Computergenerierter Journalismus:
Maschine fordert Mensch heraus

Zwei US-Startups haben sich darauf spezialisiert, Daten automatisiert in verständlichen Text umzuwandeln. Computergenerierter Journalismus wird Wirklichkeit.

Flickr/Gastev, CC BY 2.0Wenn über die Zukunft des Journalismus im Onlinezeitalter philosophiert wird, stehen zumeist die Kosten von qualitativen Inhalten im Vordergrund. Mit der Entbündelung von Presseprodukten entfallen bisherige Wege der Querfinanzierung von aufwendiger journalistischer Arbeit, wodurch immer weniger Medienhäuser die Ressourcen aufbringen können, die für echte journalistische Meisterstücke und langwierige Rechercheprozesse notwendig sind.

Doch was sich wahrscheinlich bisher nur wenige Journalisten vorstellen können: Auch die eigentliche Schreibarbeit könnte in Zukunft einen Teil ihrer bisherigen Selbstverständlichkeit einbüßen. Bald werden sich Verleger nicht nur die Frage stellen, ob sie sich einen Autor und dessen Story wirklich leisten können, sondern auch, ob sie überhaupt eine Schreibkraft aus Fleisch und Blut benötigen. Mitunter könnte ein Algorithmus den geplanten Text verfassen – ohne dafür irgendeine Entlohnung einzufordern.

Klingt nach Fiktion? Das US-Startup Narrative Science tritt den Gegenbeweis an, wie ein faszinierendes Wired-Portrait des 2010 in Chicago von Stuart Frankel, Kristian Hammond und Larry Birnbaum gegründeten Unternehmens zeigt. Narrative Science hat sich auf die Umwandlung von Daten in eine leicht verständliche Textform spezialisiert. Mittels künstlicher Intelligenz und von erfahrenen Journalisten stetig weiterentwickelter Textbausteine ist die junge Firma in der Lage, verschiedenste Arten von Zahlen und Statistiken in lesefreundliche Artikel zu gießen.

Schwerpunkt sind dabei bisher Themen, die auf einem reichen Datenschatz basieren, wie Ereignisse aus der Sport- oder Finanzwelt. Im vergangenen Jahr soll Narrative Science rund 400.000 Berichte zu Punktspielen aus den Junior-Ligen verschiedenster Sportdisziplinen generiert haben – Inhalte, die für menschliche Autoren in der Regel uninteressant sind und die nur eine extrem kleine maximale Reichweite besitzen. Weil bei der automatisierten Produktion eines Textes durch die Software von Narrative Science jedoch keinerlei Kosten anfallen, könne sogar die individuelle Anfertigung eines Textes für eine einzelne Person gerechtfertigt werden, erklärt der Wired-Artikel. Neben Medienangeboten gehören Finanzdienstleister sowie Marktforschungs- und Analysefirmen zur Kundschaft von Narrative Science, die mit dessen Diensten dröges Zahlenmaterial in gefälligen Fließtext verwandeln.

Computer könnte Pulitzer Preis erhalten

Glaubt man dem Portrait von Wired, liefern die Algorithmen des Unternehmens Texte in akzeptabler Qualität. Nach Ansicht von CTO und Mitgründer Kristian Hammond werden sich im Zuge der Verfeinerung und Verbesserung der Software die Einsatzgebiete des computergenerierten Schreibens stark erweitern. Eines Tages könnte mit Narrative Science nicht nur Faktenjournalismus, sondern auch eine ausführliche, erklärende Analyse angefertigt werden. In 15 Jahren stammen mehr als 90 Prozent aller Nachrichtenartikel aus der Feder von Computern, glaubt Hammond. Schon in fünf Jahren könnte ein von Algorithmen verfasster Text mit einem Pulitzer Preis ausgezeichnet werden, ist er überzeugt.

Ob er mit dieser für den Journalismus revolutionären Vorhersage recht behält, sei dahin gestellt. An der Grundannahme des Ansatzes von Narrative Science und dem ebenfalls aus den USA stammenden Wettbewerber Automated Insights lässt sich nicht rütteln: Mit dem entsprechenden “Training” ist es für einen Computer kein Problem mehr, aus einer Reihe von Daten einen ansprechenden, erzählenden Beitrag zu schustern. Und wo Menschen Fehler machen – sei es aufgrund mangelnder Konzentration, aus Unwissenheit oder fehlendem Enthusiasmus für das Thema – kann intelligente Software nicht nur deutlich zuverlässiger arbeiten, sondern sogar für menschliche Autoren nicht sofort ersichtliche Muster, Zusammenhänge und statistische Eigenheiten erkennen und in den Text einarbeiten.

