Tablets und Smartphones:
Flipboard wird zum alternativen Interface für das Web

Mit stetig neuen Partnerschaften und Integrationen mausert sich Flipboard zum alternativen Interface für das interaktive Web. Rückschläge sind da unvermeidlich.

15 Medienangebote kooperieren derzeit mit dem bekanntesten Social-News-Aggregator Flipboard in Form einer vollständigen Integration von Inhalten in die für iPad, iPhone und Android existierende App. Doch zwei renommierte Partner der ersten Stunde, die Onlinemagazine von New Yorker and Wired, werden die Zusammenarbeit, wie in Linkwertig berichtet, nicht weiter fortführen. Sie sorgen sich um Kannibalisierungseffekte, wenn ihre Inhalte in voller Länge über Flipboard abrufbar sind. Eigentlich sollte eine maßgeschneiderte Werbevermarktung des Contents in Flipboard derartige Bedenken zerstreuen. Laut Flipboard-CEO Mike McCue können die eleganten, großformatigen Anzeigen in Flipboard zehn- oder gar 15-mal so viel Erlöse einbringen wie herkömmliche Bannerwerbung auf Websites. Doch weder dies noch die Tatsache, dass Verlage mehr als die Hälfte der Einnahmen behalten dürfen, scheinen New Yorker- und Wired-Mutter Condé Nast von ihrer Entscheidung haben abbringen zu können. Künftig sehen Flipboard-Anwender von den zwei Medienmarken nur noch Textanrisse in Flipboard und können dann (direkt innerhalb der Applikation und noch immer sehr bequem) die vollständige Version von der Originalquelle laden.

Dieser kleine Rückschlag für das angesagte Startup aus dem kalifornischen Palo Alto, das zu seinem Launch im Sommer 2010 in einer Fassung für das iPad sofort für Begeisterungsstürme sorgte und zahlreiche Nachahmer auf den Plan rief, sollte jedoch nicht von der ansonsten positiven Entwicklung des Unternehmens ablenken. In den letzten Wochen und Monaten konnte der US-Dienst ein ums andere Mal neue Integrationspunkte, Partner und Funktionen präsentieren, wodurch Flipboard immer mehr zu DER interaktiven, zukunftsorientierten Medienplattform für mobile Geräte aufsteigt. Neben den Inhalten von Partnerangeboten steht Flipboard-Anwendern eine große Zahl vorab in Ressorts einsortierter RSS-Feeds zur Verfügung (ohne dass der kryptische, von Mainstreamnutzern ignorierte Begriff dabei fällt), die wiederum in personalisierten Fassungen für 15 Länder (darunter auch Deutschland) angeboten werden. Nebenbei wird die Zahl von direkt über Flipboard abrufbaren Social-Web-Konten stetig erhöht. In letzter Zeit kamen unter anderem SoundCloudYouTube und Google+ hinzu.

Standen bei Flipboard zu Beginn primär textbasierte Inhalte auf Basis von RSS-Feeds und Empfehlungen aus dem eigenen Twitter-Stream im Vordergrund, haben die Kalifornier das Spektrum an präsentierten Medieninhalten immer weiter ausgebaut und ihre App mittlerweile zu einem Hub für nahezu alle Aktivitäten rund um Informationen und Online-Unterhaltung gemacht. Und erst gestern wurde bekannte, dass die New York Times ihren zahlenden Abonnenten künftig sämtliche Onlineinhalte auch über Flipboard bereitstellt.

Als Flipboard vor zwei Jahren lanciert wurde, sorgte schon allein das innovative, auf Touchgesten basierende Bedienkonzept des “digitalen Magazins” für viel positives Feedback. Gut ein Jahr später hatten sich alle daran gewöhnt, zahlreiche Konkurrenten waren auf der Bildfläche erschienen und die Aufmerksamkeit der User verlagerte sich hin zu anderen neuen Web- und Mobile-Services. Im Dezember vergangenen Jahres lag die Gesamtzahl der Flipboard-Nutzer (iPad und iPhone) bei rund fünf Millionen. Die iPhone-App war damals gerade neu und dürfte ähnlich wie die erst jüngst veröffentlichte Android-Anwendung die Anwenderzahlen in letzter Zeit in die Höhe getrieben haben. Allein in China, wo Flipboard seit Ende 2011 mit einer lokalisierten Variante vertreten ist, sollen in diesem Jahr fünf Millionen Nutzer gewonnen werden.

In einer qualitativen Befragung von Branchenbeobachtern gaben kürzlich etwa die Hälfte von 34 Teilnehmern an, dass Anwendungen wie Flipboard Printmedien ersetzen können. Doch blickt man auf die jüngste Entwicklung des Startups, wid eine deutlich über klassische Textmedien hinausgehende Vision erkennbar: Flipboard mausert sich nach und nach zu einem alternativen, für Smartphones und Tablets optimierten Interface für das interaktive Web. Das Unternehmen hofft darauf, dass Nutzer – einmal mit der Struktur und Bedienung vertraut – mit Content und Social-Diensten aus Flipboard heraus interagieren, statt dafür extra die jeweilige native App von beispielsweis YouTube, Twitter oder SoundCloud anzusteuern. Man könnte es auch so ausdrücken: Flipboard macht das Web schöner, indem es Onlineinhalte aus verschiedenen Quellen in der eigenen, zweifelsohne ästhetischen und modernen Oberfläche darstellt und mit ebenso eleganten, magazinartigen Anzeigen umgibt, die von Usern im besten Fall als unterhaltsam und nicht als belastend empfunden werden.

Doch dieses Bestreben ist nicht ohne Risiko: Die Abhängigkeit von engen Kooperationspartnern sowie API-Contentlieferanten kann jederzeit zu Brüchen wie dem jetzigen mit Condé Nast führen. Zudem steht die Frage im Raum, ob das Verlangen nach visuellen Raffinessen beim Konsumieren und Verbreiten von digitalen Content einen mittelfristig vertretbaren Grund darstellt, den Browser und damit das offene Netz zu verlassen und sich von dem Dienst eines Unternehmens abhängig zu machen, das sämtliche Inhalte bündelt und gewissermaßen auch über deren Sichtbarkeit und Priorisierung entscheidet.

Am Ende entscheiden die Nutzer, ob sie die von Flipboard zentralisierte und verschönerte Darstellung von Onlineinhalten und -diensten ansprechend und nützlich finden. Verwendet ihr Flipboard häufiger?

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Ich bin ein großer Fan von Flipboard und stimme diesem Artikel beinahe hundertprozentig zu. Was mich nur wundert: Warum wird Google+ “demnächst verfügbar sein”? Die Integration funktioniert doch jetzt schon, wie auch im Screenshot zu sehen ist.

  2. ich finde den Ansatz von Flipboard sehr gut. Das Design ist sehr gut und es macht mehr Spaß dort Artikel zu lesen, als auf der Internetseite der SZ/Welt/…
    Einzig, dass man nicht alle Artikel durchblättern kann sondern, dass man jeweils nur einen “Kanal” oder eine Seite auswählen kann macht es für mich nicht nutzbar.

  3. Flipboard ist klasse!

    Vor allem die Ansicht “All Timelines” ist klasse: endlich alle Timelines (Twitter, Facebook, G+, Youtube) in einem konsolidierten Stream. Außerdem sehr cool: Man kann Postings von einem Netzwerk in ein anderes Netzwerk teilen: Interessanten Artikel auf Twitter nach Facebook weiterteilen ist zum Beispiel kein Problem.

    Würde mich noch über eine Pinterest-Integration sehr freuen. Und über Flipboard für Windows. ;)

 
vgwort