Digitale Musik:
Der Streamingservice der Zukunft steht den Künstlern näher

Die großen Plattenfirmen zeigen sich mittlerweile zufrieden mit Einnahmen von Streamingdiensten wie Spotify. Doch solange Künstler sich benachteiligt fühlen, besteht Raum für einen Anbieter, der diesen näher steht und die Labels als Mittler verdrängt.

Der schwedische Musikstreamingdienst Spotify ist nach Angaben aus dem Unternehmensumfeld, die Business Insider gehört haben will (via), mittlerweile die zweitwichtigste Erlösquelle für die Majorlabels nach iTunes. Inwieweit diese Information am Ende tatsächlich in dieser Form stimmt (oder ob diese sich nicht zumindest nur auf das Segment digitaler Musik beschränkt), lässt sich an dieser Stelle nicht genau beurteilen. Doch schon in der Vergangenheit waren Aussagen seitens der führenden Plattenfirmen zu hören, dass sich die Umsätze mit Spotify recht gut entwickeln würden. Was auf den ersten Blick nach einer Erfolgsmeldung klingt, hat jedoch einen entscheidenden Haken: Denn während sich die Majors, die zusammen selbst 18 Prozent der Anteile an Spotify besitzen, offenbar mit dem All-You-Can-Eat-Modell für Musik anfreunden können, sind viele Künstler nach wie vor eher skeptisch – sie erhalten nur einen Bruchteil dessen, was der Streamingdienst an ihre Labels auszahlt, und fühlen sich dementsprechend ausgenutzt.

Zwar gestattet Spotify es auch Künstlern ohne Labelvertrag, über Aggregatoren mit ihrer Musik bei dem Service präsent zu sein. Der überwältigende Teil der von Anwendern tatsächlich gestreamten Songs jedoch stammt von Interpreten, die bei einem Label unter Vertrag stehen, und entsprechend stark nehmen deren Produktionen bei Spotify eine vordergründige Rolle ein. Zudem ist die Nutzung der Aggregatoren für Selfpublishing-Künstler mit weiteren Kosten verbunden. Bei Zimbalam beispielsweise wird pro Single (1-2 Titel) eine einmalige Gebühr von 24.99 Euro fällig. Künstler erhalten anschließend 90 Prozent der generierten Streamingumsätze. Wie jüngst ein Indie-Label aufzeigte, liegen diesen in einem Bereich von 0,005 Dollar pro von Nutzern gestreamtem Song (oder sogar darunter). Sollen über Zimbalam verteilte Titel aus den Katalogen von Spotify und Co wieder entfernt werden, muss eine Bearbeitungsgebühr von 29,99 Euro gezahlt werden.

Dass die Einnahmen aus einem gestreamten Titel deutlich niedriger ausfallen als die aus dem Verkauf einer digitaler Kopie, leuchtet ein. Problematisch wird es jedoch, wenn die Umsätze noch mit Mittelsmännern wie Labels, Distributoren oder Aggregatoren geteilt werden müssen. Genau hier liegt Spotifys aus Künstlersicht große Schwäche: Es erlaubt keinen Direktupload durch Interpreten, die dann ohne Abzüge durch die Mittler entlohnt werden. Da die Plattenfirmen jedoch bei dem Unternehmen mit im Boot sitzen und ihre Interessen um jeden Preis zu wahren versuchen werden, dürfte sich daran in Zukunft auch nichts ändern.

Ein Streamingdienst, der ernsthaft bestrebt ist, Künstler zufriedenzustellen, würde daher darauf ausgelegt sein, ihnen das Selfpublishing so einfach wie möglich zu machen. Viele kommerzielle und bekannte Interpreten würden davon zwar unmittelbar nicht profitieren, weil die Bedingungen laufender Verträge mit ihren Labels entsprechende Eigeninitiativen ausschließen könnten. Sukzessive hätten jedoch mehr Musiker einen Anreiz, entsprechende Klauseln einzufordern oder sich vollständig vom Label zu verabschieden. Genau in diese Richtung geht das von Kim Dotcom (Schmitz) geplante Projekt “Megabox”, das trotz der Schließung von Megaupload durch die Behörden demnächst starten soll. In einem Kommentar schlug netzwertig.com-Leser Ole jüngst aber auch noch einen anderen Anbieter vor, der mittelfristig aufgrund der besseren direkten Verbindung zu Interpreten Spotify gefährlich werden könnte:

