Berlins Startup-Prominenz:
Selbstverwirklichung ist gut, Problemlösung ist besser

Die Startup-Landschaft Berlins blüht wie nie. Doch ein Großteil der neuen, auch internationalen Aufmerksamkeit entfällt auf Dienste mit den Schwerpunkten Unterhaltung und Selbstverwirklichung. Ein prominenter Problemlöser mit Unterstützung der lokalen Multiplikatoren täte dem Standort gut.

Aus Anlass der re:publica und Next Konferenz bin ich momentan in Berlin. Da kommt mir die jüngste Meldung aus der Startup-Szene der Hauptstadt ganz gelegen: Loopcam, eine iPhone-App zum Erstellen animierter Gifs, hat zu Jahresbeginn eine Finanzierungsrunde mit zahlreichen prominenten Geldgebern abgeschlossen. Stefan Glänzer (Passion Capital) ist ebenso dabei wie der omnipräsente Seed-Investor Christophe Maire, die SoundCloud-Gründer Alexander Ljung und Eric Wahlforss, Amen-Gründer Felix Petersen, Xyologic-Gründerin Zoe Adamovicz sowie die DailyDeal-Gründer Fabian und Ferry Heilemann.

In zahlreichen Fachblogs wird das Engagement dieser fleißig bei aufstrebenden Startups der Spreemetropole involvierten Personen thematisiert. Alexander Hülsing fragt bei deutsche-startups.de, ob Loopcam der neue Star am Berliner-Startup-Himmel sei. Mike Butcher von TechCrunch Europe, seit langer Zeit ein bekennender Fan der deutschen Hauptstadt, will von “signifikantem Nutzerzulauf” gehört haben und sieht bei Loopcam “Twitter für Video”-Potenzial (was wären dann Viddy und Socialcam?). Auch die englischsprachigen Tech-Blogs Silicon Allee und TechBerlin geraten über die namhafte Unterstützung, auf die Loopcam nun bauen kann, ins Schwärmen.

Die Szene pflegt den Eindruck von Harmonie

Berlins auferstandene, international geprägte Internetwirtschaft ist noch ein zartes Pflänzchen, das viel Zuneigung und Pflege bedarf. Viele der jungen Webfirmen, die in den letzten Jahren im Fahrwasser von SoundCloud entstanden sind – dem mit Abstand erfolgreichsten Vertreter der neuen Garde an Berliner Webunternehmen -, stehen noch vor ihrem globalen Durchbruch und warten darauf, ernsthaft in das Visier von Journalisten, Investoren und Multiplikatoren im Silicon Valley und Umgebung zu geraten. Verständlich ist deshalb das stark auf harmonisches Miteinander und gegenseitige Ermunterung ausgerichtete Treiben der Berliner Gründerszene. Jeder hilft einander – sei es mit Kontakten, Kapital oder dem Verleih des eigenen, schillernden Namens an ein Startup, das auf sich aufmerksam machen will. Kritische Stimme dringen selten nach außen und sind auch bei den die Entwicklung beobachtenden Blogs unüblich.

Nachdem ich schon oft meine Sympathien für den Aufstieg Berlins zu Deutschlands, wenn nicht gar Europas Internet- und Startup-Zentrum kundgetan und mich für eine Fortsetzung der positiven Entwicklung eingesetzt habe, muss ich an dieser Stelle zwei kritische Anmerkungen machen:

Namedropping 

Zum einen erscheint mir der Zeitpunkt gekommen, an dem man das “Namedropping” im Kontext von Beteiligungsrunden hinterfragen sollte. Ich kenne die Details des Loopcam-Fundings nicht und bezweifle auch nicht, dass sich die aufgeführten Köpfe auf die eine oder andere Weise bei den drei aus Schweden stammenden Gründern betätigen. Dennoch legt die Allgegenwärtigkeit einiger Namen und die Tatsache, dass es sich dabei teilweise um Entrepreneure mit operativen Führungsrollen bei eigenen Startups handelt, die begründete Vermutung nahe, dass die individuelle Förderung hier über den PR-Effekt hinaus nur minimaler Natur ist. SoundCloud-Gründer Alexander Ljung, eine der Schlüsselpersonen der lokalen Szene, wird als Investor beziehungsweise Angel bei quasi sämtlichen Berliner Webdiensten der neuen Generation aufgeführt – von Amen bis Readmill, von Gidsy bis Loopcam. Ganz nebenbei muss er auch noch seiner Rolle als CEO von SoundCloud nachkommen – und befindet sich seinen Check-Ins und Tweets nach zu urteilen gefühlte 50 Prozent der Zeit im Flugzeug irgendwo zwischen dem SoundCloud-Hauptquartier in Berlin und der Dependance in San Francisco.

Ähnlich wie ein “Celebrity-Investment” von Hollywood-Star, Business Angel und Berlin-Supporter Ashton Kutcher einen enormen medialen Wert mit sich bringt, lohnt es sich für junge Gründer der Hauptstadt auch, schillernde Unternehmer an Bord zu holen. Diese verschreiben sich sicher nicht jedem x-beliebigen dahergelaufenen Startup. Trotzdem halte ich es für angemessen, nicht allein wegen der Beteiligung der “üblichen Verdächtigen” in Lobpreisungen auszubrechen sondern bei der Bewertung des Potenzials das Produkt in den Vordergrund zu stellen.

Wo ist das Hype-Startup, das die Welt retten will?

