mutter würde sie automatisch den Löwenanteil der Familien- und Hausarbeit stemmen müssen. Und das neben ihrem 16-Stunden-Tag. Klar, dass man da zu dem Fazit kommen muss, diese Rechnung könne nicht aufgehen.

Harte Arbeit = kein Privatleben = Erfolg?

Von den für die Millionärin Mayer einmal abgesehenen Möglichkeiten zu professioneller Unterstützung bei der Kinderbetreuung zeigt sich, dass es vor allem unsere Assoziation von Erfolg und langen Arbeitstagen ist, die uns bei der Akzeptanz einer schwangeren Konzernchefin, aber auch einer schwangeren Startup-Gründerin im Wege steht. Wer viel erreichen will, muss hart arbeiten. Und harte Arbeit heißt, alle anderen menschlichen und sozialen Bedürfnisse hinten an zu stellen und jeden Tag von 8 bis 22 Uhr im Büro zu sitzen. Gerade im leistungsorientierten Deutschland ist diese Haltung bei vielen karrierewilligen Menschen verbreitet und wird von Vorgesetzten oft auch erwartet.

Dabei gibt es mittlerweile genug Untersuchungen, die belegen, dass die Qualität der Arbeit nicht besser wird, nur weil man an die Kernarbeitszeit nochmal sechs Stunden heranhängt und unter chronischem Schlafmangel leidet. Auch dass Politiker wichtige Entschlüsse zur Zukunft des Euro in Marathonsitzungen um fünf Uhr früh fassen, widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Erreichen bestmöglicher Entscheidungen.

Sicherlich hat sich in den vergangenen Jahren schon vieles verbessert – von Gleitzeit über Heimarbeit bis hin zu betrieblicher Kinderbetreuung existieren zahlreiche Ansätze, um eine ausgeglichene Work-Life-Balance herzustellen. In Startup-Kreisen und vielen Chefetagen allerdings gelten nach wie vor andere Regeln: Unermüdliches Ackern und Erreichbarkeit rund um die Uhr stehen einem erfüllten Privatleben im Wege.

Natürlich existieren handfeste Gründe dafür, dass Menschen in diesen Positionen mehr arbeiten als der durchschnittliche Angestellte: Startups kämpfen mit begrenzten Mitteln gegen die Zeit und eventuelle Konkurrenten, was eine gewisse Geschwindigkeit bei der Produktentwicklung erforderlich macht. Zudem zeichnen sich die Tätigkeiten von Gründern häufig dadurch aus, ihren Machern viel Spaß und Freude zu bereiten, was automatisch die Bereitschaft zu längeren Arbeitstagen erhöht. Und Unternehmenslenker und Entscheider haben gewöhnlich vorzügliche Einkommen, was einen zusätzlichen Einsatz für die Firma rechtfertigt. Andererseits tragen sie dafür auch eine besondere Verantwortung, weil ihre Beschlüsse oft die ganze Belegschaft betreffen.

Workaholics sind kein Ideal

Es passiert zu leicht, dass man einen CEO mit einer 80-Stunden-Woche im Büro oder auf Terminen automatisch für fähiger hält als einen Chef, der zwei Tage die Woche von zu Hause arbeitet und noch dazu die Zeit findet, sich um die Familie zu kümmern und den eigenen Hobbys nachzugehen. Doch es existieren hinreichend Indizien dafür, dass ein Workaholic ohne Leben neben dem Job keineswegs die bessere Wahl für ein Unternehmen ist. Nur hat diese Information noch nicht richtig in das kollektive Bewusstsein gefunden.

Am Ende lautet die Frage, ob unsere zukünftige Gesellschaft ein Interesse daran hat, dass auch kompetente, für einen Posten geeignete schwangere Frauen (oder Frauen, die in naher Zukunft schwanger werden könnten) in Entscheiderpositionen aktiv oder – um den Bogen zurück zur Technologie- und Internetbranche zu spannen – am Aufbau eines Startups beteiligt sein können. Geht man davon aus, dass Menschen mit einem gesunden, erfüllten Privatleben auch im Job eher brillieren, gibt es mindestens einen guten Grund, sich dafür einzusetzen. Dafür notwendig ist jedoch ein gedanklicher Abschied von der bewiesenermaßen fehlerhaften Assoziationskette “mehr Arbeit = mehr Leistung = mehr Erfolg”. An dem Tag, an dem eine Schwangere oder junge Mutter als Firmenchef für uns so normal ist wie ein junger Geek im Kapuzenpullover oder ein ergrauter Herr um die 60 im Anzug, wissen wir, dass wir diesen Punkt erreicht haben.

