Mobile Nutzung nimmt Überhand:
Bedeutungsverlust der Website

Die mobile Internetnutzung ist der primäre Antreiber der Internetwirtschaft in den nächsten Jahren. Startups und Onlinedienste müssen sich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

Für den Bericht über Badoo vom Mittwoch war ich gezwungen, mich etwas näher mit der Londoner Datingplattform auseinanderzusetzen – sprich, ein Konto zu registrieren, mich auf der Website umzusehen und auch die für iPhone und Android angebotene mobile App auszuprobieren. Und während diese im Funktionsumfang im Gegensatz zur Webversion einige Beschränkungen mitzubringen scheint, machte mir ihre Benutzung deutlich mehr Spaß als die der klassischen Webvariante.

Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Immer häufiger erweisen sich mobile Ausführungen von Onlinediensten als attraktivere, ansehnlichere und praktischere Alternative zur herkömmlichen Browserversion – egal ob es sich dabei um HTML5-Webapps oder native Apps handelt. Kleinere Bildschirme, die Bedienung durch Touchgesten statt durch Maus und Tastatur, der direkte Zugriff auf Smartphone-Sensoren (bei nativen Apps) sowie die Notwendigkeit der Anpassung an langsamere Bandbreiten führen zu einer andersartigen, teilweise deutlich zeitgemäßeren und schnelleren User Experience.

Weitere Beispiele gefällig? Wer Facebook vorrangig dafür verwendet, sich über private Mitteilungen mit Freunden auszutauschen, ist mit der für iPhone und Android angebotenen Messenger-App deutlich besser beraten als mit der überladenen und langsamen stationären Site des sozialen Netzwerks. Oder auch Reeder, die Schweizer RSS-App für den Google Reader, die Feeds auf dem iPhone und iPad in optische Schmankerl verwandelt. Wann immer ich kann, konsumiere ich die von mir abonnierten RSS-Feeds über Reeder und nicht über Googles funktionelle, aber langweilige Desktop-Oberfläche.

Apropos Google – was immer man von Google+ auch halten mag: Mit dem jüngst veröffentlichten Update für die iPhone-App hat sich der Such- und Internetgigant beim Design selbst übertroffen. Auch die Webversion des sozialen Netzwerks wurde zwar jüngst überarbeitet, aber an die Geschmeidigkeit und Eleganz der iPhone-Version reicht sie bei weitem nicht heran.

Die Aufzählung von Apps, die mobil besser aussehen und mehr Spaß machen als auf dem Desktop, kann ich bei einem Blick auf meine installierten Anwendungen beliebig fortsetzen: Ob Wunderlist, Xing, LinkedIn, TweetDeck oder Dropbox – fast immer bevorzuge ich die mobile Fassung, wenn möglich.

Facebook-Nutzer in den USA greifen mittlerweile häufiger über mobile Geräte als über die Website auf das soziale Netzwerk zu. Bald wird dies auf die meisten Länder mit einer einigermaßen signifikanten Smartphone- und Tablet-Durchdringung zutreffen. In Deutschland sind wir diesem Zustand nahe. Gleiches muss für die Schweiz und Österreich gelten.

Die Bedeutung von Mobile als primärer Antreiber der fortschreitenden Digitalisierung ist nichts Neues. Doch die damit verbundenen Implikationen für Startups und Webangebote kann man gar nicht oft genug erwähnen:

  1. Der “Mobile First”-Ansatz ist immer öfter die richtige Wahl (Instagram, Path, WhatsApp).
  2. Dienste ohne ernstzunehmende mobile Version verschenken unglaubliches Potenzial und laufen Gefahr, ihre Nutzer zu verstoßen.
  3. Mobile Versionen sollten eigenständig sein, sich die Stärken von Smartphones/Tablets zunutze machen und die gängigen Anwendungsszenarien berücksichtigen.
  4. Mobile Geräte befinden sich in der Regel 24 Stunden in der Nähe ihrer Besitzer. Es eröffnen sich zahlreiche neue Einsatzgebiete, die für Desktop-PC und Notebook vollkommen abwegig gewesen wären.

