Mainstream statt Avantgarde:
Twitter demontiert seine Plattform, weil es sich dies leisten kann

Twitter steht in der Kritik, weil es einmal mehr einen Schritt weg vom Plattformanbieter macht. Die Demontage des einstigen offenen Ansatzes ist schade, aber wird das Gros der Anwender kaum tangieren.

Einmal mehr steht Twitter wegen seiner zunehmenden Abkehr vom offenen Plattformansatz im Kreuzfeuer von Tech-Apologeten und Branchenbeobachtern. Der Grund: Weil der Microblogginganbieter stärker als bisher Einfluss auf das Benutzererlebnis sowie die Darstellung von Tweets und Twitter-Streams ausüben möchte, hat er für die nächsten Wochen eine Verschärfung der API-Richtlinien angekündigt. Ein erstes Opfer des zunehmenden Kontrollbedürfnisses ist das Geschäftsnetzwerk LinkedIn. Dessen seit 2009 intakte Partnerschaft mit dem Zwitscherdienst wird nicht fortgesetzt, weshalb LinkedIn-Nutzer künftig ihre Tweets nicht mehr direkt innerhalb ihrer LinkedIn-Präsenz darstellen können.

Während unklar ist, was genau hinter den Kulissen vorfiel und wer wem in Folge welcher Forderungen die Partnerschaft aufgekündigt hat, scheint eindeutig, dass Twitters Interesse an einer möglichst uneingeschränkten Verwendung seines Dienstes in den letzten Monaten deutlich zurückgegangen ist. Genau genommen läuft der Kampf gegen die eigene Plattform schon seit zwei Jahren, als das Unternehmen aus San Francisco damit begann, externe Anbieter von Twitter-Clients zu übernehmen und einige Zeit später bekannt gab, dass eine simple Nachahmung von Twitters-Kernfunktionalität auf Basis der Entwicklerschnittstelle nicht mehr erwünscht ist. Einfach ausgedrückt: Die API darf gerne dafür verwendet werden, um Apps und Services zu bauen, die Twitters eigene Funktionalität erweitern (wie Tools für Statistiken, Follower-Management oder Social News), aber nicht, um dem sechs Jahre alten Jungunternehmen direkte Konkurrenz zu machen. Indem dieses jedoch sukzessive sein eigenes Angebot erweitert, laufen bestehende 3rd-Party-Apps immer Gefahr, urplötzlich doch in einem direkten Wettbewerb mit Twitter zu landen. Und den können sie nicht gewinnen.

Twitter verliert seine einstigen Fürsprecher

In Kreisen frühzeitiger Twitter-Nutzer fühlte man sich dem Dienst bisher nicht nur eng verbunden, sondern ist der nachvollziehbaren Überzeugung, durch die Loyalität den Grundstein für den jetzt langsam eintretenden Durchbruch des gereiften kalifornischen Startups gelegt zu haben. Indem Twitter Schritt für Schritt das demontiert, was in den Augen der hartgesottenen Mitglieder bisher den Reiz des Angebots ausmachte – eine offene API und die Chance, beliebige Apps und alternative Clients auf Basis von Twitter zu entwickeln – verliert es seine einst wichtigsten Fürsprecher. Diese sehen bereits Parallelen zum Walled-Garden-Ansatz von MySpace und fragen sich, wieso Firmenchef Dick Costolo und sein Team einfach nicht erkennen, dass es sich bei der API um das Herzstück des Twitter-Ökosystems und den Kern der Monetarisierung handelt.

Auch ich kam relativ früh zu Twitter und zähle mich zur Gruppe der eigentlich sehr loyalen Nutzer, die über die Entwicklung und die sich abzeichnende Vernachlässigung von “Power Usern” zugunsten des Mainstreams besorgt sind. Dennoch frage ich mich, ob die Twitter-Führung mit ihrem Strategieschwenk wirklich einem Irrtum aufsitzt, oder ob nicht vielleicht wir – die lautstarke, aber vergleichsweise kleine Zahl der Early Adopter und Social-Media-Geeks – die Relevanz der Plattform und unsere eigene Bedeutung für den Dienst überschätzen.

Wirtschaftlich geht die Strategie auf

Kritiker sind der Ansicht, Twitter hätte sich zu einer Messaginginfrastruktur mit der API im Zentrum entwicklen müssen und diese irgendwie monetarisieren sollen. Das Unternehmen entschloss sich jedoch für einen eher klassischen Ansatz der Werbevermarktung des eigenen Angebots und meint, dass dies am besten funktioniert, wenn man versucht, einen Großteil der Twitter-Nutzung über Clients aus dem eigenen Haus abzuwickeln.

Twitters Motiv, die Plattform hinten anzustellen, liegt also im Geschäftsmodell, Werbung auf den eigenen Sites und in den eigenen Client-Apps zu platzieren. Nur dort kann das Unternehmen genau kontrollieren, wie Anzeigen dargestellt werden – was auch im Interesse der Werbekunden sein könnte. Mittlerweile läuft die Vermarktung recht erfolgreich – besonders im für die Zukunft so wichtigen mobilen Segment. Der fortschreitende Ausbau von Twitter.com zu einer Destination soll weitere Erlösquellen erschließen, unter anderem durch eine verstärkte Interaktivität von Tweets inklusive Integration von externen Inhalten und Angeboten in diese. Im Jahr 2014 soll so eine Milliarde Dollar Umsatz erwirtschaftet werden.

