simfy und Spotify:
Werbefinanziertes On-Demand-Streaming bleibt Verlustbringer

Rund einen Cent zahlt simfy pro von Nutzern der kostenfreien Version angehörtem Song an GEMA und Labels. Mit Werbung lässt sich dies nicht refinanzieren, erklärt Mitgründer Steffen Wicker die jüngsten Einschnitte beim Gratisangebot des Kölner Musikdienstes.

Ende der vergangenen Woche gab der Kölner On-Demand-Musikdienst simfy bekannt, sein kostenfreies Angebot simfy Free nur noch für die ersten zwei Monate nach einer Registrierung bei dem Dienst anzubieten. Wer danach weiterhin Songs in voller Länge und ohne zeitliche Begrenzung anhören möchte, muss für monatlich 4,99 Euro oder 9,99 Euro simfy Premium oder simfy Premium Plus erwerben. Im Angesicht der Tatsache, dass Spotify vorläufig unbegrenztes Gratisstreaming offeriert, muss der Schritt der Rheinländer als Eingeständnis gewertet werden, nicht gegen den ebenfalls noch unprofitablen, aber finanzstarke Wettbewerber ankommen zu können.

Ich hatte die Gelegenheit, mich kurz mit simfy-Mitgründer und CIO Steffen Wicker über die Hintergründe der Entscheidung zu unterhalten. Letztlich können diese auf einen einfachen Fakt heruntergebrochen werden: Das Gratisangebot läßt sich auch nach Jahren nicht kostendeckend durch Werbeeinblendungen refinanzieren. Nach den Worten von Wicker kommt zu der von der Verwertungsgesellschaft GEMA pro gestreamtem Song eingeforderten Lizenzgebühr von 0,6 Cent noch der Anteil, der an die Labels abgeführt werden muss. Dieser variiert zwar, aber insgesamt kann mit Lizenzkosten von rund einem Cent pro Titel gerechnet werden, der von einem Nutzer im Rahmen eines kostenfreien Angebots angehört wird, so Wicker.

Weder durch Display-  noch durch Audiowerbung ließ sich bisher ein hinreichend hoher und dauerhaft stabiler Tausenderkontaktpreis für die Werbevermarktung etablieren, als dass sich das Gratisangebot für simfy rechnen würde – zumal simfys operative Kosten in der Kalkulation noch gar nicht berücksichtigt wurden. Dementsprechend ist das Free-Angebot für simfy allein ein Kundenakquisitionskanal, der Kosten verursacht und daher in Konkurrenz zu anderen Instrumenten wie Displaywerbung oder Suchmaschinenmarketing steht.

simfy Free ist ausschließlich Marketingtool

simfy Free hat sich also trotz langjähriger Versuche nicht zu einem wirtschaftlich tragfähigen Produkt entwickelt sondern war stets ein Zuschussgeschäft mit der Aufgabe, neue Kunden an den On-Demand-Dienst heranzuführen. Diese Realität steht im Gegensatz zu der Hoffnung und Wahrnehmung der digitalen Musikhörer, die im werbefinanzierten On-Demand-Streaming eine Alternative zum Bezahlmodell sehen, analog zum privaten Rundfunk. Setzt man voraus, dass simfy aus der Werbevermarktung von Free bereits alles nur Mögliche herausgeholt hat, bedeutet dies, dass nur radikal niedrigere Lizenzkosten ein refinanzierbares kostenfreies Streamingangebot möglich machen würden.

Die GEMA hat es im Rahmen der Neugestaltung ihrer Tarife versäumt, wie bei kostenpflichtigen Musikflatrates eine pauschale, monatliche Lizenzgebühr pro Gratisnutzer von On-Demand-Angeboten einzuführen. Entsprechend risikoreich ist es für Musikdienste, einen kostenfreien Service anzubieten – weil sie für jeden gespielten Titel Lizenzabgaben zahlen. Beispielsweise auch dann, wenn der Anwender sich gar nicht am Rechner befindet und nur vergessen hat, das Abspielen der Playlist zu stoppen.

Spotifys Deutschlanddebüt ist teuer

Die Höhe der Lizenzgebühren variieren von Land zu Land, gelten aber hierzulande aufgrund der Hardliner-Position der GEMA als besonders signifikant. Zumindest in Deutschland ist sehr wahrscheinlich, dass Spotify mit seinem derzeit unlimitierten Gratisangebot enorme Summen verbrennt, die an GEMA und Labels abgeführt werden. Mit fast 200 Millionen Dollar Venture Capital im Rücken, mutmaßlich niedrigeren Lizenzabgaben in einigen anderen Spotify-Märkten sowie steigenden Umsätzen aus den Premiumpaketen dürfte dem simfy-Konkurrenten aus Schweden eine derartige Praxis als Maßnahme der schnellen Kundenakquise kurzfristig nicht weh tun. Langfristig aber wird auch Spotify nicht darum herum kommen, Zuschussgeschäfte über ihre Aufgabe als Kundenakquisitionswerkzeug hinaus zu minimieren.

simfy-CEO Gerrit Schumann hat ebenfalls Stellung zu der Neuerung genommen. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen glaube er momentan nicht daran, dass ein dauerhaft kostenloser Musik-On-Demand-Dienst wirklich sinnvoll sei, weder für Konsumenten noch für den Künstler. “Wir geben unseren Nutzern weiterhin die Gelegenheit, unseren Service kostenlos zwei Monate ganz unverbindlich zu testen. Danach können sie simfy weiter als Discovery-Plattform nutzen oder eben zu Premium wechseln”, so Schumann. Während die Beschneidung des Free-Angebots für alle vier simfy-Märkte (D-A-CH sowie Belgien) gilt, hält sich Schumann die Option offen, bei der Einführung des Dienstes in anderen Ländern temporär eine ausgedehnte kostenlose Variante anzubieten.

