Orderbird:
Medienbegleitende Startup-Gründung
als Zukunftsmodell

Das Berliner Startup Orderbird ist ein Jahr lang Gegenstand einer intensiven redaktionellen Begleitung durch die Financial Times Deutschland – und profitiert sehr davon. Das Modell könnte Schule machen.

Als das Berliner Startup Orderbird, Anbieter eines auf iPads basierendes Kassensystems für Gastronomen, im Februar als eines von fünf Jungunternehmen den enable2start-Gründerwettbewerb gewann, flossen damit nicht nur 50.000 Euro von verschiedenen Konzernen und Initiativen gesponsertes Preisgeld in die Kassen des innovativen Unternehmens. Teil des von der Financial Times Deutschland (FTD) initiierten Wettbewerbs ist auch das Versprechen einer kontinuierlichen Medienbewachung über ein Jahr, in deren Rahmen der weitere Werdegang der fünf Firmen detailliert erläutert wird.

Eine Suche bei FTD.de zeigt: Das Wirtschaftsblatt hat bereits in 23 verschiedenen Beiträgen über das 2011 von Jakob Schreyer und Bastian Schmidtke gegründete Startup berichtet. Dazu gehören sowohl Nachrichtenartikel als auch Wochenberichte. Orderbird verpflichtete sich mit der Partizipation bei enable2start dazu, ein Jahr lang im Wochentakt Einblicke in die aktuelle Geschäftslage zu geben. “Alles was in der deutschen Unternehmerszene aus Mentalitätsgründen verschwiegen wird, muss kommuniziert werde”, so die Richtlinie. Ab und an ist dieses Prinzip nach Aussage von Orderbird-Marketingchef Patrick Brienen auch eine Herausforderung – denn natürlich will und muss sich das Team genau überlegen, welche Informationen es ausplaudern kann und welche Interna es lieber für sich behält.

Insgesamt hat die stetige Medienbewachung durch die FTD den Hauptstädtern aber enorm genutzt. Besonders der Traffic auf die Orderbird-Website habe sich dank der Berichterstattung deutlich erhöht, so Marketingchef Brienen. Und einige der mittlerweile über 300 zahlenden Gastronomiebetriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz seien über die FTD auf Orderbird aufmerksam geworden. Inwieweit die junge Firma die 2,4-Millionen-Euro-Beteiligung durch AWD-Gründer Carsten Maschmeyer auch ohne die enorme Sichtbarkeit bei dem Wirtschaftsblatt eingesackt hätte oder nicht, darüber lässt sich spekulieren. Laut Brienen wurde der Unternehmer jedoch erst durch einen Beitrag in der Zeitung auf Orderbird aufmerksam.

Auch wenn die FTD für etwa ein Jahr gewissermaßen die Informationshoheit in Bezug auf Orderbird besitzt, wird die stetige Berichterstattung eine gesteigerte Aufmerksamkeit anderer Nachrichtenangebote und Fachmedien nach sich gezogen haben – wodurch wiederum weitere Restaurantbesitzer von dem Angebot der Berliner erfahren haben könnten.

Das von der FTD mit enable2start praktizierte Modell der Begleitung eines Startups ist bei einer neuartigen, konzeptionell und technisch anspruchsvollen Geschäftsidee ein spannender und kreativer Weg, um sowohl Bekanntheit, aber auch Vertrauen zu verschaffen. Für Gastronomen, die mit Orderbird ihr altes Kassensystem durch iPads ersetzen müssten, entsteht so ein Gefühl der Sicherheit. Immerhin lassen sie sich auf einen Anbieter ein, über den eifrig bei renommierten Medien geschrieben wird.

Der enable2start-Wettbewerb findet schon seit einigen Jahren statt. Leider geizt die Website mit Details zu den vergangenen Preisträgern – das ein oder andere Tech-Startup befand sich aber schon unter den Siegern, unter anderem das Zeiterfassungstool mite sowie CaptchaAd, ein Vermarkter von Bewegtbildwerbung im Umfeld von Captchas. Doch über Orderbird wurde schon jetzt, vier Monate nach der Siegerehrung, bei ftd.de so viel berichtet wie über die erwähnten früheren Sieger von ihrem jeweiligen enabel2start-Triumph bis heute. Ob dies mit Orderbirds besonders innovativem Produkt sowie Expansionspotenzial oder der Veränderung des enable2start-Leistungspaketes zu tun hat, sei an dieser Stelle dahin gestellt.

