Roamingkosten als Erholungsgarantie:
Eine trügerische Sicherheit

Roamingkosten machen Anwendern die Entscheidung leicht: im Urlaub minimieren wir unsere Internetnutzung. Besser wäre es, einen disziplinierten Umgang mit dem Netz zu erlernen. In einigen Jahren wird dies alternativlos sein.

Mein Kollege Manuel Reinhard findet hohe Roaming-Datenkosten toll, wie er im Beitrag von heute früh darlegt. Eine derartige Aussage hört man in internetaffinen Kreisen selten. Seine Argumentation: Für Unternehmen sind die zusätzlichen Kosten Peanuts, und wer sich im Urlaub im Ausland befindet, ist angesichts der noch immer horrenden Preise für mobiles Web gezwungen, die eigene Onlinenutzung zu begrenzen – was dabei hilft, abzuschalten. Es stelle zudem sicher, dass nicht doch ein stetiger Kontakt mit den Kollegen und Geschäftspartnern in der Heimat stattfindet. Persönlich bin ich ganz anderer Meinung und kann den Tag kaum erwarten, an dem ich mich bei der Einreise in ein Land nicht zuerst um eine lokale SIM-Karte kümmern muss.

Selbstdisziplin lernen

Ich stimme Manuel zu, wenn er Erholung als wichtige Aufgabe des Urlaubs beschreibt, und teile auch seine Ansicht, dass bei allgegenwärtiger, unbegrenzter mobiler Internetverbindung an jedem Ort der Welt die Versuchung größer ist, in die digitale Welt einzutauchen oder gar “nur mal kurz” eine berufliche Mail zu beantworten, anstatt die Natur, Sehenswürdigkeiten und Menschen zu beobachten und zu genießen, die sich im Moment um einen herum befinden. Doch genau wie die Menschen im digitalen Zeitalter lernen müssen, mit der Fülle an verfügbaren Informationen umzugehen und das für sie Relevante vom Irrelevanten zu trennen, ist es notwendig, eine persönliche Mediennutzungsdisziplin zu entwickeln, die situationsabhängig den eigenen Drang nach Onlinekommunikation reguliert. Solange man das Heil in hohen Kosten für den Webzugriff im Ausland sieht, ist anzunehmen, dass man diese Fähigkeit noch nicht hinreichend trainiert hat.

Das Problem mit der “digitalen Diät”

Das Konzept der digitalen Diät ist dieser Tage ohnehin schwer in Mode. Doch wer sie propagiert – egal in welchem Kontext – begeht den Fehler einer Trennung von “realem Leben” und dem “Cyberspace”. Doch beides greift mittlerweile so sehr ineinander und befruchtet sich gegenseitig, dass der Versuch einer Separation sich entgegen der ursprünglichen Intention negativ auf das reale Hier und Jetzt auswirkt. Einige Beispiele: Wer sich im Urlaub bewusst und über längere Zeit vom Netz abkoppelt, erfährt womöglich nicht, dass sich gute Freunde, die man schon lange nicht gesehen hat, kurzzeitig im Nachbarort aufhalten. Dabei wäre ein gemeinsames Abendessen am Strand sicherlich ein für alle Beteiligten schönes Erlebnis gewesen. Auch ist man bei fehlender mobiler Verbindung nicht in der Lage, standortabhängige und auch zum aktuellen Zeitpunkt passende Empfehlungen zu gastronomischen Highlights, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen abzurufen. Sicherlich, der Reiseguide in Buchform tat es bisher auch. Aber es gehört nunmal zum menschlichen Naturell, die Qualität der eigenen Erlebnisse maximieren zu wollen. Die teils veralteten Informationen im Print-Reiseführer sind dafür nicht die beste Voraussetzung.

Roamingkosten verschwinden

Wer im Urlaub kostengünstigen mobilen Zugriff auf das Netz hat, der erlebt dadurch nicht automatisch eine bessere Zeit, nein. Aber sie wird auch nicht unweigerlich schlechter. Menschen, die sich gerne eine Auszeit gönnen und einige Tage oder gar Wochen dem Netz den Rücken kehren wollen, sind gezwungen, die erforderliche Selbstdisziplin dafür zu entwickeln. Denn lange werden ihnen die Provider diese Entscheidung durch ungerechtfertigt hohe Kosten nicht mehr abnehmen können. Rene Schuster, CEO von O2-Mutter Telefonica Deutschland, geht davon aus, dass Roaminggebühren in Europa spätestens im Jahr 2015 Geschichte sein werden. In zwei bis drei Jahren dürfte damit jeder von uns in der Lage sein, von der Skipiste in den Alpen, dem Strand auf Kreta oder dem Weingut in Frankreich mit der heimischen SIM online gehen zu können, ohne dafür signifikant mehr zahlen zu müssen als zu Hause. Spätestens dann bleibt uns nur die eigene Selbstbeherrschung als Mittel, um dem permanenten Informationfluss im Netz zu entgehen.

