Berlin auf dem Weg an die Spitze:
5 Vorschläge für Gründer
in der Hauptstadt

Die Berliner Startup-Szene blüht auf. Bis an die Spitze ist es aber noch ein harter Weg. Hier sind einige Vorschläge für die Protagonisten der Hauptstadt, um den Prozess zu beschleunigen.

Zentrum der Berliner Startup-Welt: Rosenthaler PlatzÜber den Status von Berlin als Hotspot für Startups im Internet- und Mobile-Sektor muss man nur noch wenige erklärende Worte verlieren. Doch obwohl sich in der Hauptstadt in den letzten Jahren extrem viel getan hat und der ein oder andere auch international bekannte Anbieter an der Spree entstand, ist der ganz große internationale Durchbruch (gemessen an Marktanteilen hiesiger Startups in Ländern auch außerhalb Europas) bisher noch ausgeblieben. Wahrscheinlich braucht es dafür noch etwas Zeit und Geduld, immerhin ziehen auch weiterhin neue Talente aus aller Welt in die Spreestadt, und auch der ein oder andere ausländische Investor siedelt sich dort an.

Was der lokalen Internetszene aber vielleicht ein wenig im Weg steht, ist ihre Selbstbezogenheit. Die Berliner Gründer und ihre Teams treffen sich gern und oft, unterstützen sich gegenseitig (sei es durch Namedropping) und feiern zusammen. Das hilft bei der Schaffung eines gemeinsamen Wir-Gefühls, kann aber auf Außenstehende auch den Eindruck einer geschlossenen Gesellschaft machen, zu der man nur Zutritt hat, wenn man den richtigen Hintergrund mitbringt, die angesagtesten Bars frequentiert, finanzielle oder moralische Unterstützung durch Ashton Kutcher vorweisen kann und den gängigen Verhaltenscodex der Szene beherrscht. Erfüllt man diese Voraussetzungen, darf man dann vielleicht auch in einem Film mitmachen.

Als gebürtiger Berliner, der genau zu einem Zeitpunkt die Stadt verließ, als der Gründungs- und Internetboom sie erfasste (ob es da einen Zusammenhang gibt?), aber sie mindestens einmal im Quartal besucht, glaube ich, einen recht ungetrübten Blick auf das zu haben, was gerade in der Stadt geschieht. Bevor sie von Tokyo bis nach San Francisco zum allgemein akzeptierten Exportschlager erfolgreicher Webfirmen avancieren kann, müssen sich noch einige Dinge verändern. Hier kommen meine Vorschläge:

1. Weniger Party, mehr Entspannung und Schlaf
Selbst die smartesten Menschen verlieren an Leistungsfähigkeit, wenn sie jeden zweiten Tag verkatert sind und nur zwei Stunden geschlafen haben. Berlins Kultur- und Party-Angebot ist in seiner Vielfalt, Dynamik und Liberalität wohl weltweit einmalig. Speziell für Zugezogene existiert deshalb eine permanente Versuchung, Abends nochmal “kurz loszuziehen”, obwohl am Tag darauf eine wichtige Besprechung ansteht. Mein Vorschlag klingt vielleicht spießig, aber wer ernsthaft das nächste große Ding entwickeln will und nicht nur ein Startup gründet, weil es gerade als cool gilt, muss eben Opfer bringen. Dass in Berlin Gründer eine besondere Disziplin benötigen, meint auch SoundCloud-CEO Alexander Ljung.

2. Sich nicht zu sehr auf der Herkunft ausruhen
Die Berliner Herkunft eines Startups ist bei Geschäfts- und Kooperationspartnern anderswo in der Welt vielleicht mittlerweile ein netter Icebreaker, mehr aber nicht. Bis dies für Vorschusslorbeeren sorgt und als Qualitätsversprechen fungiert, muss sich noch einiges tun.

3. Die Berliner Echokammer auch von außerhalb betrachten können
Wer sich zu intensiv in der Berliner Szene und den mit ihr verbundenen Netzwerken aufhält, läuft Gefahr, in einer Echokammer zu landen, die den Blick darauf versperrt, wie Nutzer/Kunden, aber auch Kollegen, Geldgeber und Partner ticken, die noch nie im Oberholz, KaterHolzig oder Berghain waren. Wer kann, sollte ab und an (und ohne Club-Mate-Vorrat) irgendwo hinfahren, wo niemand weiß, dass “Amen” auch der Name eines Berliner Startups ist.

4. Bewusst das Netzwerk über Berlin hinaus erweitern
Als Gründer im pulsierenden Berlin, wo man mittlerweile Menschen aus jeder Ecke des Planeten trifft, ist die Versuchung groß, das Netzwerk lokal zu erweitern. Wer jedoch die Chancen auf Investment, Kooperationen und neue Märkte erhöhen möchte, sollte sich bewusst auch Kontakte erarbeiten, die mit der Hauptstadt-Szene (bisher) gar nichts am Hut haben. Nicht zuletzt auch deshalb, um den Draht zur Realität nicht zu verlieren.

5. Inkludieren statt Exkludieren
Vielleicht trügt der Schein, aber verfolgt man die gängigen Blogs der “neuen Berliner Startup-Generation” (Silicon Allee, Tech Berlin, VentureVillage) und beobachtet ein wenig das Treiben in der Branche, entsteht der Eindruck eines Clubs junger, häufig zugezogener Gründer, die sich tendenziell mit Gleichgesinnten umgeben, aber manchmal zu übersehen scheinen, dass die Berliner Webwirtschaft deutlich größer ist als das, was sich rund um den Rosenthaler Platz und angrenzenden Vierteln abspielt. Ich bin mir nicht sicher, wer hier auf wen zugehen sollte, glaube aber, dass ein bewusstes Arbeiten gegen Grüppchenbildungen den Sektor als Ganzes stärken könnte.

(Foto: Flickr/Matt Lancashire, CC BY 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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8 Kommentare

  1. Die Analyse ist schon ganz treffend, finde ich. Die Szene ist überwiegend mit sich selbst beschäftigt und genügt sich auch so.

  2. Hallo Martin,

    deine Tipps sind klasse … Sie gelten aber nicht nur für Gründer in Berlin ;-)

    (Zugezogene) Gründer, Studenten, Young Professionals, usw. … in jeder anderen Stadt dieser Welt können diese Tipps 1:1 beherzigen … wenn sie in ihrem Leben mehr erreichen wollen, als nur Luftschlösser zu bauen.

  3. “Die Szene ist überwiegend mit sich selbst beschäftigt und genügt sich auch so.”

    Sehr schön gesagt.

vgwort