In jedem Fall erlebt Startup-Deutschland (wahrscheinlich) erstmals, wie ein reichweitenstarkes Verlagshaus einem vielversprechenden, disruptiven Jungunternehmen im Digitalbereich sehr tatkräftig dabei hilft, schnell in Fahrt zu kommen. Sicherlich besteht das Risiko, dass sich aus solch einem Ansatz Interessenkonflikte ergeben – sei es, weil Orderbird sich nach mehr (für andere Webfirmen typischer) Heimlichtuerei sehnen konnte, oder weil Konkurrenten ein Problem mit der bevorzugten medialen Hervorhebung haben. Trotzdem wird der hiesige Tech-Sektor gerade Zeuge eines faszinierenden Experiments (das zugegebenermaßen schon seit einigen Jahren läuft, aber mit Orderbird in den Fokus gerät) – das künftig auch bei anderen Medien Schule machen konnte. Man stelle sich vor, die Bild-Zeitung würde nach dem Ausflug ihres Chefredakteurs ins Silicon Valley ein “Volks-Startup” von der Gründung an begleiten…

Disclaimer: FTD-Wettbewerber wiwo.de ist Kooperationspartner von netzwertig.com.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Regulierung von Crowdinvesting: Die Bundesregierung macht es kompliziert

13.11.2014, 11 KommentareRegulierung von Crowdinvesting:
Die Bundesregierung macht es kompliziert

Eigentlich hat sich die Bundesregierung ja auf die Fahne geschrieben, Startups stärker zu fördern. Doch wenn es darauf ankommt, dann wird unnötig verkompliziert. Wie bei der geplanten Regulierung von Crowdinvesting.

Bali wird zum Startup-Mekka: Unternehmensgründung im Paradies

15.10.2014, 3 KommentareBali wird zum Startup-Mekka:
Unternehmensgründung im Paradies

Die Unternehmensgründung ist harte Arbeit. Daher kann es sinnvoll sein, wenigstens ein angenehmes Ambiente zu wählen. Eine Option: Bali. Andrea Loubier, CEO des auf der indonesischen Insel angesiedelten Startups Mailbird, sieht viele Vorteile.

Massiv finanzierte Internetfirmen: Der Fluch, um jeden Preis wachsen zu müssen

3.7.2014, 3 KommentareMassiv finanzierte Internetfirmen:
Der Fluch, um jeden Preis wachsen zu müssen

Viele einstige Hoffnungsträger der Internetbranche treffen Produktentscheidungen, die nicht im Sinne der Nutzer sind. Oft bleibt ihnen keine andere Wahl: Hohe Bewertungen und Wagniskapital im dreistelligen Millionenbereich verpflichten sie dazu, um jeden Preis zu wachsen.

Trotz Internet: Öffentlicher Wissensstand und Realität klaffen weit auseinander

11.7.2013, 2 KommentareTrotz Internet:
Öffentlicher Wissensstand und Realität klaffen weit auseinander

Eine Studie belegt: Briten sind in vielen wichtigen politischen und gesellschaftlichen Themen falsch informiert. Daraus ergeben sich Herausforderungen für künftigen Journalismus.

Marken werden zu Medien: Wieso Konsumgüterhersteller Newsrooms betreiben könnten

21.11.2012, 25 KommentareMarken werden zu Medien:
Wieso Konsumgüterhersteller Newsrooms betreiben könnten

Globale Konsumgüterhersteller zeigen sich experimentierfreudig, was die Zielgruppenansprache im digitalen Zeitalter angeht - und schlüpfen dabei in die Rolle von Medien. Die Vorstellung, ein Markenartikler könnte ein journalistisch arbeitendes Onlineangebot betreiben, ist dabei nicht abwegig.

Linkwertig: Gema, Trends, Berlin, Medien

16.11.2011, 0 KommentareLinkwertig:
Gema, Trends, Berlin, Medien

deutsche-startups hat zehn Trends erkannt und benannt, Niklas Zennström in Berlin und mehr.

Überfälliger Fortschritt: Im Restaurant bezahlen, ohne auf die Rechnung zu warten

27.8.2013, 15 KommentareÜberfälliger Fortschritt:
Im Restaurant bezahlen, ohne auf die Rechnung zu warten

Mehrere Startups arbeiten an Systemen, um Tischreservierungen in Restaurants komfortabler zu gestalten. Dabei wäre die Lösung eines verwandten Problems viel dringender: Das einfache Bestellen und Zahlen per App, ohne dass der Gast auf das Personal warten muss.

pepperbill: Orderbirds Alleinherrschaft  neigt sich dem Ende zu

16.10.2012, 22 Kommentarepepperbill:
Orderbirds Alleinherrschaft neigt sich dem Ende zu

