Klonfabrik Rocket Internet:
Auch die Samwer-Philosophie
hat eine gute Seite

Strategie und Geschäftsgebaren der Samwer-Brüder sorgen immer wieder für berechtigte Kritik. Doch der Vorgehensweise des Unternehmertrios lässt sich manchmal auch etwas Positives abgewinnen.

Regelmäßige Leser werden sich angesichts dieser Überschrift ungläubig die Augen reiben – netzwertig.com verteidigt die Samwer-Brüder?! In der Tat vertreten wir sonst eher eine kritische Meinung zu dem berühmt-berüchtigten Trio und ihrer Copycat-Schmiede Rocket Internet.

Doch auch das Treiben Oliver, Marc und Alexander hat eine positive Seite. Die jüngste Meldung zu Plänen eines Square-Konkurrenten aus dem Hause Rocket Internet verdeutlicht diese.

Laut einem Bericht von deutsche-startups.de plant der Berliner Inkubator den Launch eines Kartenreader- und Paymentdienstes für Smartphones nach dem Vorbild von Square, dem kalifornischen Startup von Twitter-Gründer Jack Dorsey, das sich immer mehr zu einer Art iTunes für den lokalen Handeln entwickelt.

Details zu dem neuesten Samwer-Projekt sind rar. Angeblich soll es Zenpay heißen und wie üblich schnell international etabliert werden.

Und genau die Internationalisierung ist es, mit der sich Square bisher Zeit gelassen hat. Zwar ist für 2012 ein Auslandsengagement angekündigt, aber schon allein die Inkompatibilität der derzeitigen Square-Hardware mit dem bei europäischen Kreditkarten üblichen Chipverfahren stellt eine Hürde für den Eintritt in hiesige Märkte dar. Hinzu kommen eine Vielzahl regulatorischer und bürokratischer Aspekte, die von Land zu Land unterschiedlich sind. Und in manchen Regionen – wie Deutschland – sind statt Kreditkarten vorrangig Girokarten verbreitet, was bei der Expansion ebenfalls berücksichtigt werden muss.

Kurzum: Einen in möglichst vielen Ländern funktionierenden Kartenleseaufsatz für Mobiltelefone anzubieten, ist eine Herkulesaufgabe. Auch iZettle, Europas Antwort auf Square, beschränkt sich derzeit auf die relativ homogenen nordischen Länder und schielt außerdem auf Großbritannien. Seit neuestem will zudem PayPal in dem Segment mitmischen und verspricht für sein angekündigtes Kartenlesegerät eine internationale Einsatzfähigkeit. Dass der Kartenadapter aber sofort weltweit ausgeliefert wird, ist nicht garantiert. Weitere aus den USA stammende Square-Nachahmer heißen PAYware, GoPayment oder ROAMpay.

Sollte es den Samwers tatsächlich gelingen, trotz der beschriebenen Unwegbarkeiten Zenpay nach dem typischen Rocket-Internet-Muster in kürzester Zeit in einer Vielzahl von bisher mit dem Originalprodukt unterversorgten Märkten verfügbar zu machen, dann verdient dies nicht nur Respekt, sondern wäre eine erfreuliche Nachricht für alle diejenigen, denen die bisher angebotenen Kartenlesegeräte aufgrund ihres Wohnortes nicht zur Verfügung stehen.

Zenpay würde nicht der erste Fall sein, in dem die Samwer-Nachahmung eines in den USA erfolgreichen Internetunternehmens für Nutzer positive Konsequenzen hätte: Als die Brüder mit Zalando den Onlineschuhversender Zappos inklusive dessen besonders kundenfreundlicher Servicebedienungen nachbauten, machten sie zahlreichen Schuhliebhabern in Deutschland und anderen Ländern mit kostenlosem Versand und Rückversand, 100 Tage Rückgaberecht und einer Gratis-Hotline eine große Freude. Hätte es Zalando nicht gegeben, wäre das Einkaufen von Schuhen im Internet womöglich auch heute noch umständlich und teuer. Zumal dann vielleicht später entstandene, lokale Zalando-Konkurrenten wie Javari und Mirapodo gar nicht existieren oder weniger kundenfreundliche Konditionen bieten würden.

Auch in Hinblick auf die Rocket-Kopie der aus Schweden stammenden Geschenkkarten-Applikation Wrapp profitieren am Ende die Konsumenten: Denn ursprünglich wollte sich das Stockholmer Startup nach der Eroberung der skandinavischen Länder erst einmal auf den US-Markt konzentrieren und dort in Kooperation mit Einzelhandelsketten (teilweise auch kostenfreie) Geschenkgutscheine anbieten. Doch dann begannen die Samwers, ihre Imitation DropGifts in einer Reihe europäischer Länder zu lancieren. Und schwupps wurde im Hause Wrapp die Expansionsstrategie modifiziert. Jetzt will Wrapp deutlich schneller eine große Zahl ausländischer Märkte erobern. In Deutschland, Österreich und der Schweiz geht es demnächst los.