Und weil es so gut passt: Der Gründer des US-Startups Demos hat die Regel aufgestellt, dass die Angestellten nicht ins Büro kommen dürfen, wenn sie müde sind. Seine Erfahrung bisher: Das Team arbeitet produktiver und ist zufriedener.

(Foto: Flickr/Charles Williams, CC BY 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Kontroverse Entscheidung: Yahoo-CEO Marissa Mayer verdammt das Home Office

26.2.2013, 0 KommentareKontroverse Entscheidung:
Yahoo-CEO Marissa Mayer verdammt das Home Office

Der Wandel der Arbeitswelt scheint unaufhaltsam – hin zu mehr Flexibilität, Eigenständigkeit und Kollaboration auch über längere Distanzen hinweg. Doch nun verkündet ausgerechnet die jüngste Frau, die jemals die Leitung eine Fortune-500-Unternehmens übernahm, dass die Home-Worker ins Unternehmen zurückkehren sollen.

Marissa Mayer wird Yahoo-Chefin: Die unverhoffte Retterin

17.7.2012, 8 KommentareMarissa Mayer wird Yahoo-Chefin:
Die unverhoffte Retterin

Die Wahl von Marissa Mayer als neue Chefin ist ein Glücksfall für Yahoo. In Deutschland undenkbar: Yahoo stellte die Ex-Google-Managerin ein, obwohl sie noch dieses Jahr ein Kind erwartet.

Aufgabenmanager: Wunderlist wird schneller, schöner - und bleibt sonst fast wie es ist

10.7.2014, 1 KommentareAufgabenmanager:
Wunderlist wird schneller, schöner - und bleibt sonst fast wie es ist

Das Berliner Produktivitäts-Startup 6Wunderkinder wird in wenigen Wochen die neue Version seines von sechs Millionen Menschen genutzten Aufgabenmanagers Wunderlist veröffentlichen. Gut so, denn die bisherige App wirkt nicht mehr ganz frisch.

Social Bookmarking: Produktiver durch Langzeit-Investment

20.6.2014, 2 KommentareSocial Bookmarking:
Produktiver durch Langzeit-Investment

Strategien zur Produktivitätssteigerung können manchmal erst mit Verzögerung ihre volle Wirkung entfalten. Ein Beispiel hierfür ist Social Bookmarking. Ein Erfahrungsbericht nach über 21.000 gespeicherten Links.

Tools: Wo bleiben die revolutionären Produktivitätstools?

16.6.2014, 3 KommentareTools:
Wo bleiben die revolutionären Produktivitätstools?

Es erscheinen zwar laufend neue Produktivitätstools. Diese sind aber kaum besser als die existierenden Tools oder lösen oft nur oberflächliche Probleme. Dabei zeigen Kommentare unserer Leser, dass eine Nachfrage nach wirklich innovativen Tools besteht – etwa, wenn es um Sicherheitsbedürfnisse geht.

Till Ohrmann vom European Pirate Summit: \

17.7.2014, 1 KommentareTill Ohrmann vom European Pirate Summit:
"Startups, die nicht gut präsentieren können, gehören nicht auf die Bühne"

Zum vierten Mal findet Anfang September in Köln die Startup-Konferenz European Pirate Summit statt. Das Event ist seit 2011 von einem Hobby der Macher zu einem Startup geworden. Till Ohrmann, Co-Founder und CEO, plaudert aus dem Nähkästchen.

Massiv finanzierte Internetfirmen: Der Fluch, um jeden Preis wachsen zu müssen

3.7.2014, 3 KommentareMassiv finanzierte Internetfirmen:
Der Fluch, um jeden Preis wachsen zu müssen

Viele einstige Hoffnungsträger der Internetbranche treffen Produktentscheidungen, die nicht im Sinne der Nutzer sind. Oft bleibt ihnen keine andere Wahl: Hohe Bewertungen und Wagniskapital im dreistelligen Millionenbereich verpflichten sie dazu, um jeden Preis zu wachsen.