Orderbird ist nicht mehr das einzige Startup aus Deutschland, das ein iOS-basiertes Kassensystem für die Gastronomie anbietet. Der Erfurter Konkurrent pepperbill setzt dabei ganz auf iPhones und iPod touch-Geräte - und sichert alle Kassendaten in der Cloud.

iPad-Kassensystem für Restaurants: Orderbirds neuer Konkurrent  heißt Groupon

11.10.2012, 13 KommentareiPad-Kassensystem für Restaurants:
Orderbirds neuer Konkurrent heißt Groupon

Groupon lanciert in den USA ein iPad-basiertes Kassensystem für Restaurants, Bars und Cafés. Damit entsteht für Orderbird, den Berliner Pionier auf diesem Gebiet, ein mächtiger Wettbewerber.

Linkwertig: Startups, Freebase, Uber, Dr Dobbs

18.12.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Startups, Freebase, Uber, Dr Dobbs

Seth Godin hat den ultimativen Tipp für Startups und mehr.

Linkwertig: E-Commerce, Fünfjahresplan, E-Books, Cola

17.11.2014, 0 KommentareLinkwertig:
E-Commerce, Fünfjahresplan, E-Books, Cola

Laut Sascha Lobo gibt es alle fünf Jahre einen neuen menschlichen Meilenstein und mehr.

Regulierung von Crowdinvesting: Die Bundesregierung macht es kompliziert

13.11.2014, 11 KommentareRegulierung von Crowdinvesting:
Die Bundesregierung macht es kompliziert

Eigentlich hat sich die Bundesregierung ja auf die Fahne geschrieben, Startups stärker zu fördern. Doch wenn es darauf ankommt, dann wird unnötig verkompliziert. Wie bei der geplanten Regulierung von Crowdinvesting.

6 Kommentare

  1. @Martin: Vorerst danke für diesen Artikel. Als jene Person, die enable2start erfunden hat und Jahr für Jahr die Sponsoren für die nächste Runde gewinnen muss (kein spassige Aufgabe ;-), weiß ich solche Anerkennung sehr zu schätzen.
    Kleine Ergänzung: Auch die Berichte der Sieger der Vorjahre sind nachlesbar – auf http://www.ftd.de/gruendung (Portale zu den einzelnen Staffeln auf der mittleren Spalte). Und: Wir berichten immer gleich viel und lang: 1 Jahr lang Woche für Woche Update-Berichte sowie 4x Quartalszahlen und Quartalsreportagen.
    Liebe Grüße & danke, Thomas (Clark)

  2. @Martin Weigert,

    als Redakteur, der über vier Jahre hinweg die enable2start-Sieger begleitet hat, kann ich einen Satz nicht unkommentiert lassen: Dass es über Overbird bereits mehr Medienberichte gegeben hätte als über alle vorherigen Sieger zusammen. Auch über andere Sieger gab es unzählige Porträts, Interviews und auch Fernsehbeiträge, am meisten wohl über den 2007er-Sieger Mymuesli, (aber auch gerade wieder am 4. Juni, in der FAZ über den 2010er-Sieger Smart Hydro Power). Ein ganz entscheidender Punkt aber ist: oft sind es Beiträge in Fachzeitschriften, die außerhalb der Branche kaum jemand kennt, die den Startups am meisten helfen.

    beste Grüße,

    Claus Hornung, Redakteur FTD

    • Danke Claus. Ich meinte nicht “alle zusammen”, sondern dass Orderbird zum jetzigen Zeitpunkt so viele Beiträge auf FTD.de hat wie die anderen Siegern jeweils von ihrem enable2star-Sieg bis heute – aber jeweils für sich, nicht zusammen. Ich kann das im Text noch deutlicher machen.

  3. wow… netzwertig heute ganz prominent in der Financial Times ;-)

  4. na bitte :-)
    Ist auch ein klasse Artikel geworden.
    Glückwunsch für das Feature!

Ein Pingback

  1. [...] Onlinefirmen experimentieren mit eigenständigen Apps: Netzwertig-Autor Martin Weigert beobachtet, dass immer mehr Unternehmen eigenständige Apps abseits vom Kernprodukt veröffentlichen – schließlich war es nie einfacher, in kurzer Zeit solide Software-Anwendungen für Mobilgeräte zu entwickeln. So bietet Evernote mittlerweile die Essen-App Evernote Food an, Facebook hat mit dem Messenger und Camera gleich zwei zusätzliche Apps im Programm. netzwertig.com [...]

vgwort