Airtime:
Die Napster-Gründer starten ein modernes ChatRoulette

Die Napster-Gründer Sean Parker und Shawn Fanning haben mit Airtime einen Videochatdienst entwickelt, der an eine modernisierte Variante von ChatRoulette erinnert. Die Aufmerksamkeit für das Startup aus San Francisco ist enorm.

Obwohl sich die Wolken am US-amerikanischen Startup-Himmel in Folge des Sinkflugs der Facebook-Aktie verdunkeln, konnte die Branche am gestrigen Dienstag noch einmal erleben, wie sich echte Hoch-Zeiten anfühlen: Da präsentierten die Napster-Gründer Sean Parker and Shawn Fanning vor versammelter Presse und unterstützt durch zahlreiche A-Prominenz – unter anderem Alicia Keys, Snoop Dogg und Jim Carrey – ihr neues Startup Airtime. Das Angebot, das in kürzester Zeit in eine Plattform mit integrierbaren Apps transformiert werden soll, wirkt wie eine Mischung aus ChatRoulette, Google+ Hangouts und Skype, und hat auf der anderen Seite des Atlantiks den wohl aufmerksamkeitstärksten Launch eines frischgebackenen Webunternehmens seit Color hingelegt. Auch beim Startkapital lassen sich Parallelen zu dem äußerst ambitionierten, dann aber gefloppten Fotodienst ziehen: Den 41 Millionen Dollar Venture Capital von Color stehen rund 33 Millionen Dollar gegenüber, die Airtime vorab einsammeln konnte.

Angesichts des renommierten Gründerduos und besonders aufgrund des Celebrity-Status von Sean Parker, der in der Vergangenheit durch frühzeitige Engagements bei Facebook und Spotify einen Riecher für Erfolge bewies, aber auch durch seine Sympathien für Rauschmittel auffiel, verwundert die intensive Bewachung von Airtime durch die US-Tech-Presse wenig. Gleichzeitig bringt sie jedoch die bei gigantischen Launch-Veranstaltungen übliche Gefahr überzogener Erwartungen und darauffolgender Enttäuschungen mit sich.

Auch wenn allein TechCrunch Airtime gestern mindestens vier Beiträge widmete, sei an dieser Stelle gesagt: Momentan wirkt Airtime wie ein moderneres, mit mehr Funktionen ausgerüstetes ChatRoulette – das allerdings an die eigene Facebook-Identität geknüpft ist und zusätzlich (eine kontroverse) Bilderkennungstechnologie verwendet, um die unangemessene Darstellung von nackter Haut und bestimmter Körperteile zu verhindern.

Videochat mit Facebook-Freunden oder Fremden

Um den Browserdienst nutzen zu können, ist ein Login über Facebook und die anschließende Freigabe von Mikrofon und Webcam erforderlich. Ein Plugin wie bei Google+ Hangouts muss nicht extra installiert werden, es sei denn, das Flash-Plugin fehlt. Ist die Vorbereitung erledigt, steht dem ersten Videochat nichts mehr im Wege. Dafür können Nutzer entweder einzelne Kontakte aus ihrer Facebook-Freundesliste auswählen und über Airtime per Videochat anrufen, oder sich zufällige Gesprächspartner anhand verschiedener Kriterien präsentieren lassen. Wer einen Facebook-Bekannten per Airtime kontaktiert, muss anschließend darauf warten, dass dieser die eingehende Facebook-Nachricht im richtigen Moment sieht und den Anruf entgegennimmt. Ist der Angerufene verhindert, lässt sich praktischerweise eine Videonachricht aufnehmen, die diesem als Link in einer Facebook-Mitteilung übersendet wird.

Es existieren viele Alternativen, um Videogespräche über Facebook zu führen – darunter Skype sowie Oovoo. Airtime macht aber hierfür dank seiner aufgeräumten Oberfläche und einer stabilen Videoübertragung einen besonders geeigneten Eindruck. Dass allein jedoch würde nicht den enormen Aufwand zum Debüt und die vielen Superlative rechtfertigen, die derzeit rund um das Startup aus San Francisco zu hören sind.

