Neuer Stern am Social-Game-Himmel:
Warum SongPop mehr ist als ein Spiel

Das Anfang Mai gestarteten Musikratespiel SongPop begeistert iOS-, Android- und Facebook-Nutzer. Im Unterschied zu anderen Game-Hits der Vergangenheit besitzt SongPop Qualitäten, die weit über die kurzweilige Unterhaltung hinausgehen.

Erinnert ihr euch noch an Draw Something? Das iOS- und Android-Spiel, bei dem Facebook-Freunde oder Fremde eure auf einem Touchdisplay hinterlassenen Zeichnungen erraten müssen, das 50 Millionen Downloads in 50 Tagen erzielen konnte und für satte 210 Millionen Dollar von Zynga übernommen wurde? Vergesst es. Denn mit SongPop erlebt gerade ein Draw Something vom grundsätzlichen Prinzip her nicht unähnliches, aber mit deutlich mehr Substanz versehenes Game einen kometenhaften Aufstieg. 7,2 Millionen Menschen haben die für iOS, Android und Facebook angebotene, im Mai lancierte App in den letzten 30 Tagen verwendet – wobei diese Zahl lediglich diejenigen umfasst, die sich bei SongPop über Facebook einloggen. Anwender, die ein von dem sozialen Netzwerk unabhängiges SongPop-Konto erstellen, kommen noch hinzu. Selbst Mark Zuckerberg ist von SongPop begeistert.

Nun berichten wir nur in Ausnahmefällen über einzelne Spieletitel. SongPop ist ein solcher. Denn was als Social Game rund um das schnelle Erkennen von Musik beginnt, könnte sich theoretisch in ein alternatives globales Netzwerk zum Kennenlernen von Menschen entwickeln – ein Szenario, das bekanntermaßen von den etablierten Social-Web-Anbietern bisher kaum abgedeckt wird. Die Londoner Kontaktplattform Badoo ist in diesem Segment bisher am weitesten vorgestoßen, aber noch deutlich von einer maximalen Marktdurchdringung entfernt.

Songs identifizieren, so schnell es geht

Zurück zu SongPop: Die Anwendung lässt zwei Personen in einen musikalischen Wettkampf treten, in dem es darum geht, jeweils fünf Songs eines bestimmten Genres korrekt und blitzschnell zu erraten. Zu jedem vorgeführten Titel präsentiert SongPop vier Wahlmöglichkeiten, aus denen User eine herauspicken müssen. Je nach Treffsicherheit und Schnelligkeit erhalten Nutzer Punkte. Wer von den zwei Kontrahenten in einer Spielerunde mehr Punkte einsammeln kann, geht als Sieger hervor und erhält virtuelle Münzen, die ab einer bestimmten Menge den Erwerb von weiteren für die Duelle einsetzbaren Songlisten erlauben. Wer weniger Geduld hat, kann diese natürlich auch per In-App-Kauf mit barem Geld bezahlen. Einmal pro Woche stellt SongPop die Turnier-Statistik auf null, welche die Zahl der Siege zweier Spielpartner anzeigt. Als “Gegner” können Facebook-Freunde, aber auch andere SongPop-Nutzer bestimmt werden. Der Spielablauf ist asynchron, allerdings zeigt einem die App während der Raterunde in simulierter Echtzeit die jeweilige Auswahl des Gegenübers, wodurch ein gewisses Live-Gefühl entsteht.

Musik verbindet Menschen

Nicht nur optisch sondern auch vom Aufbau und Ablauf erinnert SongPop an Draw Something. Doch anders als mal mehr, mal weniger gelungene Zeichnungen auf dem Smartphone oder Tablet gehört Musik zu den für viele Menschen größten Leidenschaften überhaupt. Musik transportiert Erinnerungen, Assoziationen und Gefühle. Die musikalische DNA einer Person sagt nicht wenig über ihre Interessen und ihre bevorzugte Lebensgestaltung aus. Dienste wie fellody (unser Bericht) oder Tastebuds versuchen sogar, an einem Flirt interessierte Anwender über ihre bevorzugten Interpreten und Songs zusammenzubringen.