Die Plattform ist weniger relevant als vermutet

Während jeder Einschnitt in das Ökosystem bei Bloggern, Fachjournalisten und Langzeit-Twitterern für einen Aufschrei sorgt, legt zumindest die Nutzungsstatistik von Twitter den Schluss nahe, dass es sich abgesehen von der Symbolik nur um den berühmten Tropfen auf den heißen Stein handelt. Denn eine Analyse der zehn wichtigsten Twitter-Clients ergab im Herbst 2010, dass nur eine Minderheit der Mitglieder 3rd-Party-Dienste einsetzt. Auch wenn es sich dabei um einen besonders engagierten und aktiven Nutzertypus handelt, zeigt die Statistik recht deutlich: So abhängig vom Wohlbefinden und der Zufriedenheit der die Plattform anbetenden, eingeschworenen Twitter-Community ist das Unternehmen ganz einfach nicht mehr. Der durchschnittliche Anwender kommt mit der Plattform nur selten in Kontakt. Das wiederum lässt den Schluss zu, dass die Plattform abgesehen von den frühen Jahren niemals eine so große Bedeutung für Twitter hatte, wie es gerne heute dargestellt wird.

Ich möchte mit diesen Zeilen nicht Twitters grundsätzliche Strategie verteidigen. Ich denke aber, dass sich das permanente Lamentieren über Twitters zahlreiche Einschnitte im Bezug auf die Plattform sowie das gebetsmühlenartige Hervorheben der API als Twitters einzig wahrer Hoffnungsträger aus einer Perspektive speist, die mittlerweile der Mehrheit der Anwender des Dienstes fremd ist. Mainstreamuser wollen nicht aus zehn Twitter-Clients den besten finden müssen, sondern einen vorgesetzt bekommen. Sie freuen sich darüber, wenn Tweets interaktiv werden und finden es toll, wenn Content von Prominenten mehr Platz eingeräumt wird als dem von Hans Wurst. All das mag man als Anhänger des “alten” Twitter bedauern, weil es einem Verlust der bisher so geschätzten (demokratischen) Qualitäten gleichkommt. Aus Sicht des Unternehmens aber zahlt sich der eingeschlagene Weg aus (siehe Monetarisierung). Viele Jahre agierte Twitter eher wie eine Non-Profit-Organisation, Verwöhnungserscheinungen der Anwender inklusive. Jetzt muss es Geld verdienen und verhält sich entsprechend.

Weichenstellung fand vor Jahren statt

Es wäre fantastisch, gelänge es Twitter, seine neue, auf die breite Masse fokussierte Ausrichtung umzusetzen, ohne dabei die “alte Garde” vor den Kopf zu stoßen. Doch ist es sinnvoll, sich nach sechs Jahren zu verdeutlichen, dass der mit einer Milliarde Dollar Risikokapital finanzierte Service an diesem Punkt in seiner Entwicklung im Prinzip nur in die gewählte Richtung vorstoßen kann. Für jeden alternativen Ansatz hätten vor Jahren die Weichen gestellt werden müssen. Nun ist dies nicht geschehen, und damit gilt es zu akzeptieren, wohin schon aus früher oder später eintretendem Profitdruck die Reise für Twitter geht: Vermutlich an einen anderen Ort als für diejenigen, die über viele Jahre gehofft haben, Twitter wäre für immer anders als die Konkurrenz. Jeder und jede muss daraus eigene Konsequenzen ziehen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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Ein Kommentar

  1. Erinnert sich noch jemand an Geocities, oder Beepworld? ;-)

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  1. [...] statt Avantgarde: Twitter demontiert seine Plattform. Warum? Weil es das jetzt [...]

  2. [...] Twitter demontiert seine Plattform, weil es sich dies leisten kann – Twitter will die SMS wahrscheinlich tatsächlich ersetzen, aber das geht nur, wenn der Kurznachrichtendienst endgültig im Mainstream verankert wird. [...]

  3. [...] Mainstream statt Avantgarde: Twitter demontiert seine Plattform, weil es sich dies leisten kann [...]

  4. [...] vom Ende? Warum Martin Weigert die aktuelle Entwicklung bei Twitter fragwürdig [...]

  5. [...] Mainstream statt Avantgarde: Twitter demontiert seine Plattform, weil es sich dies leisten kann &raq… [...]

  6. [...] schon mehrfach Kaufangebote unterbreitet haben soll.Doch was passiert, wenn Twitter seine von uns intensiv thematisierte Metamorphose von einer offenen Plattform zu einem Walled Garden uneingeschränkt [...]

  7. [...] welchen Stellenwert diese Power User im Vergleich zu den Mainstream Usern für Twitter einnehmen. Martin Weigert von Netzwertig meint, dass Twitter sich diese Transformation leisten kann und die Mainstream-Nutzer genügen um den [...]

  8. [...] Wochen über Twit­ter und das Ende der Zusam­men­ar­beit mit Lin­ke­dIn dis­ku­tiert und geb­loggt wor­den. Offen­sicht­lich will der Kon­zern seine API-Richtlinie stark [...]

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