Social Commerce:
Einkaufen und Spenden
per Tweet mit Chirpify

Chirpify, ein junges Ein-Mann-Startup, möchte den E-Commerce im Umfeld sozialer Netzwerke vorantreiben und erlaubt das Kaufen und Spenden mit nur einem Tweet, in Echtzeit.

Wie wäre es, wenn Internetnutzer für das Erwerben von Produkten nicht extra für diesen Zweck vorgesehene Plattformen ansteuern müssten, sondern ihre Käufe ganz einfach und quasi nebenbei per Twitter-Nachricht abwickeln könnten?

Das von dem US-Amerikaner Chris Teso gegründete Ein-Mann-Startup Chirpify experimentiert mit genau dieser Frage. Ursprünglich als Dienstleister für Handelsgeschäfte unter dem Namen sellsimp.ly angetreten, wurde mit eine kürzlichen Relaunch der Funktionsumfang um die Möglichkeit des Spendens beziehungsweise der Spendensammlung erweitert.

Kleinanzeigen in 140 Zeichen

Nutzer können sich bei Chirpify über ihren Twitter-Account anmelden, müssen ihre Versender- beziehungsweise Empfängeradressen hinterlegen und eine Verbindung zu ihrem PayPal-Konto einrichten. Um ein Angebot zu platzieren, wird einfach eine Beschreibung mit einem entsprechenden Produktbild getwittert.

Käufe oder Spenden werden dadurch abgeschlossen, dass dem Urversender eines Tweets via Antwort-Funktion mit “buy“ – im Fall einer Spende “donate“- geantwortet wird. Die Technik soll auch bei Retweets funktionieren. Des Weiteren lassen sich über eine Twitter-Funktion, die im Nutzer-Dashboard auf der Webseite des Anbieters verfügbar ist, Geldbeträge versenden. Alle weiteren Prozesse der Zahlung und des Versandes spielen sich im Hintergrund ab.

Der Bezahlvorgang wird automatisch via PayPal-Anbindung ausgeführt, ohne weiteren Aufwand, damit aber auch ohne die Möglichkeit, den Vertrag durch Nichtzahlung noch zu widerrufen. Im Anschluss daran bekommen beide Partner von PayPal eine Bestätigungsmail über die vereinbarten Konditionen der Transaktion.

Profi-Seller haben die Möglichkeit, Chirpify an ihre Shop- und Fulfilment-Systeme anzubinden. Eine Schnittstelle zum Import eigener Ebay-Angebote steht diesen ebenfalls zur Verfügung. Über eine API bekommen Anwendungsentwickler zudem die Möglichkeit, den Dienst als SocialPayment-Kanal in ihre Applikationen zu integrieren.

Chirpify finanziert sich dabei über Transaktionsgebühren, die pro Verkauf oder eingegangener Spende erhoben werden. Diese fallen zuzüglich der PayPal-Gebühren auf Verkäufer-Seite an und werden auch über den Bezahldienst erhoben.

Frictionless Shopping

Im Verlauf des neuen Markenauftritts wurde der Kauf/-Bezahlprozess verkürzt: Es reicht ein Tweet, um den gesamten Vorgang abzuschließen. Neben dem „1 Click“-Checkout-Prozedere von Amazon ist mir sonst kein System bekannt, das lediglich mit nur einem Schritt auskommen würde. Chirpify ermöglicht es somit erstmalig, direkt innerhalb des Nachrichtenstroms eines sozialen Netzwerks einzukaufen. Dabei sind die Nutzer des Dienstes plattformunabhängig und – im Gegensatz zu den Kunden von Square – nicht an technische Hilfsmittel oder das Vorhandensein einer Kreditkarte gebunden.

E-Commerce der den Nutzern folgt…

Der Anbieter ist in seiner vereinfachenden Form derart konsequent, dass er nicht nur die Möglichkeit offeriert, Angebote dort zu platzieren, wo sich Internetnutzer aufhalten, sondern diese Grundidee des Social Commerce sogar weiter ausbaut: Der Kaufprozess orientiert sich an dem „gewohnten Verhalten“ der Nutzer innerhalb der Bedieneroberfläche.

Es gibt nichts, was ablenken oder stören würde. Weder Banner, noch Landingpages oder virtuelle Ladenfronten buhlen hier um Aufmerksamkeit. Das könnte Händlern wie Kunden nutzen. Potenzielle Käufer fühlen sich durch diese Form der Präsentation nicht beim Einsatz der Plattform gestört, und Händlern bietet sich die Möglichkeit, über diesen Kanal kostengünstig Angebote zu platzieren, da die maximale Transaktionsrate von vier Prozent des Umsatzes – in Relation zu den Preisen etablierter Handelsplattformen – nur eine geringe Größe darstellt.

