Digitale Revolution:
Erzwungenes Umdenken
Die Welt steht an einem Scheidepunkt. Viele gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme erscheinen unlösbar – auch aufgrund eingerosteter und falsche Anreize gebender Strukturen. Aber die IT und das Netz zwingen die Menschheit zum Umdenken.
Manchmal fühlt sich der Zufall an wie ein eindeutiger Trend oder ein wichtiges Signal. So geschehen am Wochenende, als sich in meiner “Zu-Lesen-Liste” innerhalb einer Stunde drei Artikel ansammelten, die sich alle auf unterschiedliche Weise zum gleichen Themengebiet zuordnen ließen. Eines, das dieser Tage mehr Aktualität zu haben scheint als jemals zuvor: die tiefgreifenden gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die uns die Digitalisierung und Automatisierung unweigerlich aufzwingen, und die von uns die Entwicklung neuer Handlungsweisen, Perspektiven und auch Lebensziele erfordern.
Zuerst stieß ich auf eine großartige Skizzierung der Herausforderungen und Chancen, die sich für uns Menschen aus der bevorstehenden Automatisierung ergeben (eben auch schon in Linkwertig erwähnt). CCC-Sprecher Frank Rieger gibt einen kompakten aber gleichzeitig vollständigen und gut untermauerten Überblick über die zunehmende Ablösung menschlicher Arbeit durch Roboter und Algorithmen (passend dazu: Foxconn will eine Million Roboter “anstellen”) und appelliert daran, dass wir als Gesellschaft rechtzeitig die Weichen dafür stellen, um von dieser Entwicklung profitieren zu können. Voraussetzung dafür ist nach Riegers Worten ein grundsätzlich neues Verhältnis zu unseren Maschinen und ihrer Produktivität. Sein Lösungsvorschlag: Ein Pro-Automatisierungskonsens, ein grundlegender Umbau der Sozial- und Steuersysteme und eine indirekte Besteuerung von nichtmenschlicher Arbeit.
Automatisierung
Egal was man von Riegers positiver Utopie halten mag – sein Beitrag fasst auf herausragende und sachliche Weise zusammen, was für alle an der Schaffung einer lebenswerten, modernen und nachhaltigen Welt Interessierten der eigentliche Fokus der nächsten Jahren sein muss (siehe dazu auch mein Beitrag “Die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die menschliche Arbeit”). Stemmen wir diese Mammutaufgabe, entschärfen wir dabei ganz nebenbei viele andere scheinbar unabhängige, aber in Wirklichkeit mit der beschriebenen Problematik indirekt oder direkt verwobene Brandherde – sei es die Wirtschafts- beziehungsweise Finanzkrise, die Ungleichheit zwischen arm und reich, vom Menschen verursachte Umwelt- und Klimaprobleme oder eben auch die Frage, wie mit immateriellen Gütern umzugehen ist, die auf einmal ohne Qualitätsverlust millionenfach kopiert werden können. Die oberflächlichen Reaktionen zur Lösung all dieser Konflikte fallen so vielseitig aus, wie sie offensichtlich ineffektiv sind und Probleme nicht in ihrer Ganzheitlichkeit in Angriff nehmen. Der Automatisierung jedoch kann nur begegnen, wer sich das übergeordnete Gesamtkonstrukt, also unser gesellschaftliches Betriebssystem, vorknöpft. Der Streit ums Urheberrecht erscheint beim Blick durch diese Brille dann auf einmal ganz klein und nebensächlich.
