Personalisierung über Facebook:
Webangebote verschlafen
ihre Möglichkeiten

Facebooks Plattform ist viel mehr als nur ein Loginsystem. Viele Dienste und Websites könnten damit personalisierte Inhalte anbieten. Doch kaum jemand nutzt diese Möglichkeit.

Warum machen wir uns eigentlich Sorgen, unsere Daten bei Facebook zu hinterlegen? Denn obwohl diese dort für Drittdienste zur Verfügung stehen, will sie niemand nutzen.

So scheint es auf jeden Fall, wenn man vergleicht, welche Möglichkeit die Graph API von Facebook bietet und wie wenig davon in der Praxis genutzt wird. Mit Facebooks Schnittstelle ist viel mehr möglich, als bloße Logins per Facebook und vielleicht noch das automatische Erstellen von Posts in der Timeline. Über die API können nämlich von jedem Nutzer, der sich auf einer Drittseite via Facebook einloggt, die Freundesliste, favorisierte Musik, Filme und Bücher, Event-Zusagen, Likes von Facebook-Seiten und vieles mehr abgefragt werden. Dies bietet ein nahezu endloses Potential von Anwendungsszenarien, um Inhalte gemäß den Vorlieben des Users und auch den Aktivitäten seiner Freunde zu personalisieren. Nur angewendet wird diese Datenmenge kaum irgendwo.

Dabei wären sehr viele sinnvolle Umsetzungen denkbar: News-Seiten könnten den Heimatort des Users auslesen und dann gezielt Nachrichten aus der Region und über den lokalen Sportclub präsentieren. Anbieter von Büchern, Musik und Filmen könnten nebst der Kaufhistory im eigenen Store auch Angaben aus Facebook für Kaufempfehlungen integrieren – mit Zusatzschnittstellen wie derjenigen von Tastekid geht dies sogar, ohne eigene Algorithmen dafür entwickeln zu müssen. Basierend auf der Aktivität von Freunden könnten Veranstaltungskalender Bescheid geben, wo sich die Kollegen am Wochenende die Nacht um die Ohren schlagen wollen.

Einige Praxisbeispiele gibt es natürlich. Viele davon sind jedoch mehr spielerischer Natur als wirklich sinnvoll. Die Aktion “Ferien ohne Internet” von Schweiz Tourismus oder das “Museum of Me” von Intel zeigen, was sich mit Facebooks für Entwickler zugänglichen Datenschatz anstellen lässt. Im kommerziellen Bereich wird der Levi’s Store gerne als Beispiel herangezogen. Allerdings besteht dort bereits das Problem, dass nur wenige Bekanntenkreise so sehr von einer Jeansmarke in den Bann gezogen werden dürften, als dass sich brauchbare Empfehlungen aus den Likes der Freunde ergeben würden. Schon recht intensiv wird das Thema Personalisierung über Facebook von Filmempfehlungswerkzeugen in Angriff genommen. tweek (unser letzter Bericht) und Moviepilot (unser Review) sind zwei Anbieter, die ihre Inhalte ausgehend von Facebook-Daten präsentieren.

 

Schweiz Tourismus setzt auf Personalisierung via Facebook

Dass sich nur wenig sinnvolle Anwendungen finden lassen, dürfte auch daran liegen, dass Facebook wenig davon profitiert, sein Wissen und seine gehorteten Daten an Dritte weiterzugeben. Entsprechend wenig werden die Möglichkeiten von dem Social Network propagiert. Für Facebook selbst steht eher der umgekehrte Weg im Vordergrund, nämlich noch mehr darüber zu erfahren, was die User außerhalb von Facebook so treiben.

So werden weitere Daten generiert, die sich dann wiederum in die besser gezielte Auslieferung von Werbeinhalten und somit direkt in harte Dollars ummünzen lassen. Aus diesem Grund wird die Anfang 2012 lancierte Möglichkeit, Tätigkeiten auf externen Webangeboten automatisiert bei Facebook zu publizieren, auch viel mehr in den Vordergrund gerückt. Welchen Nutzen es dem Anwender bringt, auf Facebook zu erfahren, welchen Song sich ein Freund angehört oder welches Rezept er gekocht hat, ist aber fraglich. Auf einer externen Plattform zum passenden Thema könnte aus diesen Daten stattdessen ein echter Zusatznutzen geschaffen werden.

Dass Facebook sein Datenwissen unentgeltlich zur Verfügung stellt, ist ein großes Geschenk an die Webgemeinde. Unverständlich erscheint daher, dass kaum jemand die Gelegenheit beim Schopfe packt. Eine sinnvolle Personalisierung würde einen Gewinn für viele Webdienste darstellen. Hoffentlich kommen diese bald auf den Geschmack.

