MoID:
Die Visitenkarte wird einfach
nicht in Ruhe gelassen

Zahlreiche Apps haben bisher vergeblich versucht, die Visitenkarte zu verdrängen. Das Münchner Startup MoID hindert dies jedoch nicht daran, es trotzdem zu versuchen.

Die Visitenkarten gehört zu den Relikten aus einer vergangenen Zeit, die mangels hinreichend leistungsfähiger und omnipräsenter Alternativen auch im Jahr 2012 noch die dominante Form des Kontaktaustausches zwischen Geschäftsleuten darstellt. Was eine Reihe von Anbietern mobiler Apps bisher nicht gelungen ist (u.a. Bump, Cardcloud, Hashable, Xing, LinkedIn), möchte das Münchner Startup MoID nun endlich erledigen: der Visitenkarte den Gar ausmachen.

So ambitioniert und im ersten Moment vielleicht unwahrscheinlich dieses Vorhaben angesichts der bisherigen Überlebensfähigkeit der kleinen Papierkarten auch klingen mag: Die MoID-Gründer Damir Ismailovic, Dennis Pagano und Phillip Bellé haben sich in jedem Fall kluge Gedanken darüber gemacht, wieso existierende Apps für den Kontaktaustausch nicht ihren Weg auf alle Smartphones dieser Welt gefunden haben:

Bei Card-Reader-Apps ist die Eingabe der Daten aufwändig, außerdem werden die Kontakte anschließend nicht aktuell gehalten, so MoID-Mitgründer Phillip Bellé. Apps, die im Stile von Bump, Xing oder LinkedIn das aktive Austauschen einzelner Kontaktdaten erfordern, bringen nach Ansicht der Münchner eine enorme Hemmschwelle mit: “Gruppen von Geschäftsleuten, die in Zweierpärchen Ihre Smartphones aneinander stoßen, halten wir für unrealistisch”, beschreibt Bellé das Manko.

Im Sinne der Reduktion von Aufwand und Eintrittsbarrieren haben die Jungunternehmer eine mobile App (derzeit nur iPhone, Android kommt im März) entwickelt, die (auch im Hintergrund) über GPS-, WLAN- und Bluetooth-Signale aufzeichnet, welche anderen Nutzer mit der Anwendung sich gerade in der Umgebung befinden. Auf einer Konferenz können Anwender dann aus der Liste anwesender MoID-Nutzer die Personen auswählen, denen sie ihre Kontaktdaten anbieten möchten, und diese können ihrerseits ihre Daten freigeben. Kontaktdaten werden dann direkt ins Smartphone-Adressbuch übernommen.

Da MoID-Kontaktdaten auf den Servern des Startups abgelegt werden, ist es auch möglich, die Freigabe erst im Nachhinein durchzuführen. Die App listet dazu eine Chronik sämtlicher Personen, die einem jüngst über den Weg gelaufen sind (und ebenfalls MoID verwenden). Ändert ein MoID-Mitglied die persönlichen Kontaktdetails, fügt also beispielsweise eine neue Telefonnummer hinzu, erscheint diese Änderung im Adressbuch all derjenigen, denen man über MoID Zugriff auf die persönlichen Daten gegeben hat.

MoID erlaubt auch das Anlegen von verschiedenen Profilen, um eine schnelle selektive Freigabe von Kontaktdaten zu erlauben.

Das eigenfinanzierte Startup aus Bayern kombiniert für seinen Service verschiedene existierende Konzepte zu einem neuen Angebot. So kennt man das automatische Aufzeichnen in der Nähe befindlicher Personen bereits vom Berliner Locationdienst aka-aki. Dieser positioniert sich jedoch eher als soziales Netzwerk und ortsbasierte Flirtplattform. Den Gedanken eines sich selbst aktualisierenden Adressbuchs dagegen verfolgen unter anderem connex.io, Plaxo und Ambadoo.

MoID setzt wie alle Applikationen, die es mit der Visitenkarte aufnehmen wollen, eine enorme Verbreitung innerhalb der Zielgruppe voraus. Zum Start ist diese natürlich nicht gegeben, weshalb die Münchner das klassische Henne-Ei-Problem lösen müssen, bevor sie überhaupt als potenzieller Visitenkarten-Killer wahrgenommen werden. Unter anderem durch die Direktansprache von Unternehmen sowie die Promotion der App an Unis soll MoID initiale Bekanntheit verschafft werden.

Wie MoID monetarisiert wird, dazu ist noch kein endgültiger Entschluss gefallen. Werbung sowie kostenpflichtige Zusatzfunktionen – unter anderem auch für lokale Geschäfte und Gastronomen, kommen laut Phillip Bellé in Frage.

