Deutschlands träge Digitalwirtschaft:
Das Problem steckt in den Köpfen

Angela Merkel trifft sich heute mit acht Entrepreneuren, um über die Schwierigkeiten der deutschen Webwirtschaft zu sprechen. Das ist ein guter Anfang. Doch das Grundproblem wird sich so nicht lösen lassen: Es steckt in den Köpfen der Menschen in diesem Land.

Illustration: Jörn Schreiber, joern-schreiber.deAm heutigen Montag trifft sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit acht hiesigen Entrepreneuren zum sogenannten “Internet-Gipfel”, um in einem vertraulichen Rahmen die Probleme der deutschen Webbranche zu diskutieren und Lösungsansätze zu skizzieren, mit denen Deutschland seine bisher international gesehen mäßige Position im IT- und Digital-Sektor stärken kann. Die zu dem Treffen geladenen Unternehmer, darunter Lars Hinrichs, Marco Börries, Christophe Maire und Frank Thelen, haben insgesamt 97 Firmen mit zusammen rund 10.000 Mitarbeitern gegründet und mehr als 300 Startup-Investments getätigt.

Auch wenn man an eine derartige Zusammenkunft keine zu hohen Erwartungen haben sollte, so ist sie ein Schritt in die richtige Richtung. Indem sich Merkel einige Stunden Zeit für die Sorgen und Wünsche von Schlüsselpersonen einer der wichtigsten Branchen der nächsten Jahre und Jahrzehnte nimmt, befördert sie die Thematik des chronischen globalen Misserfolgs der deutschen Digitalwirtschaft ins mediale und öffentliche Rampenlicht – genau dort gehört sie hin.

Wie man den Sektor stärken und international wettbewerbsfähig machen kann, dazu gibt es so viele unterschiedliche Vorschläge und Meinungen wie Beobachter und Akteure der Internetwirtschaft. Eine schöne, vielseitige Sammlung entsteht gerade in diesem Thread bei Google+, in dem Lars Hinrichs um Vorschläge bittet, wie sich die Voraussetzungen der deutschen Onlinebranche für nachhaltigen Erfolg verbessern lassen. Liest man die Vielzahl an Kommentaren, wird schnell klar, dass eine ganze Zahl von Hemmnissen für Startups und reifende Webfirmen zu existieren scheinen – von bürokratischen und datenschutzrechtlichen Hürden über eine fehlende gesellschaftliche Akzeptanz für gescheiterte unternehmerische Projekte und einer tief verankerten Skepsis bezüglich partizipativer Netztechnologien bis hin zu einer Angst vor Risiken und der Tradition misslungener IT-Unterfangen.

DIE eine Lösung kann es damit augenscheinlich nicht geben. Besonders, weil ein Großteil der Problematik sich meines Erachtens nach in unseren Köpfen abspielt. Regulatorische, juristische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben mit Sicherheit Auswirkungen auf die Entwicklung des digitalen Ökosystems. Doch zuvor muss erst einmal die allgemeine Erkenntnis vorhanden sein, dass es erstrebenswert ist, möglichst viel Energie und Ressourcen in die Gründung von Internet- und Technologiefirmen zu investieren. Dass viele Menschen davon profitieren, wenn junge Studienabgänger sich nicht in die Sicherheit einer Anstellung bei einem Großkonzern begeben, sondern mit einer Idee und Tatendrang die Welt, einen Wirtschaftszweig oder einen Aspekt des Alltags verändern oder verbessern wollen. Dass man diesen Menschen auch gönnen sollte, wenn sie Aufmerksamkeit und Kapital erhalten und eines Tages vielleicht zu Millionären werden – selbst wenn man persönlich nicht viel von dem jeweiligen Konzept hält. Dass man Gründern, deren Rechnung nicht aufgegangen ist, nicht mit einem hämischen “Siehste, wusste ich’s doch” begegnet sondern sie ermuntert, ihr neu gewonnenes Wissen zu nutzen, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Dass eine gewisse Naivität in Bezug auf die Durchführbarkeit von Ideen und Visionen durchaus ihre guten Seiten hat. Dass es sich lohnen kann, Chancen über Risiken zu stellen, ebenso wie, nach vorne zu schauen, statt immer in die Vergangenheit (etwas, das uns Deutschen aus historischen Gründen besonders schwer fällt). Und dass eine junge Firma nicht allein durch eine revolutionäre Entwicklung in den Internet-Olymp aufsteigt, sondern sich auch überzeugend verkaufen können muss.

Als jemand, der seit 2006 in Stockholm wohnt, kann ich konstatieren, dass sich genau in diesen Punkten die schwedische Mentalität von der deutschen unterscheidet. Es verwundert also nicht, dass in dem nordischen Land derzeit keinerlei Bedarf an einem ähnlich gearteten Internet-Problem-Gipfel vorhanden ist.