Mit ihrer unglaublichen Fähigkeit, neue Konzepte blitzschnell in internationalen Märkten verfügbar zu machen, füllen die drei Unternehmer regelmäßig Lücken, die zwar aus nachvollziehbaren Gründen von den “originalen” Startups über einen längeren Zeitraum nicht belegt werden, die aber in einer globalisierten, vernetzten Welt von den Nutzern und Konsumenten nicht länger toleriert werden.

Ihren schlechten Ruf verdanken die drei Geschäftsmänner der Tatsache, dass sie regelmäßig Grenzen überschreiten. Sei es, indem sie nicht nur ein Konzept kopieren (legitim), sondern gleich das gesamte Design. Sei es, dass sie Startups klonen, bei denen die Schaffung einer “lokalen” Version überhaupt nicht sinnvoll ist (Beispiel Pinterest/Pinspire). Sei es, dass sie sich zweifelhafter Maßnahmen bedienen, um auf sich aufmerksam zu machen. Oder sei es die ungebändigte Aggressivität, mit der sie intern und extern ihre Ziele durchzusetzen versuchen.

All diese Praktiken gehören zum Erfolgsmodell Samwer, das wahrscheinlich für die Beteiligten nur deshalb so gut funktioniert, weil regelmäßig auf teilweise problematische Art mit Konventionen und allgemein als ethisch korrekt geltenden Verhaltensweisen gebrochen wird.

Manchmal sind dabei nur die Samwers und ihre Kapitalgeber die direkten Nutznießer. In einigen Situationen jedoch beschleunigen Oliver, Marc und Alexander die Ausbreitung neuer Konzepte und Geschäftsmodelle, die sonst über einen langen Zeitraum vielen Menschen nicht zugänglich gewesen wären. Die Mittel, die dafür zum Einsatz kommen, sollte man nicht gutheißen. Aber aus Sicht der Nutzer stimmt das Resultat in Einzelfällen trotzdem. Bei Zalando war dies so. Und bei Zenpay könnte es erneut so kommen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

Mehr lesen

Rocket Internet: Mit der Bestätigung deutscher Klischees zu internationaler Anerkennung

2.10.2014, 6 KommentareRocket Internet:
Mit der Bestätigung deutscher Klischees zu internationaler Anerkennung

Wurde es anfänglich maximal belächelt, hat sich Rocket Internet mittlerweile auch international Anerkennung und Respekt erarbeitet. Das Unternehmen wird durch seinen medial intensiv bewachten Aufstieg zum Botschafter der hiesigen Webwirtschaft - und erfüllt dabei auf fast schon komische Weise die Klischees, die man sich so in der Welt über Deutsche erzählt.

Heißer Herbst für Lebensmittel-Lieferdienste: Deutsche Instacart-Rivalen bringen sich in Stellung

22.9.2014, 8 KommentareHeißer Herbst für Lebensmittel-Lieferdienste:
Deutsche Instacart-Rivalen bringen sich in Stellung

Noch bevor der Lebensmittel-Lieferdienst Instacart den Sprung nach Europa macht, bringen sich hiesige Rivalen in Stellung. Rocket Internet soll an einem Klon arbeiten. Das eigenfinanzierte Darmstädter Startup Algel hält die Gelegenheit für ideal, die Stärken seines Modells hervorzuheben.

Rocket Internet und Otto mischen mit: Inkubatoren-Startups wollen ein Stück vom Selfstorage-Kuchen

16.9.2014, 7 KommentareRocket Internet und Otto mischen mit:
Inkubatoren-Startups wollen ein Stück vom Selfstorage-Kuchen

Selfstorage ist ein Milliardengeschäft. Rocket Internet und die Otto Gruppe haben unabhängig voneinander Startups angeschoben, die das Segment nach dem üblichen Muster der Webökonomie aufmischen sollen.

Vorbild Alibaba: 6 Zitate von Oliver Samwer, die unter anderem Rocket Internets gigantische Pläne beschreiben

1.8.2014, 3 KommentareVorbild Alibaba:
6 Zitate von Oliver Samwer, die unter anderem Rocket Internets gigantische Pläne beschreiben

Bislang galt Rocket Internet als hocheffiziente Klon-Fabrik. Doch geht es nach CEO Oliver Samwer, wird sich das Unternehmen eines Tages mit dem chinesischen Internetgiganten Alibaba messen lassen können.

Disruption um jeden Preis: Der Aufstieg der Aggro-Entrepreneure

30.5.2014, 13 KommentareDisruption um jeden Preis:
Der Aufstieg der Aggro-Entrepreneure

Einige der mächtigsten Internetfirmen der Welt werden von egozentrischen, rücksichtslosen oder anderweitig "problematischen" Persönlichkeiten angeführt. Ihr gnadenloses Vorgehen tangiert Millionen Menschen.

