Entwicklerkonferenz I/O:
Google präsentiert sich
als kraftvoller Gigant

Die erste Keynote seiner Entwicklerkonferenz I/O nutzte Google für eine beeindruckende Show. Von Verunsicherung über die zunehmende öffentliche Kritik war nichts zu spüren. Aber besonders ein gezeigtes Produkt wirft Fragen auf.

Googles gestrige Keynote im Rahmen der Entwicklerkonferenz I/O hatte es wahrlich in sich. Android 4.1 inklusive smartem persönlichen Assistenten, ein eigenes Tablet mit Namen Nexus 7 (wegen des 7-Zoll-Displays) zum Kampfpreis von 199 Dollar, ein kabelloses Audiosystem unter der Bezeichnung Nexus Q, eine Tablet-Version für Google+, ein Events-Feature für Google+ sowie ein Live-Fallschirmsprung mit Googles Augmented-Reality-Brille “Google Glass” (ehemals “Project Glass”), deren Bilder parallel in einen Hangout gestreamt wurden – der Internetriese wusste am Mittwochabend mit einer zweistündigen Show zu beeindrucken. Während Nexus 7 und Nexus Q dem deutschsprachigen Markt vorerst noch vorenthalten werden und Google Glass frühestens ab 2013 in den USA und zu einem deftigen Preis von 1500 Dollar ausgeliefert werden sollen, dürfte Android 4.1 bald als Update für moderne und populäre Geräte (neben dem Nexus 7) bereitgestellt werden – und die Neuerungen rund um Google+ sind entweder bereits live, oder folgen in Form der iPad-App für das soziale Netzwerk demnächst.

Das Google-Event hinterließ zweifellos einen bleibenden Eindruck – auch wenn der Fallschirmsprung hierfür sicher eine gewisse Verantwortung trägt. Derartiges hatten weder Apple noch Microsoft auf ihren Keynotes zu bieten. Doch auch die vorgestellten Produkte und Dienste ließen wenig Zweifel daran, dass Google trotz der deutlich zugenommenen öffentlichen Kritik der letzten Zeit kraftvoll in neue und jüngst in Angriff genommene Bereiche vorstoßen will. Während der Keynote kamen mir einige Gedanken rund um das Dargebotene, die ich im Folgenden zusammenfasse und zur Debatte stelle:

Werden wir jemals reif sein für Google Glass?
Die US-Amerikaner unter den 6.000 Besuchern der I/O-Konferenz erhalten die exklusive Möglichkeit, sich die Augmented-Reality-Brille Google Glass vorzubestellen. Kostenpunkt: 1500 Dollar (ein Galaxy Nexus, ein Nexus 7 und ein Nexus Q bekamen alle geschenkt). Geliefert wird sie frühestens 2013. Google-Mitgründer Sergey Brin wies auf der Bühne mehrfach darauf hin, dass es sich noch nicht um ein öffentliches Release von Google Glass handelt. Der Webgigant will zuerst sehen, welche Erfahrungen die treuesten, technisch versiertesten Anhänger des Unternehmens mit der durchaus kontroversen Innovation machen. Die Brille ist in der Lage, permanent aufzuzeichnen, was um ihren Träger herum geschieht – und stellt damit einen Albtraum für Europas und Deutschlands hochsensible Datenschützer dar. Wenn diese schon wegen des Facebook-Like-Buttons auf die Barrikaden gehen, welche Interventionen gäbe es wohl, sollte Google Glass auf dem alten Kontinent verfügbar sein? Ich zweifle daran, dass unsere Gesellschaft innerhalb der nächsten Jahre reif für ein Produkt wie das jetzt von Google präsentierte ist. Und vermutlich müssen tatsächlich noch einige ethische Fragen geklärt und beantwortet werden, bevor wir alle mit Sichthilfen herumlaufen, die in der Lage sind, alles und jeden um uns herum aufzuzeichnen und diese Informationen an Google zu schicken. Der Konzern könnte mit Glass eine Grenze überschreiten, die ihn bei nicht extrem vorsichtigem Agieren in den Augen vieler derartig unheimlich macht, dass sie sich von ihm lieber ganz distanzieren. Das wird Google nicht riskieren wollen.

Die Events-Funktion von Google+ ist ein intelligenter Schritt
Ich gehöre zur Fraktion derjenigen, die Google+ nicht als den Erfolg ansehen, den Google sich mit seinem heute einjährigen Geburtstag feiernden sozialen Netzwerk erhofft hat. Egal wie oft das Unternehmen wiederholt, von der Entwicklung des Dienstes begeistert zu sein. Doch mit dem neuen Events-Feature, einem interaktiveren, umfangereicheren und optisch schöneren Pendant zu Facebooks Veranstaltungs-Funktion, ergänzt Google das Netzwerk um eine emotionale, menschliche Komponente. Diese beginnt bei den verschiedenen Designvorlagen für Einladungen und endet bei gemeinsamen Fotoalben inklusive “Party Mode” genanntem Echtzeit-Stream von gerade auf der Veranstaltung geschossenen Bildern. Einladungen können auch an Nutzer ohne Google-Konto versendet werden, wodurch bei intensiver Verwendung des Features durch die bestehende Google+-Community eine nicht gerade kleine Zahl an Menschen ohne Google-Konto oder mit Google-Account aber ohne Bewusstein für Google+ an das Social Network herangeführt wird – im Vorfeld über die Einladungen, aber auch während laufender Feiern, wenn einzelne Gäste anderen Anwesenden den Party Mode vorführen.

