Square:
Das iTunes des lokalen Handels

Mit einem Kartenleseaufsatz für Smartphones stieß das von Twitter-Macher Jack Dorsey gegründete US-Startup Square in das Bewusstsein des lokalen Handels vor. Mittlerweile verfolgt das Unternehmen eine höhere Mission: Zahlungsprozesse am Point-of-Sale radikal zu vereinfachen und zu verbessern.

Das Bezahlen mit dem Smartphone in stationären Geschäften gehört zu den Wunschträumen zahlreicher Tech-Apologeten, IT- und Internetfirmen sowie Handelsunternehmen. Mit dem Übertragungsstandard Near Field Communication soll aus dieser Vision Realität werden.

Doch bis zum großen Durchbruch von NFC kann noch einige Zeit vergehen: Denn bisher unterstützen nur wenige Smartphones den Standard (das iPhone gehört nicht dazu), und auch für Geschäfte ist eine technische Aufrüstung erforderlich, um Kunden per NFC bezahlen lassen zu können. Und nicht zuletzt müssen die Verbraucher selbst erst lernen, wie sie mittels NFC bargeld- und kartenlos einkaufen können.

Square, der von Twitter-Co-Founder Jack Dorsey gegründete US-Anbieter eines Kartenlese-Aufsatzes für iPhone und Android-Smartphones, nutzt die allgemeine Aufmerksamkeit für das mobile Bezahlen, um eine eigene Lösung zu etablieren, die ganz ohne NFC auskommt und die es Kunden von beteiligten Geschäften ermöglicht, vor Ort Produkte oder Dienstleistungen zu erwerben, ohne dafür Bargeld oder eine Kreditkarte zücken zu müssen.

Während Square sich mit seinem Kartenleser bisher vorrangig an Händler und Gastronomen gerichtet hat, die auf die Anschaffung einer kostspieligen Kartenlese-Hardware verzichten wollen, möchte das Unternehmen aus San Francisco nun stärker in das Bewusstsein der Konsumenten vordringen.

Square erlaubt passive Transaktionen 

Pay with Square” nennt sich die neue App für iPhone und Android, die aus dem im August lancierten “Card Case” hervorging und die das “reibungslose” Bezahlen nun endlich einer breiten Masse zugänglich machen soll. Die Funktion selbst existiert schon seit einigen Monaten, wird künftig aber deutlich prominenter hervorgehoben.

Die Funktionsweise klingt extrem verheißungsvoll: Kunden mit der Pay with Square-App auf ihrem Smartphone können in ein Squares iPad-Händleranwendung einsetzendes Geschäft marschieren. Geht es ans Bezahlen, nennen die Kunden ihren Namen. Das Personal sieht über die Square-App Namen und Fotos aller anwesenden Square-Benutzer und stellt den zu zahlenden Betrag dem jeweiligen Kundenkonto in Rechnung. Dieser wird anschließend über die einmalig bei Square hinterlegte Kreditkarte des Kunden abgebucht. Fertig.

Die Pay with Square-App verwendet Geofencing-Technologie, um den aktuellen Standort des Anwenders abzurufen und dem jeweiligen Personal eines Square-Geschäfts anzuzeigen, welche Kunden sich gerade vor Ort befinden. Auf Basis der Koordinaten informiert die Applikation Nutzer zudem darüber, welche Händler, Cafés und Restaurants in der Umgebung die passive Zahlung mittels Square ermöglichen.

“Pay with Square ist magisch”

Pay with Square kann wie die anderen Square-Leistungen bisher nur in den USA genutzt werden, weswegen ich den Dienst noch nicht ausprobieren konnte. Ex-TechCrunch-Autor und Jung-Investor MG Siegler (der jedoch nicht an Square beteiligt ist) beschreibt seinen Eindruck mit den Worten “magisch”. Doch genau weil dies so sei und weil Pay with Square so ungewohnt simpel funktioniert, läge die größte Hürde für das kalifornische Startup darin, Konsumenten davon zu überzeugen, dass bei dem für sie vollkommen passiven Zahlungsprozess alles mit rechten Dingen zugeht, so Siegler.

Ende 2011 gab Square bekannt, dass das einstige Kernprodukt des Unternehmens – das Smartphone-Kartenlesegerät – von mehr als einer Million Händlern und Privatpersonen in den USA zur Zahlungsabwicklung eingesetzt wird. Nur ein Bruchteil davon dürfte zum aktuellen Zeitpunkt das Bezahlen mit der “Pay with Square”-Anwendung erlauben. Doch existiert erst einmal ein Geschäftsverhältnis zwischen Square und einem Einzelhändler oder Gastronom, dann stehen die Chancen nicht schlecht, diesen mittelfristig an “Pay with Square” anzuschließen.

Rund drei Milliarden Dollar werden mittlerweile auf jährlicher Basis über Square bewegt.  Bei der geltenden Provision von 2,75 Prozent bedeutet dies rund 82 Millionen Dollar Umsatz. Davon allerdings muss Square unter anderem die Transaktionsgebühren der Kreditkartenfirmen begleichen.

Wie iTunes für den lokalen Handel

Squares jüngstes Produkt erinnert vom Grundprinzip an Apples iTunes-Zahlungssystem: Genau wie Konsumenten dort lediglich einmal ihre Zahlungsverbindung angeben müssen und anschließend mit einem Klick und minimalem Aufwand Apps und Medieninhalte erwerben können, erlaubt Square den Einkauf im lokalen Handel, ohne dass für jede Transaktion erneut Zahlungsinformationen übermittelt werden müssen. Aus E-Mail-Adresse und Passwort bei iTunes werden Name und Gesichtskontrolle bei Square.