 

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9 Kommentare

  1. Ein Beispiel habe ich noch: europapark.com

    Personalisierung mit Facebook ist ein tolles Tool. Besser ist jedoch, wenn man die Daten selber sammeln (und für eigene Zwecke) verwerten kann. Amazon z.B. tut dies schon ewig und über Verallgemeinerung.
    Trotz vieler Pros für die Nutzung der Personalisierung bleibt doch das Gefühl einer willkürlichen Abschaltung/Einschränkung/Änderung der Möglichkeiten seitens FB ausgeliefert zu sein. Wer mag da investieren?

    • Toll, dass der Europapark da versucht, eine Personalisierung reinzubringen. Auch wenn es schwierig ist nachzuvollziehen, was da genau nun personalisiert wird.

      Die Abhängigkeit von Facebook könnte in der Tat ein Grund sein, der einen bremst, in eine solche Umsetzung zu investieren. Auf der anderen Seite liessen sich viele Möglichkeiten schon mit geringem Aufwand umsetzen, so dass sich die Kosten/Nutzen bestimmt die Waage halten würden. Für mich geht das somit ein in die Richtung “faule Ausrede”.

  2. Es ist effektiv unerklärlich, warum das Potential nicht erkannt wird. Mit Fokus E-Commerce habe ich ebenfalls letzten Herbst darauf aufmerksam gemacht.

  3. Wer braucht das? Oder noch bessere frage: wer möchte das? Gut, uns würde dann vielleicht noch besser bewusst wie leichtfertig wir mit unseren Daten umgehen, aber wenn wir es merken sind die Daten ja schon längst bei Facebook.

    • Das Schöne an Facebook ist ja: Jeder darf, keiner muss.

      Was gefällt dir besser: Wenn du einen Laden betrittst, dort mit Namen begrüsst wirst und man dir auch gleich dein Lieblingsgetränk offeriert – oder die anonyme Einkaufshalle, wo man nur um dich kümmert, wenn du deine Geldbörse zückst?

      Die Facebook Graph API bietet die Möglichkeit, dass Webshops und Plattformen dem ersten Laden entsprechen. Mit der Option, dass man dies nicht in Anspruch nehmen will, wenn man nicht will.

      Ich würde gerne.

  4. Zum Glück habe ich keinen Facebook Account.

    Ich als User wollte nicht, dass jede x-beliebige Seite sofort meine privaten Daten zu Verfügung gestellt bekommt. Und ich denke auch, das viele die einen FB Account haben das ähnlich sehen, wenn sie davon wüßten.

    Allerdings bekomme ich auch immer häufiger mit, dass den Leuten FB sowieso schon lästig geworden ist und sie sich kaum noch einloggen.

    Facebook sollte sich mit dem Börsengang beeilen, bevor die Blase platzt. mySpace hat das ja gut hinbekommen.

  5. “Sinnvolle Personalisierung” ist dabei die Kombination, die nicht aus den Augen gelassen werden sollte. Etliche sind dem überdrüssig, eben weil es meist als Spielerei oder nicht wirklich zweckdienlich genutzt wird.

    Die Personalisierung zur Anzeige von Angeboten in nächster Nähe beispielsweise zu zeigen, ist einfach und nützlich und doch so selten gesehen.

  6. “Was gefällt dir besser: Wenn du einen Laden betrittst, dort mit Namen begrüsst wirst und man dir auch gleich dein Lieblingsgetränk offeriert – oder die anonyme Einkaufshalle, wo man nur um dich kümmert, wenn du deine Geldbörse zückst?”Auf jeden Fall die Anonyme Einkaufshalle, da ich dann nicht genervtwerde mit Angeboten die Aufgrund meiner letzten Einkäufe passen könnten.Und die Erfahrung lehrt bereits, das Angebote die man nicht Vergleicht,gar keine sind bzw. man mehr Geld investiert, jedoch selten ein echtesAngebot hat.”Allerdings bekomme ich auch immer häufiger mit, dass den Leuten FBsowieso schon lästig geworden ist und sie sich kaum noch einloggen.”Das gleiche beobachte ich auch..

  7. Ist nicht die freundliche Begrüßung mit Namen + Getränk das etwas umständlichere Äquivalent dieser “Was können wir für Sie tun”- Servicefiktion? Ich präferiere die gut ausgestattete und ästhetisch angenehme anonyme Einkaufshalle mit dem guten Angebot und im Zweifel kompetenter Beratung…

2 Pingbacks

  1. [...] ist mein erster Artikel online gegangen: Personalisierung über Facebook – Webangebote verschlafen ihre Möglichkeiten. – die Weiterführung eines Gedankens, den ich hier bereits einmal aufgenommen [...]

  2. [...] einem Facebook bietet, noch komplett ausser Acht gelassen. Gerade heute hat Manuel Reinhard drüben bei Netzwertig das Thema wieder aufgegriffen. Hier schläft der (Schweizer) E-Commerce noch ziemlich tief – ob ihn [...]

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