Wer oder was kann Google aufhalten?
Das Sprichtwort “Too big to fail” (“zu groß zum Versagen”) mag ein Mythos sein, dennoch kam es mir während der Keynote in den Sinn. Ein Unternehmen, das für eine Firmenpräsentation Fallschirmspringer live mit Augmented-Reality-Brillen aus fliegenden Flugzeugen springen lässt, muss derartig viele Mittel zur Verfügung haben, dass es sich eine Vielzahl an Experimenten leisten kann, von denen jeder Konkurrent absehen muss. Sicherlich garantieren nahezu unlimitierte Ressourcen keine ewige Innovationsfähigkeit. Dennoch scheint es, als wenn Google derzeit viele wichtige und richtige Investments tätigt, vor allem, um sein Android-Ökosystem zu erweitern (durch das Nexus 7 und Nexus Q). Da spielt es schon fast keine Rolle, wie die Episode Google+ ausgehen wird. Auch Apple, Amazon und Facebook wirken derzeit nicht, als könnten sie Google Steine in den Weg legen. Im Gegenteil: Zumindest in den Stunden der I/O-Euphorie scheint es, als wäre eher das Gegenteil der Fall.

 

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7 Kommentare

  1. Die Einschätzung von Google+ als eine Episode halte ich leider für eine Fehleinschätzung. Das Netzwerk ist trotz aller Unzulänglichkeiten schon heute ein kräftiges Informationswerkzeug und hat Potenzial für noch viel mehr. Ansonsten stimme ich dem Tenor in der Überschrift weitgehend zu. Nicht nur die Marktposition Googles, sondern auch seine Verdienste um die Erschließung des Internets sind gigantisch. Auch für Google gilt, wenn es das Unternehmen nicht gäbe, müsste man es erfinden. Nur was ein Tablet ohne 3G-Verbindung soll, ist mir leider nicht ganz klar.

    • Solange in meinem Non-Geek-Freundeskreis niemand Google+ verwendet, ist es für mich eine Episode mit offenem Ausgang.

    • “Nur was ein Tablet ohne 3G-Verbindung soll, ist mir leider nicht ganz klar.”
      Es gab erst kürzlich eine Studie (die ich leider gerade nicht finden kann), die zeigte, dass Tablets zum überwiegenden Teil zuhause im Bett oder auf der Couch benutzt werden.
      3G Weg zu lassen um die $200-Marke zu erreichen ist da eine sehr sinnvolle Entscheidung.

      Falls/Sobald das Nexus 7 in deutschland erhältlich ist, werde ich mir eins kaufen. Ich hab zwar schon ein iPad aber ich will sehen was alle an Android so dolle finden. Und für 160€ muss man nicht lange überlegen.

    • Mir reicht mein iPad mit Wifi auch völlig. Falls ich unterwegs Connectivity benötigte, schalte ich einfach meinen mobilen Smartphone-Hotspot an.

  2. “Too big to fail” ist das eine. Wie sagte jemand auf einer Konferenz kürzlich? Google wird all seine Kraft (sprich: Geld) in Google+ stecken müssen, da ihm ansonsten FB den Rang im Hinblick auf die Vermarktung des Social Graph ablaufen würde. Was wäre Google ohne AdWords? Deshalb denke ich, dass Google+ uns noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

  3. Hmm… mir ist gerade aufgefallen. Die US Preise werden ja immer ohne MwSt (VAT) angegeben.
    $200 = 160€ + 19% = 190€
    Also ist wohl ein Preis von 199€ für das Nexus 7 in DE (falls es denn überhaupt kommt) wahrscheinlicher.

    Naja, trotzdem günstiger als das iPad ;)

3 Pingbacks

  1. [...] Google selbst noch sehr unsicher ist, ob und wie die Brille im Alltag überzeugen wird.Angesichts der ethisch-moralischen Fragen, die eine Google-Brille mit eingebauter Kamera aufwirft, ist ein derartig vorsichtiges Vorgehen [...]

  2. [...] gilt für die mobilen Apps. Hier hat sich aber seit gestern einiges getan und Google hat auf der I/O mehrmals betont, dass die Zukunft von Google+ in der mobilen Nutzung liegt. Richtig, doch dann stellen wir uns die [...]

  3. [...] das gönne ich Google. Das Unternehmen hat hart für das Erreichen dieser Marktstellung gearbeitet und dabei bis heute das wichtige Innovationsstreben nicht aus den Augen verloren. Doch wenn ich dann einem [...]

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