US-Investoren kaufen norddeutsche Vielflieger-App: Flying erhält zweite Chance

2.7.2014, 5 KommentareUS-Investoren kaufen norddeutsche Vielflieger-App:
Flying erhält zweite Chance

Im April gaben die Macher der Vielflieger-App Flying bekannt, den Dienst trotz einer loyalen Nutzer-Community nicht weiterführen zu können. Daraufhin hagelte es Beteiligungs- und Kaufofferten. Jetzt verkündet das Startup aus Hamburg die Akquisition durch US-Investoren.

24 Kommentare

  1. Das ist wirklich gut muss ich sagen. Das Wallstreet Journal stellt die Zurechnungsfähigkeit einer Schwangeren in Frage, Sarah Perez macht einen auf Überamazone Alice Schwarzer. Und Forbes will den richterlichen Hammer schwingen…

    Dabei tritt eine bereits fähige Managerin, die ihr Geld schon gemacht hat die Position an.

    Ein Mensch, der sicher trotz Hormonschübe eine gute Impulskontrolle besitzt und mit absoluter Sicherheit an dem Platz genau richtig ist.

    Solche Entscheidungen werden doch nicht von Idioten oder achtjährigen Kindern getroffen!

    Aber genau dazu habe ich in einer GEO einen guten Beitrag zu “Querdenkern” gelesen.

    Man liebt sie erst 50 Jahre nach ihrem Tod, weil sie unser Weltbild ins wackeln bringen, das ja mit unserem zwanghaften Sicherheitsbedürfnis verknüpft ist.

    (Nein, ich war nicht beim Artz, diese GEO habe ich mir tatsächlich und genau wegen diesem Beitrag gekauft.)

  2. Sehr schöner Artikel, der aus dem Einheitsbrei “Arbeitszeit=Leistung” ausbricht.

  3. Die meisten von uns sind mit dem Trugschluss aufgewachsen, dass Menschen mit einer 80 Stunden Woche fähiger sind. Nach über einen Jahr startup konnte ich mit dem Antreten einer geregelten Arbeit beobachten, wie meine Kreativität und Leistung nach oben gingen. Genau wie der Artikel es beschreibt.
    Ein zweites Problem will ich noch ergänzen: Arbeit ist ungleich “beschäftigt sein” oder “sich beschäftigt geben.”
    Viele sind 80 Stunden “beschäftigt” mit einem kleinen to-do nach dem anderen und mögen manchmal weiter kommen als jemand, der 40 Stunden arbeitet: an einem wichtigen Projekt nach dem anderen. Um das zu ändern hilft nur gründen und von Beginn an eine neue Unternehmenskultur prägen.

  4. Ein Vorstand eines grösseren Unternehmens hat mal in einem Diskussionsrunde gesagt: “Wenn Herr Meyer in seinem jetzigen Job so viele Überstunden macht – wie will er denn erst die Arbeit nach einer möglichen Beförderung bewältigen?” Fazit: Wer viele Überstunden macht, ist überfordert und kommt nicht weiter nach oben.

    Es gibt auch andere Chefes, für die sind Überstunden erst der Ausweis für den Einsatz im Unternehmen und Voraussetzung für eine Beförderung.

    Über Japaner wird gesagt, dass sie viele Überstunden machen und werden so als Vorbild genommen.
    Ein Kommilitone hatte (vor vielen Jahren) ein Praktikum in der Verwaltung eines japanischen Unternehmens absolviert. Die Mitarbeiter haben unproduktiv Akten von links nach rechts umgeschichtet, warteten nur darauf, dass der Chef ging um dann auch (nach vielen “Überstunden”) gehen zu dürfen.

    Der Kommilitone war vor dem Studium in Deutschlands berufstätig – die dort anfallende Arbeit hätte man nach seiner Einschätzung locker in der täglichen Mindestarbeitszeit bewältigen können.

    Die Mitarbeiter dort mussten aufgrund des Gruppenzwangs “Überstunden” ableisten. Zudem wollten oder konnten sie nicht früher nach Hause – weil dort in der zu kleinen und engen Wohnung Frau und Kinder warten…

  5. Sehr, sehr gut auf den Punkt gebracht, Martin! Wobei ein Punkt, den du nennst, auch essentiell ist, damit “so was” klappt: nämlich, dass Mayer im Privaten Hilfe hat und ihr Spagat zwischen neuer Mutterschaft und dem Job nicht so krass ausfällt wie bei anderen. Denn auch wenn ich deiner Optimal-Formel “Arbeitszeit ungleich Leistung” absolut zustimme, ist es natürlich ein Mehr an Verantwortung, einen solchen Konzern zu führen, ja: retten zu sollen!, als viele andere Führungspositionen.