Zombie-Startup: Das seltsame Festhalten der Samwers am Pinterest-Klon Pinspire

12.3.2013, 10 KommentareZombie-Startup:
Das seltsame Festhalten der Samwers am Pinterest-Klon Pinspire

Der Pinterest-Klon Pinspire gehört zu den unrühmlichen und wenig erfolgreichen Episoden samwerscher Gründungstätigkeit. Dennoch wird das vor sich dahinvegetierende Startup partout nicht aufgegeben.

Möglicher Beginn einer größeren Korrektur: Erfolgsverwöhnte Webfirmen geraten ins Taumeln

5.5.2014, 11 KommentareMöglicher Beginn einer größeren Korrektur:
Erfolgsverwöhnte Webfirmen geraten ins Taumeln

Seit kurzem mehren sich Negativmeldungen renommierter Internetfirmen. Ob Twitter, Foursquare, Square oder Box - das Image millionenschwerer Tech-Startups als Kandidaten für sicheren Erfolg bröckelt. Die Branche könnte vor einer größeren Korrektur stehen.

Im Laden mit dem Smartphone bezahlen: SumUp kopiert Square Wallet, alle anderen werden folgen

13.2.2013, 0 KommentareIm Laden mit dem Smartphone bezahlen:
SumUp kopiert Square Wallet, alle anderen werden folgen

Es war nur eine Zeitfrage, bis die innovative Smartphone-Bezahllösung Square Wallet von einem europäischen Startup nachgeahmt werden würde. SumUp aus Berlin will den Anfang machen. Die Konkurrenz wird folgen.

Kreditkarten-Reader für Smartphones: Vom Blickfang zum Allerweltsprodukt

7.2.2013, 9 KommentareKreditkarten-Reader für Smartphones:
Vom Blickfang zum Allerweltsprodukt

Aufsätze für Smartphones, um Kreditkarten lesen zu können, sind mittlerweile eine Commodity. Startups in diesem Segment müssen sich zu Plattformen entwickeln.

Personalisiertes Radio: Aupeo veröffentlicht iPad-App

29.8.2011, 7 KommentarePersonalisiertes Radio:
Aupeo veröffentlicht iPad-App

Aupeo hat eine kostenlose iPad-Applikation veröffentlicht. Die personalisierbaren Radiostreams des Berliner Musikdienstes gelangen so aufs Apple-Tablet.

4 Kommentare

  1. Also ich Stimme dem schon zu. Aber das machen Sie für sich und nicht für den Nutzer. Ob dann die Modelle langfristig funktionieren ist ja aus meiner Sicht noch nicht bewiesen. Sicherlich erhält der Nutzer etwas was es so vorher nicht gab. Aber müssen dazu AGB´s und Design´s kopiert werden?

  2. Also ich Stimme dem schon zu. Aber das machen Sie für sich und nicht für den Nutzer.

    Das gilt aber für jedes gewinnorientierte Unternehmen ;)

    Aber müssen dazu AGB´s und Design´s kopiert werden?

    Das ist in der Tat das Traurige.

  3. Guter, objektiver Artikel Martin.

    Was Du in Deiner Zusammenfassung vergisst, sind die ganzen Arbeitsplaetze, die von den Herren Samwer geschaffen werden. Und das weltweit….!

  4. Hallo,
    ein Unternehmen hat nur zwei betriebswirtschaftliche Ziele. Gewinn erzielen und Gewinnquellen sichern. Wie, ist doch egal. Wenn das die Unternehmensstrategie ist, dann soll es doch so sein. Das Unternehmen hat sogar einen Beitrag zur Volkswirtschaft.
    Gruß

3 Pingbacks

  1. [...] Lanzenbruch für Rocket Internet. Netzwertig-Autor Martin Weigert greift sich ein Herz und beschreibt die guten Seiten der Strategie und des Geschäftsgebaren der Samwer-Brüder. Er führt anhand von drei exemplarischen Samwer Klons (Zalando, Zenpay und Dropgifts) vor allem volkswirtschaftlichen Nutzen ins Feld. Der (deutlich zu kurz geratene) Artikel dürfte die ohnehin schon kontroverse Copycat-Debatte weiter befeuern. Dennoch wichtig und lesenswert. Zum Artikel [...]

  2. [...] hängen. Immerhin ist Cinemagram eine schon beinahe so dreiste Kopie von Instagram, dass sich die Samwer-Brüder bestimmt wohlfühlen würden [...]

  3. [...] In Bezug auf die Samwer-Brüder nehme ich es so wahr: Die US-amerikanische Gründerszene wird mehr und mehr auf die Jungs aufmerksam – mit einer Mischung aus Respekt, Irritiertheit und dem Wunsch, ihnen nicht selbst vor die Flinte zu laufen. Aber die aggressive Grundhaltung gegenüber der Herangehensweise, funktionierende Ideen und Geschäftsmodelle in andere Märkte zu bringen, gibt es so hier nicht. Die ewige Klon-Debatte ist wohl eine rein deutsche Spezialität – auch wenn sich zunehmend Stimmen melden, die auch in Deutschland mehr Differenzierung fordern, zum Beispiel bei Gründerszene oder bei Netzwertig.com. [...]

vgwort