Den erforderlichen Einstellungswandel in der deutschen Öffentlichkeit wird weder Angela Merkel noch ein anderer Politiker mit einem Fingerschnippen einleiten können, ebenso wenig wie Förderprogramme, Brancheninitiativen, Entbürokratisierungsbestrebungen oder Datenschutznovellen. Und natürlich auch nicht einzelne Blogbeiträge. Dazu benötigt es einen Kraftakt und unkonventionelle, kreative Ansätze. Wie verändert man über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte entstandene Werte, Verhaltensmuster und Mentalitäten? Ich weiß es nicht. Ich glaube aber, dass Deutschland nicht in der Lage sein wird, im Internet- und Digital-Bereich auf internationaler Bühne eine tonangebende Rolle einzunehmen, bevor nicht in den Köpfen auf breiter Front ein Wandel stattgefunden hat.

Ist dieser geschehen, werden sich andere regulatorischen Barrieren und den Startup-Erfolg behindernde Details vermutlich ganz schnell in Luft auflösen.

(Illustration: Jörn Schreiber)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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20 Kommentare

  1. Ich frag mich auch immer wie man auf solche Fotos kommt xD

  2. In diesem Fall reichte ein laut gedachter Tweet, und schon wurde extra eine Illustration angefertigt ;)

    http://twitter.com/martin…s/209561285778608128

    • Ich meine mich zu erinnern, dass die Fotomontage mit einem Originalbild angefertigt wurde, auf dem ein pummliger Nerd mit Schnurrbart und Zigarette in der Hand sitzt. Habe es beim schnellen Googeln leider nicht gefunden. Kennt das Bild zufällig jemand?

    • Hallo Michael,

      die google-Bildersuche liefert in Sekunden das Bild:

      Im Eingabefeld auf die Kamera klicken, Bild-URL eingeben und folgendes Ergebnis bekommen:

      internet tough guy

  3. Sehr gelungener Wachrüttler. Danke!

    Vielleicht noch eine Anmerkung… Es fehlt an Offenheit und Transparenz deutscher Unternehmen und erfahrenen Unternehmern. Oft stellt man sich die Frage, warum deren Business Development Units nicht kooperationsbereiter mit Start-Ups sind? Warum nicht mutiger den noch undurchsichtigen, risikobehafteten Weg einzuschlagen? Warum wird so wenig kollaborativ gedacht und so mangelhaft die Chancen der Start-Ups erkannt? Sind es Stakeholder-Value, die mentale deutsche Sicherheitsglocke oder der eigene Schein des Unternehmers, die hier behindern?

    In der Welt wird kooperativ gearbeitet und Innovation geschätzt, in Deutschland reaktiv operiert. Deshalb brauchen wir in D. wohl auch dieses Treffen. Schätze ich…

  4. Es würde nicht schaden, wenn auch innerhalb der Branche die Unterschiede zwischen Web-, Internet- und Digital-Wirtschaft nicht einfach so verwischt würden.

  5. Danke Martin – sehr wertvoller und wie immer durchdachter Beitrag. Die Branche muss isch selber helfen und sollte nicht auf Politik setzen. Die genannten Entrepreneure machen das zur Selbstbeweihräucherung. Und so praktische Dinge wie Vereinfachung von Anforderungen an Arbeitsvisa werden an Länderpolitikirsinn scheitern.

  6. 2 Gedanken:

    1. Deine Anmerkungen treffen auf jede Form von Entrepreneurship zu – nicht nur auf die Digitalwirtschaft. Aber du hast natürlich recht, das “Siehste,…”-Syndrom ist in Deutschland weit verbreitet und hat sich auch in der Gesetzgebung niedergeschlagen (Stichwort: Insolvenz-Recht).

    2. Die Wichtigkeit der Digitalwirtschaft wird meiner Meinung nach häufig überschätzt. Die deutsche Wirtschaft hat sich in der Vergangenheit auf ihre Stärken besonnen und viele Nieschen besetzt, in der sie praktisch unantastbar ist. Also nicht immer dem größten Trend hinterherlaufen, sondern schauen was man am besten kann und das noch besser machen.

    • Zu 1.: Stimmt

      Zu 2.: Ok, über die Bedeutung kann man sich streiten. Will ich aber gerade nicht. Ich stimme dir aber zu, dass es viele Nischen gibt, in denen DE sehr stark ist. Sich aber auf die zu verlassen, wäre imo wieder gefährlich.

      Und “Digitalwirtschaft” ist ja weit gefasst. Übergeordnet wäre es die Tech-Branche, die gemeint ist, und da gehören ja auch Biotech, E-Health und alle solche Geschichten rein.

  7. Guter Artikel. Wichtiges Thema. Allerdings meine ich, dass wir auch Vorteile aus der Skepsis ziehen: weniger gescheiterte Start-Ups als in den USA beispielsweise.

    Aber leider auch weniger Innovation. Die Frage wird also sein: wie kombinieren wir Innovation mit Warnschildern?

    • Wenn “weniger gescheiterte Startups” auch “weniger erfolgreiche Startups” bedeutet, ist es ja eigentlich kein Vorteil ;)

    • Auch wieder richtig.
      Wie so oft fände ich dazu … Zahlen interessant :)

      Am Ende bleibt es – aus meiner Sicht – ohnehin dabei: wissen wie weit man gehen konnte ist immer besser als es nie probiert zu haben.

