Talentakquisition statt Verfall:
Das heimliche Platzen
der Social-App-Blase

Die Zahl der Startups, die Nutzer miteinander vernetzen wollen, übersteigt die Nachfrage und Zeit der Anwender bei weitem. Viele Apps haben keine Zukunft. Akquisitionen, bei denen es vor allem um das Team geht, verdecken dies.

Zuverlässig quantifizierbar ist die Zahl von sozialen Netzwerken und anderen, Anwender zusammenbringenden Onlinediensten und mobilen Applikationen zwar nicht. Doch das Segment hat in den vergangen Jahren einen einzigartigen Boom erlebt, der sich durch die neuen Möglichkeiten im mobilen Web noch beschleunigte. Die Auswahl an Apps rund um das Sharing von Medieninhalten, die Interaktion mit Freunden oder das Kennenlernen von Gleichgesinnten im stationären sowie mobilen Internet ist enorm – und viel zu groß, als dass jeder Anbieter ein dauerhaftes Publikum in hinreichendem Umfang findet. Hinzukommt, dass nicht jede Idee sinnvoll erscheint. Das Gros der Social-Apps – egal ob sie dem Silicon Valley oder der hiesigen Branche entstammen – löst keine Probleme, sondern versucht, Bedürfnisse zu schaffen, wo sie zuvor nicht existierten.

Das Ergebnis ist eine regelrechte Social-App-Blase. Eine inflationäre Zahl von mit Investoren-Millionen und unrealistischen Erwartungen ausgestatteten Social-Startups stößt nicht auf die notwendige Nachfrage bei Anwendern, die erforderlich wäre, um tragfähige Geschäftsmodelle zu etablieren. Manche Angebote werden von Nutzern auch völlig ignoriert. Die Geduld und Bereitschaft der User zum Ausprobieren neuer Dienste ist heute tendentiell kleiner als in den Anfangstagen des Web 2.0, als die bunten Services zum Teilen und Kommunizieren mit anderen noch ein Novum darstellten. Facebook, Twitter, YouTube und eine Handvoll weiterer Angebote sind die festen Größen, neben denen nur begrenzter Platz für andere Spielereien ist.

Akquisitionen verschleiern die Lage

Während sich diese Blase an manchen Enden in Form weiterer Kapitalspritzen, übertriebener Hoffnungen und investierter Entwicklerressourcen noch weiter aufbläht, ist sie an anderer Stelle bereits am Platzen. Doch im Gegensatz zu branchenweiten Spekulationsblasen, die tiefe Kratzer im gesamten Wirtschaftssektor hinterlassen und viele Verlierer produzieren, sinkt die Blase im Social-Web-Markt vergleichsweise sanft zu Boden, ohne lauten Knall und ohne, dass es dabei bisher weitreichende Kollateralschäden gibt. Denn bevor ambitionierte, aber relativ gesehen erfolglose Social-Apps aus den USA den Stecker ziehen müssen und für ihre Geldgeber keinen Cent generieren, werden sie und ihr Team heutzutage einfach verkauft.

Talentakquisitionen haben sich in den letzten Jahren in der US-Internetindustrie zu einem verbreiteten Phänomen entwickelt. Weil der Markt für Programmierer und Startup-Koryphäen leergefegt ist, sehen die führenden Web- und IT-Firmen wie Google, Facebook oder Twitter ihren einzigen Ausweg darin, blutjunge Startups aufzukaufen – nicht, weil sie das Produkt so toll finden, sondern einfach, um auf diese Weise talentierte Entwickler ins Boot zu holen. Nicht selten werden die übernommenen Dienste anschließend dicht gemacht, um die Entwicklerressourcen des Teams anderweitig nutzen zu können.

Für die Macher und Geldgeber von sozialen Apps, die wegen mangelnder Traktion und fehlender Netzwerkeffekte keine große Zukunft zu haben scheinen, stellen Talentakquisitionen eine ideale Gelegenheit dar, sich elegant aus der Affäre zu ziehen. Sie servieren auch einen guten Grund für eine Schließung, ohne dass diese mit dem zwangsläufigen Eingeständnis des Scheiterns verbunden ist.