Abgesehen von besonders bandbreitenfressenden, hochgradig komplexen oder keine alltäglichen Bedürfnisse abdeckenden Diensten, bei denen eine hervorgehobene Präsenz auf mobilen Geräten derzeit vielleicht noch keine maximale Priorität erfordert, ist sehr unwahrscheinlich, dass noch irgendein junges Startup zu Weltruhm gelangt, ohne dass es eine ambitionierte mobile Strategie vorweisen kann. Und eines Tages wird uns der Gedanke, sich in der Freizeit zur Unterhaltung oder Kommunikation mit Freunden an den Schreibtisch-PC oder mit dem Laptop auf dem Schoß aufs Sofa zu setzen, extrem anachronistisch erscheinen. Besser, man ist darauf vorbereitet.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. Dass mobile Webseiten / Apps ein besseres Nutzungserlebnis bieten liegt glaube ich zu großen Teilen daran, dass weniger Ballast vorhanden ist Werbung, “Empfehlungen” und alles was sich sonst noch so in den Spalten neben dem eigentlichen Inhalt befindet, fehlt einfach.

    Trotzdem will ich bei vielen Szenarien nicht auf die klassischen Webseiten verzichten und gerade “mobile only” finde ich fürchterlich. Ich mag Facebook-Messenger und Google Talk weil ich transparent das Endgerät wechseln kann, ohne dass mein Chatpartner davon etwas merkt. Es funktioniert einfach. Ich bin mobil erreichbar und trotzdem kann ich noch die Vorteile des Laptops nutzen (ich tippe schneller, kann nebenbei besser andere Dinge machen, etc.).

    Das ist auch einer der Gründe, warum ich WhatsApp nicht nutze – ich muss am Handy antworten und wenn ich mal etwas aus einer alten Konversation nachschauen will, muss ich das auch in der App machen und kann das nicht bequem vom Rechner aus erledigen. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht einfach möglich ist, Backups der Konversationen zu machen.

  2. Leider geht der Trend in Richtung mobile Nutzung. Ich selber kann dem nicht viel abgewinnen! Mit dem Smartphone ins Internet zu gehen, ist Fingerakrobatik.

  3. Wer sich mit diesem Thema näher auseinander setzen möchte, sollte sich unbedingt auch folgende Sammlung anschauen:
    http://www.mobileawesomeness.com/

  4. Fingerakrobatik ist es ja nur dann, wenn die Seiten nicht mobil ausgelegt sind.

    Ich denke auch, dass ein Unternehmen egal welcher Größe, nicht am Thema Mobile vorbeikommt. Vor allem auch nicht nur in Sachen Navigation, sondern auch bei den Inhalten – mobil ist oft anderes gefragt als stationär. Das muss eine mobile Lösung abbilden. Dabei muss so eine mobile Seite ja nicht teuer sein, wie unser Start-Up Poccy – Point of Contact beweist.

  5. Tut mir leid, die im Artikel vermittelte Einsicht in das Nutzungsverhalten kann ich nicht teilen.
    Zwar liegt die Nutzung mobiler Endgeräte zumindest in der Werbung voll im Trend, doch klafft hier zur Realität noch eine gewaltige Lücke. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass die Netze ausserhalb der großen Städt noch gar nicht dazu in der Lage sind, die entsprechenden Datenmengen schnell genug zu transportieren: Willkommen in der REALITÄT :-)

  6. Solange man im Schnitt bei 300/500 MB auf eine Geschwindigkeit gedrosselt wird, in der eine Internetnutzung auf dem Smartphone nahezu unmöglich wird, ist für mich das Smartphone zwar ganz nett, um unterwegs mal was schauen zu können, zu mehr taugt es aber in Sachen Internet noch nicht. Zuhause muss ich mir wenigstens keine Gedanken machen, ob ich es mir noch leisten kann, ein kleines Musikvideo anzuschauen oder nicht.

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  5. [...] (Grimme Online Award) – Surfen statt zappen (Werbewoche) – Bedeutungsverlust der Website (netzwertig.com) – Leistungsschutzrecht vs. Urheberrecht (sueddetusche.de) – Dossier «E-Reader, Tablet-PC & [...]

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