Eyes Free:
Der erste Schritt zum Apple-Auto

Einen Fernseher präsentierte Apple auf seiner jüngsten Entwicklerkonferenz wieder nicht – dafür aber eine Schnittstelle zur Integration von Siri in Autos und neun führende Hersteller als Startpartner. Es ist der erste große Schritt zum Apple-Auto.

Foto: AppleEinen Fernseher präsentierte Apple auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC am Montag vor einer Woche wieder nicht. Doch obwohl ein eigenes TV-Gerät dem Lifestyle-Elektronik-Konzern einen neuen Milliardenmarkt eröffnen und sein App-Ökosystem in Millionen neuer Haushalte bringen könnte, existiert für das Unternehmen langfristig eine noch viel massivere Idee, um sich im Alltag der Menschen festzusetzen: ein Apple-Auto. Während sich die Anhänger einer Apple-Mattscheibe weiterhin gedulden müssen, gab das Unternehmen auf seinem Developer-Event eine Neuerung bekannt, die als erster signifikanter Schritt hin zu einem Kraftfahrzeug mit Apfel-Antrieb interpretiert werden kann:

Innerhalb des kommenden Jahres wollen neun Autohersteller einen so genannten “Eyes-Free”-Button in die Lenkräder ausgewählter Modelle einbauen. Der Knopf erlaubt es Fahrern, mit Siri, der intelligenten Sprachsteuerung des über ein Dock mit dem Fahrzeug verbundenen iPhones zu interagieren, ohne ihren Blick von der Straße abwenden zu müssen. Apple verspricht, dass Fahrzeugführer auf diese Weise unter anderem Telefonate initiieren, Musik abspielen, Textnachrichten abrufen und verfassen, die neue Navigationsfunktion von iOS 6 nutzen, Benachrichtigungen lesen und Kalenderinformationen beziehen können – ohne dass auch nur eine Berührung des in der Mittelkonsole platzierten iPhones erforderlich ist.

Zu den Herstellern, die Eyes Free in ihren Autos anbieten wollen, gehören BMW, Audi, Chrysler, Honda, General Motors, Jaguar, Land Rover und Toyota. Schon im Februar hatte Mercedes eine Integration von Siri in künftige Modelle der A-Klasse angekündigt – allerdings ohne die direkte Zugriffsmöglichkeit über einen Knopf am Lenkrad.

Das Smart Car kommt

Hunderte Millionen Menschen verbringen Tag für Tag mehrere Stunden im Auto. Dass der mittlerweile für viele unverzichtbar gewordene digitale Lebensstil sich aus diesem wichtigen Bereich fernhält, ist ausgeschlossen. Zwar sorgen technische Hürden bisher dafür, dass die Vision eines vernetzten, smarten Fahrzeug bisher nur in begrenztem Maße realisiert werden konnte – denn mobile Datenverbindungen gehen bei sich in Bewegung befindlichen Zugangsgeräten noch leichter in die Knie, zudem steht die Roaming-Frage bei Grenzüberschreitungen im Raum – doch spätestens mit der flächendeckenden Verfügbarkeit von LTE und einer sukzessiven Harmonisierung der Datentarife über Ländergrenzen hinweg steht dem “Smart Car” nicht mehr viel im Wege.

Der US-Hersteller Ford prescht beim Thema “Internet im Auto” schon seit einiger Zeit vor und bietet mit Sync auch eine eigene Sprachsteuerung. Die Technologie wird in Zusammenarbeit mit Microsoft angeboten. Auch der japanische Anbieter Toyota kooperiert mit dem IT-Riesen, um ein eigenes soziales Netzwerk für die Fahrer seiner Autos zu etablieren, gehört aber im Gegensatz zu Ford trotzdem zu den Startpartnern von Apples Eyes-Free-Button.

Ab dem Jahr 2014 werden nach Ansicht des Branchenkenners Beda Bolzenius selbst in kleinen Autos Internetzugänge, große Touchscreens und Bedienkonzepte mit Apps zum Standard gehören. Allerdings ist offen, inwieweit Verfahren, die eine Vielzahl von Handgesten des Fahrzeugführers erfordern, tatsächlich eine Zukunft haben. Immerhin beinhaltet jedes Abwenden des Blicks von der Straße ein Sicherheitsrisiko. Eine Sprachsteuerung klingt da nach einer deutlich besser an die Einsatzszenarien von Automobilen angepassten Herangehensweise.

Siri-Knopf als Durchbruch für das vernetzte Auto

Vorausgesetzt, der neue Apple-Knopf wird tatsächlich auf breiter Front Teil künftiger Modelle, so könnte dies den Durchbruch für das smarte Fahrzeug bedeuten – und das, ohne dass Hersteller sich mit der Entwicklung von eigenen oder von extern bezogenen Bedienkonzepten und Verhandlungen mit Mobilfunkgesellschaften herumärgern müssen. Stattdessen rüsten sie ihre Fahrzeuge ganz einfach mit einem Siri-Button aus und verknüpfen diesen über die Eyes-Free-API von Apple mit den iPhones der Fahrer. Diese wiederum profitieren, weil sie sämtliche ihrer wichtigen Daten, Apps und Kontakte sofort parat haben und sich nicht extra eine neue Anwenderumgebung einrichten müssen.

