Apps und ihr Streben nach Viralität:
Wie Nutzer die Kontrolle
über das Sharing verlieren

Um von der Distributionskraft der führenden Webplattformen Facebook und Twitter profitieren zu können, bewegen viele Onlindienste ihre Nutzer dazu, Inhalte und Aktivitäten dort zu teilen – immer häufiger auf fragwürdige Art und Weise.

Microsofts Suchmaschine Bing hat kürzlich eine Funktion vorgestellt, die es Anwendern nach einer einmaligen Verknüpfung ihres Bing-Kontos mit Facebook ermöglicht, einzelne Suchergebnisse ihrer Person zuzuordnen. Auf diese Weise soll es ihren Facebook-Kontakten leichter gemacht werden, im Falle einer Suche nach den Namen von Freunden deren relevante Webpräsenzen zu finden.

Obwohl unklar ist, wie oft Facebook-Nutzer ihre Kontakte recherchieren, wollte ich mir das “Linked Pages” genannte Bing-Feature – das derzeit nur bei gewählter Ländereinstellung “USA” verfügbar ist – einmal genauer anschauen. Also führte ich eine “Ego-Suche” durch und betätigte bei den zu mir gehörenden Ergebnissen den “Link to me”-Button. Was ich jedoch übersah, war der beim Halten des Mauszeigers auf den Knopf eingeblendete Hinweis, dass diese Aktion in meiner Facebook-Timeline veröffentlicht wird.

Dies stellte ich erst im Nachhinein fest. In der Bing-Hilfe weist Microsoft darauf hin, dass bei mehreren an einem Tag verlinkten Sites nur ein entsprechender Eintrag auf dem Facebook-Profil landet. Immerhin. Trotzdem empfinde ich die Vorgehensweise von Bing als problematisch: Einerseits, weil Schnellklicker den Vermerk auf die Facebook-Aktion leicht übersehen, und andererseits, weil Anwendern keine Option geboten wird, eine Verlinkung der Suchergebnisse mit dem Bing-Profil vorzunehmen, ohne dass dies in der persönlichen Facebook-Chronik publiziert wird.

Die Bing-Neuerung gibt daher vorrangig den Anschein einer Maßnahme, um durch zehn- oder gar hunderttausend auf diese Weise generierte Einträge auf Facebook-Pinnwänden Traffic zu dem Google-Konkurrenten zu leiten, der dank eines strategischen Microsoft-Investments in Facebook schon länger mit dem Social Network gemeinsame Sachen macht.

Anwendern entgleitet die Kontrolle

Gleichzeitig unterstreicht der Vorfall ein immer weiter um sich greifendes Problem, nämlich dass Anwender grundsätzlich nicht mehr darauf vertrauen können, die volle Kontrolle darüber zu haben, wann sie welche Aktivitäten im Netz mit wem teilen.

Der US-Blogger Robert Scoble machte kürzlich auf einen Fall aufmerksam, bei dem eine junge mobile App sich enorme Freiheiten dabei nahm, nach einem Login über Facebook im Namen des Nutzers dessen Kontakte bei dem sozialen Netzwerk mit spamartigen Mitteilungen zu überschütten. Investoren üben Druck auf die Startups und ihre Entwickler aus, alles für eine maximale Viralität der Applikationen zu tun, so Scoble. Das stetige Gefühl der Nutzer, von Apps und Onlinediensten hintergangen zu werden, ist die logische und auf Dauer für das Vertrauen der Anwender in die Webwelt gefährliche Folge.

Weitere Beispiele für derartig fragwürdige Vorgehensweisen lieferten kürzlich auch GetGlue und foursquare. Beide Dienste publizierten im November ohne meine konkrete Erlaubnis Informationen in meinem Facebook- bzw. Twitter-Stream. In beiden Fällen geschah dies, weil in meinen Konteneinstellungen eine entsprechende Sharing-Funktion als Standard aktiviert war – ohne dass ich darüber in Kenntnis gesetzt wurde.