Ein weiterer Vorteil dieser Schlichtheit besteht in der Möglichkeit, auch den Mobile Commerce vorantreiben zu können: Eine Antwort auf einen Tweet lässt sich auch über ältere mobile Endgeräte und unter der Bedingung einer schlechten Netzabdeckung absetzen.

Für Multi-Channel-Anbieter ist ein Engagement an dieser Stelle risikoarm, und – über die offene Schnittstelle – zudem mit einem relativ geringen Mitteleinsatz zu realisieren. Auch Kleinunternehmern bieten sich hier entsprechende Chancen. Angebote und Aufrufe können der Dynamik folgen, die dem Microblogging-Dienst immanent ist, ohne jedoch dem schnellen und impulsiven Treiben zu schaden.

…und dem sie folgen können

Aber auch im privaten Umfeld sind sinnvolle Anwendungen denkbar. Ist jemand in Not geraten, lässt sich spontan einen Spendenaufruf starten und die eigene Reputation dabei nutzenstiftend einsetzen. Neben diesen Anwendungszenarien könnten sich auch neue Möglichkeiten für Autoren ergeben, sich ihre Arbeit über diesen Weg vergüten zu lassen. In diesem Segment konkurriert Chirpify mit Flattr, das sowohl Spenden für Twitter-Konten als auch für einzelne Tweets zulässt.

Einfach und dennoch kompliziert

Chirpify hat es bisher nicht geschafft, über die Fachpresse hinaus Bekanntheit zu erlangen. In bisherigen Berichten wurde zwar vielfach die Idee begrüßt, jedoch auch Zweifel an der eigenen Bereitschaft angedeutet, dieses Modell selbst testen zu wollen. Weiterhin ist es ein Problem, dass die Prozesse Außenstehenden oder technisch wenig versierten Nutzern sehr abstrakt und unsicher vorkommen mögen und dass es in diesem Kontext umso schwieriger erscheint, zu einem Ein-Mann-Startup in Geldangelegenheiten ein Vertrauensverhältnis aufbauen zu können.

Fazit

Ob dieses Modell ein Erfolg werden kann, darüber lässt sich spekulieren. Sicherlich sind bei der Beurteilung auch noch Missbrauchsrisiken zu berücksichtigen, die ich zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht bedacht habe.

In der momentanen Entwicklungsphase ist der Dienst – zumindest aus Deutschland- noch nicht vollständig nutzbar. Mein Wohnort wird im Profil immer wieder auf „Alaska“ zurückgesetzt und spenden konnte ich bisher lediglich über den Client auf chirpify.com. Über die Twitter-Seite sowie alternative Desktop-oder Mobile-Clients funktionierte dies hingegen nicht. Auch lassen sich nur Zahlungen in US-Dollar vornehmen.

Die Idee und deren ansprechende Umsetzung begeistern mich jedoch. Obwohl ich die Funktionen nur eingeschränkt nutzen konnte, hatte ich das Gefühl, hier etwas wirklich Neues im Umfeld sozialer Netzwerke kennengelernt zu haben: E-Commerce, der sich nicht aufdrängt, sondern sich so homogen einfügt, als wäre er eine Grundfunktion der Plattform.

Link: Chirpify

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2 Kommentare

  1. Brett
    schrieb am 24. Februar 2012 um 08:54 Uhr (#)

    Der Haken sind natürlich die Einwilligung in die AGB’s und die Verbraucherschutzrechte. Bei gumroad.com könnte das ebenfalls die Schwierigkeit sein. Denkbar wäre so etwas ganz einfaches eventuel für das Einkaufen bis 10 Euro oder dergleichen, so dass eine General-Zustimmung reichen könnte. Bei Amazon ist 1-Click-Buy möglich, weil das 1 Handelsplattform ist, wird also wie ein Kaufhaus betrachtet. Das hat schon seinen Sinn, das Bezahlvorgänge nicht in 0,1 Sek. abgeschlossen sind und immer noch einen zweiten Klick benötigen…

    1. Karsten Werner
      schrieb am 24. Februar 2012 um 15:07 Uhr (#)

      @Brett
      Danke für die Anregungen! Treffen – aus meiner Sicht – alle zu. Deinen letzten Punkt hatte ich auch im Hinterkopf, allerdings nicht aus rechtlicher Perspektive: Wenn “Geldausgeben” derart bequem sein kann, dann ist die Freude darüber vielleicht geringer als die Angst vor einem Kontrollverlust, den der Einzelne bei sich selbst vermutet, wenn er diese Möglichkeiten nutzen würde. Insofern könnte ein zu vereinfachtes Checkout-Prozedere auch schon wieder eine Hemmschwelle darstellen.

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