Herausforderung und Chance für Journalisten

Wie so oft lässt sich auch diese spannende Facette des technischen Fortschritts für die betroffene Branche von zwei Seiten betrachtet. Dass computergenerierte Texte bei vielen Journalisten zumindest anfänglich auf wenig Gegenliebe stoßen werden, ist zu erwarten. Immerhin konfrontiert sie die Technologie mit einem bisher nicht verspürten Gefühl der theoretischen Ersetzbarkeit, woraus in der Regel eine starke Defensivhaltung resultiert. Und wer leidenschaftlich gerne über Sportveranstaltungen oder Quartalsberichte schreibt, wird um derartige Aufträge künftig mit Algorithmen konkurrieren – und mit den eigenen Honorarvorstellungen immer den Kürzeren ziehen.

Gleichzeitig lässt sich die Fähigkeit der Anfertigung von Texten durch Maschinen aber auch als Befreiung des Journalismus interpretieren. Denn die wenigsten Vertreter der schreibenden Zunft träumen davon, ihr Leben lang aus ein paar Zahlen und Fakten schnell dahingeschluderte Newshäppchen mit einer Halbwertzeit von einer Stunde zu kreieren. Doch ein nicht unwesentlicher Teil der Budgets der Verlage fließt heutzutage genau in die Beschaffung derartiger Inhalte und fehlt dann dort, wo ernsthafter, investigativer und von Computern nicht zu leistender empathischer Qualitätsjournalismus von Nöten wäre.

Die Zukunft des Journalismus im Netz könnte dank Narrative Science und anderen Spezialisten also ganz anders aussehen, als sie in derzeitigen Debatten noch skizziert wird: Künstliche Intelligenz produziert tagesaktuellen, daten- und faktenbasierten Newscontent mit repetitiven Strukturen und Textmustern (“Unwetter in Hamburg”, “Rekordstaus zu Ostern”, “Apple erzielt Rekordgewinn”), während der menschliche Journalist sich Inhalten und Themen widmet, die nicht allein auf Daten fußen, oder die eine über diese hinausgehende subjektive Einordnung erfordern.

Angesichts der wirtschaftlichen Engpässe, die Medienhäuser nach dem endgültigen Wegbrechen der Printeinnahmen auf sich zukommen sehen, wird seitens der Chefredakteure eine große Bereitschaft für Experimente bestehen, um austauschbare Nachrichteninhalte, die wenig zum journalistischen Profil und Renommee beitragen, noch kostengünstiger zu produzieren – auch wenn es der journalistischen Seele schmerzt.

Computergenerierter Journalismus entwickelt sich zu einer Herausforderung für die schreibende Zunft. Nur wer Zusammenhänge besser, wortgewaltiger und knackiger als ein Algorithmus auf den Bildschirm bringen kann und dabei über hinreichend intellektuelle und analytische Fähigkeiten verfügt, wird sich vom Computer nicht in der eigenen Existenz bedroht sehen. Allen, die diese Anforderungen erfüllen, winken dafür jedoch aufregende, abwechslungsreiche Aufträge – für die aufgrund der gesunkenen Kosten für das “Daily Business” auch wieder mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.

Auch wenn der Gedanke, dass Maschinen Journalisten partiell ablösen, im ersten Moment befremdlich sein mag: Technologie wie die von Narrative Science oder Automated Insights hilft Menschen, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren und ihre Zeit für Dinge aufzuwenden, für die sie eine Begeisterungsfähigkeit und Passion besitzen. Eines werden wir Algorithmen nämlich auch in 100 Jahren noch voraus haben: Leidenschaft. Es gilt, diese für den Journalismus zu nutzen.

(Foto: Flickr/Gastev, CC BY 2.0)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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  2. Die Entwicklung macht mir richtig Angst. Wo soll den das noch hingehen, wenn jetzt schon die eigentlich freien Reporter durch Maschinen ersetzt werden sollen. Das finde ich persönlich keine gute Entwicklung. Den Sarkasmus und die Ironie eines Artikels wird ein Computer nie ausgeben können

    • Den Sarkasmus und die Ironie eines Artikels wird ein Computer nie ausgeben können

      Aber wies macht dir die Entwicklung dann Angst? Denn wenn es so ist wie von dir beschrieben – was ich auch glaube – wird ja der Bedarf an gutem menschlichen Journalismus nicht verschwinden.

    • Hi Andy, von unabhängigem Journalismus sind wir schon weit weit entfernt. Nur weil du von “eigentlich freien” Reportern sprichst..