Roaminggebühren für Bibliotheken?

Würden Bibliotheken einen Großteil ihrer Regale nur Personen zugänglich machen, die eine aus der Luft gegriffene zusätzliche Ausleihgebühr von zehn Euro pro Tag und Werk zahlen, wäre niemand dankbar dafür, so vor der Versuchung geschützt zu werden, alle Titel der Bücherei lesen zu wollen. Sicherlich ist die Dimension des Angebots an Information und Unterhaltung im Netz nicht mit der Auswahl in einer Bibliothek vergleichbar – das Prinzip ist jedoch das selbe. Können wir auf mehr Informationen zugreifen, als wir Ressourcen für deren Prozessierung haben, müssen wir uns selbst Grenzen auferlegen.

Für den Moment kann es angenehm sein, dass die Provider den Urlaubern die Entscheidung über den Netzzugang größtenteils abnehmen, und genau das will Manuel mit seinem Beitrag vermitteln. Doch bereits in sehr naher Zukunft wird dieses Hilfsmittel zur Onlinediät ein Relikt der Vergangenheit darstellen. Um die Frage, wie wir Menschen unsere Batterien künftig aufladen, auch wenn das Smartphone, Tablet oder die 3D-Brille mit schneller und nicht übermäßig teurer 3G- oder LTE-Verbindung direkt neben einem liegt, kommen wir also nicht herum.

Genausowenig, wie heute noch irgendjemand freiwillig versucht, eine Woche oder einen Monat ohne elektrischen Strom zu leben (mit Ausnahme der Amischen), wird in einigen Jahren niemand mehr auf die Idee kommen, sich aus freien Stücken vom Web abzukoppeln – es sei denn, es geht um eine Demonstration, wie Menschen in der Vergangenheit gehaust haben.

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(Foto: Flickr/Joe Shlabotnik, CC BY 2.0)

 

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5 Kommentare

  1. Sehr spannend, dass du die Amischen als Beispiel anführst. Ich habe 2009 drei Monate aktiv mit Amischen in Indiana zu Tun gehabt und diese Kultur gut kennengelernt.

    Das Leben der Amischen ist für uns nicht nachvollziehbar. Und doch sind einige Dinge aufgefallen, die mich beeindruckt haben und die auf den Verzicht auf Technik zurückzuführen sind. So ist beispielsweise der Familienzusammenhalt sehr gross. Man arbeitet, isst und spielt zusammen. Amische argumentieren, dass die Technik zu einer Zerstückelung der Familie und der Community führt. Das Auto verführt dazu, sich anderswo aufzuhalten als die anderen. Der Fernseher und das Internet machen dasselbe auf gedanklicher Ebene. Wenn ich mit Amischen diskutiert habe, waren diese nie abgelenkt von Nebensächlichkeiten. Der Gesprächspartner stand im Mittelpunkt, problemlos auch mal mehrere Stunden lang.

    Gut möglich, dass diese Erlebnisse dazubeigetragen haben, dass ich zumindest im Urlaub die Vorteile des einfachen, technikarmen Offline-Lebens noch mehr schätzengelernt habe. Natürlich steht man hie und da mal am Punkt, an welchem ein kurzer Blick ins Internet ein Problem oder eine Frage lösen könnte. Als wir aber vor einigen Wochen mit dem Auto durch Berlin fuhren und sich meine Frau und ich per altmodischer Strassenkarte und Wegweisern den Weg zum Hotel suchten, hatten wir bestimmt mehr Spass, mehr Kommunikation und mehr Erlebnisse als wenn uns einfach das im Handy integrierte GPS den Weg geleitet hätte.

    Bewusste “amische Phasen” im Leben halte ich für bereichernd. Genauso, wie sich einige Menschen vegetarische oder alkoholfreie Phasen gönnen, obwohl an Fleisch und Wein (für die meisten) grundsätzlich nichts Falsches zu finden ist. Hohe Roaming-Tarife helfen da ein bisschen mit.

  2. In diesem Zusammenhang lesenswert: Paid Vacation? That’s Not Cool. You Know What’s Cool? Paid, PAID Vacation — ein amerikanisches Startup, das die Urlaubsreise bezahlt. Eine der Bedingungen: Offline sein.

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  1. [...] ein amerikanisches Startup, das die Urlaubsreise bezahlt. Eine der Bedingungen: Offline sein. – André auf netzwertig.com “Plädoyer für hohe Roaming-Kosten.” Lange nicht so einen Quatsch gelesen. [...]

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