    Insofern wage ich zu behaupten, dass Mayer (leider) nicht die Revolution lostreten wird, nach der es jetzt ausschaut.

    Im Übrigen ist sie, das zeigte vor ein paar Tagen Thomas Knüwer, auch nicht frei von Vorbilder, die schwanger ein großes Unternehmen in neue Richtungen gelenkt haben: http://indiskretionehrens…angere-chefin-mayer/

  6. Ich finde das eh sehr merkwürdig mit den ganzen langen Arbeitszeiten.

    Gerade bei schwierigen Entscheidungen und komplizierten Aufgaben brauche ich einen ausgeruhten Geist.

    Tendenziell sollte die Arbeitszeiten zurückgehen, da ja die Aufgaben angeblich immer komplizierter werden.

  7. Ist es nicht aber schon so, dass ein(e) Unternehmenschef(in) den ganzen Tag über meistens so viel zu tun hat, dass eine 40-Stunden-Woche einfach nicht ausreicht? Und natürlich müssen wichtige Entscheidungen oft auch abends getroffen werden. Kann eine junge Mutter natürlich auch.

    Aber aus biologischer Sicht wundert mich bei Yahoo und Mayer der Zeitpunkt. Gerade die ersten 12 Wochen nach der Geburt gelten für eine Mutter-Kind-Beziehung als sehr wichtig. Also kann sie entweder ihr Kind in betreuende Hände geben (was nur die zweitbeste Lösung für das Kind wäre) oder Mutterschaftsurlaub nehmen, wo Yahoo dann auf sie verzichten müsste. Na gut, das ist deren Problem…

  8. Ist es nicht aber schon so, dass ein(e) Unternehmenschef(in) den ganzen Tag über meistens so viel zu tun hat, dass eine 40-Stunden-Woche einfach nicht ausreicht? Und natürlich müssen wichtige Entscheidungen oft auch abends getroffen werden. Kann eine junge Mutter natürlich auch.

    Ja so ist es sicherlich. Aber Arbeit kann im digitalen Zeitalter viele Formen annehmen.

    Aber aus biologischer Sicht wundert mich bei Yahoo und Mayer der Zeitpunkt. Gerade die ersten 12 Wochen nach der Geburt gelten für eine Mutter-Kind-Beziehung als sehr wichtig.

    Dazu habe ich folgende Gedanken:

    1. Erstens bin ich mir bei derartigen Weisheiten nicht sicher, wie zutreffend die sind. Denn die meisten Annahmen zum Eltern-Kind-Verhältnis stammen aus einer Zeit, in der der Mann ein Interesse daran hatte, die gesamte Verantwortung der Frau zu überlassen.

    2. Kann es ja durchaus sein, dass sie in den ersten Wochen nur in reduzierter Form arbeitet. Yahoo wird dies schon überleben.

    3. Ist sowas imo vollkommen ihre Privatsache.

    4. Letztlich geht es bei der Debatte doch ohnehin nicht um die paar Wochen nach der Geburt. Selbst zwölf Wochen Pause der Mutter im Rahmen der Geburt mit gelegentlicher Heimarbeit könnte ein Unternehmen verkraften. Die Diskussion dreht sich letztlich darum, dass eine Mutter mit einem Baby ein Unternehmen leitet, und betrifft einen längeren Zeithorizont.

  9. Eine Anmerkung: Marissa Mayer weilte in ihrer Google-Zeit von 09:00am-12:00pm auf dem Google-Campus, gilt als Prototyp eines Workoholic http://businessweek.com/s…yer-the-talent-scout Zum vermeintlich verzerrten Bild von Arbeitszeit und Erfolg trägt sie also durchaus ihren Teil bei.

  10. Sehr interessanter Artikel, aber wieviele Beispiele für erfolgreich reduzierte Arbeitszeit in wichtigen Positionen gibt es denn? Also bei Firmen in hartem Wettbewerb?

