“Pinterest für irgendwas”:
Wieso die Startup-Wirtschaft
in sich gehen sollte

Während bei zwei mit großen Hoffnungen debütierten Onlinediensten das Licht ausgeht, wartet auf Early Adopter schon der nächste überstrapazierte Hype. Es ist an der Zeit, die derzeitige Entwicklung der Startup-Wirtschaft zu hinterfragen.

Als passionierter Berichterstatter über die Geschehnisse aufstrebenden Startups der digitalen Sphäre gehört es zu meinen Aufgaben, selbst die Anwendungen mit einer unvoreingenommenen Grundhaltung auszuprobieren, mit denen durchschnittliche Webnutzer im aktuellen Stadium nicht eine Minute ihrer Zeit vergeuden würden. Zuletzt traf dies beispielsweise auf die explosionsartig wachsende Zahl an “People Discovery”-Apps wie Highlight, Glancee oder Gauss zu, deren praktischer Nutzwert – sofern er denn existiert – aufgrund der fehlenden kritischen Masse im aktuellen Stadium noch nicht zu spüren ist.

Doch selbst meine Geduld ist irgendwann am Ende. In dieser Woche erreichte ich den seltenen Punkt, an dem mich weitere, mit vollmundigen Versprechungen angepriesene mobile Location-Apps mit völlig unklarem Nutzwert nur noch irritierten, und an dem ich mir die Frage stellte, ob die jeweiligen Gründer hinter ihrer üblichen “It’s awesome”-Fassade wirklich selbst an das Potenzial ihres Vorhabens glauben.

Nicht unwesentlich meine aktuelle Stimmungslage beeinflusst haben die Nachrichten von der überraschenden, kurzfristigen Schließung der mit viel Brimborium lancierten Bewertungs-App Oink nach weniger als fünf Monaten sowie der Übernahme von Posterous durch Twitter. Die Plattform zum simplen und minimalistischen Publizieren galt einst als mögliche nächste Evolutionsstufe des klassischen Bloggings – doch diese Rolle übernahm stattdessen Posterous-Konkurrent Tumblr. Da Twitter primär am Team des akquirierten Startups interessiert war, ist ein baldiger Schlussstrich für Posterous sehr wahrscheinlich.

Lange nicht mehr konnte man die Vergänglichkeit und Veränderlichkeit der bunten Startup- und App-Welt so stark spüren wie in diesen Tagen. Die zwei genannten Beispiele verdeutlichen, dass auch eine anfängliche Euphorie wie im Falle Posterous oder ein prominenter Gründer wie bei Oink keine verlässlichen Indizien für eine nachhaltige Existenz darstellen. Was heute noch als “großartig” gefeiert wird, kann von den Machern schon morgen als “Test” deklariert werden, der zugunsten eines neuen Projekts abgeschlossen wird.

Das nächste kleine Ding: Bookmarking von Orten

Mit dieser frisch ins Bewusstsein gerufenen Erkenntnis im Hinterkopf fiel es mir nicht leicht, mit dem für mich sonst typischen Optimismus Berichten über den designierten nächsten Hype im Bereich standortbasierter mobiler Apps gegenüberzutreten: Social Bookmarking von Orten. Everplaces, CircleMe, Pinwheel, StikiNotes und Pin Drop heißen die Kandidaten in diesem (manchem deutschen User bekannten) Segment, die alle entweder kurz vor dem offiziellen Launch stehen oder gerade den Startschuss gegeben haben.