Apropos Produkt: Durch die Promi-Beteiligung gerät mt Loopcam erneut ein allein auf Unterhaltung ausgerichtetes Social Startup ins Rampenlicht. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden. Betrachtet man jedoch das Gros der frisch lancierten Web- und Mobile-Firmen von der Spree und die Konzepte, die den Segen der genannten renommierten Angels und Entrepreneuren erhalten, so stellt sich mir die Frage, wo die echten, disruptiven, hochinnovativen Problemlöser aus Berlin sind, die mit ähnlich viel Aufmerksamkeit und Awesomeness-Jubeltiraden versehen werden wie die Schar von primär spaßorientierten Social-Web-Services und Apps. Eine Ausnahme wären vielleicht 6Wunderkinder mit ihrem Produktivitätfokus – wobei auch dieser nicht die Welt rettet. Und das Forschernetzwerk ResearchGate ist schon wieder zu sehr Nische, um Berlin als Zugpferd zu dienen.

Das ungleiche Verhältnis von Problemlösern zu Angeboten mit Entertainment- und Selbstverwirklichungscharakter ist zwar kein auf Berlin begrenzetes Phänomen und ich sehe schon die Kommentare von Gründern vor mir, die auf den hohen Problemlösungsgrad ihres Berliner Startups hinweisen – doch 90 Prozent des derzeitigen Hypes der Stadt kreist um Services, die in erster Linie der Interaktion, Selbstdarstellung und dem Zeitvertreib dienen – bekanntlich einer der Sektoren der Digitalwirtschaft, dessen Monetarisierung sich als eher schwierig erwiesen hat.

Schon mit Hinblick auf die Nachhaltigkeit des Booms, aber auch allgemein als Rechtfertigung desselben, wäre es zu begrüßen, wenn sich die Initialen der Berliner Web-Elite auch einmal in der Investoren-Liste eines Jungunternehmens wiederfinden würden, das sich der drängenden Probleme dieses Planeten annimmt.

Und jetzt fahre ich zur re:publica und höre mir an, was andere zu diesem Thema zu sagen haben.

(Foto: Flickr/Conanil, CC BY 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Linkwertig: iPhone, Startups, Berlin, Blogbox

22.9.2014, 1 KommentareLinkwertig:
iPhone, Startups, Berlin, Blogbox

Experten haben am Wochenende InSphero zum besten Startup der besten 100 Startups der Schweiz gewählt und mehr.

Linkwertig: Überwachung, Überprüfung, LSR, Berlin

2.7.2014, 1 KommentareLinkwertig:
Überwachung, Überprüfung, LSR, Berlin

ProPublica hat eine kleine Infografik mit allen bisher bekannt gemachten Überwachungsprogrammen erstellt und mehr.

Linkwertig: Uber, APM, Metadaten, Bauchpinseln

13.6.2014, 1 KommentareLinkwertig:
Uber, APM, Metadaten, Bauchpinseln

Uber bedankt sich für den Streik der europäischen Taxifahrer und freut sich über einen Sprung von Platz 100 auf Platz 3 im App-Ranking und mehr.

Linkwertig: Regenten, Twitter, Netzpolitik, Pavlok

20.10.2014, 0 KommentareLinkwertig:
Regenten, Twitter, Netzpolitik, Pavlok

Mädchen zwischen 13 und 20 Jahren regieren das Internet und mehr.

Bali wird zum Startup-Mekka: Unternehmensgründung im Paradies

15.10.2014, 3 KommentareBali wird zum Startup-Mekka:
Unternehmensgründung im Paradies

Die Unternehmensgründung ist harte Arbeit. Daher kann es sinnvoll sein, wenigstens ein angenehmes Ambiente zu wählen. Eine Option: Bali. Andrea Loubier, CEO des auf der indonesischen Insel angesiedelten Startups Mailbird, sieht viele Vorteile.

Internetwirtschaft: Deutschland braucht Megafunds mit rein deutschem Fokus

1.10.2014, 2 KommentareInternetwirtschaft:
Deutschland braucht Megafunds mit rein deutschem Fokus

Die Internetwirtschaft Deutschlands und Europas muss sich gegen die kraftvollen, milliardenschweren Akteure des Silicon Valley sowie gegen die wachsenden Giganten aus Fernost behaupten. Ohne umfangreiche VC-Funds, die sich ausschließlich auf den hiesigen Markt konzentrieren, wird dies schwer.

4 Kommentare

  1. +1 Da spricht mir jemand aus der Seele.

  2. mir auch! Thumbs up!

  3. Sehr wahr. Danke.

  4. Gut, dass wir darüber geredet haben.

    “..doch 90 Prozent des derzeitigen Hypes der Stadt kreist um Services, die in erster Linie der Interaktion, Selbstdarstellung und dem Zeitvertreib dienen..”

    Das nenne ich in erster Linie konsequent.

4 Pingbacks

  1. [...] Deutschlands, mittlerweile schon Europas, reißen nicht ab, auch wenn der eine das kritischer sieht als der andere. Nicht ohne Grund, denn Standortbedingungen, Netzwerk, Internationalität und [...]

  2. [...] kommt bei mir der Gedanke in den Vordergrund, dass man solche Energie besser in sinnvollere Projekte investieren sollte. Und stimme daher auch der Prognose zu, dass Kezera keine grosse Zukunft haben [...]

  3. [...] jede Idee sinnvoll erscheint. Das Gros der Social-Apps – egal ob sie dem Silicon Valley oder der hiesigen Branche entstammen – löst keine Probleme, sondern versucht, Bedürfnisse zu schaffen, wo sie zuvor nicht [...]

  4. [...] künftiger Ursprungsort von international prägenden digitalen Innovationen kratzt. Angesprochen hatte ich das Thema schon einmal im Mai, glaube aber, dass es durchaus eine breitere Diskussion verdient: Aus Berlin kommen zwar [...]

vgwort