    Hat jemand Erfahrung mit schwedischen oder dänischen Unternehmen? Dort ist die Frauenerwerbsquote nach meinem Wissen höher, und Frauen haben auch häufiger Führungspositionen als bei uns. Arbeiten die auch wirklich weniger? Oder gewöhnen sich dort auch Frauen an, wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, so wie es für Karriere-Männer normal ist? Der Tag hat nur 24 Stunden, wenn ich mehr arbeite, habe ich weniger Zeit für meine Kinder. An anderer Stelle las ich gestern:

    “Frauen können Karrieren und fünf Kinder haben, wenn sie sehr, sehr gut sind und wenig Schlaf brauchen [...]. Aber sie müssen sich dann von der Vorstellung verabschieden, noch alle Freunde ihrer Kinder zu kennen, zu kontrollieren, ob alle warm genug angezogen sind und den passenden Kuchen zum Schulfest dabei haben. Anders als Männer müssen sie sich auf die Kritik anderer Frauen gefasst machen. Und wie Männer müssen sie auf viele Familienfreuden verzichten und Aufgaben delegieren können: an das Kindermädchen, die Großeltern, und ja, den Ehemann.”

    In meiner Umgebung sind viele Frauen zu diesem Verzicht noch nicht bereit, sie möchten wegen der Kinder nur wenig arbeiten, einige schon: in meinem Freundeskreis sind zwei Hausmänner, die das übernehmen. Das Gehalt der Ehefrauen läßt den Verzicht auf das Einkommen der Männer aber auch zu. Ich bin übrigens auch Hausmann, aber da meine Frau keine Karriere machen will, sehe ich mich nicht unbedingt als Beteiligten an dieser Diskussion.

  11. Na ja, so undenkbar ist das in Deutschland nun auch wieder nicht.
    In Berlin ist bei den Berliner Verkehrsbetrieben BVG ebenfalls eine Frau am Ruder als Vorstandsvorsitzende. Sigrid Nikutta ist während ihres Vorstandsvorsitzes im letzten Jahr, zum 4. Mal Mutter geworden.

    Man bedenke die BVG ist der größte Anbieter für ÖPNV in der Bundesrepublik.

  12. @ Dieter
    Ich wohne seit 2006 selbst in Schweden (was vielleicht erklärt, woher ich die Inspiration für so einen Beitrag bekomme)

    Arbeiten die auch wirklich weniger? Oder gewöhnen sich dort auch Frauen an, wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, so wie es für Karriere-Männer normal ist

    Beides. Generell wird in Schweden etwas weniger gearbeitet. Man geht etwas früher nach Hause, und in vielen Firmen ist der Tag vor einem Feiertag ein halber Arbeitstag.

    Aber natürlich bedeutet dies nicht, dass Führungskräfte jeweils ab 17:00 Uhr Freizeit haben.

    Faktoren, die die höhere Frauenerwerbsquote und die größere Zahl weiblicher Führungskräfte ermöglichen, sind u.a.
    - frühzeitige Kita-Betreuung (häufig ab dem Alter von 1 -> inwieweit es eine Garantie für einen Kita-Platz, weiß ich leider nicht, vermute es aber)
    - generelles Verständnis am Arbeitsplatz dafür, dass Kollegen mit Kindern eben mal einen Nachmittag spontan zum Arzt müssen oder ab und an von zu Hause aus arbeiten – egal ob es sich um die Mutter oder den Vater hndelt
    - Weniger präsente Vorstellung, die Frau sei primär für die Kinder verwantwortlich. D.h., Männer packen mehr an, wenn man auch von 50:50 noch weit entfernt ist.

    Das Resultat: Eine höhere Geburtenrate als in Deutschland, wenn auch unter dem Schnitt, der erforderlich ist, um die Bevölkerungszahl (exklusive Einwanderung) stabil zu halten.

    Du erwähnst aber einen guten Punkt, was die Bereitschaft der Frauen angeht, die von dir aufgezählten “Opfer” zu bringen. Wenn sie das nicht wollen, dann führt die zwangsläufig zu Einschränkungen bei den Karrieremöglichkeiten.

    @ Stefan
    Schönes Beispiel, danke dafür. Andererseits handelt es sich bei der BVG nicht um ein privatwirtschaftliches Unternehmen.

    • Danke für die Antwort.