Allein die schiere Menge an parallel aus dem virtuellen Boden schießenden Apps dieser Art, aber auch die nur minimalen Differenzierungsmerkmale, die austauschbaren Slogans sowie absurde Parolen sorgen bei mir für einen Anflug von Verzweiflung:

“We’re building something epic. It will change the way we discover, share and remember the places we love” (StikiNotes)
“Find and leave notes around the world” (Pinwheel)
“Save and Share Places You Love” (Everplaces)
“Collect All Your Likes. Plant Them Around Town. Find New Things” (CircleMe)
“Location Bookmarking” (Pin Drop)

In einem Jahr werden mindestens vier von fünf dieser Apps entweder gar nicht mehr existieren, einen so genannten “Pivot” hingelegt haben und stattdessen auf den nächsten App-Trend aufgesprungen sein, oder sich in einem Schwebezustand kurz vor dem endgültigen Aus befinden – wobei die omnipräsente Jubelrhetorik der Gründerteams irgendwo zwischen Epic und Awesome mit aller Kraft aufrecht erhalten wird, bis es wirklich nicht mehr geht.

Die Probleme der heutigen App- und Web-Wirtschaft sind vielseitig. Hier sind einige:

  • Die Zeit der Nutzer ist begrenzt
  • Die Experimentierfreude der Nutzer ist gering
  • Das Vertrauen in die Versprechungen neuer Startups ist gering
  • Der Mehrwert vieler Apps wird Anwendern nicht klar
  • Die Austauschbarkeit vieler Apps ist hoch
  • Die Qualität mancher Apps lässt zu wünschen übrig
  • Das Gründerteam ist nicht fähig genug (alias: die Hürden, um eine mobile App zu entwickeln, sind niedriger denn je).

Es ist ein Naturgesetz der Unternehmensgründung, dass nur wenige Unterfangen zu einem wirklichen Erfolg werden. Die meisten Köpfe hinter der inflationären Zahl an Konsumenten-Apps sind sich darüber auch im Klaren. Populäre Dienste wie Twitter, Tumblr, Instagram oder Pinterest würden heute nicht existieren, hätten nicht mutige Menschen einst den Entschluss gefasst, sich trotz aller Bedenken, Konkurrenten und Risiken an die Entwicklung eines im ersten Augenblick trivial klingenden Social-Web-Dienstes zu machen.

Dennoch scheint es mir, als arbeiten im Jahr 2012 zu viele Gründerteams auf der Jagd nach dem großen Geld an den gleichen, im Zeitalter von Cloud Computing und Lean-Startup-Philosophien vergleichsweise einfach umzusetzenden Software-Ideen, die keine Probleme lösen, sondern im besten Fall der Unterhaltung dienen – die aber in 99 Prozent der Fälle zum Scheitern verurteilt sind. Gleichzeitig schreien viele andere Bereiche des Lebens förmlich nach durch Jungunternehmen vorangetriebener Innovation und Problemlösung. Andere teilen meine Sichtweise. Doch leider sind zu viele Gründer damit beschäftigt, das nächste “Pinterest für irgendwas” zu basteln – und ignorieren dabei, dass es einfacher ist, ein bestehendes Bedürfnis von Menschen zu befriedigen, statt eines künstlich zu erschaffen und darauf zu hoffen, damit bei Nutzern einen Nerv zu treffen.

Was ich mir von den App-Startups wünschen würde: Mehr Bodenständigkeit und weniger “alles ist total fantastisch”-Getue, mehr Anwenderperspektive statt konstruierter Use Cases, mehr Lust, aus der Masse herauszustechen, statt mit dem Strom zu schwimmen.

 

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2 Kommentare

  1. Als gutes Beispiel sollte man auch ruhig netzwertig.com erwähnen:
    Da hier auch immer nur ein paar Artikel pro Tag erscheinen, bin ich ein recht treuer Leser geworden und surfe die Seite (fast) jeden Tag an.

2 Pingbacks

  1. [...] des falsche Assoziationen weckenden Begriffs “Zeitung” verzichtet. In etwa so wie The Magazine von Instapaper-Macher Marco Arment, nur eben für eine breitere Zielgruppe.Qualität vor Quantität. Weniger ist mehr. Selten trafen [...]

  2. [...] nicht nur in Deutschland. Murdochs News Corporation ist gerade mit ihrer News-App „The Daily“ gescheitert. Nun könnte man Leser-Schelte betreiben und die Gratis-Mentalität der User dafür verantwortlich [...]