Demontage des Textlogos:
Twitter zu verstehen, ist schwer

Twitter verzichtet in seinem Logo künftig auf die Darstellung des Firmennamens. Stattdessen soll der stilisierte Vogel zum ultimativen Markenzeichen werden. Eine rätselhafte Entscheidung.

Twitter hat eine ganze Reihe von Baustellen, an denen es arbeiten muss. Konkurrenten wie Facebook und Google+ versuchen von zwei Seiten, den Microbloggingdienst zu bedrängen und dessen Einsatzszenarien selbst abzudecken. Die erste Umsatzmilliarde in Dollar wird erst für 2014 erwartet – acht Jahre nach der Gründung und das, obwohl bereits jetzt über eine Milliarde Dollar an Venturekapital in das Unternehmen aus San Francisco gepumpt worden sind. Auf den Durchbruch in den Mainstream wartet Twitter in vielen Ländern noch immer. Selbst im Heimatmarkt USA nutzen lediglich acht Prozent der Onlinepopulation den Dienst auf täglicher Basis (eine genaue Definition für “Nutzung” existiert nicht). In Deutschland gibt es gerade mal 600.000 aktive Twitter-Konten. Und auch bei seiner Entwicklerplattform hat der Dienst eigentlich alle Hände voll zu tun – während Facebook seine Plattform mit einem App Center auf ein neues Niveau heben will, pflegt Twitter zur Entwicklergemeinde ein eher gespaltenes Verhältnis und lässt an einem Verständnis für die Kraft des Plattformansatzes zweifeln.

Es gibt also viel zu tun. Umso überraschender ist, mit welchen Nebensächlichkeiten sich das gereifte Startup aus Kalifornien in der vielleicht wichtigsten Phase seiner Geschichte befasst. In einem aktuellen Blogbeitrag gibt der Service bekannt, die Bezeichnung “Twitter” aus seinem Logo zu entfernen und künftig auf den bekannten, hellblauen (oder alternativ weißen) Twitter-Vogel als universelles Markenzeichen zu setzen. Parallel veröffentlicht der Dienst eine Reihe von Richtlinien zur Nutzung des Twitter-Logos im Umfeld von Produkten und Websites. Eine veränderte Darstellung des Zwitschervogels ist genauso unerwünscht wie der Verweis auf Twitter mittels des alten, textbasierten Twitter-Logos, egal ob in ausgeschriebener Form oder abgekürzt mit dem prägnanten blau-weißen “t”.

Nichts gegen eine Modernisierung der Corporate Brand oder des Markenzeichens von Firmen. Aber Twitters aktueller Schritt gibt Rätsel auf.

Twitters Markenbekanntheit in den eigentlich für den Dienst zu gewinnenden Zielgruppen ist nicht groß genug. Werden Eltern und Großeltern beim Besuch auf einer beliebigen Website tatsächlich wissen, was es mit der kleinen, bläulichen Vogelgrafik auf sich hat? Und selbst wenn sie den Zusammenhang herstellen können, besteht die Gefahr, dass ihnen der genaue Name nicht einfällt. Facebooks Like-Button bedarf mittlerweile kaum noch einer Erklärung. Aber Twitter ist nicht Facebook. Im Hinblick auf Twitters Mission, den Mainstream für sich zu gewinnen, wirkt die Entfernung des textbasierten Logos wie eine klare Fehlentscheidung.

Zudem ist verwunderlich, dass sich das Unternehmen überhaupt zum aktuellen Zeitpunkt mit einer derartige Lappalie befasst. Sicherlich, manchmal sind es minimale Modifikationen am äußeren Erscheinungsbild einer Marke, die einen erheblichen Unterschied in der Wahrnehmung der Konsumenten auslösen können. Dass die Hervorhebung des Vogels und die kategorische Abkehr vom Textlogo aber irgendwelche positive Auswirkungen auf die Marktposition von Twitter haben könnte, halte ich für unwahrscheinlich.

Auch unter ästhetischen Gesichtspunkten macht die Änderung für mich den Eindruck einer Fehlentscheidung. Ohne das Textlogo “Twitter” neben dem Foto am oberen Bildrand sieht die komplette Startseite auf twitter.com unfertig aus. Minimalismus und Simplizität in allen Ehren, aber man kann es übertreiben. Wer bekommt bei einem Besuch des Angebots eigentlich Lust, sich bei dem Dienst zu registrieren?