Auch im Jahr 2012 erweist sich ein kostenloses, werbefinanziertes On-Demand-Angebot für Musik in Deutschland als dauerhaft verlustbringendes Geschäftsmodell. Ein Abrücken der GEMA von ihrer skeptischen Haltung gegenüber Gratisservices und ein für solche Angebote besser kalkulierbarer Tarif könnten dies ändern. Das würde jedoch (kurzfristig) sinkende Einnahmen für die Verwerter und die von ihnen vertretenen Songautoren bedeuten – weshalb ein solcher Schritt auf Seiten der Kreativen nur wenige Unterstützer findet. Solange dieser Konflikt nicht gelöst wird, bleibt die Vorstellung eines tragfähiges Gratisangebots mit voller On-Demand-Funktionalität hierzulande eine Illusion. Auch wenn Spotify seinen Nutzern gerade etwas anderes suggeriert.

 

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6 Kommentare

  1. Ich halte es für wichtig, einen solchen Service vor dem Abschluss eines Abos kostenlos ausprobieren zu können. Doch wenn der jeweilige Dienst überzeugt, sollten 5 Euro im Monat nun wirklich nicht das Thema sein.

    Die Leidenschaft, mit der viele Kostenlos-Befürworter dieses Thema angehen, ist irritierend. Musik hat für die meisten Nutzer dieser Dienste einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben. Und dann wird über 5 Euro im Monat diskutiert?

    • Es geht wohl eher um die Frage, ob eine Werbefinanzierung nicht den monetären Wert von 5 Euro/Monat haben kann. Wäre dies so, wäre nix dabei, sich lieber Werbung anzuhören als zu bezahlen.

  2. Ich denke, dass der Markt für werbefinanzierte Gratisangebote nicht unbegrenzt ist. Privatfernsehen und vor allem das Internet saugen die verfügbaren Werbeetats an vielen Stellen ab. Da sind Werbetreibende auf gnadenlose Optimierung und Selbstbeschränkung angewiesen, wenn sie sich nicht verbrennen wollen. Die einfachste Lösung wäre wohl wirklich, jeden Monat ein paar Euro für den Dienst zu verlangen.

  3. Ich finde es auch ok, für sowas wie Musik on Demand Geld zu zahlen. Ich selbst hab seit einigen Monaten ein Simfy Premium Plus Abo und muss sagen, dass es sich wirklich lohnt.

  4. Nur der Vollständigkeit halber: Auch die werbefinanzierte Variante von Spotify ist nicht “unlimitiert”.

    Auszug aus den Nutzungsbedingungen: “… als eine durch Werbung finanzierte, für den Nutzer kostenfreie Serviceleistung, bei der es während der ersten 6 Monate nach Einrichtung Ihres Spotify-Kontos keine monatliche Obergrenze hinsichtlich der Spieldauer oder der Anzahl der Abspielungen eines bestimmten Titels gibt und die Spieldauer danach auf maximal 10 Stunden monatlich und maximal 5 Abspielungen pro einzelnem Titel begrenzt ist (der „Free Service”).”

  5. Ich verstehe nicht ganz, wie 1 Cent pro abgespielter Song noch mit dem Argument, die Kreativen und deren Verwerter bekommen den Hals nicht voll, als zu hoch bezeichnet werden kann.

    1 Cent kostet ja vermutlich schon der Strom, der benötigt wird, den Song abzuspielen.

    Ich finde, dass die Nutzer angesichts derartiger Zahlen anfangen sollten, ihre Aspruchshaltung zu überdenken.

    Wenn Musik einen solchen Stellenwert hat, then put your money where your mouth is.

7 Pingbacks

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  2. [...] genre-, künstler- oder stimmungsbezogene Radio-Streams. Kostenlose Musik nach Wahl ist zwar so gut wie tot. Allerdings lohnt es sich gegenzurechnen, ob sich die 10 Euro für eine mobile Flatrate nicht [...]

  3. [...] ist es nicht gerade, was der CIO von simfy, Gerrit Schuhmann, gegenüber netzwertig an Gründen für das Aus von simfy free nennt. Dass das rein finanzielle Gründe hat, war für [...]

  4. [...] Eine ähnliche Feststellung ließ sich jüngst schon vom deutschen Spotify-Konkurrenten simfy vernehmen.188 Millionen Dollar eingesammeltem Risikokapital stehen etwa 90 Millionen Dollar Verlust in den [...]

  5. [...] Erlöse aus den Konten seiner Premiummitglieder. Diese machten 2011 zusätzlich zu Audiowerbung 83,5 Prozent des Umsatzes aus, das sind 157 Millionen Euro. Dennoch musste das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Verlust von [...]

  6. [...] verlangt nur 0,065 Pence pro Stream. Zählt man die Label-Abgaben hinzu, kommt man auf Kosten von etwa einem Cent pro gestreamten Song in Deutschland, womit man einen Tausender-Kontakt-Preis von 10 Euro erzielen müsste, um alleine [...]

  7. [...] mit hoher Interaktivität. Bisher blieb Gratisstreaming zu den geforderten GEMA-Tarifen stets ein Verlustbringer, den sich Deezer nur aufgrund einer heftigen Finanzspritze in Höhe von 130 Millionen Dollar [...]

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