Da ich ein passionierter Musikhörer bin, beurteile ich SongPop sicherlich nicht objektiv. Aber meine Erfahrung ist, dass speziell bei wiederholten Raterunden gegen fremde SongPop-Nutzer sukzessive eine emotionale Bindung entsteht, die mir bei Draw Something und den meisten anderen der kurzweiligen Unterhaltung dienenden Spielen fehlt. Nach und nach erkennt man die Stärken und Schwächen der Kontrahenten, die gleichzeitig einiges über ihre Personen aussagen. User, die besonders bei 80er-Jahre-Titeln brillieren, passen erfahrungsgemäß in eine andere Schublade als solche, welche die aktuellen Charthits in weniger als einer Sekunde identifizieren können. Solche, die mit beeindruckender Genauigkeit jeden Filmsoundtrack richtig tippen, verbringen ihre Freizeit garantiert anders als diejenigen, die bei der Identifizierung von Punk-Hits keinerlei Fehler machen.

SongPop regt nicht nur den Wettkampfinstinkt der Nutzer an und erlaubt es ihnen, schrittweise Lücken ihres Musikwissens zu füllen, sondern es schafft auch eine Verbindung zwischen zwei sich unbekannten Spielpartnern, die mit jeder weiteren musikalischen Raterunde stärker wird. Daraus entsteht das Bedürfnis, eine direkte Kommunikation mit den Kontrahenten aufzunehmen – sei es, um sie wegen ihrer speziellen Kompetenz auf dem Gebiet von Boy Groups der 90er zu ärgern, oder um ihnen Respekt für ihr enormes Songrepertoire zu zollen.

Derzeit jedoch lässt SongPop das Bedürfnis des kommunikativen Austauschs unerfüllt. Denn von ihren Gegnern sehen Spieler lediglich ein kleines Foto, den Vornamen sowie den mit dem ersten Buchstabe abgekürzten Nachnamen. Eine Chatfunktion oder eine Option, um per Facebook mit dem Gegenüber in Kontakt zu treten, fehlt bisher.

SongPop als künftiges Social Network

Genau dies bringt mich zu meiner Eingangsthese, SongPop besäße mehr Substanz als Draw Something (oder andere Social-Game-Hits). SongPop hat das Zeug, deutlich mehr zu werden als ein Spiel. Die Macher, das New Yorker Entwicklerstudio FreshPlanet, könnten um SongPop ein eigenes soziales Netzwerk spinnen, um dem Bedürfnis Rechnung zu tragen, sich direkt innerhalb der App mit Spielpartnern auszutauschen. Ein Nachrichtenfeature wäre der offensichtliche erste Schritt. Auch umfangreiche Nutzerprofile mit Statistiken zur bisherigen Spielleistung, das Filtern nach Kontrahenten mit ähnlichen musikalischen Vorlieben sowie das Suchen von Gegnern aus der direkten Umgebung sind vorstellbar. Was die Entdeckung von akustischen Perlen betrifft, kann das bisher funktionell recht simple SongPop ebenfalls noch viel tun: Derzeit fehlen beispielsweise Tools, mit denen sich Titel favorisieren lassen, um sie in einem späteren Schritt beispielsweise als MP3-Download zu kaufen oder bei einem Streamingdienst abzurufen. Zwar existieren Download-Links zu iTunes, aber diese setzen voraus, dass Nutzer sofort aktiv werden. Was jedoch im Eifer des süchtigmachenden SongPop-Gefechts nicht einfach ist.

SongPop bringt Musikliebhaber aus der ganzen Welt an einem Ort zusammen und fördert ihr Engagement rund um Musik. Das sollte nicht nur der Plattenindustrie gefallen – den wer sich so intensiv mit Musik beschäftigt, kann mittels attraktiven Angeboten auch als “Kunde” gewonnen werden – sondern erlaubt neue Formen der Interaktion zwischen den Anwendern. Sicherlich wird auch SongPop wie alle Spieletitel zuvor einen Punkt abnehmender Aktivität erreichen. Die mannigfaltigen Optionen für einen konzeptionellen Ausbau der App dienen als Joker für die SongPop-Macher: In dem Moment, in dem bei der SongPop-Gemeinde Ermüdungserscheinungen eintreten, könnten neue Werkzeuge zum Austausch der Anwender untereinander sowie Discovery-Funktionen für Musik das Feuer wieder entfachen.