  8. Hallo Martin,
    so oft wurde jetzt schon in diese Kerbe gehauen, dass ich gar nicht mehr weiß, ob der Baum noch steht. Deine Lagebeschreibung stimmt so 100-prozentig und doch sehe ich rund um mich herum diese ganzen spannenden Start-ups und ihre Gründer.
    Und wenn ich mich mit Menschen wie Uz von Couchfunk oder Martin Riedl von enbreeze unterhalte, merke ich eben gar nichts von dieser Antigründungshaltung. Ich frage mich, ob es denn wirklich der richtige Ansatz ist, in den Köpfen anzufangen. Denn die von dir geschilderte Haltung ist doch eine buchstäbliche “faule” Ausrede. Faul, weil es natürlich immer so leicht ist, auf die Gründungsfeindlichkeit Deutschlands hinzuweisen und nicht zu gründen.
    Müssen wir nicht doch beim Geldbeute anfangen, auch wenn damit Mitnahmeeffekte provozieren?

  9. Welchen Geldbeutel meinst du? Den Staatlichen? Ich hoffe nicht. Die ganzen staatlichen Förderprogramme sind meiner Meinung ziemlich für den Hintern: Bürokraten die über Geld entscheiden – nicht sinnvoll.

  10. Apropos; “Das Problem steckt in den Koepfen”, Lars Hinrichs Eigentor Zitat:
    “Manchmal habe ich das Gefühl, in Berlin gibt es mehr Investoren als Start-ups. Heute fließt eher zu viel Kapital in Start-ups. Damit wird auch öfter Unsinn finanziert.” (Quelle: Wirtschaftswoche)
    Wenn man sich zitieren laesst und einen Internetgipfel mit der Kanzlerin initiert, sollte man vielleicht vorher das Gehirn einschalten wenn man diffus ueber Unsinns-Finanzierungen schwadroniert.

  11. Das Gründen an und für sich ist in Deutschland ja nicht schwer.

    Und ich bin überzeugt davon, dass ein Unternehmen zu gründen, Unternehmer zu sein, in unserer Gesellschaft vorwiegend als positiv angesehen wird.

    Aber ich glaube viele meiden diesen Weg für sich, weil sie bewusst oder unbewusst durch diffuse Bilder des Scheiterns geprägt werden.

    Und hier zu scheitern heißt auch ganz schnell, ganz tief zu fallen. Als Unternehmer fällt man sofort durch alle Systeme, die den einfachen Angestellten absichern. Nicht nur Arbeitslosengeld, sondern auch Querelen mit Kranken- und Rentenversicherung. Und alle wollen dem Gefallenen dann vorschreiben, wieviel er jetzt maximal noch verdienen darf, damit er sich noch eine Weile an ihr Seil klammern darf. Max. paar Hundert Euro, um in der GKV zu bleiben. Und das will man, denn einmal für längere Zeit raus ist ganz raus. PKV schnell zu teuer, und wenn gar keine KV, dann Strafe zahlen (vielleicht eine Niere verkaufen?).

    Die gesetzliche RV ist auch nicht ohne, da kann man – ja nach Konstellation von Saturn, Jupiter, Mars und Mond – ganz schnell mal große Teile seiner Ansprüche verlieren, da können einem schonmal die Augen tränen, wenn man mitrechnet und das eingezahlte Geld vielleicht besser angelegt hätte.

    Unser Sozialstaat ist für den Arbeiter gemacht, der von 20 bis 65, 40h/Woche schuftet, und mit 70+/- umfällt. Da ist kein Platz für Experimente, wie die Selbständigkeit.

    Am Ende ist man nicht nur ganz unten, sondern auch am Rande der Gesellschaft. Und dann kommt die Schar der Betreuer, die noch nie selbst etwas gewagt hatten, und wollen einem einen Weg weisen, den sie selbst nicht kennen, aber den Du jetzt gehen musst, um das bißchen soziale Mitleid einzustecken, dass Dich die Tage durchhalten lässt…

    Gründen ist ganz einfach. Und wenn man alles richtig macht, dann auch eine tolle Sache.

    Aber hier in Dtl zu scheitern, ohne privates Kapital, ist ungesund.

  12. Wenn ich mich daran erinnere dass ich in den ersten Monaten mit knapp 1200 Euro Einnahmen 480 Euro Krankenkassenbeitrag (GKV) zahlen musste, das Finanzamt die zu zahlende Steuervorauszahlungen auf Basis der Vorjahre berechnet und eingefordert hatte ist mir klar warum ich pleite war. Es liegt an der Politik, die den Institutionen diesen Hammer in die Hand gibt und dann scheinheilig gen Himmel schaut.

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  2. [...] über Schwierigkeiten und Chancen des hiesigen Digital- und Technologiesektors aus. Während ein Großteil der Probleme in den Köpfen der Deutschen zu stecken scheint, besteht offensichtlich an allerlei Fronten akuter Handlungsbedarf, um die internationale [...]

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