Vorausgesetzt, die App funktioniert in freier Wildbahn wie versprochen (aufgrund des Mangels anderer Anwender in meiner Umgebung konnte ich sie bisher nicht praktisch einsetzen) und beansprucht durch das ständige Monitoring des aktuellen Standorts die Smartphone-Batterie nicht allzu sehr, erscheint der gewählte Ansatz durchaus interessant. Ich werde MoID auf dem nächsten von mir besuchten Tech-Event (wahrscheinlich die re:publica) einmal ausprobieren.

Link: MoID

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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9 Kommentare

  1. Gute Idee, aber der Erfolg dürfte zur Zeit schon nur am Design der App scheitern… grauslich!

  2. Naja, wird nix werden. Die Chance genügend Leute im klassischen Unternehmenssegment zu finden die diese App dann ebenfalls Aktiv nutzen wird gegen 0 laufen. Auch ist die “Klassische Visitenkarte” etwas was viele gar nicht “ersetzen” möchten da sie auch praktische Vorzüge hat gegenüber der digitalen Version. In einem großen Meeting z.B.

    Ich denke die Karte mit einem QR Code zu versehen der dann auf eine Micropage verlinkt macht mehr Sinn.

  3. Totaler Schrott ! Habs auf mein iphone geladen:
    Design: schrecklich
    Selbsterklärlich: unter null
    Funktionalität: nicht gegeben da keine bzw zu wenig nutzer….und das wird wohl auch immer so bleiben.schade, wieder ein start up was den bach runter geht….aber immerhin eigenfinanziert…muss wenigstens keine bank dran glauben!

  4. Glaube ebenfalls nicht an einen Erfolg. Der Ansatz ist zu Geeky um im Mainstream zu punkten.

    @Marco: Warum Micropage? QR-Codes unterstützen doch Kontaktdaten. Und ehrlich gesagt wäre die Übermittlung der Kontaktdaten genau das, was ich beim Scannen eines QR-Codes auf einer Visitenkarte erwarten würde. Die URL einer Microsite kann ich auch manuell schnell eintippen.

    • Die Combo aus QR und Micropage sehe ich wie Marco vorn: QR-Code auf Karte, weil so das Henne-Ei-Problen umgedreht wird (wenn ich einen QR-Scanner habe, scanne ich den Code der Karte statt m.companypage.com/profiles/hansmartinmueller auf der Handytastatur zu hacken; wenn ich Internetausdrucker bin, habe ich nur eine klassische Visitenkarte mit komischem Muster in der Hand). Micropage, weil ich als “Aussteller” der Karte die Daten aktuell halten kann (ändert sich meine Telefonnummer, ändere ich die Micropage, statt 500 neue Visitenkarten mit neuem Code zu drucken).
      Eine schöne Erweiterung dieses Prinzips ist SnapMyInfo – nutze ich zwar nicht, sieht aber praktikabel aus.

  5. Puh, ziemlich hart, aber trotzdem Danke für das Feedback!

    Um auf Eure Kritik besser reagieren zu können, würde ich mich freuen, wenn ich genauer wüsste, was so schlecht ist oder was anders- bzw. viel besser werden muss.

    Besonders Verbesserungsvorschläge bezüglich des Designs wären toll!

    Viele Grüße und einen schönen Abend.

    feedback@moid.de

  6. Ich nutze die Karten auch, um im Gespräch die Namen nicht zu verwechseln: ich lege sie in der Reihenfolge vor mich hin, wie die Personen mir gegenüber sitzen. Das wird mit dem Telefon eher nicht funktionieren… Und das ist grundsätzlich! Daher ist der Ansatz mit einem 2d-Barcode auf der Rückseite der Karte deutlich besser und zweckdienlicher.
    Wegen mir werden die Pappkärtchen _nie_ sterben.

  7. @MCBuhl: Vielleicht eins weiter gedacht: Statt Micropage ein Downloadlink auf eine VCard. Kombiniert das Beste aus beiden Welten.

  8. Ich würde die App wegschmeißen und T-Shirts mit Riesen QR-Codes verkaufen. Dann wäre die Monetarisierung teilweise auch geklärt ;-)

    Ich persönlich lehne Visitenkarten ab. Das Problem bei MoID wird wohl darin bestehen, dass das Modell sofort stirbt, wenn Xing eine anständige App baut. Auch wenn die das seit Jahren nicht hinbekommen, sehe ich da doch einen enormen Risikofaktor.

Ein Pingback

  1. [...] temporären oder langanhaltenden Euphorie rund um People Discovery Apps zu profitieren. Auch die jüngst hier vorgestellte mobile Visitenkarten-App MoID des gleichnamigen Münchner Jungunternehmens weist gewisse Parallelen [...]

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