Postwachstumsökonomie
Was Rieger nicht explizit anspricht, aber in seinem Beitrag durchaus impliziert, ist auch eine veränderte Sicht auf ständiges Wirtschaftswachstum: Dazu fiel mein Blick auf einen Artikel bei Spiegel Online, der sich mit einer seltenen unternehmerischen Spezies befasst: Firmen, die bewusst nicht permanent wachsen wollen. Als “Postwachstumsökonomie” wird in dem Beitrag ein noch fiktiver Zustand unseres Wirtschaftssystems bezeichnet, in dem die Devise “Reparieren statt Wegwerfen” lautet, und in dem Unternehmen sich nicht per se nur dann als erfolgreich bezeichnen können, wenn sie soundsoviel Prozent im Vergleich zum Vorjahr mehr verkauft haben. Der Beitrag nimmt auch Bezug auf Carsharing, also die gemeinsame Nutzung von Automobilen – und schlägt damit die Brücke zurück zur Digitalisierung: Denn das Internet mit seinen kostengünstigen Fähigkeiten, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen, um direkt untereinander Bedürfnisse zu befriedigen oder gemeinsam knappe Ressourcen zu verwenden, beschleunigt die Entwicklung zu einer neuen, bewussteren und effizienteren Form des Konsums. Diese in Kombination mit anderen Tendenzen wie beispielsweise dem digitalen Minimalismus führt im ultimativen Stadium automatisch in eine Postwachstumsökonomie. Weshalb es sinnvoll ist, sich mit diesem Gedanken schon jetzt anzufreunden. Dass sich die Rabattplattform Groupon in ihrem eigenen Marketingmaterial als “Fastest Growing Compan Ever” betitelt, mag das Management und die Mitarbeiter stolz machen. Es ist jedoch keine Philosophie, die dem Zeitgeist entspricht und sich mit den nicht gerade banalen Erforderlichkeiten der nächsten Jahrzehnte vereinbaren lässt.
Unternehmertum mit Vision
Das zugegebenermaßen überstrapazierte aber deshalb nicht minder bedeutsame Motto der Nachhaltigkeit zieht sich wie ein roter Faden auch durch den dritten Artikel, der mir am Wochenende besonders ins Auge fiel: Jimdo-Mitgründer Christian Springub hat ein Plädoyer für ein mehr langsichtiges Agieren junger Unternehmer veröffentlicht. “Liebe Entrepreneure – bitte verkauft eure Firma nicht” – so der provokative Titel des Beitrags, mit dem er darauf hinweisen möchte, dass die bei vielen Technologie-Startups vorhandene Fokussierung auf den “Exit” nicht um jeden Preis etwas Gutes darstellen muss. Während in der Branche jede Akquisition einen Reigen von Glückwünschen nach sich zieht (immer wieder zu beobachten bei Twitter), führt Springub eine Reihe von Gründen an, nach denen der Verkauf einer jungen Webfirma auch als Misserfolg interpretiert werden kann. Seine Empfehlung: Gründer sollten häufiger versuchen, die eigene Vision zu verwirklichen und ihr Unternehmen für die Belegschaft in einen großartigen Ort zum Arbeiten zu verwandeln, statt frühzeitig zu verkaufen.
Während Springub einräumt, dass manchmal gute Gründe für eine Übernahme existieren, sind seine Zeilen nicht nur einfach leere Wortet: Mit dem Homepagebaukasten Jimdo leben er und seine Mitstreiter Fridtjof Detzner und Matthias Henze die Philosophie des langfristig orientierten Unternehmertums. Zwar wächst das 2007 in Hamburg gegründete Startup langsamer als mancher Hype-Dienst der heutigen Internetökonomie, trägt sich dafür jedoch schon seit einigen Jahren selbst und hat sich den Ruf aufgebaut, großen Wert auf eine glaubwürdige Firmenkultur, ein angenehmes Arbeitsklima und die Verwirklichung einer langfristige Vision zu legen. Wer derartige Werte pflegt, hat deutlich mehr Anreize, umsichtiger und nachhaltiger zu agieren.
Fazit
Wir sind heute schon in der Lage, sämtliche unserer physischen Grundbedürfnisse stillen zu können, ohne dafür auch nur die Haustür verlassen zu müssen. Algorithmen, Maschinen und Roboter übernehmen künftig die Produktion aller Güter und Dienstleistungen, die wir zum Leben und Überleben benötigen. Nun gilt es, die Strukturen der Industriegesellschaft an die der bevorstehenden, automatisierten und digitalisierten Welt anzupassen – und gleichzeitig aufzupassen, dass wir unseren angeschlagenen Planeten nicht durch fortgesetztes Fehlverhalten weiter beschädigen.
Als Pessimist ist es leicht, den Berg an zu lösenden Aufgaben als ungeheuerliche Bedrohung aufzufassen. Doch so klischeehaft es klingt: Es liegt auch eine Chance vor uns: Die, den erreichten Wohlstand zu halten und auf mehr Menschen auszuweiten, ohne dies aber weiterhin auf Pump durch den Raubbau an Ressourcen zu finanzieren. Dazu muss ein Umdenken auf breiter Front stattfinden – vom einzelnen Individuum über die Politik bis hin zu großen Konzernen. Die Geschichte hat gezeigt: Freiwillig geschieht dies nicht. Das, was Informationstechnologie gerade mit uns anstellt, zwingt uns zum radikalen Umdenken. Und das ist gut so.