Hätte Twitter eine derartige Auffrischung des Logos am 1. April bekanntgegeben – ich hätte es sofort für einen Aprilscherz gehandelt. Doch das Unternehmen meint es ernst. Und offenbart damit eine gewisse Einfallslosigkeit darin, auf welche Weise es seine Position gegen die Konkurrenten absichern und verbessern kann. Eine völlig widersinnige Demontage des Textlogos ist das Letzte, was Twitter derzeit voran bringt.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

\

11.2.2014, 5 Kommentare"Fake Likes":
Klickfarmen bringen Facebooks Anzeigensystem aus dem Gleichgewicht

Dass es bei Facebook Klickbetrug und gefälschte Likes gibt, ist bekannt. Der Videoblogger Derek Muller beschreibt nun aber, wie vor allem legitime Seitenbetreiber, die Facebooks Anzeigenplattform nutzen, unter dieser Problematik leiden.

WeWant: Eine Meinungsplattform für Konsumenten, die nicht nur meckern wollen

10.2.2014, 5 KommentareWeWant:
Eine Meinungsplattform für Konsumenten, die nicht nur meckern wollen

WeWant bringt Verbesserungsvorschläge von Konsumenten und die betreffenden Unternehmen und Organisationen zusammen. Das Stuttgarter Startup will auf diese Weise nichts Geringes als eine bessere Welt schaffen.

Kernkompetenz in der digitalen Welt: Wir müssen lernen, uns selber besser zu verstehen

27.1.2014, 6 KommentareKernkompetenz in der digitalen Welt:
Wir müssen lernen, uns selber besser zu verstehen

Wir Menschen würden in einer vernetzten, komplexen Welt davon profitieren, uns selber besser zu verstehen. Damit Maschinen nicht die einzigen mit dieser Kompetenz sind.

Linkwertig: WhatsApp, Acceleratoren, Profile, Innovation

24.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
WhatsApp, Acceleratoren, Profile, Innovation

Trotz Facebook kann sich WhatsApp über 500 Millionen monatlich aktive Benutzer freuen und mehr.

Das große Entbündeln: Für jeden Zweck eine eigene App

22.4.2014, 4 KommentareDas große Entbündeln:
Für jeden Zweck eine eigene App

Social Networks und Clouddienste wie Facebook, Dropbox, LinkedIn und Twitter ändern unisono ihre Strategie und beginnen damit, für besondere Einsatzszenarien separate Apps bereitzustellen. Die Spielregeln des Ökosystems werden neu geschrieben.

Linkwertig: Vorratsdatenspeicherung, Twitter, Dropbox, Asymco

9.4.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Vorratsdatenspeicherung, Twitter, Dropbox, Asymco

Laut Malcolm Gladwell vergessen viele Leute, wie befreiend es ist, keine Optionen zu haben und mehr.

6 Kommentare

  1. Ich sehe alleine 5 mal “Twitter” auf der Startseite erwähnt (im Titel,
    im Foto, “Neu bei Twitter?”, “Melde dich bei Twitter an”, im Footer).
    Das sollte eigentlich reichen, zumal Twitter ja kein Newcomer ist.

    Die Reduktion auf die Grafik erscheint mir sauber.

    Dass man weniger Lust hätte, sich jetzt neu bei Twitter anzumelden,
    sehe ich bei der jetzigen Startseite auch als problematisch an. Das
    Design mit der Weltkarte fand’ ich damals recht passend und gut.

  2. Nichts gegen eine Modernisierung des Logos. Das Vogel-Tuning ist sogar gut gelungen. Aber ich teile die im Artikel genannten Bedenken.

    Generell halte ich es für gewagt, einen solchen Schritt zu gehen – auch bei viel bekannteren Unternehmen. Selbst wenn Google das machen würde, hielte ich das für einen Fehler.

    Meiner Ansicht nach verliert die Marke Twitter hierdurch an Profil, denn ein stilisierter Vogel kann für so vieles stehen. Die Gefahr, dass künftig ein Piktogramm, das für “Vögel füttern verboten” stehen soll, für ein Twitter-Verbot gehalten wird, besteht wohl nicht.