“Langfristig gesehen wird der größte Wettbewerber von Spotify: SoundCloud. Die haben den Künstler direkt als Vertragspartner und brauchen nur noch ein Bezahlsystem einbauen”

In der Tat ist es der Berliner Audioplattform gelungen, zahlreiche DJs und Musiker (auch bekannte Größen wie 50Cent, Radiohead oder Skrillex) bei sich zu versammeln und zum Upload ausgewählter Produktionen sowie zur Interaktion mit Hörern und Fans zu bewegen. Dazu werden neben der kostenfreien Version verschiedene Premium-Pakete mit unterschiedlich großem Platz für Musik- und Audiodateien angeboten. Auch eine Reihe von Indielabels haben sich auf der Plattform niedergelassen. Eine Monetarisierung der bei SoundCloud bereitgestellten Titel ist über eine Kooperation mit SoundRain bereits möglich.

Sofern SoundCloud aber in eine Art Spotify ohne überflüssige Mittler (= Major Labels) transformiert werden sollte, müssten die Berliner noch einiges tun. Momentan ist es nichts weiter als ein interessanter Gedanke, der auf der Erkenntnis fußt, dass die Rolle der großen Labels im digitalen Zeitalter mit seinen vielseitigen Möglichkeiten des Publishings und der Vermarktung in Eigenregie stark abnimmt. Dass sie weiter die Hand aufhalten und das Ökosystem kontrollieren, sollte damit nicht mehr als selbstverständlich gelten.

Eine Anfrage an SoundCloud, ob sie sich eine entsprechende Positionierung vorstellen konnten, wurde bisher nicht beantwortet.

(Illustration: stock.xchng/jayofboy)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. Die größte Leistung der Streaming-Anbieter ist fast alle gefragten Künstler im Sortiment zu haben. Niemand verkauft tausende Streaming-Abos wenn da nicht auch Lady Gaga, Silbermond und Konsorten dabei ist. Alles andere bleibt im Nischendasein.

    “…und brauchen nur noch ein Bezahlsystem einbauen.” – Ist hier schon extrem kurz gedacht. Micropayment war in der Vergangenheit ja bereits ein schnell umgesetztes und umsatzstarkes Werkzeug…

    Ich finde die Analyse in diesem Artikel ist leider diesmal sehr kurz gedacht. Bitte auch an natürliche Monopole und deren Implikationen denken. Leider ist Musikvermarktung ist ein komplexes Thema und von außen ist die Industrie kaum einsehbar. Man bekommt immer nur kleine Einblicke über solche kurzen Meldungen. Wie die Branche funktioniert und entwickelt, wissen nur die Insider und weder ich, noch die meisten Leser dieses Blogs gehören dazu.

  2. Bandcamp sollte man vielleicht noch erwähnen: http://bandcamp.com/

    Ich versuche auch im Moment a) Spotify et.al zu vermeiden und b) bei Künstlern bzw. deren Labeln direkt zu kaufen (Beispiel: Astropilot of Star Walk Fame). Zitat Bandcamp: “The basic service is free. There are no signup costs, and no listing fees. We make money via a revenue share on sales: 15% on digital, 10% on physical.” (http://bandcamp.com/pricing/)

    Das finde ich schon ziemlich fair.

  3. Der Bedarf scheint vorhanden zu sein. Entsprechend äußern sich Künstler wie Busta Rhymes: http://m.tmi.me/kQ1ql

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  1. [...] laden in Eigenregie Tracks, Edits und Remixe hoch, ohne dabei den Umweg über ihr Label zu gehen. Ich hatte vor einiger Zeit erklärt, wieso ich glaube, dass der Musikdienst der Zukunft den Künstlern näher steht und zu [...]

 
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