(Foto: Flickr/alexkerhead, CC BY 2.0)


















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21. Mai 2012 um 13:11
Hat mir gefallen, ihr Artikel, und auch der von Frank Rieger. Eine schöne Vorstellung, dass eine weitgehend automatisierte Ökonomie einschließlich der geistigen Prozesse die Arbeit überflüssig machen könnte, sofern zeitnah die notwendigen gesellschaftlichen Anpassungsprozesse stattfinden.
Nur machen Sie und Herr Rieger die Annahme, dass der Ablauf des nächsten Technologiesprungs analog zu früheren sein wird, wie z.B. der Industrialisierung im 19. Jahrhundert oder der Mechanisierung der Landwirtschaft. Sie sagen im wesentlichen: es gab immer brutale Konsequenzen, aber letztlich setzten sich die Heilungskräfte durch. Man sollte halt diesmal schlauer sein und die gesellschaftlichen Anpassungsprozess rechtzeitig durchführen, dann wird es schon nicht so schlimm.
Ich glaube nicht, dass es so abläuft, denn wir haben eine qualitativ neue Situation, die es so noch nie gegeben hat. Zwei Gründe für diese Behauptung:
- Die nächste Anpassungswelle hat eine globale Grenze, sie betrifft alle. Man kann nicht ausweichen. Bei früheren Anpassungsprozessen war nicht gleich das Ganze bedroht, sondern man konnte woanders ein neues Leben probieren. Wenn alles den Bach runter ging, wurde die Zivilisation eben von woanders her wieder importiert. Es wird aber kein woanders mehr geben, was helfen könnte.
- Die Automatisierung von allem wird ein enorm komplexes System sein, das nicht nachhaltig mit den Ressourcen umgeht. Falls es käme, dann mit einem unglaublichen Energie- und Rohstoffaufwand, der alles in den Schatten stellt, was wir heute kennen. Und schon heute haben wir Knappheitsprobleme.
Angesichts dieser Gründe ist es wohl egal, ob wir es nun hin bekommen mit der gesellschaftliche Anpassung oder nicht. Ich bleibe also pessimistisch.
21. Mai 2012 um 16:07
Genau für diese Texte lese ich netzwertig immer wieder gerne. Danke auch für die weiterführenden Links.
Natürlich klingt vieles von dem, was du oder Frank Rieger ansprechen noch utopisch. Irgendwie sind ja Roboter immer noch Sci-Fi (Warum eigentlich?), aber es ist schön, zu sehen, dass mehr Menschen diese Positionen gegenüber Arbeit und Wohlstand selbstverständlicher vertreten, als noch vor ein paar Jahren.
Gerade bei dem Text von Christian Springub ist mir auch noch in den Sinn gekommen, dass so ein Selbstverständnis auch so weit gehen sollte, zu sagen: Für andere Arbeitsbedingungen oder in einer wachstumssüchtigen Firma möchte ich nicht mehr arbeiten.
22. Mai 2012 um 14:09
@ Ralf Wienken
Da ich das anders sehe, erscheint es mir natürlich sinnvoller, für eine rechtzeitige Veränderung der Gesellschaft zu plädieren ;)
@ flobota
thx!
22. Mai 2012 um 14:38
Die Gesellschaftliche Anpassung geht nur über die Abschaffung des aktuellen Geldsystems. Geld wird einfach überflüssig und zwar dann wenn der Mensch kaum noch arbeiten muss und dann JA, haben wir alles und jeder hat alles.
Die aktuellen Probleme bestehen nur weil wir Geld haben, wir setzen uns selbst Grenzen wo es keine Grenzen gibt, weil wir durch das Geldsystem alles erst durchrechnen udn finanzieren müssen, würde es kein Geld geben, bräuchte man nur Entscheidungen treffen was zuerst umgesetzt wird und was danach.
So einfach kann unsere Welt funktionieren, wenn wir endlich weg von der Ausbeutung hin zu einer zivilisierten Menschheit gehen.