Facebook kauft Glancee

Das jüngste Beispiel für die Rettung eines wohl in seiner bisherigen Form nicht zukunftsträchtigen Startups lieferte Facebook am Wochenende mit dem Kauf der Social-Discovery-App Glancee. Auch wenn der vom kauffreudigen Social Network übernommene Dienst im Zuge der jüngsten Welle an Apps zum Kennenlernen neuer Menschen in den letzten Monaten in Branchenmedien häufiger thematisiert wurde, war es Konkurrent Highlight, der gemeinhin als aussichtsreicher galt. Beide wiesen jedoch zuletzt weniger als 10.000 mit Facebook verbundene Nutzer auf (was bei den Services im Prinzip Voraussetzung für einen konstruktiven Einsatz ist).

Doch weil Facebook sich nicht daran stört, einige Millionen für eine handvoll Programmierer und ein wenig Location-Technologie auf den Tisch zu legen, befreit es das dreiköpfige Glancee-Gründerteam von der lästigen Frage, wie sie mit der bedingt erfolgreichen App weiterverfahren sollen. Im besten Fall hätten sie sich zu einem sogenannten “Pivot” durchgerungen, also einer signifikanten Modifikation des Konzepts. Oder sie wären eines Tages gezwungen gewesen, das Licht auszumachen. Nun sind sie Teil des Facebook-Teams und können Glancee abschalten, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Wiederkehrendes Muster bei zahlreichen Übernahmen

Auch beim Kauf des Schnell-Blog-Anbieters Posterous durch Twitter handelte es sich um eine Talentakquisition, bei der das Kaufobjekt außerdem drauf und dran war, im Wettbewerb mit dem ungleich erfolgreicheren Konkurrenten Tumblr unterzugehen. Niemand weiß, wie lange sich das New Yorker Startup noch alleine auf den Beinen hätte halten können. Doch dank des War for Talent eröffnete sich dem Team die attraktive Gelegenheit, einfach zu Twitter überzusiedeln. Am langfristigen Fortbestand von Posterous darf ruhig gezweifelt werden.

Die Liste der Beispiele, bei denen sich mit viel Energie und großen Zielen lancierte Social-Apps als mehr oder weniger erfolglos herausgestellt haben, dann jedoch einen dankbaren Rettungsanker in der Übernahme durch einen Big Player fanden, ist recht lang. Oink, akquiriert von Google, lässt sich hier genauso anführen wie Gowalla, das Teil von Facebook wurde und daraufhin den Betrieb einstellte. Gegen Wettbewerber foursquare hatte der Locationdienst einfach keine Chance. Und mit Loopt wurde in diesem Jahr ein weiterer, bereits völlig in die Bedeutungslosigkeit abgerutschter Location Based Service verkauft – immerhin für beachtliche 43,4 Millionen Dollar. Schon etwas mehr als ein Jahr her ist die Übernahme des kurzzeitig in den Geek-Kreisen des Silicon Valley angepriesenen, dann jedoch einigermaßen erfolglosen Chatdienstes Beluga, wiederum durch Facebook.

Die aufsehenerregendste Akquisition im Social-App-Segment der letzten Zeit war natürlich die von Instagram durch Facebook. Und obwohl Instagram mit seinem rasanten Nutzerwachstum alles andere als eine fragwürdige Zukunft vor sich hatte, sorgen die fehlenden Umsätze der Fotoanwendung für die Eindruck, die Veräußerung an Facebook war auch ein Weg, um sich aus einer schwierigen Lage steigender Verantwortung und wachsenden Drucks bei fehlender wirtschaftlicher Perspektiven zu lösen.

Ungeachtet, ob man Instagram in diese Auflistung mit einbeziehen sollte oder nicht, ist ein klares Muster erkennbar: Viele Startup-Gründer im sozialen Netz merken dieser Tage, dass es kaum etwas Schwierigeres gibt, als einen Tipping Point zu erreichen, zu einem Nutzermagnet zu avancieren und ein funktionierendes Geschäftsmodell zu finden. Doch weil die Internetriesen händeringend nach tatkräftiger Unterstützung suchen, können sie sich ganz einfach zu einem für alle Seiten akzeptablen Preis veräußern, nachdem das eigene Projekt in einer Sackgasse gelandet ist. Die milliardenschweren Webfirmen legen lieber ein paar hunderttausend oder Millionen Dollar mehr auf den Tisch, als geduldig bis zum endgültigen Scheitern des anvisierten Teams zu warten.