Inwieweit das Eyes-Free-Projekt für Apple bereits eine Erlösquelle darstellt, ist nicht bekannt. Mittelfristig wird der Konzern aus Kalifornien noch weiter in den Mobilitätsbereich vordringen wollen. Der Siri-Button stellt jedoch einen idealen Einstieg dar, weil er in der Lage ist, Autofahrer auf vorsichtige Weise an den Gedanken von Connectivity im Kfz zu gewöhnen, an die Navigationsfunktionen von iOS 6 heranzuführen und ganz grundsätzlich von der Sprachsteuerung Siri zu überzeugen. Im schlechsten Fall wird er von allen Autofahrern ignoriert, in einem besseren Szenario treibt er die Verkäufe von iPhones und für die Straße geeigneter Apps an und im Idealfall ist er nur eine Vorstufe für ein echtes “Apple Car”. Bis zu dessem eventuellen Markstart dürften noch einige Jahre vergehen. Der ab Werk integrierte Eyes-Free-Knopf belegt aber eine bereits stattfindende Annäherung zwischen Apple und den Herstellern. Sollte den Kaliforniern wirklich ein Fahrzeug mit Apfel-Logo vorschweben, würde dies mutmaßlich in enger Kooperation mit einem Autokonzern geschehen – sofern Apple nicht gleich einen vollständig übernimmt. Geld dafür hat das Unternehmen genug.

Spekulationen über ein Auto unter Apple Branding einmal außer Acht gelassen signalisiert die Siri-Neuerung, dass Internet und eine clevere Sprachsteuerung im Auto davor stehen, von einem Nischenfeature zu einem Massenprodukt zu avancieren. Zumal sich auch Google mit einer Reihe von Autokonzernen in Gesprächen befinden soll. Immerhin arbeitet der Internetgigant mit seinem selbstfahrenden Kfz an einer radikalen Revolution des Automobils. Internet an Bord wäre für diese quasi Voraussetzung – allein weil sich Passagiere dann ja mit anderen Dingen beschäftigen könnten als mit dem Führen des Fahrzeugs (wobei dies gleichzeitig für große Touchscreens spräche).

Microsoft, Google und Apple sind somit alle bestrebt, ihren Teil zur Neudefinition und Evolution des Automobils zu leisten und sich auf unterschiedliche Weise im nächsten Milliardenmarkt unersetzlich zu machen. Doch mit der Siri-Integration scheint es wieder einmal Apple zu sein, dass die Thematik der breiten Masse zugänglich macht. Wie das den Markt für Mobiltelefone verändert hat, wissen wir ja.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Nachdem google bereits mit einigen Fahrzeugherstellern zusammenarbeitet ist es nur folgerichtig von Apple dieses Feld nicht allein google zu überlassen. Siri bietet Apple erste Anknüpfungspunkte. Mal schauen was da langfristig draus wird!

  2. Das stimmt so alles noch nicht ganz.

    Die Integration eines Geräts (in diesem Fall iPhone) bedeutet noch lange kein Apple-Auto. Genauso wenig wie es TomTom-Autos oder gar (damals war die Mobilfunk-Integration neu) T-Mobile oder Nokia-Autos gibt.

    Die Siri-Integration funktioniert in eingen Fahrzeugen schon lange, nur gibt es bisher keinen entsprechenden Knopf.

    Ich fahre einen aktuellen BMW mit Handyvorbereitung. Ist mein iPhone per Bluetooth verbunden und ich drücke den Home-Button einige Sekunden (wie gewohnt), spricht mich Siri über die Auto-Lautsprecher an und nimmt Befehle auch über das Auto-Mikrofon entgegen.

    Einzig und allein neu ist, dass der Knopf, der bei den meisten der genannten Marken ohnehin schon existiert auf Siri gelinkt wird. Es ist letztlich eine Erweiterung der bestehenden Schnittstelle um einen vorhandenen Knopf.
    Ich würde vermuten, dass es sich sogar nur um ein paar Zeilen in der Software handelt.

    Übrigens: Auch TomTom oder die neue iOS6-Navigation funktionieren schon einwandfrei über den Car-Lautsprecher.
    Für Musik muss man bei BMW entweder das iPhone in die USB-Schnittstelle stecken, die Bluetooth-Musik-Schnittstelle reinkonfigurieren (Sonderausstattung) oder das Music-Snap-In kaufen.

    • Ich behaupte nicht, das sei ein Apple-Auto, sondern dass es der erste Schritt in diese Richtung ist. Und so trivial dir die Tatsache erscheint, das der bestehende Knopf künftig auf Siri gelinkt wird, so groß kann der Unterschied sein, den dies macht.

  3. Bei Hyundai gibt es schon bereits im neuen i30. Navi und Radio sind mit iphone kompatibel. Man kann fast alles mit Stimmbefehle steuern.

  4. Unfug, der i30 kann kein Siri. Die Stimmbefehle sind von der Multimediazentrale des i30! Thema nicht wirklich verstanden . . .

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  1. […] Google, Tesla, Nissan und andere wollen die nächste Generation Auto bauen, auch Apple wird immer wieder genannt. Und es gibt kaum eine Woche, in der nicht Gerüchte über Googles […]

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