      Wenn die Schweden weniger arbeiten, dann müßten sie ziemlich produktiv sein, denn der Wohlstand und die Löhne in Schweden sind ja auch hoch. Häufig ist es ja auch so, daß mit weniger Zeit für eine Sache stringenter gearbeitet wird (Parkinson’s Law). Ich habe aber den Eindruck, daß bei uns (in Deutschland) das Thema “Prokrastination” und Chaos am Arbeitsplatz sehr normal worden ist. Teilweise wird kokettiert, teilweise wird aber auch von einer hohen Arbeitsbelastung gesprochen, weil Kollegen nicht anständig zuarbeiten, und Arbeiten dadurch doppelt erledigt werden müssen.

      Haben Sie den Eindruck, daß man in Schweden etwas geordneter und effizienter ist?

    • Darauf eine pauschale Antwort zu geben, fällt mit schwer. Ein klarer Unterschied liegt aber in der weniger ausgeprägten Konfliktkultur und dem typischen schwedischen Drang zur Kompromissfindung. Das wirkt sich natürlich auf die Arbeit aus. Wie genau, müsste man genauer Untersuchen, da sind meine eigenen Erfahrungen glaube ich nicht repräsentativ genug.

  13. Großartig, Danke Martin!

    Die arbeitende Gesellschaft heute krankt an der gefährlichen und letztlich völlig unsinnigen Vorstellung das Leistung und Zeit einen nicht außer acht zu lassenden Zusammenhang haben. Unsere Gehaltsstrukturen, Arbeitszeitmodelle, Schichtdienste, Arbeitspolitik und Erwartungen in den Köpfen der Menschen sind genau nach dieser Vorstellungen gepolt.

    Falsch, falsch und nochmals falsch! Eindrucksvolle Beispiele dazu aus verschiedenen Richtungen:

    Eigentlich haben wir genug Druck uns zu bewegen:

    Jeder 4. Arbeitnehmer in Deutschland ist akut unzufrieden mit seinem Job!

    Quelle: 2008, Studie: Arbeitsqualität und Mitarbeiterengagement in Deutschland, BMAS, N=37.151

    Aber es gibt noch immer Arbeitszeitmodelle (gerade im Tech Bereich) die man nur als absolut wahnsinnig bezeichnen kann:

    „The current mandatory hours are 9am to 10pm – seven days a week – with the occasional Saturday evening off for good behavior
    (at 6:30pm). This averages out to an 85 hour work week!“ [sic]

    Quelle: Bericht eines EA Angestellten

    Und einer wußte es schon vor über 100 Jahren besser: Dr. Ernst Abbe, Jena 1906

    „…die Verkürzung von neun auf acht Stunden, also um mehr als 10 % in einem Sprung, hat keine Minderung der Tagesleistung herbeigeführt, sondern in unserem Falle eine nachweisbare Erhöhung…“

    Quelle: Abbe, Ernst Gesammelte Abhandlungen III, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Verkürzung des industriellen Arbeitstages, s. 244, 1907

    Und wohin Überstunden führen zeigen diese Ergebnisse sehr gut:

    - Die Fehlerrate steigt um 10% nach einem 9-Stunden Arbeitstag!
    - Und um 25% nach einem 10-Stunden-Arbeitstag!
    - Eine Stunde Schlafentzug für eine Woche, gleicht einem BAC von .10!

    Quelle: Alexander Kjerulf

    Mit Unternehmen wie Semco, dem Gegenentwurf von Valve zu EA und sogar einem überraschend radikalen Ansatz von BestBuy in den Staaten sind Beispiele geschaffen worden die eine Richtung weisen. (mehr Informationen hier)

    Aber wir haben einen langen Weg vor uns…

  14. Aus der Arbeit in einem Startup weiß ich wie ungesund “zu viel” ist auch wenn man es sich selbst als letztes eingesehen kann… Durch einen geregelten Agenturjob mit humanen Arbeitszeiten weiß ich aber jetzt, dass ich über 8 Stunden effektiver bin als über 13 Stunden …

  15. Spannender und interessanter Artikel, Danke.
    Was mir bei solchen Diskussionen, auch hier bei den Kommentaren, immer fehlt ist der Mann. Irgendwie wird immer davon ausgegangen, dass wenn eine Frau Kinder hat UND Karriere machen will, dass die Kinder automatisch fremdbetreut werden müssen und für den Haushalt eine zusätzliche Hilfe nötig ist.
    Aber im Normalfall ist da ja noch der Samenspender. Im optimalen Fall ist er auch noch da, wenn das Kind auf der Welt ist, also kann er auch mitanpacken (nicht nur die Haushaltshilfe und die Kita).
    Neben der ganzen Frauenförderung muss meiner Ansicht nach auch für Männer vermehrt die Möglichkeit bestehen Teilzeit zu arbeiten ohne gleich auf dem Karriereabstellgleis zu landen. Das wäre dann wirklich Gendermanagement. Und dann müssten wir über solche Themen gar nicht erst diskutieren.

