Google Drive:
Eine neue Chance für das
persönliche Büro in der Cloud

Der aus Google Docs hervorgegangene Speicher- und Kollaborationsdienst Google Drive hat das Potenzial, endlich mehr Anwender von der Nutzung lokaler Office-Software abzubringen.

Nach dem Start von Google Drive sind die Technologie-Spalten der meisten Nachrichtenangebote mit Berichten zu dem Dienst gefüllt. Zumeist wird das neue Angebot aus der Perspektive des Konkurrenzkampfes im Cloudspeichermarkt betrachtet. Dieser Ansatz ist natürlich nicht falsch, denn in vielen Punkten positioniert Google das neue Produkt direkt gegen Wettbewerber wie Dropbox oder Microsoft Skydrive. Bei ReadWriteWeb gibt es eine gute Zusammenfassung der Funktionalität. Doch für einen überzeugten und langjährigen Google-Docs-Anhänger wie mich hat die Entwicklung noch eine andere signifikante Implikation: Der Internetkonzern besitzt jetzt die Chance, das persönliche Büro im Netz endlich massentauglich zu machen.

Nutzungszahlen zu Google Docs, ehemals Google Text & Tabellen, sind schwer zu bekommen. In einer Umfrage zeigte sich Ende 2008, dass Google Docs zu den am wenigsten eingesetzten Google-Diensten gehörte. Nun sind zwar seitdem einige Jahre vergangen, dennoch deutet wenig darauf hin, dass die Cloudoffice-Suite mittlerweile bei Durchschnittsnutzern die Aufmerksamkeit bekommt, die sie eigentlich verdient. Ich für meinen Teil arbeite ausschließlich mit Google Docs. Seit Jahren weist mein Rechner keine Spuren von Microsofts Office mehr auf, und Open Office ist nur für Notfälle installiert.

“Google Drive war irgendwie schon immer da, hieß bloß Google Docs”, beschreibt Carsten Knobloch die Wurzeln des neuen Google-Produkts. Dieses ersetzt Google Docs, erweitert dessen Speichervolumen und ergänzt das Angebot um Desktop-Clients und mobile Apps (vorerst nur Android). Genau genommen ist der Launch von Google Drive also ein Relaunch von Google Docs in neuer Marketingverpackung. Sämtliche Funktionen von Google Docs, um Dokumente, Tabellen und Präsentationen anzufertigen, zu verändern und gemeinsam mit anderen zu bearbeiten, bleiben bestehen.

5,8 Milliarden Dollar hat Microsoft im abgelaufenen Quartal mit der Business Division erwirtschaftet, zu der auch die Office-Anwendungen gehören. Im Sommer vergangenen Jahres gab der Softwarekonzern bekannt, über 100 Millionen Lizenzen von Office 2010 verkauft zu haben – heute dürften es noch deutlich mehr sein. Noch immer greifen also Millionen Menschen im privaten und beruflichen Kontext auf lokale Office-Software zu, statt die Online-Alternativen von Google, Microsoft (Office Web Apps) oder Zoho zu verwenden. In einigen Fällen kann dies mit funktionalen Beschränkungen der Cloudangebote zu tun haben. Häufig aber wird mangelnde Kenntnis sowie Bequemlichkeit der Grund für das Festhalten an lokaler Office-Software sein. Wer aber alle paar Monate ein Kündigungsschreiben oder einen Rundbrief an die Verwandtschaft verfasst, der benötigt dafür eigentlich keine 100-Euro-Officesuite mehr.

Sofern Google Drive auf ähnliche Weise in den Mainstream vordringen kann, wie es Dropbox mit seinem Speicher- und Synchronisationsdienst gelungen ist, werden hundertausende Nutzer ganz nebenbei mit den Möglichkeiten von Online-Office-Tools bekannt gemacht. Sowohl Googles eigene, als auch die der zum Start mit Google Drive integrierten Drittanbieter. Sukzessive werden immer mehr Microsoft-Office-Dateien ihren Weg in Google Drive finden, von wo aus Anwender sie nach einer Konvertierung in Googles .gdocs-Format direkt bearbeitet können. Dies funktioniert auch über den neuen Google-Drive-Desktop-Client für Windows und Mac, wobei sich der Editor bei einem Klick auf ein Google Doc jeweils im Browser öffnet.