    Gerade in der Farbkombination Blau-Weiß dürften die meisten Leute beim neuen Logo – wenn der Kontext nicht eindeutig ist – wohl eher an eine Friedenstaube denn an Twitter denken. Das war mein erster Gedanke beim Blick auf die Seite – das Bild hatte vor der Überschrift meine Aufmerksamkeit.

  3. Ich denke, das wird sich in Kürze nochmals ändern (vgl. myspace mit dem Versuch, das “my____”-Logo durchzusetzen). Insgesamt erinnert die Startseite (insbesondere der Header) an den Peek-a-boo-Bug des IE6.

    @Alexander Kluge: Wenn es in anderen Ländern nur ähnlich aussieht als in Deutschland, denke ich nicht, dass Twitter jetzt bereits sich so etabliert hat und bekannt ist, dass man sich so einen Schritt leisten kann, wenn man das Wachstum der letzten Jahre beibehalten will – Möglichkeiten dazu sind definitiv genug. Und (aus meiner Sicht gesprochen): Wenn ich das erste Mal auf eine Seite komme, auf welcher ich einfach nur einen “nackten” Header sehe, dann denke ich eher an eine Domainparking-Seite, Linksammler oder Ähnliches als an einen seriösen Auftritt und suche nicht mehr im Text nach dem Namen des Unternehmens.

  4. Vermutlich wird es nun seitens Twitter Abmahnungen hageln…
    Der Orderbird-Vogel etwa sieht ja dem vom Twitter ziemlich ähnlich…

    @Nino Ja, Twitter sieht aus wie eine x-beliebige Domainparkeingseite. Taurig.

  5. Diese Änderung ist ja schon vor einigen Wochen bekanntgegeben worden. Was mir jeodch fehlt, ist die rechtliche Bedeutung. Leider können wir nur schwer nachvollziehen, welche Rechte Twitter “damals” den Nutzern mit dem “t”-Button eingeräumt hat. Waren diese Nutzungsrechte zeitlich beschränkt? Dann könnte Twitter die Änderungen auf den Webseiten ja durchsetzen. Doch sollte es keine zeitliche Beschränkung geben, dann kann Twitter ja nur für neue Webseiten den Vogel durchsetzen. Es gäbe dann wohl keine rechtliche Grundlage, dass bestehende Internetseiten abgeändert werden müssen. Oder gar Faltblätter oder Firmenschilder neu gedruckt werden müssten …

    Hat jemand noch die rechtlichen Grundlagen für die Nutzung gespeichert?

    Jens Voshage

  6. Typisch provokatives Ergebnis, wenn man eine Branding-Agentur an sowas ranlässt – sieht man insbesondere an den veröffentlichten, strikten Richtlinien (wahrscheinlich existiert jetzt auch ein 80-seitiges Branding-/CI-Manual).
    Andererseits glaube ich, dass (Vogel)® als Brand stark genug ist, um das zu vertragen.

4 Pingbacks

  1. [...] nur schreddern sondern auch frittieren, Starbucks Irland lässt sich shitstormen, Twitter hat ein neues Logo, Wikidata sucht erst eins. Neue IPs sind da, genau so wie das Facebook App-Center. Demokratie war [...]

  2. [...] Netzwertig.com kann den neuen Richtlinien wenig abgewinnen und kritisiert, dass Twitters Markenbekanntheit nicht groß genug ist, um auf das textbasierte Twitter-Logo komplett zu verzichten. Während Facebooks Like mittlerweile ohne weitere Erklärungen auskommt, dürfte der Twitter-Vogel, bei gerade mal 600.000 aktiven  Twitter-Nutzern in Deutschland, insbesondere bei älteren Menschen Erklärungsbedarf hervorrufen. [...]

  3. [...] die Firma aus Kalifornien aber in geballter Form in den letzten Wochen und Monaten. Dazu zählen erhebliche Einschränkungen für Entwickler bei der neuen Version der Twitter-API, die Unterbindung der Möglichkeit des [...]

  4. [...] ist klar, dass das Timing denkbar schlecht ist, schließlich mauert Twitter sich gerade ein, statt die API zu erweitern. Aber mir persönlich fehlt dieses Feature wirklich sehr! Gibt es [...]

 
vgwort