Die schnelllebige Welt der Technologiekonzerne:
Wenn aus Freunden Kontrahenten werden

In der schnelllebigen Technologiewelt werden aus befreundeten Firmen innerhalb weniger Jahre verbissene Konkurrenten. Das Verhältnis von Google und Twitter könnte einen ähnlichen Verlauf nehmen wie das von Google und Apple.

An einem ruhigen, verregnete Sommertag überkam mich kürzlich die Lust, mir Steve Jobs’ Keynote zur Vorstellung des ersten iPhone aus dem Jahre 2007 anzuschauen. Sie ist in voller Länge auf YouTube zu finden (Teil 1 und Teil 2). Davon abgesehen, dass die Präsentation des Geräts selbst fünf Jahre später noch einen hohen Unterhaltungswert besitzt, überraschte mich vor allem eines: Der Gastauftritt des damaligen Google-CEO Eric Schmidt (ab Minute 9:35 im zweiten Teil der Keynote). Nun war Schmidt zwischen 2006 und 2009 Mitglied des Board of Directors bei Apple. Insofern ist die Tatsache, dass er 2007 neben Jobs auf der Bühne stand und das Apple-Smartphone huldigte, für sich genommen nicht ungewöhnlich. Aus heutiger Sicht jedoch wirkt eine derartige Konstellation äußerst surreal – denn seit Google mit Android ein eigenes mobiles Betriebssystem auf den Markt brachte, haben sich die beiden Konzerne immer mehr zu Kontrahenten entwickelt. Das Ausscheiden Schmidts aus dem Apple-Board vor drei Jahren war die logische Folge. Dass sich die heutigen Konzernlenker Tim Cook (Apple) und Larry Page (Google) Seite an Seite auf einer wichtigen Marketingveranstaltung zu einem neuen Apple- oder Google-Produkt zeigen würde – unvorstellbar. Insofern war Schmidts damaliger Auftritt nicht weniger als ein historisches Ereignis, das unterstreicht, wie schnell sich die Beziehungen zwischen zwei Firmen in der digitalen Wirtschaft grundlegend verändern können.

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Ich vermute, dass dieses Interview von t3n mit Googles deutschem Pressesprecher Stefan Keuchel und der darauffolgende Tweet von Twitters Deutschlandchef Rowan Barnett in einigen Jahren bei Betrachtern eine ähnliche Reaktion hervorrufen werden. In dem Gespräch, das mein jetziger Blogwerk-Kollege Jan Tissler im Februar für die Printausgabe von t3n führte und das vor einigen Wochen online publiziert wurde, beschreibt Keuchel ausführlich seine Sympathien für Twitter, die von der Redaktion gleich in der Überschrift verewigt wurden: „Twitter ist ein hervorragendes Instrument”. Keuchel – bei Twitter @frischkopp – gehört zu den bekanntesten Twitter-Anwendern in Deutschland. In einem Tweet reagierte Rowan Barnett, der seit einigen Monaten das Twitter-Geschäft in Deutschland vorantreiben soll, am heutigen Montag mit der Aussage “Sehr freundlich: Google macht PR für Twitter. Danke @frischkopp! Wir schulden Dir ein paar Cupcakes! ;)”

Nun handelt es sich hierbei nicht um das gemeinsame Auftreten der Firmenchefs, und anders als im Falle von Google und Apple 2007 gibt es keine formelle Verquickung zwischen Google und Twitter. Dennoch unterstreichen die gegenseitigen Streicheleinheiten das bisher freundschaftliche Verhältnis zwischen den zwei Unternehmen, und sie zeigen, dass man sich noch immer eher als potenzielle Partner denn als Kontrahenten betrachtet. Zumal Google dem Microbloggingdienst schon mehrfach Kaufangebote unterbreitet haben soll.

Doch was passiert, wenn Twitter seine von uns intensiv thematisierte Metamorphose von einer offenen Plattform zu einem Walled Garden uneingeschränkt fortsetzt und seine wirtschaftliche Zukunft dauerhaft von einer florierenden Werbevermarktung abhängig macht? Was passiert, wenn das kalifornische Unternehmen seine Suchefunktion weiter aufbohrt und seine Strategie fortführt, mit Medienunternehmen, Prominenten und Firmen zusammenzuarbeiten, um deren Inhalte und Botschaften über 140 Zeichen hinaus in den Service einzubetten? Richtig: Twitters Angebot wird dem von Google (inklusive Google+) immer ähnlicher, und beide Firmen buhlen (wie Facebook) um die Werbeetats der großen Firmen. Speziell wenn es Twitter gelingen sollte, seine Suchmaschine besser in Szene zu setzen, leistungsfähiger zu machen und “Promoted Tweets” – bezahlte Tweets in den Suchergebnissen – bei Unternehmen als beliebtes Werbemittel zu etablieren, wird die Google-Führung ihre Haltung zu Twitter überdenken müssen. Denn mit dem Strategieschwenk von der Plattform zur Destination will Twitter ganz offiziell an die gleichen Ressourcen wie Google seit dem Launch von Google+ und natürlich Facebook: Zeit und Aufmerksamkeit der Anwender sowie die Budgets der Werbekunden.

In ein bis zwei Jahren werden die hier dokumentierten Sympathiebekundungen der zwei Internetfirmen deshalb vermutlich genauso fremd anmuten wie das Händeschütteln von Steve Jobs und Eric Schmidt auf der Macworld Conference & Expo 2007 aus heutiger Sicht. Es sei denn, Google gelingt es am Ende doch noch, sich Twitter einzuverleiben. Sofern Apple, Facebook, Microsoft und Amazon und alle anderen möglichen Interessenten dies zulassen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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3 Kommentare

  1. Und wo ist hier jetzt an diesen Geschichten etwas besonderes? Es wird suggeriert, dass dieses “Heute Freund morgen Feind” ein besonderes Phänomen bei Technologiefirmen ist, aber das ist gang und gäbe in so gut wie allen Branchen. Man nehmen z.B. die Automobilindustrie. Heute Chef bei Konzern x, morgen schon bei Konkurrent y. Heute noch die größten Feinde, morgen schon eine gemeinsame Plattform für neue Automodelle…

    • Es geschieht im Technologiebereich öffentlicher, zudem verändern sich die Konstellationen schneller.

      Und überaupt: wo siehst du einen Autohersteller die Konkurrenz öffentlich so lobend erwähnen? Du würdest auch niemals den BMW-Vorstandvorsitzenden mit einem Audi herumfahren sehen.

      Es geht hier nicht um Chefwechsel (davon abgesehen ist mir kein Fall bekannt, in dem der Chef eines großen globalen Internetkonzerns an die Spitze eines Konkurrenten gewechselt ist. Person und Firma sind hier sehr viel enger miteinander assoziiert als in anderen Branchen.

    • Haha ausgerechnet jetzt wird bekannt, dass Google-Managerin Marissa Mayer CEO von Yahoo wird…

vgwort