Laut einer Forrester-Studie planen weltweit 57 Prozent der Unternehmen den Einsatz von Alternativsystemen zu Microsoft Office. Eine Bereitschaft der IT-Abteilungen für Experimente existiert also. Google Drive ist auch Teil von Googles Enterprise-Suite Google Apps, die damit für kostenbewusste Firmen weiter an Attraktivität gewinnt. Der Schritt, sich teure Lizenzen für Microsoft Office ganz zu sparen, könnte dank des aufgebohrten Google Docs und dessen Desktop-Integration (die sich bisher nur über Lösungen von Dritten realisieren ließ) nun leichter fallen. Sofern Unternehmen nicht Microsofts Konkurrenzangebot Office 365 bevorzugen.

Je häufiger Menschen ihren Alltag über das Netz organisieren, desto geringer ist ihr Bedarf an klassischer Office-Arbeit. Für viele Situationen, in denen wir in der Vergangenheit Word, Excel oder PowerPoint anschmissen, existieren heutzutage spezialisierte, leistungsfähigere Onlinetools. Bis sich das traditionelle Konzept von Office-Software jedoch ganz aus unserem Leben und aus der Realität von Unternehmen verabschiedet, werden noch viele Jahre vergehen. Google Drive kann einen entscheidenden Teil zur Evolution und Modernisierung von Office beitragen. Reif ist die Zeit dafür schon lange.

Google Drive ist auch ein Angriff auf Microsoft Office.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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13 Kommentare

  1. Martin,
    warum ist die lokale Verwendung von Office-Programmen “schlecht” – bzw. weshalb ist etwa eine cloudbasierte Textverarbeitung “gut”?

    “…endlich mehr Anwender von der Nutzung lokaler Office-Software abzubringen.”

    • Sie ist nicht mehr zeitgemäß, weil sie Ansprüchen heutiger Nutzern an digitale Anwendungen (Mobilität, ortsunabhängiger Zugriff, Kollaboration, Integration mit anderen Diensten) nicht gerecht wird.

    • Dem könnte und dürfte Microsoft mittelfristig entgegenwirken, indem es Möglichkeiten zur Synchronisation in sein Office einbaut, wenn es sie nicht längst gibt. Der eigentliche Vorteil anderer Clouddienste wäre dann nicht mehr deren mobile Verfügbarkeit, sondern ihr viel geringerer bis kostenloser Preis. Wobei der MS-Office-Synchronisation wohl auch Microsofts Unter- oder gar Nichtrepräsentanz in Android entgegensteht. So bedauere ich z.B. sehr, dass ein ideales kleines Progrämmchen wie Frontpage Express nicht auch in Android zur Verfügung steht. Andere Alternativen dazu in Android sind mir bisher leider nicht bekannt. Mir scheint sowieso, dass Microsoft das Mobile Web gegenüber den mobilen Android und iOS ziemlich verschlafen hat.

  2. Größter Nachteil ist in meinen Augen die Offline-Funktionalität. Habe mal kurz gesucht und bin auf eine Seite von Google gestoßen (http://support.google.com…&answer=1628514), wo man das folgende Zitat findet: “Ohne Internetverbindung können keine neuen Dokumente und Tabellen erstellt werden.”

    Ist für mich ein Ausschlusskriterium, auch wenn ich gemeinsames Bearbeiten von Dokumenten wirklich genial finde.

  3. Skydrive hat doch auch Office integriert. Hab mir beides nicht wirklich angeschaut von daher kann ich nicht sagen was wirklich besser ist. Aber das MS hinterher hingt kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Außerdem stellt Google dauernd irgendwelche Dienste wieder ein. Solch eine Unsicherheit gibt es bei MS praktisch nie. Der Höhepunkt sind aber die TOS von Google. Google nimmt sich praktisch das recht alle hoch geladenen Dokumente nach belieben zu verwenden und an dritte weiter zureichen. Letztlich macht Google halt im Gegensatz zu MS sein Geld mit dem auswerten und verkaufen der Daten seiner Kunden.

    Auch wenn MS wohl in der Hinsicht deutlich besser ist. Bin ich nicht überzeugt das Firmen das benutzen sollten. Also zumindest ein Startup das nach außen kommuniziert so fahrlässig mit seinen Daten umzugehen könnte ich glaub ich nur sehr schwer als Vertrauenswürdig beurteilen.