  16. Entscheidungsträger eines grossen KOnzerns arbeiten keine 80 Stunden die Woche, sie sind höchsten solange Wach und denken über die Firma nach, na und.
    Richtig arbeiten tun andere.
    Entscheidungsträger wie CEO und Firmenlenker, müssen nur viel nachdenken, und ob sie zu Hause sind und um die Zukunft ihres Babys nachdenkt, oder eine Weltfirma lenkt, ist die gleiche Arbeit.
    Der Unterschied liegt in der Bezahlung und da hat Marissa Mayer einen Traumjob bekommen, wo sicher viele werdende Mütter neidisch werden könnten.

    Ich sehe keinerlei Probleme auf die werdende Mutter zukommen, da sie selbst eine sehr intelligente Frau ist, die das Zeug dazu hat Yahoo aus dem Dreck zu ziehen und wieder profitabler zu machen – von meiner Seite viel Glück und Erfolg.

  17. Ich für meinen Teil nutze den Menubar Countdown (Mac, http://capablehands.net/menubarcountdown/) um

    1. mich zu zwingen, fokussiert zu arbeiten,
    2. mich zu zwingen, einzusehen, dass nach 5-6 Stunden konzentriertem Arbeiten die Birne einfach fertig ist und mehr von einer ausgedehnten Radtour als von sturem “ich bleibe noch 4 Stunden im Büro”-Denken hat.

    Funktioniert bisher noch nicht ganz optimal, weil man gerne wieder in alte Muster zurückfällt. An den Tagen, an denen ich mich daran halte, bin ich aber auf alle Fälle deutlich produktiver.

    Falls jemand Ähnliches versucht/versuchen will, würd ich mich über Erfahrungen freuen, gerne per Mail an michael.krause@onchestra.com.

    Viele Grüße aus Stuttgart,
    Michael

  18. Danke für den Artikel, der endlich diesen gesellschaftlichen Vorurteilskonsens anspricht. Das Thema wird wohl in Zukunft noch häufiger aufkommen.

  19. Klar ist es v.a. eine Sache der Einteilung und der Mithilfe durch das private Umfeld. Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen ist schon per se nicht einfach.

    Ersteres dann auch noch erfolgreich zu bewerkstelligen braucht viel Unterstützung auch guter Kollegen und Mitarbeiter.

    Ich finde jede Frau muss selbst entscheiden ob sie sich das antun möchte, wobei ich es sehr gut verstehen kann, dass man gerade bei Jobs wie der von Marissa Meyer, nur schwer Nein sagen kann. Yahoo hat sie wieder ins Rampenlicht geführt.

6 Pingbacks

  1. [...] Firmenlenker und Startup-Gründer: Das verzerrte Bild von Arbeitszeit und Erfolg [...]

  2. [...] Diskrepanzen zwischen der Popularität von Beiträgen bei Facebook und bei Google+: So erzielte dieser Text zur Problematik einer falschen Sicht auf Arbeit und Arbeitszeiten bei Facebook 245 Likes, was 1072 Besucher nach sich zog (für Facebook relativ niedrige 4,4 [...]

  3. [...] der Bekanntmachung der Schwangerschaft des CEO eines börsennotierten Unternehmens zu beachten sind.» weiterlesen bei netzwertig.com Twittern Flattr.flattr{margin-top:0px !important}Mehr lesenArbeitKarriereZeit20.7.2012, 3 Der [...]

  4. [...] dem Check-In neues Leben einDie “Big Four” des Internets: Begegnung auf AugenhöheFirmenlenker und Startup-Gründer: Das verzerrte Bild von Arbeitszeit und ErfolgBuzzwörter: Das Ende von “Social Media” und die Frage nach dem Web 3.0Facebook, Twitter [...]

  5. […] sein. Arbeiten gehen, Arbeitszeit und Produktivität sind schon lange nicht mehr dasselbe wie früher. Besonders bei uns Internetabhängigen. In diesem Sinne: schönes Wochenende! Das gilt auch und […]

vgwort