Die Social-App-Blase zerplatzt, ohne dass dies sonderliche Spuren hinterlässt. Zum einen, weil noch immer Gründer den Traum vom großen Durchbruch im Social Web träumen. Und zum anderen, weil diejenigen, denen dies nicht gelingt, dank Übernahmen trotzdem als Gewinner aus der Sache hervorgehen. Für sie war der Aufbau des Startups dann eben ein etwas in die Länge gezogener Bewerbungsprozess bei Facebook, Google oder Twitter.

(Foto: stock.xchng/Bubbles)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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6 Kommentare

  1. Ich glaube nicht, dass wir uns bereits in der Phase des Blasen-Abbaus befinden, weil die Bewertungen von Internetfirmen noch nicht gesunken sind. Wenn die teils exorbitanten Bewertungen erste Risse erhalten, dann könnte es allerdings sehr schnell Richtung Süden gehen. Die geschäftsmodellfreien Social Apps werden dann nicht mehr aufgekauft und folglich weniger Apps dieser Art entwickelt.

  2. Ich denke, das sind verschiedene Blasen. Die hängen zwar letztlich zusammen (weil das Kapital für die Talentakquisitionen ja zum Teil aus der Vorstellung der exorbitanten Bewertungen für die Big Player erwächst), aber in diesem Artikel beziehe ich mich wenig auf die Milliarden-Bewertungen als auf die schiere Masse junger Social Apps, die gar nicht erst den Punkt der exorbitanten Bewertung erreichen.

  3. Guter Text, leider erst jetzt gelesen. Ein Satz macht mir aber Bauchschmerzen:

    “Weil der Markt für Programmierer und Startup-Koryphäen leergefegt ist, sehen die führenden Web- und IT-Firmen wie Google, Facebook oder Twitter ihren einzigen Ausweg darin, blutjunge Startups aufzukaufen – nicht, weil sie das Produkt so toll finden, sondern einfach, um auf diese Weise talentierte Entwickler ins Boot zu holen.”

    Das glaube ich nicht. Ein paar bunte Fotofilter und 12 Entwickler (Instagram) sind keine Milliarde Dollar wert. Es geht sicher auch um die Nutzerbasis. Und ich denke schon, dass im Falle von Glancee und Gowalla auch Interesse an der Technik da gewesen sein muss und das Team zumindest den genannten Bereich weiter arbeitet. Aber ja, demnächst dürften so einige Social Networks und Apps wieder verschwinden. Als erstes hoffentlich MeetOne.

    • Produkt ist das, was wir sehen. Und das ist jetzt sowohl bei Gowalla als auch bei Glancee weg.

      Technik ist dann nochmal was anderes. Sicherlich ist das mitunter auch von Interesse, stimmt.

      Instagram ist ein spezieller Fall ;)

  4. Eigentlich ist diese Vorgehensweise von Facebook und Co sogar ganz gesund. Entwickler, die man auf diesem Wege ins Boot holt, besitzen die bestmögliche Ausbildung und einen Erfahrungsschatz, den sie an keiner Schule erwerben könnten. Wer selbst mal versucht hat, mit den Haien zu schwimmen, kennt eben das Gelände. In diesem Sinne würde ich auch die Einstellung eines Dienstes nicht als Misserfolg ansehen, sondern eher unter Ausbildungsaufwand verbuchen.

  5. Der Hauptgrund des häufigen Scheiterns liegt auch hier mit hoher Wahrscheinlichkeit am fehlenden betriebswirtschaftlichen Know-How, wie bei vielen Startups in anderen Branchen.

3 Pingbacks

  1. [...] Weigert schrieb kürzlich auf Netzwertig, die Blase, die zweifellos da ist, werde diesmal nicht mit einem lauten Knall zerplatzen. Viele einst gehypete Startups ohne Monetarisierungsmodell würden einfach still, [...]

  2. [...] auch für viele erfolgsverwöhnte US-Gründer und Startups ernüchternd. Es sagt viel aus, dass Talentakqusitionen und der berühmt-berüchtigte, glorifizierte “Pivot” einen nicht unwesentlichen Teil [...]

  3. […] nicht bekannt. Obwohl Facebook dies abstreitet, ist anzunehmen, dass der Kauf von Instagram – wie Martin Weigert von netzwertig.com schreibt – nur dazu dient, „talentierte Entwickler ins Boot zu holen. Nicht selten werden die […]

vgwort