  4. ad “ansprüchen der nutzer nicht gerecht”
    irgendwie ist das ein recht seltsames argument. einerseits postuliert es eine homogene nutzergruppe auf basis der erfahrungen der elitenutzer. von einer solchen homogenität kann man aber wirklich nicht ausgehen. andererseits hebelt es sich selbst aus. wenn es den ansprüchen der nutzer nicht gerecht wäre, warum braucht google dann ein rebranding?
    ich selbst teste immer wieder alle möglichen programme, von zoho über docs, ms office, open office, abiword und co bis hin zu lateX-lösungen. und ich komme immer wieder auf ms office zurück, weil es (wohlgemerkt für meine bedürfnisse) einfach das beste ist.

  5. Als Berater nutze ich teilweise hochsensible Daten meiner Kunden. Diese werde ich sicher nicht im Internet speichern oder bearbeiten. Wer garantiert mir, das nicht irgendein frustrierter Mitarbeiter von Google und Co einfach die Daten zieht und weiterverbreitet? Im Büro behaltete ich die Kontrolle. Viele größere Firmen werden das ähnlich sehen.

  6. Wir haben intern mal etwas mit Google Drive rumgespielt und sind, um ehrlich zu sein, schockiert, welche Kinderkrankheiten es noch gibt. Inhalte werden mit Leuten geteilt, mit denen wir gar nichts teilen wollten, Dateien sind von jetzt auf gleich “weg”, können nicht gelöscht werden, werden verschoben nur weil man eine andere Datei ändert.

    Ganz abgesehen davon, dass der Otto-Normalmensch sowieso bei Google immer an den großen bösen gierigen Kraken denkt, wird es mit diesen Funktionsproblemen auf alle Fälle eine Totgeburt bleiben.

    Grüße aus Stuttgart,
    Michael

  7. Sie ist nicht mehr zeitgemäß, weil sie Ansprüchen heutiger Nutzern an digitale Anwendungen (Mobilität, ortsunabhängiger Zugriff, Kollaboration, Integration mit anderen Diensten) nicht gerecht wird.

    Das nenne ich aber mal einen heissen Ansatz, nicht mehr “in”. Ich weiss nicht, ob ich die Meinung ernst nehmen soll, praktisch ist ja wohl nicht das einzige Kriterium. Wie man hier selbst bei den wenigen Beiträgen sieht, ist die Sicherheit der Daten auch eines, für viele das entscheidende Kriterium. Ich selbst nütze Clouddienste, aber dieser Content ist grundsätzlich unkritisch, Musik, ein paar Texte. Meine Buchhaltung z.B. käme da nicht hin.

  8. @Martin P: Einen Vorteil für Google Docs sehe ich aber trotzdem. Für Google Docs kann jeder Anwendungen erstellen, die komplett eigene Funktionen bieten, aber trotzdem die Vorteile der Google Cloud (gemeinsamer Speicherplatz, Zugriff von überall etc.) besitzen. Gerade für Latex ist so ein Dienst in der Mache: http://docs.latexlab.org/
    Bei MSO kann natürlich jeder Plugins entwickeln, aber aus MS Office wird beim besten Willen nie ein guter Latex-Client werden, einfach weil klassische Software nicht modular genug ist um dahingehend von Drittentwicklern erweitert zu werden. In einem offenen Web kann die Cloud sich den Anforderungen der Nutzer viel besser anpassen als starre, klassische Software. Von daher hat Martin im Allgemeinen mMn recht, auch wenn der Einzelfall natürlich immer anders aussehen kann.

3 Pingbacks

  1. [...] Leaks und Informationshäppchen bereits ankündigte und der eigentlich nicht viel mehr darstellt als eine aufgebohrte Variante von Google Docs, hat Google Drive in dieser Woche Konkurrenten und Partner in beachtlichen Aktionismus versetzt und [...]

  2. [...] neue Google Drive hat gleich für viel Wirbel gesorgt. Interessant ist, dass der Self-Publishing-Dienstleister Lulu [...]

  3. [...] Lobo spendet doch und das YPS kommt zurück! Ach ja, und da war mal wieder irgendwas mit Google Google Google… überall nur [...]

 
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