Es ist wahrscheinlich, dass das nächste große soziale Netzwerk eher zufällig aus einer Special-Interest-Anwendung entsteht, anstatt explizit vom ersten Tag als Social Network angepriesen zu werden (das nämlich hat schon eintausend Mal nicht funktioniert). Instagram und Pinterest sind Indizien dafür. SongPop könnte eine ähnliche Entwicklung bevorstehen.

Link: SongPop

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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10 Kommentare

  1. Klingt spannend. Stellt sich aber natürlich die Frage, wie weit der Musikkatalog reicht – nicht jeder ist dem Mainstream zugetan.

  2. Was sagt die GEMA dazu?
    Die Kosten für all diese “Plays” müssen doch unglaublich hoch sein?

    • Ich bin mir ziemlich sicher, dass die GEMA bisher nicht gefragt wurde.

      Aber wo ich mir auch nicht sicher bin, ist, welche GEMA-Regeln hier gelten. Denn in den meisten Fällen wird ein Song maximal 1-2 Sekunden angespielt, bevor er identifiziert wurde. Die genauen Richtlinien der GEMA dafür kenne ich nicht.

      In jedem Fall ist es kein On-Demand-Dienst, da man Songs nicht frei auswählen kann. Wenn eine Lizenz notwendig ist, dann die für Onlineradios (nach meiner Beurteilung).

      Das Thema wird aber erst aktuelle, wenn SongPop auch in Deutschland so groß ist, dass die GEMA Handlungsbedarf sieht.

    • Ich habe man eine kleine Recherche gemacht und soweit ich das sehen konnte, gibt es keine “Abspielänge”Klausel.
      Somit dürfte wohl (nach altem Tarif) “bei niedriger Interaktivität des Dienstes EUR 0,00025 pro Stream” fällig werden.

      Wenn das Ganze als Webradio klassifiziert werden sollte, würden sogar “EUR 0,01841″ fällig …

      Die Frage ist dann doch, ob sich das ganze noch lohnt?

    • Schau mer mal. Es kann auch sein, dass SongPop in den USA Abgaben an die dortige Verwertungsgesellschaft leistet, die dann die GEMA und andere internationale Gesellschaften beteiligt. So soll das ja eigentlich bei Radiostreams funktionieren.

      Es gibt Millionen Internetradios im Web, und die GEMA hat nicht mit sämtlichen eine direkte Abmachung. Das wäre allein vom Aufwand her nicht zu stemmen.

    • Naja, wenn solche internationalen Abmachungen funktionieren, was ist dann mit Spotify und/oder Youtube? (oder gilt das nur für Radios?)

      Ich glaube kaum, dass wenn die App in Deutschland große Zugriffszahlen hat, dass die GEMA das ignoriert!

      Die Millionen Internetradios im Web, sollten einen Vertrag mit der GEMA haben (solange sie aus Deutschland heraus betrieben werden). Da ist wohl eher das Problem, dass sich die 3,50€ für 10 Hörer im Monat für die GEMA nicht lohnen.

      Aber wir reden von dem ” [..] nächste[n] große[m] soziale Netzwerk”.

      Ich bin kein Fan von der GEMA (gewiss nicht), ich will nur auf ein fundamentales Problem bei dieser App aufmerksam machen.
      Das Gleiche gilt wohl auch für Pinterest.
      Alles natürlich nur auf Deutschland bezogen und angenommen unser Urheberrecht wird nicht mal langsam auf 21. Jahrhundert “geupdatet”!

    • Stimmt, wenn sie aus Deutschland heraus betrieben werden. Aber das ist ja bei SongPop nicht der Fall.

      Für Spotify und YouTube gelten andere Regeln als für Internetradios, weil es sich dort um On-Demand-Dienste handelt.

  3. Ich hatte songpop free auch auf meinem alten handy
    super spiel!!!!!
    Nun habe ich ein samsung galaxy ace u ich
    bekomm es nicht aufs handy drauf
    version wäre nicht kompatiebel
    woran liegt es ….frag ich mich..würde es gern wieder spielen koennen

  4. hallo zusammen. also ich find das spiel wirklich witzig.
    aber ne frage, kann man die liste löschen? also die leute raus löschen gegen die man mal gespielt hat? weil die liste wird ja immer länger :-D

vgwort