Neuer US-TV-Dienst Aereo:
Das Gras auf der anderen Seite
ist nicht immer grüner

In den USA startet mit Aereo ein Dienst, der Sender aus dem Fernsehnetz auf Rechner und mobile Geräte streamt. Doch das durch gesetzliche Regelungen erzwungene Verfahren erscheint aus Sicht von Europäern antiquiert.

Internet-Enthusiasten in Europa schauen oft neidisch auf die andere Seite des Atlantiks, wo es nicht nur deutlich leichter zu sein scheint, um moralische und finanzielle Unterstützung für neuartige Startup-Ideen zu erhalten, sondern wo auch eine Reihe von Onlineservices verfügbar ist, auf die Anwender mit nicht-amerikanischen IP-Adressen offiziell keinen Zugriff haben – Stichworte hierfür sind Hulu, Netflix, Pandora (oder auch Turntable.fm).

Doch nicht immer ist das Gras auf der anderen Seite grüner. Das beweist der mit viel Aufmerksamkeit in der US-Techpresse (z.B. hier, hier und hier) begleitete Start von Aereo. Das mit 25 Millionen Dollar Risikokapital ausgestattete Jungunternehmen aus New York erlaubt es Anwendern ab sofort, rund 20 frei zugängliche US-Fernsehsender über das Internet auf eine Vielzahl von Geräten zu streamen.

Pro Anwender eine physische Antenne

Das Konzept klingt stark nach dem, was hiesige TV-Anbieter wie Zattoo schon seit Jahren erlauben – bringt aber für Anwender aus dem deutschsprachigen Raum sehr ungewohnte Einschränkungen: Denn um den US-Gesetzen zur Verbreitung von TV-Inhalten zu entsprechen, muss Aereo für jeden Anwender eine physische Antenne in seinem Rechenzentrum installieren. Und weil dies einen erheblichen Aufwand mit sich bringt, ist die Nutzung von Aereo anfänglich lediglich für die Einwohner von New York möglich – und kostet 12 Dollar pro Monat.

Der US-Fernsehmarkt basiert deutlich stärker auf Pay-TV-Angeboten großer Kabelnetz- und Satellitenbetreiber, als Deutsche, Schweizer oder Österreicher es gewohnt sind. Viele der besonders populären Serienhits und Shows lassen sich nur gegen Bezahlung empfangen. Die Alternative ist, dass Konsumenten eine Antennen an ihr Fernsehgerät anschließen, um die frei verfügbaren, rein werbefinanzierten Sender zu beziehen. Genau dies übernimmt Aereo, das seine Nutzer also sozusagen eine Empfangsantenne fernsteuern lässt – aber gegen Bezahlung.

Das klingt antiquiert, und dieses Bild wird durch die stark lokal begrenzte Verfügbarkeit von Aereo noch unterstrichen. Auch wenn Zattoo in Deutschland nur ein eingeschränktes Senderangebot vorzuweisen hat und die meisten Sender von RTL und ProSiebenSat.1 nicht dabei sind, müssen Anwender hier zumindest nicht extra an eine Cloud-Antenne angeschlossen werden. Zudem können sie kostenfrei auf die TV-Streams zugreifen.

40 Stunden Aufnahme inklusive

Lediglich eine Funktion, um bis zu 40 Stunden Programm pro Monat für zeitversetztes Streaming aufzunehmen, hat Aereo Zattoo Deutschland voraus. Dies allerdings rührt daher, dass es dem Unternehmen aus Zürich bisher nicht gelang, den Segen der hiesigen TV-Anbieter für eine derartige Funktion zu erhalten. Im Heimatmarkt Schweiz bietet Zattoo gegen Gebühr eine in ihrem Volumen unbegrenzte Aufnahmefunktion für sämtliche der dort ausgestrahlten Sender.

Besonders aus Schweizer Sicht wirkt Aereo antiquiert

Überhaupt können die Schweizer aus einer Vielzahl von Zattoo ähnlichen Angeboten wählen: von nello über Teleboy bis zu wilmaa und Blick TV. Die Services bieten nicht nur das komplette Programmangebot aus dem Schweizer TV-Netz als legale Streams, sondern teilweise ebenfalls das zeitversetzte Ansehen bereits ausgestrahlter Sendungen zu geringen Kosten. Der Grund für diese paradiesischen Verhältnisse: In der Schweiz läuft die Rechtevergabe zentral über eine Verwertungsgesellschaft. In Deutschland (und anderen europäischen Ländern) muss dagegen mit jedem Sender separat verhandelt werden.

Insgesamt jedoch dürfen auch Anwender aus Deutschland zufrieden sein. Aereo zeigt, wie umständlich das Prozedere auch sein kann.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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