Wie ChatRoulette, aber mit Filtern

Anstelle von Videogesprächen mit bestehenden Freunden können sich Benutzer auch zufällige Gesprächspartner vorsetzen lassen. Im Gegensatz zu ChatRoulette erhalten sie verschiedene Optionen, um auf die Wahl des Gegenübers Einfluss zu nehmen: Anwendbare Kriterien für Chats sind “Freunde von Freunden”, “Personen in der Nähe” oder “Gemeinsame Interessen”. Die zwei ersten Optionen sind selbsterklärend. Die Filtermöglichkeit nach Personen mit gemeinsamen Interessen sorgt dafür, dass Airtime einem Chatpartner präsentiert, die möglichst viele Übereinstimmungen mit den eigenen Facebook-Likes haben. Wer will, kann aus der Liste der eigenen Likes unterhalb des Videobilds auch einzelne Schlagwörter herauspicken und explizit nach Personen suchen, welche die selben Präferenz bei Facebook angegeben haben. Zum Testen von Airtime empfehlen wir euch, dass ihr die netzwertig.com-Seite bei Facebook favorisiert (falls noch nicht erfolgt) und dann bei Airtime nach Gesprächspartnern filtert, die dies ebenfalls getan haben.

Wenig verwunderlich scheint die derzeitige Anwenderschaft von Airtime zu 99,9 Prozent aus Männern zu bestehen. Damit das Feature zum Knüpfen neuer Bekanntschaften sich dauerhaft behaupten kann, muss sich daran etwas ändern. Immerhin: Tatsächlich hält sich die Zahl skurriler Auftritte von Chatnutzern aufgrund der gefühlt fehlenden Anonymität in Grenzen. Nur einmal wurde ich von einem Menschen mit seltsamer Maske begrüßt, der anschließend vor seiner Webcam einen erheiternden Tanz aufführte.

YouTube ist integriert

Chatpartner können auf Wunsch ihren Namen freigeben, um sich mit einer neuen Bekanntschaft dauerhaft bei Facebook zu vernetzen. Gehen einem die Gesprächsthemen aus, empfiehlt sich entweder der Klick auf den “Next”-Button oder das Abspielen eines YouTube-Videos. Clips lassen sich direkt über Airtime suchen und in eine Chatsession integrieren.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist Airtime eine nette Fortsetzung und Erweiterung des Chatroulette-Konzepts, nicht mehr und nicht weniger. Ob aus dem Angebot tatsächlich mehr wird als eine kurzweilige Spielerei, hängt von den nächsten Schritten des Startups ab. Angesichts der Erfahrung und des Netzwerks von Sean Parker and Shawn Fanning ist davon auszugehen, dass Airtime relativ zügig um wichtige Funktionen wie Gruppenchats, mobile Apps, eine API und Partner-Integrationen erweitert wird. Noch besser wäre, wenn das Duo eine Rezeptur finden würde, die Anwendern einen handfesten Grund gibt, regelmäßig bei Airtime vorbeizuschauen. Derzeit fehlt dieser noch.

Bei Facebook wird man genau beobachten, wie sich Airtime macht. Ein Nutzer hatte sogar das Glück (via), Mark Zuckerberg als Chatpartner vorgesetzt zu bekommen. Das Ziel des kalifornischen Startups ist das Zusammenbringen von Menschen mit gleichen Interessen. Dieser Use Case wird bisher von dem blau-weißen sozialen Netzwerk vernachlässigt und gerät wohl besonders deshalb in den letzten Monaten verstärkt ins Visier einer Vielzahl von jungen Onlinefirmen. Mit viel Geld auf dem Konto, Berühmtheiten hinter dem Steuer und einer soliden, wenn auch nicht sensationellen ersten Fassung des Produkts, befindet sich Airtime in einer guten Ausgangslage, um den jungen People-Discovery-Markt voranzutreiben – sofern Video sich dafür als geeignetes Mittel herausstellt.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Na es ist wieder etwas neues tolles innovatives auf den Markt gekommen… Da hat sich jemand gedacht wie kann ich die vorhandenen Dienste einfach in einer neuen App zusammenführen…

    Naja wer es braucht soll damit Glücklich werden aber ich finde iwann ist auch gut ^^

  2. Schon wieder muss man sich mit seinem Facebook Konto anmelden. Es geht einem langsam auf die Nerven.

    Jetzt verstehe ich auch langsam besser, weshalb es so viele Tote Konten bei Facebook gibt. Die miese Wahlbeteiligung hat es ja gerade gezeigt.

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