Einstellungen, die leicht zu übersehen sind

In meinem damaligen Artikel zögerte ich noch damit, das permanente und bewusst intransparent gestaltete Streben von Apps und Webservices danach, im Namen der Nutzer über deren Social-Web-Konten publizieren zu können, als neuen Trend zu bezeichnen. Mittlerweile lässt sich dies jedoch nicht mehr von der Hand weisen. Die Zahl der Applikationen, die auf dem Social Graph der Anwender aufbauen, wächst unaufhörlich, während das Zeitbudget der User konstant bleibt. Mit entsprechend harten Bandagen und einem Anfluch von Verzweiflung versuchen die Macher junger Dienste, sich Beachtung zu erzwingen. Häufig, indem sie es Nutzern so einfach wie möglich machen, wichtige Optionen zur Kontrolle des Sharings zu übersehen.

Übliche Werkzeuge hierfür sind versteckt untergebrachte Optionen für das Sharing, als Standard gesetzte Häkchen bei den entsprechenden Einstellungen oder schwammig formulierte, an für die Wahrnehmung durch die User ungünstiger Stelle positionierter Hinweise.

Facebooks Open-Graph-Apps machen alles noch schlimmer

Verschlimmert wird die Situation durch Facebooks Open-Graph-Applikationen, die über das sogenannten “reibungslose Teilen” (“Frictionless Sharing”) automatisiert Nutzeraktivitäten bei dem Social Network veröffentlichen können. Viele mit der Facebook-Plattform verbundene Internetdienste versprechen sich durch die erhöhte Sichtbarkeit in der Timeline, im Ticker und in aggregierter Form im Newsfeed neue Nutzer, weshalb wir derzeit stetig Pressemitteilungen von Services erhalten, die ab sofort auch automatisiert Aktivitäten bei Facebook veröffentlichen können. Und damit diese Fähigkeit von den Anwendern auch wahrgenommen wird, bedeutet dies nicht selten eine standardmäßige Aktivierung des neuen Features.

Klar ist: Solange die Facebook-Plattform ihre Distributionskraft beibehält und dem latent hinterlistigen Verhalten mancher Apps keinen Riegel vorschiebt, wird sich die Lage eher verschlechtern als verbessern. Darunter leidet zwar das Vertrauen vieler Nutzer in Startups und Onlinedienste, aber wenn die letzten Jahre eines gelehrt haben, dann, dass sich kalkulierte (oder versehentliche) Vertrauensbrüche nur unwesentlich auf die dauerhafte Nutzeraktivität auswirken.

Es gab eine Zeit, da konnten sich User einigermaßen sicher sein, dass Onlinedienste und Apps nicht eigenmächtig in ihrem Namen bei Facebook oder Twitter publizierten, solange sie dazu nicht die explizite Einwilligung gaben. Mittlerweile jedoch muss man davon ausgehen, dass – sofern man sich über die Identität eines bestehenden Social Networks (wie Facebook oder Twitter) irgendwo anmeldet – der jeweilige Drittanbieter versuchen wird, diese Verbindung zur Erhöhung der Viralität zu nutzen. Um jeden Preis.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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5 Kommentare

  1. Und dazu genau NULL Kommentare hier – ok, jetzt nicht mehr ;-) – was bestätigt, daß die Strategie offenbar aufgeht, denn offenbar interessieren die User sich nicht dafür, was die Apps so treiben.

  2. Warum es keine Kommentare gibt? Weil Herr Weigert zu doof ist, um Hinweise zu lesen. Dass jemand mit journalistischem Anspruch und angeblich Fachkompetenz hat, so was behauptet ist schlicht peinlich. Aber eben auch typisch netzwürigig.

  3. Sogar meine Oma weiss inzwischen, dass Facebook, Google und Co reine Datensammler und – verknüpfer sind. Wer denen seine Daten übermittelt, muss sich nicht wundern, dass sie diese Daten wirklich auch nutzen.

  4. oh wie niveauvoll…

    lass mich raten, die hinterlegte email Adresse ist gefaked

3 Pingbacks

  1. [...] hatten, mit Hilfe der beiden Plattformen Geld zu verdienen? Greifen sie nicht schon jetzt zu verzweifelten Versuchen, im Gedächtnis zu [...]

  2. [...] Webdienste und Apps zu sehr auf Viralität zu trimmen – die von Anwenderseite mitunter als Spam und Bevormundung aufgefasst werden kann.Die YC-Mentoren werden diaspora, das sich bisher allein durch Spenden finanzierte, nicht mit [...]

  3. [...] zu bringen. Martin stellte bereits im März die Masche fest, dass Startups gerne ungefragt auf der Facebook-Timeline eines Nutzers posten. Die neueste Unsitte ist also offenbar das ungefragte Anklopfen per Mail.Bei [...]

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