  3. Sehr guter Artikel mit dem richtigen – positiven – Fazit: Die Technologie wird sich nicht aufhalten lassen und man muss sie clever nutzen. Wenn die gut ausgebildeten Journalisten mehr Zeit haben, ihre Energie für hochwertigen Journalismus zu verwenden anstatt dumbes Wörtercrunching, wird der Job aufgewertet und befriedigender.

  4. Solche Geschichten zeigen mir persönlich nur auf, dass an unserm immer mehr profitorientierten System etwas nicht aufgeht. Aber das ist eine weit verbreitete Grundsatzfrage. Ich persönlich finde nicht, dass der Journalismus eine derartige Revolution vonnöten hat, bin aber möglicherweise auch nicht ganz objektiv – da ich von Beruf Journalist bin. :-)

  5. Dieser Kampf Mensch vs Maschine wird uns in naher Zukunft sicherlich öfters begegnen.

  6. Ist ein Text berechnet, also nach einem Algorithmus geschrieben, wird man ebenfalls einen Algorithmus entwickeln können, der die berechneten Texte entlarvt.
    Google arbeitet gerade daran, seinen Such-Algorithmus so umzustellen, dass SEO-überoptimierte Seiten weiter hinten angezeigt werden. Genauso wird man dann nach Artikeln suchen können, die nicht algorithmisiert geschrieben wurden.

    • Wozu das Bedürfnis, einen solchen Text zu entlarven, sofern er die eigenen Ansprüche an einen lesbaren, verständlichen Text erfüllt?

    • Ich würde sagen aus ethischen Gründen… oder eben auch aufgrund sozialer Aspekte gegenüber den Schreibenden. Fakt ist, ein Autor mit seinen Ecken und Kanten ist durch keine Maschine zu ersetzten.

    • Du bezeichnest es als Fakt. Das kann man aber eigentlich erst tun, nachdem bewiesen worden ist, dass es tatsächlich so ist. An diesem Punkt, an dem dieser Beweis geführt werden kann, sind wir aber noch lange nicht.

      Und ich sehe überhaupt keine ethischen Gründe, die dagegen sprechen, dass zum Beispiel ein jedes Jahr aufs Neue verfasster Beitrag à la “Weihnachtsfeier: Hier lauern die Fettnäpchen” nicht von einem Computer verfasst werden könnte.

      “soziale Aspekte gegenüber dem Schreibenden”… seltsames Argument. Das würde dann ja auch für ALLE anderen Branchen gelten die der technische Fortschritt jemals in Frage gestellt oder vernichtet hat

    • Die Betonung in meinem Kommentar lag ja nicht auch Autor an sich, sondern eben auf dessen Unkomplettheit. Dass beispielsweise Produktionen durch Maschinen ersetzt werden ist auch deshalb einfacher möglich, weil sie eben keine oder weniger Leidenschaft und Emotion benötigen als kreatives Handwerk. Zur Herstellung eines Blattes und zur langfristigen Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit gehört eben viel mehr als nur Output, Output, Output…

  7. Vor 150 Jahren haben sich die ollen Arbeiter verzweifelt als Maschinenstürmer versucht und die Intelligenzler haben darüber müde gelächelt. Offenbar geht es bald unterschiedslos allen an den Kragen – aber im Dienstleistungssektor werden sicher noch ein paar Einkaufstüten einzupacken sein.

    Wenn sich in fünf Jahren (oder 25?) Maschinen renommierte Journalistenpreise erschreiben können, dann wird es wohl auch für die Elite der Journalisten kaum mehr Aufträge hageln – und auch die Neuigkeiten aus dem Netz werden dann von Computern sicher deutlich pointierter zusammengesetzt werden können.

    Offenbar bin ich mittlerweile schon in einem Alter angelangt, in dem es mir zunehmend schwer fällt, bei solchen Veränderungen vor allem die Chancen zu sehen. Soweit mein Kultur-Pessimismus zum Tage.

    • @Oliver
      Die Wege in der Vergangenheit waren
      Bauern -> Industrie -> Dienstleistungsbereich.

      Nur – was folgt nach dem Dienstleistungsbereich?

      Dort werden absehbar einfache Jobs (Kassiererin an der Supermarktkasse ersetzt durch selfscanning / RFID) oder auch gehobene (Uni-)Jobs (medizinische Systeme, Konstruktiosssteme, Journalisten) durch den Computer überflüssig gemacht werden.

      Ich sehe da grosse soziale Verwerfungen – durch den Mangel an beruflichen Perspektiven.

  8. Wenn ich sehe, wo wir hingekommen sind: Von Papier und Feder zum Buchdruck und nun das :-P

  9. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Es wird schon jeder sein Plätzchen und Aufgabe finde. Und wenn es die Maschine besser kann? Dann muss sich der Mensch eben ein wenig mehr anstrengen.

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