Für Verbraucher bedeutet dies maximale Freiheit und auch Sicherheit, denn sie können ihre Geldbörse zu Hause lassen und sich aufgrund des vom jeweiligen Geschäft durchgeführten Gesichtsabgleichs sicher sein, dass niemand anderes in ihrem Namen einkaufen kann. Zudem haben sie jederzeit Zugriff auf ihre Zahlungshistorik. Händler wiederum binden mit dem Verfahren Konsumenten an sich und erhalten Möglichkeiten zur Personalisierung, indem sie Kunden mit Namen ansprechen und Details über ihre früheren Produktpräferenzen erfahren können.

Square steht derzeit lediglich Anwendern in den USA zur Verfügung, hat jedoch für dieses Jahr Expansionspläne. Ob sich diese nur auf das Kartenlesegerät oder alle Lösungen das kalifornischen Unternehmens beziehen, ist unklar. Eine Herausforderung bei der Internationaliserung des Kartenlesers liegt in der Tatsache, dass Square nur Karten mit dem in den USA noch üblichen Magnetstreifen lesen kann. In Europa ist dagegen der als sicherer geltende EMV-Chip üblich. Bis 2013 soll dieser jedoch auf der anderen Seite des Atlantiks etabliert werden. Spätestens dann muss Square umsatteln.

Mit iZettle existiert bereits eine europäische Antwort auf Square. Im Sommer vergangenen Jahres hatten wir einen exklusiven Blick auf das momentan für Nutzer in den nordischen Ländern angebotene, für das iPhone gefertige Kartenlesegerät geworfen.

Square ist iZettle (und anderen Nachahmern wie PayPal) jedoch nicht nur hinsichtlich seiner Marktpenetration voraus, sondern auch, was die Evolution des Produkts betrifft: Denn spätestens mit der nun angepriesenen Bezahllösung tritt das US-Unternehmen nicht mehr länger als Anbieter eines Kartenlese-Adapters für Smartphones auf. Stattdessen positioniert sich die Firma von Ausnahme-Entrepreneur Jack Dorsey als zukunftsorientierter, innovativer Dienstleister zur kostenschonenden, radikalen Vereinfachung und Verbesserung von Zahlungsprozessen am Point-of-Sale. Dieser dürften weder Verbraucher noch Einzelhändler und Gastronomen gegenüber abgeneigt sein.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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2 Kommentare

  1. Was mich an mobilen Zahlungslösungen generell stört:
    Ich habe bis heute noch nichts gefunden, was wirklich einfacher und schneller ist, als das bezahlen mit Kreditkarte.

    Sicher, es ist irgendwie cooler, aber mir fehlt die ultimative Lösung.

    Ich bin ja auch für neue Zahlungsmöglichkeiten, aber wenn jetzt gefühlt hundert Unternehmen mit hundert verschiedenen Technologien den Einzelhandel überzeugen wollen, geht es dem durchschnittlichen Händler wohl bald wie den Lieferdiensten, die jede Woche von einem anderen Lieferdienstvermittler belästigt werden, weil ihr Modell ja das absolut beste ist.

    Auch die Masse an Konsumenten steigt vermutlich nicht ganz durch, wenn bei Einzelhändler A Technologie X mit App Y fuktioniert, bei Händler B…..

    Und wenn die Masse nicht überzeugt ist, rentiert es sich für den Händler wieder nicht, das System länger als für den Testzeitraum einzusetzen, denn die Kosten für die bisherigen Technologien (Kartenleser, Bargeldhandling) müssen auch weiterhin getragen werden. Ein Teufelskreis.

    • Hallo Daniel

      Ich habe bis heute noch nichts gefunden, was wirklich einfacher und schneller ist, als das bezahlen mit Kreditkarte.

      Ich persönlich finde die Idee, den Kunden über das Foto zu authorisieren sehr gut. Vor allem ist es doch einfacher nur den Namen mitzuteilen als die Kreditkarte zu zücken, in ein Lesegerät zu stecken und dann noch einen PIN einzugeben oder einen Stift in die Hand nehmen zu müssen um zu unterschreiben.

      Die Flut von verschiedenen Zahlungsmöglichkeiten ist wohl eher eine temporäre Erscheinung und auch dieser Markt wird sich mittelfristig konsolidieren.

      Wie stellst du dir dann eine gute Zahlungslösung vor? Oder anders gefragt, wie müsste eine Zahlung deiner Meinung nach funktionieren, damit du diese auch lieber als die Kreditkarte nutzen würdest?

      Gruss Matthias

6 Pingbacks

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  2. [...] dass die Akzeptanz von Kreditkarten kinderleicht und vor allem billiger macht. Die Mission fasste Netzwertig kürzlich zusammen: “Zahlungsprozesse am Point of Sale radikal zu vereinfachen und zu [...]

  3. [...] ist das wohl Act Two. Und [...]

  4. [...] mit der an Endverbraucher gerichteten Anwendung stößt Orderbird in Gefilde vor, die in den USA gerade von Square eingenommen werden. Im Gegensatz zu dem US-Dienst fehlt Orderbird noch die Integration einer Zahlungskomponente für [...]

  5. [...] Seite des Atlantiks viele Gelegenheitshändler und Kleinunternehmer für sich gewinnen konnte (und mittlerweile in neue Gefilde vorstößt), gehört der hiesige Markt damit trotz seiner Größe zu den besonders schwierigen, was eine [...]

  6. [...] entgegen zu nehmen. Heute ist die mit 3,25 Milliarden Dollar bewertete kalifornische Jungfirma zwar deutlich breiter aufgestellt. Der Cardreader – mittlerweile auch für Android erhältlich – stellt aber weiterhin [...]

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